Sozialfaschismus und Linke. Einst und jetzt.

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Die These vom Sozialfaschismus. Einst und jetzt

Die These vom „Sozialfaschismus“ wurde vom sowjetischen Theoretiker Sinowjew 1924 aufgestellt und später von Stalin untermauert. Sie richtete sich gegen die Sozialdemokratie und erblickte in ihr eine Variante des Faschismus, mit der nicht kooperiert werden dürfe und die mit derselben Schärfe bekämpft werden müsse wie der Faschismus selbst. Die KPD hielt sich Ende der 1920er Jahre streng an diese Forderung. Dies führte zur Spaltung der Arbeiterbewegung und zum Aufstieg sowie mit zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, weil die KPD sich weigerte, mit der SPD zusammenzuarbeiten und so die Republik zu verteidigen. Noch Mitte 1933, nach dem Verbot der KPD und der SPD erklärte die Komintern, dass die „Sozialfaschisten“ (gemeint sind: Sozialdemokraten) immer noch die größten Stützen des Kapitals seien und deshalb bekämpft werden müssten. Die These vom „Sozialfaschismus“ wurde von der Sowjetunion erst 1935 aufgegeben.

Die heutige politische Lage unterscheidet sich natürlich wesentlich von der des Jahres 1933. Was augenfällig ist, ist jedoch die realpolitische Blindheit, Bündnisunfähigkeit und Geschichtsvergessenheit der Linken. Obwohl sie sich andauernd darüber entrüstet, dass die anderen, ihr nahe stehenden Parteien sie als Bündnispartner nicht ernst nähmen, verweigert sie sich selbst nach dem 2. Wahlgang einer Unterstützung des Kandidaten Gauck. Anstatt die historisch einmalige Chance eines getrennten Auftretens, jedoch gemeinsamen Schlagens gegen die aktuelle Regierung wahrzunehmen, und damit zu signalisieren, dass man doch auf die Linke zählen kann, wenn es darauf ankommt, verharrt die Linke in dogmatischem Fundamentalismus. Es ist dabei zu vermuten, dass die Rolle, die Gauck bei der Aufarbeitung der Stasiakten gespielt hat, der Linken immer noch schwer im Magen liegt. Sie kann deshalb nicht über ihren historischen Schatten (im wahrsten Sinne des Wortes) springen. Zudem wird die SPD (wie schon in den 1930ern) in die Nähe des Kapitals gerückt, was ihrer Diskreditierung und der Ablenkung von der eigenen politischen Blindheit dienen soll. Nicht der noch so kleine gemeinsame Nenner mit der SPD zwecks konstruktiven Arbeitens und Aufbauens wird gesucht, sondern es wird von der eigenen Destruktivität abgelenkt, ohne sich um den Ernst der Lage zu kümmern. Die Parallelen zu den Vorgängen und innenpolitischen Strategien der KPD Anfang der 1930er Jahren liegen auf der Hand.

Was bleibt nach diesem Tag?

1.Christian Wulff als dritte Wahl, die eigentlich nicht einmal in einem Secondhandgeschäft eine Chance hätte.

2. Eine Linke, die ihre historische Chance, auf Bundesebene Seriosität zu beweisen, verpasst hat.

3. Eine Luc Jochimsen, die mehr Gespür für Realität aufweist, als die Partei, die sie aufstellte.

20:01 30.06.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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