Terror, Traum und Traumata - Das Trianon-Syndrom II.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

II. Reaktionen der ungarischen Gesellschaft auf den Vertrag von Trianon

Die Beschreibung dessen, wie die ungarische Gesellschaft auf die Abtrennung so großer Territorien und 1/3 der ungarischen Nation reagierte, muss natürlich pauschale Aussagen enthalten. Dabei liegt es nahe, sich bei der Beschreibung weitgehend an die acht Phasen zu halten, die im ersten Teil dieses Textes über die ungarische Außenpolitik benutzt wurden.

1) Die ungarische Gesellschaft reagierte mit Schock und Unglauben auf den Vertrag von Trianon. Die Schuld dafür wurde den „undankbaren“ Minderheiten gegeben, welche die Gastfreundschaft der Ungarn mit Untreu belohnt hätten. Nationalismus, Antisemitismus und Revanchegedanken griffen um sich. Diese Gefühle waren insbesondere unter den rund 400.000 Personen verbreitet, die aus den abgetrennten Gebieten nach Ungarn flohen. Soldaten und Offiziere aus Siebenbürgen und Oberungarn waren überproportional am Terror paramilitärischer Einheiten (1919/1920) beteiligt, dem mehrere Tausend Linke und Juden zum Opfer fielen. (Parallelen zu ähnlichen deutschen Denkmustern, Biografien und Handlungsweisen in den Jahren 1919-1921 tun sich auf). Die ungarische Gesellschaft vom linken bis zum rechten Spektrum forderte die möglichst weitgehende Revision des Vertrages, ja die Wiederherstellung Ungarns in den Grenzen von 1918. (Ein Wort zu den Linken: Die Sowjetunion bezeichnete den Vertrag von Trianon als einen kapitalistischen Diktatfrieden und stellte seine irgendwann zu erfolgende Revision zumindest in Aussicht. Auch die Rumänische Kommunistische Partei machte sich in Rumänien u.a. deshalb besonders unbeliebt, weil sie sich zumindest theoretisch dafür aussprach, dass sich Landesteile von Rumänien abspalten dürfen.) Die ungarische Außenpolitik der Zwischenkriegszeit kann teilweise als Getrieben von dieser öffentlichen gesellschaftlichen Haltung und Erwartung angesehen werden. Der revisionistische und irredentistische Kult nahm in Ungarn ganz bizarre Züge an: revisionistische Plaketten, Spiele, Bücher, Plakate, Gedichte, Lieder, Gebete, Denkmäler, Ausstellungen, Märsche usw. waren weit verbreitet. Generationen sind in einem nationalistischen Geist erzogen worden.

2) Die nach deutschem und italienischem Muster entstandenen faschistischen Parteien bzw. die nationalsozialistisch inspirierten Pfeilkreuzler radikalisierten die ungarische Gesellschaft Ende der 1930er Jahre noch weiter.In deren Gefolge waren die wenigsten Ungarn mit den zwischen 1938-41 erzielten revisionistischen Erfolgen zufrieden. (Noch weniger haben die Tragweite der Kriegsführung an deutscher Seite überblickt. Doch trifft dies m.E. auch auf bestimmt ca. 80% der politischen Führungselite zu.) Wenn die ungarischen Massen im Krieg gegen die SU einen Sinn erblickten, dann lag dieser darin, dafür nach Kriegsende von Hitler mit weiteren Territorialzugewinnen belohnt zu werden.

3) Die meisten in den Pfeilkreuzlerterror, den Holocaust und die antisemitischen Judenmorde am Donauufer im Winter 1944/45 involvierten Ungarn flohen nach Kriegsende in den Westen. Die sog. „Kleinen Pfeilkreuzler“ hat die ungarische kommunistische Partei integriert, weil sie Anhängerschaft brauchte. Die ungarische Gesellschaft war nach 1947 zu erschöpft, zu schwach und von den alten sowie neuen politischen Kämpfen zu zermürbt, um gegen den Pariser Frieden von 1947 protestieren zu können. Viele werden sich mit den Gegebenheiten abgefunden haben. Die Kommunisten haben nach ihrer Machtübernahme freilich auch jede Thematisierung der Grenzen wie der Lage der ungarischen Minderheiten unterbunden.

4) Dieses Thema blieb daher den ungarischen Emigranten vorbehalten. Teile davon, die ehemaligen Pfeilkreuzler in der BRD oder den USA, hohe Offiziere usw., änderten nichts an ihrer revanchistischen und nationalistischen Sichtweise. Nationalkonservative Kreise oder gar in der Emigration sich befindende Sozialdemokraten haben sich mit der existierenden Grenzregelung abgefunden. Ihre Bemühungen waren darauf ausgerichtet, durch die Herstellung einer internationalen Öffentlichkeit die Lage der ungarischen Minderheiten ins Rampenlicht zu rücken, um sie so gewissermaßen zu schützen.

5) Die Thematisierung der Lage dieser Minderheiten blieb in Ungarn jahrzehntelang ein Tabuthema. Wer in der Presse darüber schreiben wollte, galt als Nationalist. Allenfalls am Rande und in historischen Zusammenhängen, in literaturwissenschaftlichen Abhandlungen ließ sich das Thema darstellen. Und auch dann nur, wenn politische Bezüge (zumal aktueller Art) nicht existierten und nicht herstellbar waren. Selbst metaphorische Anspielungen, wie jene Ende der 70er Jahre, welche von der ungarischen Nation als einer Panflöte mit fünf Röhrchen (stellvertretend für Ungarn und die ungarischen Minderheiten in Rumänien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, der Sowjetunion und Österreich) sorgten für politische Turbulenzen mit manchem Nachbarland. „Heimat in der Luft“ war eine andere intellektuelle Losung, die ausdrücken sollte, dass (freie) ungarisch-ungarische Kommunikation am Boden zerstört und nur indirekt über Umwege möglich war.

6) Ende der 1970er Jahre und zunehmend Mitte der 1980er Jahre entdeckte die ungarische Opposition das Thema der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten. Zum Einen war deren Lage zunehmend aussichtsloser geworden (Unterdrückung, Assimilation, Ausweglosigkeit), zum Anderen konnte man damit auch Systemopponenz zeigen. Die Opposition zwang damit die ungarische Regierung, das Thema auf die Agenda zu setzen.Die Grenzfrage blieb damit jedoch weiterhin Tabu. Ende der 1980er Jahre erschienen dann zunehmend publizistische und aktualpolitische Abhandlungen und Bücher in der ungarischen Presse und auf dem Büchermarkt. Ihr Absatz zeigte die latente Aufmerksamkeit des ungarischen Publikums für dieses Thema. 1988 nahmen in Budapest rund 100.000 Menschen an einer Demonstration Teil, die sich gegen die Zerstörungspläne der rumänischen Regierung richtete, welche die historisch gewachsene ländliche Dorfstruktur Siebenbürgens mit großen urbanen Zentren ersetzen wollte.

7) Seit 1989/1990 ist in Ungarn zum Thema und auch zu der Frage der Grenzen weitgehend alles publizierbar. Das ungarische Presserecht setzt in einem viel größeren Maße als das deutsche auf das Recht der freien Meinungsäußerung. Publikationen, die in Deutschland ob ihres Revanchismus und Nationalismus nicht möglich wären, sind in Ungarn erlaubt. Das brachte den Nachdruck einer Reihe nationalistischen, antisemitischen und auch faschistischen Schrifttums aus der Zeit vor 1945 nach sich. Teile der ungarischen Gesellschaft können nunmehr offen ihren einschlägigen Überzeugungen Ausdruck verleihen. Die ungarische rechtsextreme „Partei der ungarischen Wahrheit“, deren Vorsitzender 1999 während des Kosovokrieges den Anschluß der Vojvodina an Ungarn forderte, erreichte aber bei Parlamentswahlen nie viel mehr als 5-7% der Stimmen. Die nationalkonservative Partei „Fidesz“, die seit April 2010 wieder regiert, konnte die Stimmen der Nationalisten gewöhnlich stets auf sich ziehen. Erst mit der Gründung der Partei „Jobbik“ ist 2003 eine rechtsextreme Partei entstanden, die sich anscheinend so erfolgreich im Parteienspektrum etablieren konnte, wie es die „Partei der ungarischen Wahrheit“ in den 1990ern nie vermochte. Dies zeigt eine Rechtsverschiebung der ungarischen Gesellschaft an, und dass die Fidesz die Stimmen dieses Gesellschaftssegments nicht mehr für sich verbuchen kann. Die „Jobbik“ spricht eindeutig die Personenkreise an, die auch heute noch davon träumen, dass das Ungarn von dereinst wiedererstehen kann. Große Teile der ungarischen Gesellschaft scheinen sich jedoch für die Lebenswirklichkeit der ungarischen Minderheiten wie auch für die Frage der Grenzen nicht zu interessieren. Darauf lässt schließen, dass 2004 eine Volksabstimmung über die Verleihung der ungarischen Staatsangehörigkeit an die ungarischen Minderheiten der Nachbarländer wegen der mangelnden Beteiligung der Menschen scheiterte.

16:28 16.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 4

Avatar
hibou | Community