Die Ernährungsfrage

Nutriscore Berlin drückt den sogenannten Nutriscore durch, aber der Widerstand vermehrt sich.
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Zu einer Zeit, in der Europa mit immer drakonischeren Maßnahmen die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen versucht, wächst in der Bevölkerung die Angst um Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln. Leere Supermarkt-Regale bezeugen die sich häufenden Hamsterkäufe – auch wenn kein Anlass dazu gegeben ist.

Die derzeitige Ausnahmesituation die erste seit Jahrzehnten, in denen sich Menschen in dieserorts wieder um potentielle Lebensmittelknappheit und Mangelernährung sorgen. Es ist daher nicht überraschend, dass die meistgekauften Produkte lange haltbar und einfach aufzubewahren sind, vor allem Nudeln, Dosengerichte und Tiefkühlwaren.

Man mag sich fragen: machen diese Nahrungsmittel eine gute Ernährung aus? Und wie würde eine „gute Ernährung“ generell aussehen? Die immerwährende und durchaus akute Gültigkeit dieser Fragen wird, besonders in diesen Zeiten, durch die laufende politische Debatte über den Nutriscore – eine von Berlin unterstützte Ernährungsampel für Lebensmittel – unterstrichen.

Berlin hängt am Nutriscore

Denn gerade in Zeiten von Corona muss die Ernährung gut und gesund sein, um das Immunsystem fit und widerstandsfähig zu halten. Nutriscore, so das Argument der Politik und diverser Interessenvertreter der Lebensmittelindustrie, soll Verbrauchern auf einen Blick erkennen helfen, wie viel Fett, Zucker, Salz, Eiweiß und Ballaststoffe ein Lebensmittel enthält und sie zum Kauf von gesünderen Produkten animieren.

So wertet Nutriscore den Gesundheitsgrad eines Lebensmittels auf einer fünfstufigen Farbskala von dunkelgrün bis rot, wobei jede Farbe ebenfalls einen Buchstaben repräsentiert – von A (gut) bis E (schlecht). Gilt ein Produkt als ernährungstechnisch ausgewogen, wird es mit A und grün bewertet, ein unausgewogenes wird mit dem Buchstaben E und rot markiert.

In Deutschland soll der Nutriscore im Laufe dieses Jahres kommen, wenn auch auf freiwilliger Basis. Die Bundesregierung hat bereits eine entsprechende Verordnung zur Bewilligung an die EU-Kommission in Brüssel geschickt, und sobald diese erfolgt, ist eine Übergangszeit von 24 Monaten für alle zum Nutriscore angemeldeten Produkte vorgesehen. In Frankreich ist dieses Label zur Ergänzung der Nährwerttabellen bereits seit längerem de facto der Standard.

Eine Nährwertkennzeichnung, sie zu knechten?

Das Vorpreschen der Regierung erweckt den Eindruck, dass das Label praktikabel, informativ und für den Verbraucher zielführend ist. In Wahrheit aber ist der Widerstand gegen Nutriscore immer noch groß – und wächst weiter.

In der Tat wird das Farbsystem des Labels seit jeher heftig kritisiert. Zum einen, weil es eine negative rote Bewertung mit einer Nichtverzehrungsempfehlung gleichsetzt, auch wenn dies einer ausgewogenen Ernährung abträglich ist. Dies ist insbesondere bei Fetten und Ölen der Fall, weil Nutriscore nur den Gesamtfettanteil eines Produktes berücksichtigt und dabei nicht zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren unterscheidet. Kritiker sehen in dieser Simplifizierung einen klaren Widerspruch gegen neue ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse und die Meinung renommierter Wissenschaftler.

Zum anderen führt diese übermäßige Vereinfachung zu einer ebenfalls überzogenen Reduzierung von komplexen Nahrungsmitteln auf einzelne Inhaltsstoffe. Die Tatsache, dass ein Lebensmittel oft mehr als nur die Summe seiner Teile ist, wird dabei außen vorgelassen. In der Tat ist es so, dass Nutriscore zu einer disproportionalen Fokussierung auf den Nährwert eines einzelnen Produktes führt, obwohl das Gesamtbild der Ernährung eine größere Rolle spielen muss.

Dies ist vor allem dahingehend wichtig, weil der Nutriscore die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen auf lange Sicht drastisch ändern könnte – und nicht unbedingt zum Guten. Weil typische Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Vollkorn- sowie bestimmte Fleischprodukte beim Nutriscore generell schlecht abschneiden, könnten Verbraucher sich genötigt fühlen, nach Artikeln mit A- oder B-Wertung – sprich, vermeintlich gesünderen – zu greifen.

Jenseits von Gut und Böse

Weil diese passive Ernährungsempfehlung aber oft nicht gesünder oder besser ist, ist es keine Überraschung, dass die Rufe nach Änderungen immer lauter werden. So fordert der Lebensmittelverband Deutschland beispielsweise diverse Änderungen am Algorithmus des Ampel-Systems, um den Nährwert vieler Nahrungsmittel realistischer darzustellen.

Auch auf internationaler Ebene regt sich Widerstand. Vor kurzem hat Italien, erzürnt über die Unzulänglichkeiten des Nutriscores und Frankreichs Vorstoß ihn europaweit verbindlich zu machen, ein Gegenmodell vorgeschlagen. Das System, Nutrinform genannt, zielt darauf ab, den Nährwert eines Lebensmittels relativ zu den täglich empfohlenen Mengen an Nährstoffen zu bewerten. Dem liegt die Idee zugrunde, dass es weder „gute“ noch „schlechte“ Nahrungsmittel gibt. Stattdessen hängt alles von der konsumierten Menge ab: zum Beispiel wird niemand bestreiten, dass eine ausschließlich auf Brokkoli basierende Ernährung alles andere als ausgewogen ist.

Letztendlich ist Essen mehr als nur Lebenserhaltung, sondern vor allem auch Lebensqualität – besonders wenn man sich in Corona-Quarantäne befindet. Darum macht es wenig Sinn, bestimmte Lebensmittel zu verteufeln. Stattdessen ist Mitdenken und gesunder Menschenverstand gefragt. Schon der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493-1541) warnte einst: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Die Menge macht’s – und darauf kommt es an.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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