Über Juden in Deutschland...

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

... zu schreiben, ist schwierig. Heute vielleicht mehr denn je. Trägt ein Buch diesen Titel, so vermutet man allerhand: eine historische Darstellung, eine soziologische Untersuchung, eine Bekenntnisschrift oder gar ein psychologisches Traktat über das Befinden der 2. oder 3. Nachholocaustgeneration.

Als ich das von Gert Mattenklott unterm Titel „Über Juden in Deutschland“ veröffentlichte Buch ersteigerte, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. Ich habe es ins Regal gestellt, damit die anderen ungelesenen Bücher ihm Gesellschaft leisten und ob meiner Missachtung trösten. Doch vor ein paar Tagen war es soweit.

Und da kam für mich die Überraschung. Mattenklott zeichnet im Buch die deutsch-jüdische Geschichte der letzten 3-400 Jahre auf eine sehr originelle Weise nach. Er untersucht nämlich den Briefwechsel jüdischer Personen mit andern Juden oder auch Christen, um so durch Schwerpunktsetzungen einen Einblick in die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Identitätskonstruktion und inneren sowie äußeren Krisen der jeweiligen Person zu gewinnen. Krisen, die immer auch gesellschaftspolitisch bedingt waren. Somit offenbaren sich Themen, an die durch das Prisma persönlicher Betroffenheit oder individuellen Interesses herangetastet wird, die indes über diese hinausweisen. Mattenklotts vorzügliche Interpretationen betten das Zitierte kurzweilig in die Rahmenbedingungen, die jeweilige Lebenswelt und den Erfahrungs- sowie Erwartungshorizont der oder des Schreibenden ein.

Der Privatbrief ist „eine privilegierte Vollzugsform privater Selbstreflexion, die in der Mitteilung an eine andere Privatperson in ein Vorstadium von Öffentlichkeit tritt“ (S. 12). Die Bandbreite konnte dabei von ganz privater Korrespondenz bis hin zu öffentlich ausgetragenen Kontroversen reichen, wie dies Mattenklott anhand einer Auseinandersetzung Mendelssohns mit Lavater (über das Christentum und das Judentum) zeigt. Das Leitmotiv in all den zitierten Briefen vom 17. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ist die beständige Thematisierung des „Jude-seins“ in dessen unterschiedlichsten Facetten. Das ist offensichtlich, wenn es um die Ermahnungen eines Vaters an seinen Sohn geht, dem ein strengeres Thorastudium nahegelegt wird. Etwas überraschend ist es aber, wenn Wilhelm von Humboldt Jahrzehnte nach seiner intensiven Begegnung mit Henriette Herz 1832 in einem Brief eine Reihe antijüdischer Klischees über sie (wie nicht kreativ/schöpferisch, unwissend etc.) wiedergibt. Es gehört nicht viel dazu, diese als unfair zu bezeichnen und es ist ein Verdienst Mattenklotts (sowie eine der spannendsten Stellen seines Buchs), herausgearbeitet zu haben, mit welchen Schwierigkeiten gerade jüdische Frauen Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts zu kämpfen hatten. Vergeblich bemühten sie sich um Anerkennung und Integration, indem sie Salons führten, am gesellschaftlichen Leben partizipierten und gescheit mit den führenden Intellektuellen ihrer Zeit parlierten. Als jüdische Frauen gehörten sie einer zweifach benachteiligten Gruppe an, die keine Kunst hervorbringen konnte, denn: „Sie setzt Freiheit voraus. Eine jüdische, eine weibliche Ästhetik, das ist nach diesem Kunstbegriff ein Widerspruch in sich selbst, und die Frauen dieser Kreise waren zu klug, als dass er ihnen hätte verborgen bleiben können. In der Kunst hätte das Jüdische bzw. das Weibliche als Ressentiment zur Sprache kommen müssen oder gar nicht...“ (S. 60). Indes zeigen die Beispiele Ludwig Börnes oder Heinrich Heines, dass das Gefühl des Nichtangenommenseins, der Ausgrenzung auch vor getauften männlichen Juden keinen Halt machte.

Der Weg der Taufe, der vollständigen religiösen und kulturellen Assimilation sowie Integration schien im 19. Jahrhundert für viele dennoch ein gangbarer Ausweg gewesen zu sein. Dass dieser Weg sehr extensiv betreten wurde, steht außer Zweifel. Wie intensiv er begangen wurde, ob und inwieweit er einseitig war und es sein konnte, ist eine Frage, die neuerdings unter Labels wie „situative Ethnizität“ neu verhandelt wird.

Dem 20. Jahrhundert blieb, so scheint es, nach all dem „Geschwätz“ (S. 99) der vorangegangenen Epoche nur das Schweigen oder die beredte Flucht in die Metapher. Dass gerade Gershom Scholem, der Religionshistoriker, der später den jüdisch-christlichen Dialog vorantrieb, 1919 in einem öffentlichen Brief der jüdischen Jugend das „Schweigen“ und die Tat empfahl, mag auf den ersten Blick vielleicht überraschen. Doch hat Scholem die Assimilation damals bereits als gescheitert angesehen und stand kurz vor seiner Auswanderung (Aliyah) nach Palästina.

Das unvermeidliche Verstummen angesichts der Gräuel des Zweiten Weltkriegs offenbart ein Brief von 1947 des Schriftstellers Karl Wolfskehl an den Illustrator Emil Preetorius, den als Mitläufer einzustufen wohl kein Irrtum ist. Der Brief verrät die ehemals innige Freundschaft, die Wärme und Herzensliebe, die Wolfskehl für Preetorius immer noch empfindet genauso wie den Schmerz ob des empfundenen Verrats an dieser Freundschaft.

Wie schwierig der jüdisch-deutsche Austausch auf der individuellen und der kollektiven Ebene nach 1945 (geworden) war, wissen wir wohl zur Genüge. Er ist zwar in den letzten Jahren durch Filmemacher und Autoren (Dany Levy, Oliver Pollack) unverkrampfter geworden, doch völlig unbelastet wird er wohl nie wieder sein. „Über Juden in Deutschland“, dieses spannende Buch Gert Mattenklotts, wirft durch die Analyse von Korrespondenzen einen erfrischende, da zu selten berücksichtigten Blick auf ein bekanntes Kapitel.

Das Buch zeigt, was geistesgeschichtlich betriebene Mikro- und Alltagsgeschichte zu leisten vermag, indem sie ein kleines Fenster zu größeren Zusammenhängen aufstoßt. Zugleich haben wir hier, ohne dass der Autor dies wohl je beabsichtigt hätte, einen hochaktuellen Beitrag zu aktuellen Integrationsdebatten vorliegen, der m.E. die Komplexität der Problematik und die Vielfalt der Aspekte aufzeigt (Verschränkung gegenseitiger Erwartungen; Abwehr fremder Lebensentwürfe, Religionen, Kleidersitten; Genderproblematik; Ambivalenz und ungewisser Ausgang der Integrationsbemühung usw.).

Das Buch regt zum Nachdenken an.

Können wir mehr von einem Buch erwarten?

15:04 08.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2