All die(se) „Niederungen“ von Herta Müller

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nun liegen sie vor, die „Niederungen“, Herta Müllers Debütband in einer Neuausgabe. Viel ist in der letzten Zeit anlässlich des Nobelpreises für die Autorin auch über diesen Band gesagt und geschrieben worden. Wohlwollende Stellungnahmen finden sich ebenso wie beleidigte und beleidigende Kritiken. Es lohnt sich daher kaum, die Erzählungen hier vorzustellen, denn ich gehe einfach mal davon aus, dass der interessierte „Der Freitag“ – Leser zumindest einige der Erzählungen kennt. (Die Aufmerksamkeit der anderen Leser sei ganz still auf die Erzählungen „Die Grabrede“, „Das schwäbische Bad“ oder „Dorfchronik“ gelenkt).

Warum ist nun diese Neuausgabe interessant, ja, einen Blogeintrag Wert?

Sie enthält vier Kurzgeschichten, die zwar in der Erstausgabe des Bukarester Kriterionverlages von 1982 erschienen sein sollen, in den späteren deutschen Ausgaben jedoch nicht. Dies ist umso bemerkenswerter, als drei der vier neu abgedruckten Erzählungen nicht zuletzt ob ihres subversiv politischen Inhaltes brisant sind. Sie stellen eine unverhohlene Kritik der nationalkommunistischen Diktatur in Rumänien dar. Die Geschichten zeigen Herta Müller damit genau von der politischen Seite her, die ihr bzw. ihrem Werk von ignoranten Kritikern abgesprochen wird.

Die Erzählung „Damals im Mai“ ist im typisch Müllerschen Stil gehalten, der Ironie und Schrecken miteinander zu vereinen weiß. Es ist eine nostalgisch angehauchte Liebesgeschichte, doch wird dies erst zum Schluss offenbart, nachdem das Ich seitenlang aufzählt, was denn alles schön gewesen sei „damals im Mai“ am Schwarzen Meer. Doch all das Schöne (das Wasser, die Treppen, der Gesang usw.) ist bereits vom Niedergang, vom Vergehen bedroht und dem Auseinanderbrechen und Zerfall anheim gegeben.

„Die Meinung“ ist eine derart offensichtliche Darstellung, ja Parodie der hierarchischen Weisungswege im Ceausescus Rumänien, dass es einem unglaublich erscheint, wie eine solche Geschichte erscheinen konnte. „Und da sagte der Minister dem Generaldirektor, und da sagte der Generaldirektor dem Direktor, und da sagte der Direktor dem Chefingenieur, und da sagte der Chefingenieur den Ingenieuren, und da sagten die Ingenieure den Arbeitern eine Meinung, nämlich die Meinung, die die richtige Meinung war.“ Bilder über die Arbeitsbesuche Ceausescus tauchem hier auf, auf denen „der größte Held aller Helden“ vermeintlich „wertvolle Anweisungen“ erteilte. Müller entlarvt hiermit das neofaschistische Führerprinzip, das in Rumänien in den 1980er Jahren dazu führte, dass sich Ceausescu sogar „Conducator“ („Führer“) nennen ließ, welchen Titel zuletzt der Hitlerverbündete und Kriegsverbrecher Ion Antonescu trug. Die eigene Meinung, muss der Frosch als Protagonist in dieser Geschichte erfahren, ist weder gefragt noch überhaupt tolerierbar. Er wird von der „weißen Wolke“ der Lüge verschluckt und verschwindet spurlos; ein Schicksal, das so manchen politischen Dissidenten im Rumänien der 1980er Jahre widerfuhr.

In der wohl autobiografisch inspirierten Erzählung „Inge“ sucht die gleichnamige Person einen Ausweg aus dem bürokratischen Dschungel der Diktatur. Die Beschreibung der Stadt ergibt ein eintöniges, tristes Bild: ausgemergelte Soldaten marschieren, „dicke Frauen“ hetzen hin und her, der Himmel ist grau wie der Asphalt. Inge möchte von einem Schulinspektor eine Information erhalten, doch der scheint weder bereit noch fähig, ihr diese beschaffen zu wollen. Er verweist nur auf zuständige und nicht zuständige Ministerien und auf fehlende Verantwortlichkeiten. Keiner scheint für irgendetwas zuständig zu sein, kein Wille zur Unterstützung, nirgends. Unverrichteter Dinge muss Inge nach Hause gehen. Leitmotivisch kehren in der Erzählung die Worte „links-rechts“ zurück als Hinweis auf die totale Geltung des Erfahrenen unabhängig der politischen Ordnung. Dieser Totalität entspricht Inges beinahe Orwellsche Imagination, dass der Fernseher Zuhause ihr Zimmer und ihre Aktivitäten zeigt, diese in Bilder fasst und sogar vorschreibt. Damit ist sie nicht nur draußen in der öffentlichen Arbeitswelt allumfassender Kontrolle durch die Bürokratie und die Staatsmacht unterworfen, sondern auch ihre Privatsphäre wird durchleuchtet und reglementiert.

Die subversive Kraft der letzten Erzählung, „Herr Wultschmann“, liegt darin, dass sie einen Mann schildert, der Puppentheater spielt. Doch ist Herr Wultschmann ein zackiger Nazi geblieben, dem Strenge, Disziplin, Ordnung und Gefühllosigkeit über alles gehen. Herr Wultschmanns schiere Existenz, sein unverhülltes nazistisches Gebären offenbart bereits das Versagen der sozialistischen Gesellschaftsordnung.

Fehlende Meinungsfreiheit, die Ohnmacht des Individuums gegenüber Vertretern der Staatsmacht, die Allgegenwart der politischen Unterdrückung durch marschierende Soldaten und "Milizmänner", das Fortleben nazistischer Umtriebe einerseits – Unfreiheit, Zerrüttung und Verfall in allen ihren gesellschaftlichen, moralischen und politischen Dimensionen andererseits. Das sind die Themen und Stichworte von Herta Müller, die bereits in diesen frühen Erzählungen auftauchen. Ihrer Prosa wohnt ein immanenter Widerstand gegenüber jeder vereinheitlichenden und totalitären Diktatur inne und ihr Werk erfuhr letztes Jahr daher seine berechtigte Würdigung. Für Kenner sei der Band zum Wiederlesen und als Neuentdeckung von vier Erzählungen empfohlen. Für Anfänger mit Anspruch als Einstieg in das Werk einer Autorin, deren Werk zu kennen, jede Minute der Beschäftigung sich lohnt.

19:59 04.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Zachor!

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