No reason to party

TONABNEHMER Meira Asher:

Meira Asher live ist anstrengend, tut weh und schenkt einem nichts. Welcome to Gewalt, Krieg und Zerstörung. Die seit kurzem in Deutschland lebende, israelische Sängerin und Tänzerin kommt erst nach dem über den Computer gemixten Intro auf die Bühne. Den Rechner bedient während des Konzerts Daniel Baruch, der jetzt unangenehm statisches Züngeln und Knistern erzeugt. Gleichzeitig bewegt Asher ihre verfremdet sprechende Stimme durch einen stampfenden Bass: »Another religious boy again, does another act of a saint / bus, bike, boat or by feet, Shahid drives a holy dead beat« ...

Kurz zuvor war auf einem der beiden Videoscreens die ironische Nachstellung eines mit Selbstzündern beleibten, seine Mission predigenden Shahid gelaufen, die jetzt in Bilder von Bomben oder durch andere Gewalt verletzte, paralysierte Menschen wechselt. Die Videoloops von Jens Greuner setzen zusammen mit zwei Laufschriftbändern Assoziationsmaterial frei. Wörter wie »projektion«, »separation«, »extended action« kommen und zerfallen dort, und auf dem zweiten Band sind teilweise heftige Statements wie »Birkenau H E R E and Now. Now. Now« zu lesen.

Asher beharrt darauf, daß das Vergangene nicht vergangen ist und Gewalt nicht aufhört, solange sich keiner richtig mit den Traumata auseinandersetzt. Sie müssen gezeigt und gehört werden, an jedem einzelnen Leib jedes einzelnen Opfers, dem sie ihre Stimme leiht. Deshalb bewegt sich auch ein Satz wie »Birkenau H E R E and Now. Now. Now« nicht nur als unangenehme Gleichung der Gleichmacher durch den Kopf. In ihm drückt sich gleichzeitig die Realität der Überlebenden aus, die in Ashers Stücken bisweilen in Form deutscher (Befehls-)Ausdrücke durchbricht. Die Erinnerung der Opfer transformiert sie auch in einem »Lied« wie »Weekend away Brake«. In Brechtscher Balladenmanier und mit zynischem Text wird dort das KZ Birkenau als touristischer Erlebnispark vorgeführt. Die beschwingte Melodielinie »Birkenau, Birkenau, Birkenau« nistet sich fies im ZuhörerInnenkopf ein und führt dazu, die eigene Haut verlassen zu wollen.

Hier geht es um körperliche (Be-)Rührung. Sowohl die Konzeptkunstumgebung, als auch die musikalischen Schnittechniken zielen darauf ab. Eines der nächsten Stücke ist »The Flood«, und darin sind Zitate palästinensischer Jugendlicher zwischen die jetzt knarzende Stimme von Asher geschnitten. Sie erzählen von den genauen physischen Auswirkungen unterschiedlicher, von der israelischen Armee gegen sie verwendeter Geschosse. Es ist nicht nur die Tatsache, daß Meira Asher auch der arabischen Perspektive eine Stimme gibt, mit der sie sich in Israel als politische Künstlerin angreifbar macht. Wie in »The Flood« arbeitet sie oft mit Bibelzitaten, deren traditionell erbauliche Wirkung in ihrer Bearbeitung ins Rotieren kommt. Ein Verfahren, das an die diabolischen Weltgerichtsverhandlungen Diamanda Galas' erinnert. Bei Meira Asher kommen allerdings noch disparatere Einflüsse zusammen. Verschiedenste elektronische Behandlungsarten prasseln auf das Publikum nieder: verzerrte Techno- und Geräuschspuren, Industrial und Noise. Daniel Baruch schaltet live die ohnehin schon zersplitterte Identität von Spears into Hooks dubwise noch einmal hintereinander. Mittendrin aber hören wir plötzlich das mazedonische kocani orkestar oder sehen Meira Asher weg von ihren elektronischen Drums gehen und eine afrikanische Trommel spielen. In solchen Momenten kommt ihre erste, 1997 erschienene Platte Dissect Me durch, in der die Elektronik nur ab und zu einer großen musikalischen Vielfalt assistierte. Dort konnte man ihr Studium indischer und afrikanischer Trommel- und Gesangstechniken deutlich hören. Im Konzert ließ sich dagegen sehen, daß es bestimmt weiterhin interessant sein wird, ihre musikalische Entwicklung zu verfolgen.

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