Nietzsche, Marx & Metallica

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Fragt man den durchschnittlichen Metallicafan, welche Beziehung seine Heroen zu Nietzsche (doch könnte hier irgendein beliebiger Philosophenname stehen) haben, so wird man bestenfalls Unverständnis und Kopfschütteln ernten. Doch gilt umgekehrt unter Intellektuellen Heavy Metal in seinen unterschiedlichsten Spielarten als nicht diskussionswürdig. Während die Texte eines Bob Dylan inzwischen als nobelpreisverdächtig gelten, rümpft man über die als „Subkultur“ beschimpfte Metalszene die Nase.

Dass man aber der Szene damit Unrecht tut, demonstriert der vom US-Philosophieprofessor William Irwin herausgegebene Band „Die Philosophie bei Metallica“ am Beispiel der wohl bekanntesten Vertreter des Genres. In einem Interview mit dem ORF (science.orf.at/stories/1628346/) erklärte Irwin im Herbst letzten Jahres:

„Die Texte von Metallica sind philosophisch derart gehaltvoll, dass diese Verbindungen sehr natürlich sind. [...]Als Professor versichere ich Ihnen, dass die Diskographie von Metallica eine ideale Einführung in die Philosophie liefert - und zwar sowohl in die Metaphysik als auch in die Erkenntnistheorie und die Ethik.“

Dies bleibt im erwähnten Buch nicht auf der Ebene von Behauptungen stehen. In zwanzig Aufsätzen aufgeteilt auf fünf Kapiteln untersuchen amerikanische Philosophiedozenten und –Professoren Aspekte wie „Metallica und die Moral“, „Metallica und der Existentialismus“, „Metallica und die Identitätsproblematik“, „Metallica und Nietzsche“, „Metallica und Foucault“ usw. Probleme wie Selbstmord, Liebe, Authentitität werden behandelt indem textzentriert die Aussagen der Metallicalieder einer Analyse unterzogen werden.

Zu den obigen Stichworten Metaphysik, Erkenntnistheorie und Ethik merkte Irwin im Interview an:

Fangen wir mit der Metaphysik an ...

Das Titelstück des Opus magnum von Metallica, Master of Puppets, liefert den Soundtrack dafür. Was ist wirklich? Wie der drogenabhängige Erzähler des Songs lernt, ist die Realität nicht immer das, was wir glauben. Freiheit ist manchmal eine Illusion, so wie die Marionettenpuppe von den Fäden nichts weiß, an denen sie hängt. Die Droge selbst ist es, die verhöhnt: "blinded by me, you can't see a thing". Es ist wie beim Höhlengleichnis von Plato: Das einzige, was schlimmer ist als gefangen zu sein, ist gefangen zu sein ohne es zu wissen.

Wie sieht es mit der Erkenntnistheorie aus?

Metallica's erster Mainstream-Hit One liefert eine Grundlage für die Epistemiologie. Was kann ich wissen? Wir streben nach Wirklichkeit, wollen nicht von Puppenspielern getäuscht werden. Deshalb müssen wir wissen, was wahr und was falsch ist. Der Erzähler des Songs hat nicht nur seine Arme und Beine verloren, er kann auch nicht sprechen, sehen und hören. Er ist komplett abgeschnitten von der Welt. Aus dieser Situation etwas Sinnvolles zu machen, ist nicht ganz einfach.

Er sagt auch: "Can't tell if this is true or dream." Diese Liedzeile erinnert an René Descartes, der als erster das Problem aufgeworfen hat, wie man die wirkliche Welt von einer Traumwelt unterscheiden kann. Descartes meint, dass, selbst wenn die Welt ein Traum oder eine Illusion ist, man dennoch sicher sein kann, dass man denkt und damit existiert. Daher auch das berühmte Zitat "Ich denke, also bin ich." Der Erzähler im Metallica-Lied nimmt eine ähnliche Position ein - das einzige, was er wirklich kennen kann, ist sein Geist. "Now the world is gone / I'm just one."

Bleibt noch die Ethik ...

Ein Lied aus dem sehr populären Black Album liefert den Beitrag dazu. Was soll ich tun? Wherever I May Roam beginnt mit östlichen Sitar-Klängen. Wir werden auf eine Reise in ein fremdes Land mitgenommen. Die Reise ist das Leben, und wir stecken allen mittendrin. Niemand von uns wurde gefragt, ob und in welche Situation wir geboren werden wollen. Es liegt an uns, was wir aus diesem Leben machen. Das Lied entscheidet sich dafür, das Beste daraus zu machen: "The earth becomes my throne / I adapt to the unknown." Das Leben hat kein Ziel, keine vorgegebene Bedeutung, sondern es ist das, was du daraus machst.

Der Erzähler des Songs ist Existenzialist, ein raues Individuum, das Einschränkungen oder Definitionen durch Natur oder Gesellschaft nicht akzeptieren will: "Rover wanderer / nomad vagabond / call me what you will." Die meisten Menschen flüchten vor der Angst und Verantwortung, den Sinn ihres Lebens selbst zu bestimmen. Sie gehen mit der Gesellschaft konform und tun so, als ob sie keine andere Wahl hätten als die Befolgung ihrer Regeln.

Der Erzähler im Lied ist anders. Er singt: "And my ties are severed clean / the less I have the more I gain / off the beaten path I reign." Materieller Besitz ist nur eine Krücke. Je weniger ich davon habe, desto freier bin ich, um die Welt, die ich sehe, für mich passend zu machen. Letztlich bin ich nicht nur frei um Kunst zu machen und z.B. Metal-Lieder zu schreiben, sondern auch Friedrich Nietzsche zu folgen. Er hat gelehrt, dass man aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk machen kann.“

In medias res geblickt, fand ich den Aufsatz von Peter S. Fosl über Nietzsche, Metallica und die „Unmoral der Moral“ sehr interessant. Nachdem Fosl die Kritik des Christentums durch Nietzsche rekonstruiert, stellt er knapp die Haltung der Band zum Christentum dar. Ausgangspunkt ist der Song „The Four Horsemen“, den Fosl als ein Beispiel für eine nietzscheanische Umwertung aller Werte ansieht. Danach interpretiert er Songs wie „Leper Messiah“, „One“ und „Dyers Eve“ um die Abkehr von der und die Kritik der Band an der Religion zu illustrieren und die nihilistische Aussage dieser Lieder herauszustellen. Doch Metallica tritt zugleich (etwa in „Escape“) für die positive Übernahme einer Verantwortung für eigenes Tun und Handeln ein und setzt damit die Hoffnung einer verantwortungslosen Flucht gegenüber. Unverständlich blieb für mich, warum und wie Fosl Marx unbedingt mit „ins Boot“ holen will, denn so viele Anklänge an Marx’ Denken sind mir bei Metallica bislang nicht aufgefallen und auch Fosl bleibt sie schuldig.

Dennoch ist das Thema einer Verknüpfung von Heavy Metal mit Philosophie nicht nur interessant, sondern auch wichtig, weil durch die Analyse der Songtexte sicher viel über das Wesen des Genres gelernt werden kann. Auch wenn dies dem durchschnittlichen Metalfan entgeht.

15:29 09.03.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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