Terror, Traum und Traumata - Das Trianon-Syndrom I.

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Terror, Traum und Traumata - Das Trianon-Syndrom im ungarischen Kollektivbewusstsein

In einem Kommentar zu meiner Einschätzung der Wahlen in Ungarn im April laufenden Jahres bemängelte ein Kommentator, ich würde die Nachwirkungen des Vertrages von Trianon ungenügend berücksichtigen. Zwar war ich nicht seiner Meinung, doch bietet sich der kommende 4. Juni an, darüber einen Blogeintrag zu verfassen. Die Bedeutung des Themas ergibt sich alleine schon aus dem Gewicht, das der Begriff „Trianon“ im ungarischen öffentlichen Diskurs besitzt. Jedes größere Ereignis in Ungarn wiederum, das sich an den Vertrag von Trianon koppeln lässt („Statusgesetz“ 2001, Abstimmung über die doppelte Staatsangehörigkeit 2004 usw.), schlägt hohe Wellen in den Minderheiten- und Mehrheitsgesellschaften der Nachbarländer (insbesondere der Slowakei, Rumänien und Serbien). Damit ist „Trianon“, das ungarische Trianon-Syndrom, ein hochaktueller und zugleich durchaus von Mythen umwobener Erinnerungsort sowie Bezugsmoment für beinahe 40 Millionen Menschen in der Mitte Europas.


Kurz zu den Fakten: Am 4. Juni 1920 musste Ungarn den Friedensvertrag im Schloß Trianon bei Paris unterschreiben. Dieser wird in seinen Folgen oftmals mit dem Vertrag von Versailles verglichen, mit dem Deutschland 1919 die Kriegsniederlage, die Kriegsschuld und eine Reihe von Gebietsverlusten hinnehmen musste. Doch ist Trianon in seinen Auswirkungen weitaus schwerwiegender, dennUngarn musste auf etwa 70% des Territoriums und 60% der Bevölkerung verzichten. Insbesondere schmerzvoll für die Ungarn war es, dass etwa 1/3 der ethnischen Ungarn (ca. 3,5 von etwa 11 Millionen) danach als Minderheiten in den Nachbarstaaten lebten (ein Großteil entlang der Grenzen).


In diesem Text soll es nicht um die Ursachen, die Begründung und Rechtmäßigkeit des Vertrages von Trianon gehen, vielmehr um sein Weiterleben im kollektiven Gedächtnis und Bewusstsein der Ungarn. Meine erkenntnisleitende Frage war: Wie hat der Vertrag im Alltag der Bevölkerung (in Ungarn selbst und bei den ungarischen Minderheiten) und im Regierungshandeln über die Jahrzehnte, die Regimes und Regimewechsel hindurch weitergewirkt? Ich hielt es für sinnvoll, den Text demnach in drei Teile zu gliedern: auf die Darstellung der ungarischen Außenpolitik bezüglich Trianon (1920-2004) folgen Ausführungen zur Einstellung innerhalb der Bevölkerung Ungarns und schließlich, drittens, innerhalb der ungarischen Minderheiten. Die Trennung der letzten beiden Gruppen ist notwendig, weil sie natürlich unterschiedliche Artikulationsfreiheiten besaßen. Die drei Teile werden hier an drei Tagen hintereinander veröffentlicht. Am Ende steht ein kurzes Verzeichnis des Schrifttums, dem ich meine Informationen entnommen habe.


I.

Die Regierungspolitik Ungarns, die mit Trianon in Verbindung gebracht werden kann, lässt sich seit 1920 als aus acht Phasen bestehend darstellen.

1) Zwischen 1920-1938/40/41 verfolgten die ungarischen Regierungen offiziell eine revisionistische Außenpolitik, die die zumindest partielle Rückgewinnung der verlorenen Gebiete beabsichtigte.Dabei hatten die Regierungen ihre je eigenen Vorstellungen über die Art der Vorgehensweise (friedlich/kriegerisch), über die Ausmaße der gewünschten Grenzkorrekturen (partielle, integrale, ethnische Revision) und über die dazu benötigten Bündnispartner (mit den Westmächten oder ohne, Deutschland, Italien).

2) 1938/40/41 erreichte Ungarn mit deutscher und italienischer Unterstützung teilweise die Revidierung des Trianonvertrages. Teile der Slowakei, Siebenbürgens und Jugoslawiens gehörten nun erneut zu Ungarn. Damit allerdings wurde Ungarn erneut zu einem Nationalitätenstaat, der eine eigene Minderheitenpolitik haben musste,die die Minderheiten der Rumänen, Serben, Slowaken (und Deutschen) nicht befriedigt hatte, sie auch niemals nicht befriedigen konnte. In Zeiten des an der Seite Deutschlands ausgefochtenen „weltanschaulichen Krieges“ versuchten die ungarischen Regierungen die Folgen des Vertrages durch eine gezielte Rück-, Um- und Aussiedlungspolitik zu überwinden. Zu den Nutznießern dieser Politik gehörten überwiegend die Ungarn, zu ihren Opfern die Minderheiten des Landes (allen voran die Juden).

3) 1944-1948 können als die Jahre der Machtlosigkeit angesehen werden, denn unter verschiedenen Besatzungen („Drittes Reich“, SU) ließ sich keine eigenständige und souveräne ungarische Außenpolitik betreiben. Budapest versuchte zwar, im Vorfeld der Pariser Friedensverhandlungen wenigstens Teile der wiedergewonnenen Gebiete zu behalten, doch war dies kaum möglich. Denn die Siegermächte konnten unmöglich Territorialzugewinne billigen, die mit Hilfe Hitlers zustande gekommen waren (wenngleich England und Frankreich zumindest den Ersten Wiener Schiedsspruch 1938 selbst mit herbeigeführt und dessen Anerkennung signalisiert haben). Somit wurde nach 1947 Ungarn in seinen Grenzen von Anfang 1938 wieder hergestellt (eigentlich gar noch kleiner, weil Ungarn 1947 auf einige Dörfer verzichten musste, die so dicht an Bratislava lagen, dass man beinahe die Stadt hätte von ungarischem Boden aus beschießen können).

4) Die Jahre 1948-66/68 werden als Jahre des internationalistischen (kommunistischen) Automatismus bezeichnet. Im Geiste der Leninschen Lehre ging die kommunitische Führung davon aus, dass sich die Nationalitätenprobleme in einer kommunistischen Gesellschaft ohne Klassenkämpfe von sich aus lösen werden. Daher brauche man sich um sie bzw. die Revidierung der Grenzen nicht eigens zu kümmern.

5) Spätestens im Jahrzehnt zwischen 1966/68 und 1977 hat die ungarische Regierung erkannt, dass jener Automatismus die Probleme der ungarischen Minderheiten mitnichten lösen konnte. Die 1968 mit offizieller Billigung entworfene (und in Reden sowie Artikeln verbreitete) Losung von der „doppelten Bindung“ und der „Brückenfunktion“ der Minderheiten (zwischen ihren Staaten, deren Angehörige sie waren und Ungarn) trug zugleich der Erkenntnis Rechnung, dass nach dem Aufstand von 1956 (bzw. dem Prager Frühling) außenpolitische Alleingänge, zumal die Thematisierung von Grenzfragen, im Ostblock unerwünscht und unmöglich waren.

6) Die Jahre zwischen 1977 und 1989/92 sind einmal von einer Institutionalisierung der Minderheitenfrage und von ihrer Internationalisierung gekennzeichnet. Die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte und der aktuellen Lage der ungarischen Minderheiten wurde ermöglicht und in Instituten zugelassen. (Die ungarische Opposition thematisierte deren Lage ebenfalls immer stärker). Zugleich wandten sich die Vertreter Ungarns an die internationale Öffentlichkeit, um so die Einhaltung gewisser Mindeststandards in der Behandlung der ungarischen Minderheiten einzufordern.

7) Im Zeitraum zwischen 1989 und 1996 baute Ungarn zum Einen ein politisches Beziehungssystem zu den Minderheiten in den Nachbarstaaten auf, zum Anderen schloss es bis 1996 bilaterale Grundlagenverträge mit Rumänien und der Slowakei, die auch die jeweils existierenden Grenzen festgeschrieben haben. Bemerkenswert ist, dass in diesem Zeitraum, da um Ungarn herum alle drei nach 1918 künstlich entstandenen Staaten und Reiche auseinandergefallen sind (SU, Tschechoslowakei, Jugoslawien), dennoch bis auf einige wenige Rechte am Rande der Gesellschaft kein verantwortlicher ungarischer Politiker Anfang der 1990er Jahre eine Grenzrevision forderte.

8) Die Jahre seit 1996 brachten im Zeichen des nahenden ungarischen EU-Beitritts und des noch nicht absehbaren Beitritts seiner Nachbarländer die verstärkte politische Zusammenarbeit mit den Nachbarländern, den politischen Vertretern der dortigen Minderheiten und zugleich eine Ausweitung der ungarischen Minderheitenpolitik auf die Bereiche der Kultur und der Wohlfahrt (finanzielle Unterstützung/Gründung von ungarischsprachigen Universitäten in der Slowakei und Rumänien, Statusgesetz von 2001 über die Gewährung von Vergünstigungen für Angehörige der Minderheiten usw.). Der Beitritt der Slowakei und Rumäniens zur EU hat jedoch entgegen aller Erwartungen nicht zu einer Entspannung der Beziehungen Ungarns zu seinen Nachbarn geführt, sondern eher zu deren Verschärfung. Der tiefere Grund dieser Entwicklung ist noch unklar, scheint aber in der ideologischen Spaltung der ungarischen Gesellschaft seit 2002 zu liegen, und etwas mit der Empfänglichkeit weiter Teile der osteuropäischen Gesellschaften für nationalistische Losungen sowie der Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Regierungen seit 2008 zu tun.

Teil II. folgt.

18:35 15.05.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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