Rasende Lebenskraft

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Die Lebenskraft überflutet die Bühne - nicht. Langsam und still bemächtigt sie sich des Raumes. Raserei – nirgends.


Monoton und dumpf lässt sich eine Trommel aus der Fernevernehmen. Der Schädel des Stiers überwacht das Geschehen von oben herab. Der Schamane hat ein blau-rotes, verwaschenes, überlanges und ausgefranstes Hemd an. Gelbe Sonne und blaue Sterne darauf. Er breitet seine Arme aus und wartet. Sein Gesicht vom Wind und Regen zerfurcht. Mystische Zeichen auf seiner Stirn, seiner Wange. Nebel, türkisfarben, umhüllt ihn. Die Zeremonie beginnt.


Des Hohepriesters Hände strecken sich nach oben und sammeln die Energie des Weltalls ein. Er verdeckt sein Gesicht. Die Energie überträgt er in einen auf und ab wogenden Tanz. Links und rechts, links und rechts, links und rechts.Mit schmerzverzerrtem Gesicht fängt er zu singen an. Urschrei bricht aus seiner Kehle hervor, der sich in Vogelschrei und Pferdewiehern verwandelt. Laute kämpfen sich aus der Tiefe nach oben, dünne und breite, und formen sich zu einem Gesang. „Sag, wo warst du, wo gingst du hin in deinem irdischen Leben?“ Die Gemeinde erkennt ihn wieder und übernimmt allmählich den Gesang. Ferne Welten tauchen in der Kommunion auf und machen verschüttete Noten, Bewegungen und Abläufen sicht- und hörbar. Der Schamane vermittelt die Kraft. Die experimentierende, unendliche Kraft verheißt Unsterblichkeit. „Keine andere Möglichkeit, unersetzbare Unsterblichkeit“. Ewigkeit und Schnelligkeit. Rhythmus pulsiert. Der Schamane zuckt, springt auf und ab, breitet seine Arme aus, rennt umher, singt, ruft und schreit. Anrufung der ewigen Lebenskraft: „Hallo Universum, lass uns Geschwister sein“. Die Gemeinde tanzt an der Stelle, sie tanzt alleine, alle tanzen zusammen. Sie singt und springt sich in Trance. Die Musik wird schnell, schneller, am schnellsten. So wie es nur geht. Der Schamane reißt sich das Hemd vom Leib und sein dürrer Oberkörper voller Schweiß wird sichtbar. Er hüpft, springt, galoppiert umher, schreit sein Lied heraus. Kundschafter vergangenen und künftigen Lebens. Tod und Sterben aufgehoben. Undiskutable, nicht unterschreibbare Geschichte. Lebensbaum. Mensch und Natur – Zeichen und Siglen. Nomadenschlachten. Götter und Gottheiten, Urkraft und Lebensenergie. Melodien, in Fetzen zerrissen. Lichtstürze von oben, rasende Lebenskraft in Vollendung. Wieder, wieder, immer wieder. Wieder, wieder, immer wieder. Weiter und noch weiter. Trance und Entrückung. Mystik, Meditation, Katharsis.


Stille, aus.


15:03 28.10.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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