Wider die Utopisten & Relativierer

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Wider die Utopisten & Relativierer


In meiner Ostblocksozialisation war der Antifaschismus, der weniger ideologisch eingetrichtert als vielmehr auf Einsicht gegründet war, jene Konstante, die ich am stärksten verinnerlichte und die bis heute tiefste Überzeugung geworden ist. Diese Einsicht wurde im Laufe der Zeit humanistisch vertieft und zunehmend vom Entsetzen vor dem begleitet, was der Mensch dem Menschen antun kann, wenn er auf ethnische Absonderung, Nationalismus und Hass setzt.

Die Absetzung von jeglicher rechtsorientierter Ideologie hatte selbstverständlich eine linke Orientierung nach sich gezogen. Fortschritt, Gerechtigkeit und die ebenbürtige Einbeziehung von Randgruppen schienen nur im linken Spektrum aufgehoben zu sein. Das bestimmte seit 1990 auch das Wahlverhalten.

Das Verhältnis zu einer linken Ideologie jedoch, die weiterhin an einer kommunistisch geprägten Umgestaltung der Gesellschaft festhielt, wurde seit den 1980ern zunehmend spannungsgeladener. Kaum einer aus meinem Umfeld glaubte noch daran, im besten aller möglichen Systeme zu leben. Der Restriktionen gab es einfach zu viele. Der Wandel und die Wende, besser noch: ein Wandel und irgendeine Wende wurden herbeigesehnt wie es nur Kinder tun können, die unbedarft das Happy End einer Geschichte fordern.

Diese Wende kam dann auch und brachte Vieles mit. Das Wenigste fanden wir gut und Nichts fand uns so vor, wie wir es gerne gehabt hätten. Doch war dies nun die neue Realität, die uns viel Neues – darunter Schlimmes und Enttäuschendes – brachte. Nur die Nostalgie nach dem Alten nicht.

Neue Debatten, alte Ahnungen mit Wissen belegt. Die möglich gewordene Auseinandersetzung mit der Geschichte der Umsetzung der kommunistischen Idee, den Aussagen und dem Verhalten insbesondere der sowjetischen Revolutionäre, hat zur Erkenntnis geführt, dass die Zeit des Terrors gekommen ist, wenn sich wer als Träger und höchster Siegelbewahrer einer überlegenen Gesellschaftsutopie wähnt.

Im Vollbesitz der historischen Wahrheit empfindet der Revolutionär keine Reue und kein Mitleid, weil er meint, dass die Geschichte ihn rechtfertigen wird. Er schreckt daher vor keiner Ungerechtigkeit und keinem Verbrechen zurück.

Grundlegende gesellschaftliche Umgestaltungen wie sie der Kommunismus will, müssen aber nach heutigem Kenntnisstand (bzw. der Lehre Marx`) revolutionär und somit gewaltsam sein. Da ganze Gesellschaftsschichten dagegen wären, müssten diese bekämpft, beherrscht und kontrolliert werden. Es ist schwer vorstellbar, dass dies verhältnismäßig und irgendwie gerecht durchgeführt werden könnte, ohne dem Individuum sein Menschsein zu nehmen. Die bisherigen Erfahrungen zeugen eindeutig vom Gegenteil.

Deshalb bin ich gegen Utopisten & Relativierer jeder Art und politischer Couleur. Gegen jene, die ungedenk aller Erfahrung behaupten, wir bräuchten einen neuen Kommunismus des 21. Jahrhunderts. Jener des 20. war schon schlimm genug. Die Utopie ist Utopie weil sie ein Trugbild vorgaukelt.

Die Umkleidekabinen im Leipziger Schreberbad sehen so aus wie die aus meiner Kindheit. Und doch sind sie in anderer Farbe gestrichen und nicht die alten. Sie sind nicht durch neue, aus anderem Material gemachte ersetzt, sondern im Laufe der Zeit ver- und ausgebessert worden. Und mag die Ähnlichkeit auch nur eine Familienverwandtschaft sein, so ist mir diese lieber als wenn die alten Kabinen niedergewalzt worden wären.

15:51 12.07.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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