Der Scheuerlappen

Bayern Christsoziale auf Abwegen, nämlich beim Stimmenfang im Bundesfernsehen
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Wenn die Christlich Soziale Union etwas zu verkünden hat, dann tut sie es nach bewährter sozialistischer Manier durch ihren Parteisekretär. Das ist wie in der verflossenen KPdSU der Posten für die Kaderauslese: Einige schaffen es nach oben wie FJS selig, Friedrich „old Schwurhand“ Zimmermann und der immer noch eifrig bemühte Edmund „der Ab“Stoiber. Andere gehen unter, worüber in Bayern pietätvoll geschwiegen wird.

Die dritte Kategorie dagegen, die im Hier und Jetzt, tut das, was jeder auf einem solchen Schleudersitz tut: Wenigstens als Fußnote einzugehen oder gleich als Geschichte. Auf und davon Guttenberg hat es immerhin zu einer solchen in akademischen Kreisen gebracht, der shrekhafte Markus Söder bemüht sich an der inneren Front in Nürnberg mit dem Heimatministerium wie auf dem Podium zum Maibockanstich. Aber was kann bitte Passau dafür, dass in der Mitte des Dreiflüsse-Idylls ausgerechnet ein Andreas Scheuer das Licht der Welt erblickt hat und genauso erleuchtet tut.

Gut, Passau hat eine bewegte Geschichte hinter sich, vom keltischen Ursprung über das Castel Boiotro bis hin zum Zonenrandgebiet. Und die Bewohner hatten es auch nicht immer leicht: Überschwemmungen, bischöfliches Ordinariat, Aschermittwoch mit Günther Beckstein. Sogar ein Scharfrichterhaus müssen sie noch ertragen, in denen der Zimmerschied Sigi genauso von den Betondeppen zu berichten wusste wie der Fischer Ottfried seine Machoallüren erstmals öffentlich ausgelebt hat.

Aber dass gestern nach dem Morgenmagazin von ZDF/ARD in eben dieser leidgeprüften Stadt das öffentliche Leben zusammengebrochen ist, ist bittere Wirklichkeit. Was war passiert?

In Luxemburg hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Wanderarbeiter von auswärts Anspruch auf hiesiges Kindergeld haben, wenn sie in Deutschland steuerpflichtig sind. Das hat den derzeitigen GenSekdCSU Andreas Scheuer derart empört, dass er vor laufender Kamera des MoMa ins Stottern geriet. Seine Spezis haben ihn trotzdem verstanden: Ist es nicht ein Skandal, dass diese Ostnomaden mit ihrem Lohndumping den ehrlichen Deutschen die Arbeit wegnehmen? Und dann auch noch die Frechheit besitzen, für die Brut daheim Geld zu verlangen, das wir nicht verdienen?

Was aber die Ortsgranden so richtig in Rage gebracht hat: Warum hat der Scheuer Andi seinen heiligen Zorn erst zwei Jahre nach dem Urteil in die Kameras der Öffentlich-Rechtlichen reden dürfen? Und dann haben die GEZwangsgebührler nicht einmal das Geld für eine ordentliche Maske: Billig-Brillen-Gestell, Regenmantel mit Schulterklappen wie bei einer Operation Ge(h)len und Pomade im Haar. Und das auch noch vor der ebenso heiligen Kulisse vom Stephansdom. „Wenn er schon kein saubers Bärtchen hat“ meinte einer aus dem Off, „hättens ihm wenigstens einen ordentlichen Scheitel ziehen können.“ Und überhaupt, Luxemburg, lauter Saupreißn, belgische. Passau bebte vor Zorn.

Ja, der Scheuer, der wird garantiert noch Karriere machen. Mit dem nackten Finger auf Leut‘ zeigen klappt schon prima, Bühnenpräsenz ist da, die Schnappatmung übt er fleißig. Nur bei den Haltungsnoten hapert‘s noch ein wenig: Bei der CSU, das ist bekannt, braucht man kein Rückgrat vortäuschen. Da reicht ein breites Kreuz. G.Biss

20:25 14.05.2014
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Geschrieben von

G.Biss

Briefe aus der bayerischen Provinz
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