Die Philosophie des Bügelns

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Die Philosophie des Bügelns

Bügeln ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich verstehe nicht, wieso manche ungern bügeln. Ich finde, es ist eine sehr vielfältige, abwechslungsreiche und zudem sowie zugleich entspannende Angelegenheit, die das Dasein in seinem Sein in all seinen existentiellen Modi offenbart.

Bügeln zeigt die vielfältige Weise der Existenz, indem es dem Dasein seine Modi der Existenzvergegenwärtigung gewährt. Durch das Bügeln erfährt das Dasein über sein Vergangenes (zerschlissene Hemden und T-Shirts), sein Gegenwärtiges („hier war also dieses Tuch verborgen!“) und Zukünftiges („mit dem ... gehen ich nächste Woche dorthin“). Der Nach-vollzug all dieser Weisen lässt das Dasein sein Sein noch einmal existierend nachleben, es in sein künftiges Sein vorlaufen und das eigene Jetzt-So-Sein in seinem vollen In-der-Welt-Sein gewärtigen.

Bügeln ist die angewandte Meditation des Daseins. Das Dasein erfährt sich selbst als Einzelexistenz im Wäscheuniversum. Im wiederholten nachvollziehen der Bügelbewegungen stellt sich bei geübten Büglern ein Karmazustand ein, den als Trance zu bezeichnen nicht völlig verfehlt ist. Die emotionale und emphatische Hingabe ans Bügeln lockert die Muskulatur und lässt liebevolle Signale an das ferne Dasein senden, welches dereinst das Gebügelte wird tragen dürfen.

Bügeln ist eine höchst kommunikative Grenzsituation des Daseins. Das Dasein ist dabei inmitten der Berge des Wäscheuniversums völlig seiner Suche nach Sinn und Unsinn ausgeliefert. Das Dasein erfährt hierdurch die existenzielle Erfahrung einer kommunikativen Ichgesellschaft, in welcher kein anderes Dasein sein räsonnierendes Meditieren unterbricht oder gar mit den Modi der Sorge, des Anzweifelns etc. stört. Indes, das Bügeln schließt die Abkürzung physikalischer Ferne durch Kommunikationsmittel nicht aus. Diese andere Weise der kommunikativen Grenzsituation des Daseins beim Bügeln ist nicht ohne die Gefahr der Halssteife zu erreichen. Dennoch zeichnet diese existentielle Erfahrung die tiefsten Tiefen des Daseins des seienden Daseins aus, ist mithin Teil einer daseienden Fürsorge.

Das Bügeln ist eine höchst philosophische Angelegenheit, die das Dasein von anderen Weisen des Seins (etwa den Tierarten) unterscheidet. Nur das sorgende und fürsorgende Dasein in seinen existentiellen Modi des Seins verfügt über die Fähigkeit des Bügelns.

Lasst uns diese Fähigkeit nicht verkümmern!

18:21 27.04.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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