Robert Havemann und der 17. Juni 1953

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Eine sozialistische, nicht jedoch stalinistische Sicht auf die Ereignisse des 17. Juni 1953, herausgearbeitet aus Robert Havemanns Buch „Fragen. Antworten. Fragen.“ von 1970.

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Robert Havemann befindet sich am 16.Juni 1953 vom Lärm der Straße aus seinem Büro gelockt vor dem Haus der Ministerien in der Leipziger Straße in Berlin. Zusammen mit Heinz Brandt von der Bezirksleitung, Professor Robert Naumann von der HU Berlin sowie dem Minister Fritz Selbmann versuchen sie die Arbeiter zu beruhigen. Dabei nimmt Heinz Brandt vor den Arbeitern die Normerhöhung (=Lohnsenkung) um 10%, die als Initialzündung für den Aufstand gilt, zurück. Daraufhin fordern die Arbeiter freie und geheime Wahlen, worauf Robert Havemann das Wort ergreift:

"Dann gelang es mir, den Tisch zu besteigen. Der ältere Bauarbeiter, ein sympathischer breitschultriger Kerl, verschaffte auch mir Ruhe und Gehör bei den Kumpels. »Wir alle wollen Frieden, Freiheit und ein besseres Leben!« rief ich, es wurde stiller, weil man offenbar nicht wusste, für wen ich sprach. »Wir wollen freie und geheime Wahlen für eine Regierung in ganz Deutschland, freie, gleiche und geheime Wahlen!« Meine Worte erhielten Beifall. Jetzt musste ich den Übergang finden: »Aber Ihr wisst doch, alles das hat doch unsere Regierung der westdeutschen Regierung vorgeschlagen. Grotewohl will die freien Wahlen in ganz Deutschland. Was wollen wir hier? Wir müssen in den Westen ziehen, dort sitzen die Spalter. Dort müssen wir die freien Wahlen fordern.« Jetzt bekam ich keinen Beifall mehr, wieder erhob sich das Geheul, das keine noch so laute Stimme durchdringen konnte." ([1] S.136)

Als Robert Naumann, der viel zu leise und zurückhaltende Professor von den Massen belacht wird, hält der Minister Fritz Selbmann eine kurze Ansprache an die Arbeiter, in der er ebenfalls die Normerhöhung zurücknimmt und erklärt, dass die Erhöhung der Produktion mit verbesserter Technik erreicht werden soll. Doch auch er kann die aufgebrachten Arbeiter nicht beruhigen, die nun umso mehr freie und geheime Wahlen fordern. Die Ereignisse überstürzen sich in der der Nacht und es kommt am folgenden Tag, dem 17. Juni 1953 zu dem weithin bekannten Arbeiteraufstand. Robert Havemann bewertet die Ursachen und den Sinn dieses Aufstandes in dieser Form:

"Der Aufstand [..] brach in Wirklichkeit nicht deshalb zusammen, weil Panzer stärker sind als unbewaffnete Volksmassen. Volksmassen sind stärker als Panzer, aber nur dann, wenn sie ein klares politisches Ziel haben, das unter den gegebenen Umständen überhaupt erreichbar ist, und wenn sie eine entschlossene, organisiert arbeitende Führung haben, der sie vertrauen. Beide Voraussetzungen waren nicht erfüllt. [..] Es begann an jenem Morgen des 16. Juni 1953, als eine Handvoll Bauarbeiter ihr selbst gefertigtes Transparent entfalteten, mit dem sie gegen die neueste zehnprozentige Normerhöhung, also gegen eine Lohnsenkung protestierten. [..] Der ursprünglichste aller Gründe dafür, dass sich die Arbeiter gegen ihren eigenen Staat auflehnen und schließlich in einen konterrevolutionären Strudel hineingerissen werden, ist die tragische Halbheit der »stalinistischen« Revolution. Dieser Grund besteht weiterhin überall da, wo der Stalinismus noch nicht überwunden ist. Die unvollendete Revolution wird ständig von der Konterrevolution bedroht." ([1] S. 141)

Nach Robert Havemanns Aussagen ist insbesondere die Reformbewegung in der damaligen tschecho-slowakischen Republik und die blutige Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten 1968 in Prag ein Ausdruck der dort abgeschlossenen Revolution, die von außen eben als Bedrohung wahrgenommen wurde.

"Das Risiko, den zweiten Schritt [Anm. d. Verf.: Zerschlagung der stalinistischen Strukturen] zu vollziehen, erscheint so übergroß, dass selbst dann, wenn es einer Partei oder einem Volk gelingt, diesen zweiten Schritt zu machen, sich alle anderen, die den Schritt noch nicht gemacht haben, von der Konterrevolution bedroht fühlen [..] So war es und ist es in der CSSR." ([1] S. 145)

Laut Havemann ist die schlechte ökonomische Situation nicht der eigentliche Grund für den Aufstand. Vielmehr seien die durch den Stalinismus beseitigten kapitalistischen Produktionskräfte durch staatsmonopolistische ersetzt worden, von denen die Arbeiter den Eindruck gehabt haben müssen, sie seien nicht die Eigentümer dieses »Volkseigentums«. Das sozialistische Bewusstsein konnte sich unter diesen Umständen nicht entwickeln und die Arbeiter mussten sich mehr noch als im Kapitalismus einer Ausbeutung ausgesetzt sehen:

"So »fühlten« sich die Arbeiter ebenso ausgebeutet wie im Kapitalismus, sogar noch mehr, weil ihnen die einzige Waffe, die sie im Kapitalismus im Kampf gegen die Ausbeutung zur Verfügung hatten, aus der Hand geschlagen war: das Streikrecht." ([1] S. 146)

Damit gelangt Havemann zu dem Schluss, dass der Juniaufstand ein »verzweifelter Versuch, das Streikrecht wiederherzustellen« war. Die Begründung für das Fehlschlagen des Aufstandes sieht er in dem Machtvakuum, das sich durch Stalins Tod initiiert in einer ganzen Reihe von Machtkämpfen äußerte. Dies gilt nicht nur für die DDR, sondern eben auch im besonderen Maße für die damalige UdSSR. Was in der Sowjetunion der Geheimdienstchef Berija für die Entstalinisierung bedeutete[2], galt in der DDR für das Gespann Zaisser/Herrnstadt, beides Mitglieder des Politbüros. Laut Havemann seien die beiden mit sowjetischer Rückendeckung mit der Beseitigung Ulbrichts befasst gewesen und die hätten sich die »Volksempörung« ihrerseits zu Nutzen gemacht, was schließlich nicht zum Erfolg führte:

"Die Zaisser-Herrnstadt-Gruppe, die eine Zeitlang hoffte, von der Volksempörung zu profitieren, und dadurch die Aktivität der Parteiführung lähmte, war andererseits auch unfähig, wohl auch unentschlossen, die Führung des Aufstandes zu übernehmen. Diese Leute waren letzten Endes nur mutig, wenn stärkere Kräfte hinter ihnen standen. Aber die von ihnen erwartete Hilfe aus Moskau war im entscheidenden Augenblick ausgeblieben." ([1] S. 142)

Havemann sieht den monate- und jahrelang aufgestauten Freiheitswunsch der Arbeiter zwar im Zentrum des Aufstandes, dessen Initialzündung die zehnprozentige Normerhöhung war. Aber die Eskalation am 17. Juni hätte verhindert werden können, wenn die Führungslosigkeit sowohl bei der Parteiführung und den Arbeitern nicht in diese Kopflosigkeit geführt hätte. Vielmehr noch, der Aufstand hätte zu der seiner Meinung nach notwendigen zweiten Phase der Revolution führen können, die er in bester utopischer Manier mit dem Prinzip der „permanenten Selbstauflösung des Staates“ beschreibt:

"Sozialismus ist Weg, nicht Ziel. Sozialismus ist Befreiung, nicht Freiheit. Befreiung ist schrittweise Eroberung von Freiheiten, schrittweise Sprengung von Fesseln. Viele der Fesseln, die uns einschnüren, werden erst sichtbar und fühlbar, wenn wir uns der ersten, der gröbsten Fesseln entledigt haben. [..] Denn das tiefere Wesen des sich entwickelnden Sozialismus ist das Absterben des Staates, auch des sozialistischen Staates, dessen Formung und Festigung am Anfang, dessen Auflösung und Überflüssigwerden am Ende der Entwicklung steht. [..] Die freie Entfaltung permanenter Selbstauflösung ist das Wesen der sozialistischen Demokratie." ([1] S. 153)

Diese kann nur durch die Überwindung der stalinistischen Struktur geschaffen werden, wozu eben die »zweite revolutionäre Umwälzung« notwendig sei. Im Stalinismus sieht Havemann einen hinter dem Kapitalismus »hinterherhinkenden«, sich nicht entwickelndes System, das zerstört werden muss. Dazu wären die Ereignisse des 16./17. Juni nutzbar gewesen, ganz im Sinne seiner »Dialektik ohne Dogma«, die durch Kritik am Bestehenden erwachsenden Diskussion in progressiver Weise für den Sozialismus zu nutzen. Die Erstarrung in jenen stalinistischen Strukturen führte schließlich zum Ende des sozialistischen Versuchs 1989. Im Sinne von dem von Havemann 1970 geschriebenen Buch kann man das als Ironie der Geschichte betrachten, denn das »saturierte Etablishment« und die »demoralisierte consumer-society« des Kapitalismus sind Fakten auch noch in heutiger Zeit. Das real-sozialistische System der DDR hat sich jedoch in einer Art Altersstarrsinnigkeit bis zum Schluss hin herunter gewirtschaftet, sodass die zweite sozialistische Revolution niemals stattfinden konnte, sondern praktisch durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung im Handstreich genommen wurde.

[1] Robert Havemann. Fragen. Antworten. Fragen. München (1970).

[2] www.zeit.de/2003/28/A-Berija

Bild von: http://bit.ly/lQuVQj

15:12 16.06.2011
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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