Zu empfehlen: Eine „Schweigeminute“

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„Schweigeminute“ – da denken manche an eine Menschenmenge in einem Stadion, die sich zu Ehren eines Verstorbenen erhebt und seiner gedenkt. Oder an eine öffentliche Versammlung, auf der Ähnliches geschieht. „Schweigeminute“ – das ist ein Akt öffentlicher Anerkennung, die man einer geliebten oder zumindest anerkannten Person zollt, die nicht mehr unter den Lebenden weilt.

„Schweigeminute“ – dies ist der Titel einer wunderschönen Novelle von Siegfrid Lenz. Ihr Zauber liegt in der Spannung zwischen der öffentlichen und sichtbaren Anerkennung, die eine Schule einer Englischlehrerin zollt und der Intimität einer Liebesbeziehung, von der nur der Leser und der Icherzähler etwas weiß. Der Zauber der Novelle entsteht durch eine schöne Sprache, die einfach und kristallklar ist.

Die Handlung ist eher schlicht: Christian, selbst kurz vor dem Abitur stehend, kommt in den Sommerferien ihrer jungen und hübschen Lehrerin näher. Zaghaft entsteht eine Beziehung zwischen den beiden, die natürlich geheim gehalten werden muss. In der Schule darf sie daher nicht bekannt werden. Doch kommt Stella, die Lehrerin, bei einem Unfall ums Leben. Die Umstände ihrer Begegnung und kurzen Beziehung wird in Rückblenden erzählt, wobei manche Stellen einen allwissenden Erzähler, andere Passagen wiederum Christians Perspektive zeigen.

Die de facto apolitische Erzählung, von Ulrich Greiner zurecht eine „zeitlose Kostbarkeit“ genannt, schildert letztlich den Einbruch des „großen Lebens“ in das Leben eines jungen Heranwachsenden. Der wohlbehütet aufwachsende Christian, Teil einer intakten und liebevollen Familie, erfährt (verdichtet in das Geschehen von nur wenigen Monaten) so existentielle Grunderfahrungen wie Liebe & Tod. Eine glückliche und sorgenlose Kindheit endet abrupt und brutal, Teenagerpläne und –Träume zerplatzen an einem unbelebten Stein.

Lenz’ Novelle ist in meinen Augen eine Ode an die erste Liebe, die jeder von uns kennt (kennen sollte) und die selbst wenn sie erwidert wird, unerfüllt bleiben muss, um an ihr wachsen zu können.

Lesen Sie sie.-

16:25 05.03.2010
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Geschrieben von

Zachor!

Nicht verzagen, erinnern!
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