Sarrazin oder der schwarze Schwan

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mein erstes Mal

Meinen ersten Intelligenztest hatte ich mit 17.

Ich schaute mir mein Ergebnis an. Eine dreistellige Zahl.
„Ist das gut?“ frage ich etwas ratlos meinen Pädagogiklehrer.
„Du bist überdurchschnittlich intelligent.“
„Und, was heißt das jetzt?“
„Tja, die meisten Gymnasiasten sind halt überdurchschnittlich intelligent.“

Jetzt war ich also überdurchschnittlich intelligent und fühlte mich dennoch kein Stückchen schlauer als zuvor. Ich dachte nach, immerhin maß dieser Test die Intelligenz, was immer das zu bedeuten hatte. Wer wollte nicht intelligent sein und wissen, wo er denn stehe. Vor allem aber, wie weit er vom Genie entfernt sei!
„Wie kann ich denn…“, während ich die Frage zu stellen begann, schoss plötzlich mir ein Gedanke durch den Kopf, und ich murmelte den Rest „…meine Intelligenz steigern“. Ich schaute mir die Fragen genauer an. Lauter Zahlenreihen, Wortreihen und geometrische Figuren.
In den folgenden Tagen ging ich die Lösungen meiner falsch beantworteten Fragen durch, so dass ich den Lösungsweg verstand. Übte das mit weiteren Tests und nachdem ich mich für soweit befand, führte ich einen anderen Intelligenztest durch.

Jetzt war ich nicht nur überdurchschnittlich Intelligent, sondern ich rückte in Sphären, in denen Genies geboren werden! Das war mir dann doch zu blöd, denn schlauer fühlte ich mich noch immer nicht, eher enttäuscht. In der Zwischenzeit hatte ich beiläufig verstanden, dass mein IQ einfach ohne mein Zutun steigen oder fallen würde, sofern weniger oder mehr Menschen auf Gymnasium gehen würden – um im Bild zu bleiben. Denn damit steigt oder fällt die durchschnittliche Intelligenz und relativ dazu fällt oder steigt mein IQ-Wert.

Messverständnis

Ich schaue mir gerade „Hart aber Fair“ an als ich an diese Episode aus meiner Oberstufenzeit denken muss. Es ist Mittwochabend, der 01.09.10 Der Titel der Sendung lautet „Rechthaber oder Rechtsausleger - Deutschland streitet über Sarrazin“ [1]. Die Sendung behandelt Sarrazins pseudo-wissenschaftliche Provokationen gegenüber Türken und Menschen muslimischer Konfession, daher befindet sich auch kein Sozial- oder Humanwissenschaftler in der Talkrunde. Dann wäre die Sendung nämlich schnell zu Ende! Sarrazin behauptet, dass die muslimische Kultur dumm mache und wenn diese sich weiterhin so vermehren bzw. die Deutschen weniger Kinder bekämen, die Gesellschaft dadurch dümmer werde. Belegt will er es anhand seiner Zahlen haben.

Welch glücklicher Zufall also, dass ich Türke bin, dazu den richtigen Glauben und kulturellen Hintergrund habe. Glücklicherweise bin ich auch Hobbypsychologe! Jeder Erstsemestler der Psychologie lernt etwas Grundlegendes über Statistik, Korrelation und subjektive Fehler (Bias).

„Korrelation ist nicht Kausalität“

Eines der wichtigsten und frühesten Merksätze in der Psychologie lautet „Korrelation ist nicht Kausalität“ (correlation is not causation).

Bleiben wir bei meinem Beispiel. Bin ich intelligenter, weil ich aufs Gymnasium ging. Stimmt das oder ging ich auf das Gymnasium, weil ich bereits intelligenter war? Was bedingt hier was und wie hängen diese zusammen? Und wieso konnte ich überhaupt in so kurzer Zeit meinen IQ um einen zweistelligen Wert steigern ohne tatsächlich intelligenter zu werden? Die wichtigste Frage: widerlege ich damit Sarrazin?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden diverse Zahlenreihen untersucht und interpretiert. Hier reicht es also nicht aus, einfach die mathematische Seite zu beherrschen. Die Auswahl, Auswertung und Deutung erfordert jahrelange Erfahrung - die Psychologie gilt daher als Natur- und als Geisteswissenschaft. Das Ergebnis beschreibt einen Zusammenhang, das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftritt. Diese statistische Korrelation wird daher niemals als Kausalität angesehen! Daher wäre die Behauptung falsch, dass wer auf Gymnasium geht, ist intelligent bzw. intelligenter, denn es gibt auch viele intelligente Menschen, die nie ein Gymnasium besucht haben. Klarer wird es, kehrt man die Behauptung um: wer nicht aufs Gymnasium gehe, sei nicht intelligent bzw. intelligenter. Es ist aber wahrscheinlich, dass ein Mensch, der auf ein Gymnasium geht, intelligent oder intelligenter ist, als jemand, der nicht auf ein Gymnasium geht.

Soziale Herkunft

Man könnte jetzt weitergehen und untersuchen, wer denn überhaupt auf das Gymnasium geht. Ohne mir jetzt die Zahlen anzuschauen, dürfte ich gut liegen, wenn ich mutmaße, es sind zumeist Kinder deutscher Eltern. Diese entstammen somit nicht dem „muslimischen Kulturkreis“, diese finden sich nämlich vorrangig in Hauptschulen und Sonderschulen wieder. Das deutsche Bildungssystem gliedert Kinder früh aus. Dies ist ein wesentlicher Grund für die fehlende Chancengleichheit. Kinder aus einkommens- oder bildungsschwachen Familien haben schlechte Karten, um auf das Gymnasium zu kommen. Dieser Aspekt wurde überhaupt nicht in der vorherigen Auswertung betrachtet! Genau hierin liegt die große Gefahr bei der Korrelationsforschung. Man bekommt zwar Antworten auf seine Frage, aber die Frage muss schon korrekt gestellt werden! Genau das machen seriöse Wissenschaftler, sie hören nicht einfach nach der ersten ihnen entgegenkommenden Antwort auf ihre Frage auf!

Kurz und knapp zusammengefasst: Neben den Genen und der Intelligenz spielen weitere soziale Aspekte eine Rolle. Weiterhin haben Wissenschaftler festgestellt, dass in den letzten zehn Jahren die Intelligenz so stark zugenommen hat, dass die Zunahme nicht alleine durch die Gene erklärt werden kann.

Bestätigungszwang

Es gibt noch weitere Fallstricke, die Laien nicht einmal bekannt sind. Der Wissenschaftler muss bereits bei seiner Fragestellung sauber arbeiten und nicht durch sie Antworten schon indirekt vorgeben oder andere ausschränken. Die größte Gefahr geht von ihm selbst aus. Der Mensch neigt zur Bestätigung bekannt auch als „confirmation bias“. Diese Bestätigungstendenzen treten zumeist unbewusst auf, schlagen sich in der Fragestellung, bei der Auswahl der Daten oder bei der Bewertung nieder. Sogar widersprechende Daten, Aussagen können dabei als Bestätigung der eignen Meinung ausgelegt werden. Fällt der Mensch einmal eine Meinung, so rückt er schwerlich davon ab.

Sarrazin lebt das vorbildlich aus. Er bleibt vordergründig bei der einen Auslegung, fragt nicht weiter, weil er kein wirkliches Interesse an Integration oder dergleichen hat. Er hatte eine Hypothese von der verdummenden Gesellschaft und meint dafür stichhaltige Befunde geliefert zu haben. Allerdings scheint er in anderer Richtung weiter gegangen zu sein. Ich erinnere mich in der Sendung von Maybrit Illner gehört zu haben, dass sein ausgewählter Zeitraum im Jahre 2004 oder 2005 aufhört, so dass aktuelle Daten, die seiner Behauptung widersprächen, nicht eingegangen seien. Das wäre eine bewusste Bestätigung – positiv ausgedrückt!

Immunisierung

Und, habe ich damit Sarrazin widerlegt? Oder bin ich nur eine Laune der Natur, eine statistische Verunreinigung, eine höchst unwahrscheinliche Wirklichkeit des Nicht-Existenten? Schlau genug ist er ja. Immer wenn er kritisiert wird im Sinne von Korrelation zu argumentieren, denn die lässt ja Abweichungen zu. Wer ihm aber länger zuhört, der bekommt das ungute Gefühl, als seien solche Exemplare nur Mutationen im Erbgut, die sich nicht durchsetzen werden. Generell hat Sarrazin, der für sich in Anspruch nimmt, sachlich und fundiert durch sein Zahlen zu sein, ein Problem mit Kritik.

Sarrazin lebt in seiner eigenen Welt, die niemand erschüttern kann, schon gar nicht durch harte Fakten! Er setzt sich kein bisschen mit der Kritik in der Talkrunde auseinander, sondert greift die Teilnehmer direkt an. Abweichlern unterstellt er, sein Buch nicht gelesen zu haben. Die, die es gelesen haben, hätten es nicht verstanden. Die, die der Meinung sind, es verstanden zu haben, unterstellt er eine zu geringe Intelligenz. Ausgerechnet dem scharfsinnig argumentierenden und sprachlich brillanten Herrn Friedmann wirft er dies vor. Pikant! Herrn Friedmann gelingt es, Sarrazin wie einen hilflosen Schuljungen in die Ecke zu stellen. Mehrfach. Was passiert. Niemanden scheint dies zu interessieren, am allerwenigsten Sarrazin selbst.

Hermeneutik

Mehrfach beruft sich Sarrazin auf die Psychologin Prof. Dr. Elsbeth Stern. Sein Rettungsanker. Daraufhin spielt der Moderator Plasberg die Erwiderung der Wissenschaftlerin auf die unsachgemäße Vereinnahmung ihrer Person und Forschungsergebnisse durch Sarrazin ein. Darin widerspricht sie auf akademisch-diplomatische Art der Folgerung Sarrazins. Sie kommt zu dem Ergebnis, Sarrazin hätte Grundlegendes nicht verstanden. Die Grundthese des gesamten Buches wurde widerlegt und im strengen Sinne sein ganzen Buch! Was aber macht Sarrazin?

Er stottert. Senkt den Blick. Holt Luft. Versucht sich Zeit zu verschaffen. Stottert weitert. Redet irgendetwas in sich hinein, um dann etwas zu sagen, wie, dass er trotzdem Recht habe. Für mich klingt es so, als würde er der Wissenschaftlerin unterstellen, sie habe sich selbst nicht richtig verstanden. Außer ihm versteht es vermutlich keiner. Damit macht er sich unangreifbar und unwiderlegbar! Damit hat Sarrazin die absolute Wahrheit inne, die nur er an uns Unwissende vermitteln kann. Dem Publikum scheint der neue Messias zu gefallen.

Wer verdummt wen

Kritiker könnten mir vorwerfen, ich argumentiere nicht wirklich sauber und widerspräche damit nicht Sarrazin. Denn ich könnte ja intelligenter sein, weil bei mir der deutsch-kulturelle Einfluss sehr hoch bzw. höher sei. Das wiederum wäre für Sarrazin und seinesgleichen fatal! Wie dem auch sei. Wir sollten die Probe aufs Exempel machen und mehr Türken auf deutsche Gymnasien schicken!

Übrigens, dort würden sie im Geschichtsunterricht erfahren, welchen kulturelle Einfluss und Bedeutung der Islam auf Europa hatte, insbesondere auf den wissenschaftlichen Gebieten der Mathematik, Medizin und vor allem der Philosophie. Die muslimischen Gelehrten sammelten und bewahrten die antiken griechischen Schriften zur Philosophie und Wissenschaft für die Nachwelt auf. Ein unschätzbarer Dienst für Europa und die Menschheit!

Nachtrag 23.05.12

Die Passage "welchen kulturelle Einfluss und Bedeutung der Islam auf Europa hatte" ist nicht nur eine Anspielung auf / die Assoziation "Europa", "Osmanisches Reich" und "Türken", sondern auch eine Kritk an Sarrazins negativer Äußerungen gegenüber dem Islam und dem, was er ihr zuschreibt.

Ich selbst halte nichts von solcherlei "Analysen", denn nicht die Religion "macht etwas“, sondern die Menschen, die die Religion interpretieren und ausleben machen für mich den Unterschied. Wie weinsztein (www.freitag.de/community/blogs/weinsztein) treffend als Kommentar zu meinem Blog-Text am 23.05.2012 um 03:06 auf Freitag.de (www.freitag.de/community/blogs/fxhakan/sarrazin-oder-der-schwarze-schwan) schreibt:

"Diese Mathematiker, Mediziner und Philosophen kamen unter den Bedingungen des Islam zu ihren Erkenntnissen und bereicherten Europa. Nicht dank des Islam. Auch die Wissenschaft in Europa war nicht christlich. (Galileo)"

Links

[1] Hart aber Fair – „Rechthaber oder Rechtsausleger - Deutschland streitet über Sarrazin“ am 01.09.2010
www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2010/20100901.php5?akt=1

by http://fxhakan.files.wordpress.com/2012/02/icon_fx.jpgfxhakan.wordpress.com

21:02 20.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hakan Civelek

Alltagsansichten mit Aussichten
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Kommentare 85

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