"Nur die Besten sterben jung"?

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Eine beliebte Aufgabe, um ethische Dilemmata aufzuzeigen, ist, die Frage zu stellen, wie man handeln würde, wenn man in einer extremen Situation vor die Wahl gestellt wäre, das Leben eines Kindes oder das einer anderen (älteren, aber aus irgendeinem Grund wichtigen) Person (bzw. überhaupt etwas Anderes) zu retten. Die Frage impliziert (oder wird zumeist so verstanden, als implizierte sie) einen höheren, einen Mehr-wert des jungen Lebens, dessen Erhaltung wichtiger sei als das Fortbestehen des Gutes auf der anderen Seite.

Im Gegensatz zum antiken Sparta, wo die als krank oder kränklich erscheinenden Neugeborenen in eine Schlucht geworfen wurden, wird heute demnach dem jungen Leben ein besonderer Wert zugesprochen, den es zu schützen und zu bewahren gilt. (Ob und inwieweit dies auf die Selbstmordattentäter zutrifft, müsste anderweitig geklärt werden).


Das junge Leben als etwas Besonderes ist ein Topos, der seit der Antike Bestandteil des jeweiligen kulturellen Selbstbildes und Gedächtnisses ist. Allerdings erfuhr er im Laufe der Zeit immer wieder neue und interessante Anwandlungen und Veränderungen, die auch über die jeweilige Zeit und Kultur Auskunft geben. So heißt es bei Plautus: „Quem di diligunt, adulescens moritur“ (Plautus, Bacchides, 817 f.), also in etwa: „Wen die Götter mögen, der stirbt jung.“ Hier wird der Tod, der einer jungen Person wiederfährt, als transzendentale Auszeichnung und Vorzugsbehandlung dargestellt: Die sind zu bedauern, welchen dieser Gunst der Götter nicht zu Teil wird. Der Tod erscheint hier beinahe als etwas, das dem Leben (dem hohen Alter?) vorzuziehen sei. Offen bleibt dabei, um welche Todesart es geht. Allerdings kann im Falle der Römer so viel Martialisches vorausgesetzt werden, dass man m.M.n. nicht allzu sehr irren dürfte, wenn man hier an den Tod eines jungen Mannes im Kampf denkt.


Shakespeare verknüpft in seinem Drama „Julius Caesar“ die Begriffe „jung“, „gut“ und „Tod“ auf eine besondere Weise: „Was Menschen Übles tun, das überlebt sie, Das Gute wird mit ihnen oft begraben.“ Hier geht es nicht mehr um den Tod des Guten als junger Mensch, sondern um die Eigenschaften des Menschen und seine vorher vollbrachten Taten, von welchen eben die guten in Vergessenheit geraten, nachdem die Person gestorben ist. Das Zitat steht in einem rhetorischen Meisterstück, der Rede Marc Antonius` auf Julius Caesar. Die Person als Individuum wird zumindest im Zitat in den Hintergrund gerückt und betont wird das (eigentlich) Akzidentelle der Eigenschaften. Dennoch bleibt (jenseits eines moralischen Impetus) erkennbar, dass es auch hier um die Variierung des Gedankens „Nur die Besten sterben jung“ geht.


Es ist wohl nicht weiter verwunderlich, dass im Zeitalter der Ideologien der frühe (frühzeitige/gewaltsame) Tod von Sympathisanten im Namen einer und für eine Causa vielfältig ausgeschlachtet und instrumentalisiert wurde. Es sei hier nur an den Hort Wessel – Kult der Nazis erinnert, doch gibt es bestimmt auch bei den Sowjets Beispiele, auch wenn mir gerade keines einfällt (Gagarin?).


Die Rede von den Besten, die beinahe zwangsläufig schon jung sterben müssen (!), denn sie wären ja ansonsten nicht die Besten, wird heutzutage (zumindest in der westlichen Hemisphäre) vor allem in der Popkultur thematisiert. Dabei kann hier an die Todesfälle in der Rockmusik (Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain) oder Popmusik (John Lennon, Freddie Mercury usw.) zurückgegriffen werden, deren frühzeitiger Tod viel zum jeweiligen Nimbus beigetragen hat.


Mir sind gleich vier Lieder bekannt, die bereits in ihrem Titel den Spruch dieses Blogs aufgreifen: von Billy Joel, Queen, Iron Maiden und den Böhsen Onkelz. Faszinierend finde ich die Bandbreite des Umgangs mit dem Thema und die nachweisbaren Verweise.


Billy Joels Song ist ein verkapptes Liebeslied, in dem ein Junge beklagt, dass er bei einem katholischen Mädchen (namens Virginia!) nicht landen kann. Den Grund dafür vermutet er darin, dass sie zu moralisch-religiös erzogen wird, den ganzen Tag nur betet und dass ihr über ihn vermutlich nur Schlechtes erzählt wurde. Die Spannung bezieht das Lied aus der Gegenüberstellung „braves Verhalten/Disziplin/Himmel“ vs. „Sünde/Selbstbestimmung unter Inkaufnahme von Gefahr“:


“They say there's a heaven for those who will wait
Some say it's better but I say it ain't
I'd rather laugh with the sinners than cry with the saints
the sinners are much more fun...

you know that only the good die young
thats what i said
i tell ya
only the good die young…”


Diese Gegenüberstellung ist auch die eines punktuellen und auf den Moment zielenden Lustgewinns und des Hinausschiebens und Vertröstens auf andere, ewige Zeiten. Dieser Gegensatz soll den Hörer wohl zur Stellungnahme auffordern. Musikalisch ist das Lied meines Erachtens bedeutungslos.


Im Lied der Gruppe Queen „No-One but you (Only the good die young)“ wird auf die Ikarus-Legende Bezug genommen:


„Only the Good die young
They're only flyin' too close to the sun”

Damit steht hier die menschliche Hybris im Vordergrund, die bis hin zum Absturz in den Tod führen kann (auch wenn der Text insgesamt nichts Warnendes in diese Richtung enthält). Das Lied (eigentlich eine Ballade) drückt den Schmerz über den Verlust eines Menschen aus, der hier leicht als Freddie Mercury zu identifizieren ist (denn dies ist das erste Lied, das Queen nach dessen Tod geschrieben hat). Dem Tod der/des Besten wird hier keine übernatürliche Bedeutung verliehen, er erscheint vielmehr als zwangsläufige Konsequenz eines beinahe unangemessenen Strebens nach Zuviel.


Mythologie, genauer gesagt Fantasy spielt im Lied von Iron Maiden eine Rolle. Das Lied „Only the good die young“ ist das Schlussstück des recht wirren, angeblichen Konzeptalbums „Seventh son of a seventh son“. Die englische Truppe nimmt direkt auf Shakespeare Bezug, wenn es heißt: „Only the good die young / All the evil seem to live forever“.Es ist musikalisch gesehen ein gewöhnlicher, wenngleich recht schneller Heavy-Metal-Song, der in typischer Maidenmanier von Demonen, Untoten und dergleichen Zeitgenossen handelt. Doch das Aufgreifen des Topos vom Tod des Guten/Besten in jungen Jahren macht es in meinen Augen interessant.


Das Lied der Böhsen Onkelz finde ich deshalb erwähnenswert, weil es zum einen musikalisch sehr traurig-getragen, durch den Gesang etwas majestätisch daherkommt, während der Text selbsterklärend offenbart, dass hier Trauerarbeit stattfindet:


Wir waren mehr als Freunde
Wir warn wie Brüder
Viele Jahre sangen wir
Die gleichen Lieder
Nur die Besten sterben jung
Nur noch Erinnerung
Sag mir warum“

Dies ist erneut kein Besingen eines heroischen Todes, dem gar Vorbildcharakter zukommen könnte, sondern eine persönliche Anklage, eine Totenklage. Die Aussage „Nur die Besten sterben jung“ hat zwar den Charakter einer apodiktischen Feststellung, doch kann hieraus meiner Meinung nach nichts Positives, Wertmäßiges, Heroisches abgeleitet werden, wodurch der Tod der Besten sich auszeichnen würde. Es geht hier, dies scheint die Aussage des Liedes zu sein, um eine intime und persönliche Verlusterfahrung, die auch als Offenbarung eigener Verletzbarkeit nach außen gekehrt wird. Dagegen war der Tod der Besten im Sinne von Plautus ein von den Göttern nur wenigen Auserwählten erteiltes Geschenk und bei den Nazis ein im Dienste der Allgemeinheit bzw. „der Idee“ erbrachtes Opfer.

Das wollte ich mal gesagt haben.

08:15 01.09.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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