Zur Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert

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Die europäische Geschichtswissenschaft erlebte im 19. Jahrhundert eine Institutionalisierung und breite gesellschaftliche Anerkennung. Die Wissensexplosion, die politischen Umwälzungen und gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts sind auch an der Geschichtswissenschaft nicht spurlos vorübergegangen. Dabei fallen bei einer strukturellen Analyse der Geschichtswissenschaft „im Zeitalter der Extreme“ insbesondere zwei Entwicklungen auf: die Ausdifferenzierung in eine Vielzahl von Disziplinen und die chronologisch zunehmende Internationalisierung. Die Frage nach der Internationalität[1] der Geschichtswissenschaft bezieht sich zum Einen auf das Fach selbst und die Ausübung (Methoden, Durchführung) von Forschungsprogrammen. Zum Anderen sind damit jedoch auch externe Wandlungsprozesse gemeint, die sich in den (bzw. anhand der) Curricula der Historiker nachverfolgen lassen.

Die Geschichtswissenschaft war in den meisten Ländern Europas im 19. Jahrhundert ein räumlich eingegrenztes, nationales Projekt. Als ihre wichtigsten Aufgaben galten die ideologische Legitimation des jeweiligen Nationalstaates und die Befriedigung des Bedarfs eines patriotisch gesinnten Bürgertums nach nationalen Meistererzählungen.[2] Im deutschsprachigen Raum dominierte an den meisten universitären Lehrstühlen die „Historismus“ genannte Richtung. In dessen Mittelpunkt standen der Nationalstaat, das Machtstaatsprinzip und der Gedanke der zeitlich gebundenen Individualität der Völker und Kulturen. Die Historiker analysierten insbesondere Themen aus der Diplomatie-, Politik und Militärgeschichte der eigenen Nation. Diese thematische und ethnische Fixierung lässt sich vielfach und nicht nur in Deutschland nachweisen: Eine Auswertung der Beiträge, die zwischen 1889-1893 in der Historischen Zeitschrift, dem wichtigsten deutschen Organ der Disziplin, erschienen waren, ergab, dass 77% der Beiträge „deutsche“ Gegenstände behandelte. Doch auch im Revue Historique hatten zwischen 1901 und 1925 etwa 60% der Beiträge einen ausschließlich ‚französischen‘ Bezugspunkt. Beinahe die Hälfte aller Aufsätze befasste sich mit Themen aus der Politik- und Militärgeschichte.

Eine weitere wichtige historiographische Richtung stellten, als Teil der Politikgeschichte, die ‚Internationalen Beziehungen‘ dar, deren Gegenstand die Verbindungen der Staaten untereinander bildeten. Diese Strömung begriff sich als die ‚Lehre von den Mächten‘ und betonte in Bezug auf den Nationalstaat den Primat der Außenpolitik. Demnach beherrschten politikgeschichtliche Themen weiterhin die Historiographie, obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts die neu entstehenden Wissenschaften der Psychologie, Soziologie, Politologie und Nationalökonomie auch manchem Vertreter der Geschichtswissenschaften neue Impulse gaben.

Der Ausgang des Ersten Weltkriegs (Territorialverluste, Schuldzuweisung für den Kriegsausbruch) führte in Deutschland sogar zu einer Intensivierung der deutschzentrierten politik- und diplomatiegeschichtlichen Arbeiten. Damit sollten (u.a. gegenüber Polen) Territorialansprüche legitimiert und die Schuldzuweisungen widerlegt werden. Der Einsatz der finanziellen Ressourcen und Aufmerksamkeit für von der Politik erwartete Bereiche, ließ weitgehendes Interesse für neue Trends kaum zu. Als ein solcher wäre die Annales-Schule zu erwähnen, die zeitgleich in Frankreich entstand. Sie schrieb die Erforschung wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlicher Fragestellungen vor allem in ihren Langzeitausprägungen auf ihre Fahne. Offenheit gegenüber neuen Quellengattungen, neuen sozialwissenschaftlichen Methoden und das Interesse für größere geographische Räume sollten kennzeichnend für die Annales-Schule werden. Als ihr deutsches Pendant kann mit einigen Einschränkungen die in den 1930er Jahren aufkommende ‚Volksgeschichte‘ angesehen werden. Diese war methodisch zwar sehr breit und modern aufgestellt, denn sie setzte ethnologische, geographische, sprachgeschichtliche und bevölkerungswissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden ein. Doch ging es ihr vorrangig um eine zumindest bei einigen Historikern völkisch motivierte Siedlungsforschung, die als die historiographische Legitimierung nationalistischer Gebietsansprüche aufgefasst werden kann. Im Gegensatz zur Annales-Schule spielten Vergleiche und transnationale Themen in der Volksgeschichtsforschung keine Rolle. Die nationalkonservativen Teile der deutschen Geschichtswissenschaft passten sich in der Zeit des „Dritten Reiches“ den Machthabern bereitwillig an und die völkisch ausgerichteten Historiker leisteten gar einen theoretischen und praktischen Beitrag zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Osteuropa.

Die politikgeschichtliche und nationalstaatliche Fixierung der deutschen Geschichtswissenschaft blieb noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten. Dies ließ eine selbstkritische Sicht und den Abschied von überkommenen Topoi und Methoden nicht zu. Das Ende der dominanten Stellung, die etwa den ‚Internationalen Beziehungen‘ zukam, wird gewöhnlich auf den Beginn der 1960er Jahre gelegt. Dennoch kam es seit den 1950er Jahren allmählich zu einer methodischen, thematischen und auch personellen Öffnung der historischen Zunft. Dabei wandelte sich die Volksgeschichte zu einer sogenannten modernen Sozial- bzw. Gesellschaftsgeschichte. Durch einen Generationswechsel innerhalb der Historikerzunft, durch die politischen Umbrüche in den 1960er Jahren sowie die Einrichtung der sogenannten Reformuniversitäten veränderte sich auch die soziale Zusammensetzung des Nachwuchses. Dadurch kam es zunehmend zur verstärkten Offenheit gegenüber der und zur Rezeption der neuesten historiographischen Strömungen. Die Vielfalt der Ansätze, die seit den 1970er Jahren unter dem Begriff „Gesellschaftsgeschichte“ (neuerdings: Kulturgeschichte) subsumiert werden, offenbart am eindrucksvollsten die Ausdifferenzierung und die Bandbreite, welche die Geschichtswissenschaft erfasste: Geschlechtergeschichte, Umwelt- und Alltagsgeschichte, Bildungsgeschichte, Mentalitäten, Nationalismusforschung, Kolonialismusforschung, Kulturgeschichte usw. Diese Richtungen waren Ursache und Wirkung eines neuen Blicks auf die Geschichte mit Priorität auf den Lebenswelten und Denkweisen breiter Gesellschaftsschichten. Die Themen wurden dabei oftmals mikro- oder makrohistorisch bearbeitet. Beide Vorgehensweisen sind eng an ähnliche Werke der französischen und italienischen Historiographie mit Vorbildcharakter angelehnt, wodurch einmal mehr der erreichte Stand der Internationalität deutlich wird. Dabei stellten die zweite und dritte Generation der Annales-Schule weiterhin die Vorbilder dar, obgleich auch die bundesdeutsche Gesellschaftsgeschichte international beachtete Standardwerke vorlegte. Die dominante Nationalfixierung der deutschen Geschichtswissenschaft kann damit seit den 1970er und 1980er Jahren als weitgehend überwunden gelten. En vogue sind heute Richtungen, die bereits in ihren Eigenbezeichnungen zum Ausdruck bringen, dass sie vielfältige Verflechtungen jenseits enger Grenzen erforschen, raumübergreifende Untersuchungsgegenstände vorweisen und sich sprachlich-kultureller Bilderforschung verpflichtet fühlen: „entangled history/histoire croisée“, „transnationale Geschichte“, „Globalgeschichte“, „Imagologie“, „spatial turn“ oder „linguistic turn“ wären hier die Labels. Sie zeigen in erster Linie an, dass im 21. Jahrhundert Geschichtsschreibung nicht mehr geographisch-ethnisch bzw. thematisch begrenzt stattfindet. Mit Vorliebe werden stattdessen Perspektiven eingenommen, deren Bezeichnung mit „über-“, „trans-“ oder „inter-“ beginnen und positiv konnotiert sind, da sie suggerieren, dass dabei die gewöhnlichen, eng gezogenen Grenzen verlassen werden. Diese Richtungen bedeuten zugleich, dass Geschichtsschreibung in der heutigen Praxis zunehmend als internationale Kooperation in der Form von inter- und intrauniversitären, oftmals sogar von internationalen Forschungsprojekten und –verbünden aufzufassen ist. Dabei illustriert der unübersehbare Gegensatz zwischen so unterschiedlichen Strömungen wie „europäische Geschichte/Europäistik“ und „Weltgeschichte“ nicht nur das Ende der dominierenden „Meistererzählungen“, sondern den aktuellen Stand einer Historiographie, die sich scheinbar restlos dem Dekonstruktivismus und einer postmodernistischen Wahrheitsauflösung ergeben hat (Kritik hieran: Kiesow 2000). Wenn der Aufbau historiographischer Werke zunehmend als den Strukturen literarischer Texte gleichsetzbare Bauten und die Werke selbst als zielgerichtete „Erzählungen“ ihrer Autoren aufgefasst werden (White 1991), dann geht es nicht mehr um das „wie es gewesen ist“ (Ranke) wie zu Zeiten des Historismus. Diese (Lesart der) Geschichtswissenschaft verzichtet auf die einzig seligmachende Wahrheit. Sie erklärt die Historiographie zur vielstimmigen interpretatorischen Interpretin und damit auch den internationalen Erfolg ihrer Ausdifferenzierung.

Die strukturelle Internationalität der Geschichtswissenschaft wird im 21. Jahrhundert schließlich durch zwei Aspekte wesentlich erleichtert, die im Begriff der „Mobilität“ gebündelt werden können. Mobilität bedeutet hier zum Einen die Möglichkeit und Bereitschaft des Nachwuchses, Teile ihrer Ausbildung im Ausland zu absolvieren. Förderprogramme unterschiedlichster Art (nationale und internationale Stipendien für Studenten, Doktoranden, Postdoktoranden; Universitäts- und Projektkooperationen usw.) stehen hierfür zur Verfügung. Zum Anderen wurde Mobilität aber in den letzten Jahrzehnten durch die Politik erzwungen, indem sie den universitären Mittelbau abgeschafft und viele Historiker ins Ausland vertrieben hat. (Da die Geschichtsschreibung die ihr im 19. Jahrhundert zugedachte Aufgabe als Sinnstifterin der Nation nicht mehr wahrnimmt, war dies aus Politikersicht die logisch folgerichtige Handlung, richtete man doch die meisten Lehrstühle im Zeitalter des Nationalismus ein. Im Herbst der Nationalstaaten sind keine Erweckungspredigten mehr nötig). Die Mobilität der deutschen Historiker hat international den Vorteil, dass die Qualität der Historikerausbildung von Glasgow bis Singapur gehoben wird. Beide Aspekte der Mobilität führen zudem zu geistigen Austauschprozessen und verhindern im jeweiligen Land die Verfestigung der herrschenden Denkstile zu Paradigmen.

Die Internationalität der Geschichtswissenschaft ist im heutigen Europa damit ein auf der Ebene des Nachwuchses, der Zunft, der Institutionen und in der thematischen sowie forschungsprogrammatischen Vielfalt der Disziplin nachweisbarer Zustand. Dieser wird durch Stipendien und die Möglichkeit von Forschungsaufenthalten im Ausland gefördert.

Interessante Bücher zum Thema:

Budde, Gunilla – Conrad, Sebastian – Janz, Oliver (2006) Hgg.: Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. Göttingen.

Conrad, Sebastian – Eckert, Andreas – Freitag, Ulrike (2007) Hgg.: Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen. Frankfurt/New York.

Gehler, Michael – Vietta, Silvio (2010) Hgg.: Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte. Wien – Köln – Weimar.

Hammerstein, Notker (1988) Hg.: Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900. Wiesbaden – Stuttgart.

Iggers, Heorg G. (1971): Deutsche Geschichtswissenschaft. Die Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herder bis zur Gegenwart. München.

Kieso, Rainer M. – Simon, Dieter (2000) Hgg.: Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft. Frankfurt/M. – New York.

Jarausch, Konrad H. – Sabrin, Martin (2002) Hgg.: Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945. Göttingen.

Le Goff, Jacques (u.a., 1990) Hgg.: Die Rückeroberung des historischen Denkens. Frankfurt/M.

Logvinov, Michail I. (2003): Studia imagologica: zwei methodologische Ansätze zur komparatistischen Imagologie. In: Germanistisches Jahrbuch GUS „Das Wort“, 203-220 (www.daad.ru/wort/wort2003/Logvinov.Druck.pdf

Loth, Wilfried – Osterhammel, Jürgen (2000) Hgg.: Internationale Geschichte. Themen - Ergebnisse – Aussichten. München.

Kühberger, Christoph (2010): Europäische Geschichte nach dem spatial turn: Geschichtsdidaktische Erkundungen zu transkulturellen Momenten. In: Gehler u.a., 2010, 353-381.

Middell, Matthias (2002): Europäische Geschichte oder global historymaster narratives oder Fragmentierung? Fragen an die Leittexte der Zukunft. In: Jarausch (2002), 214-253.

Mollin, Gerhard Th. (2000): Internationale Beziehungen als Gegenstand der deutschen Neuzeit-Historiographie seit dem 18. Jahrhundert. Eine Traditionskritik in Grundzügen und Beispielen. In: Loth – Osterhammel (2000).

Osterhammel, Jürgen (2001): Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zur Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich. Göttingen.

Osterhammel, Jürgen (2001a): Raumerfassung und Universalgeschichte. In: Osterhammel 2001, 151-170.

Osterhammel, Jürgen (2008) Hg.: Weltgeschichte. Stuttgart.

Raphael, Lutz (2003): Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München.

Rößner, Susanne (2009): Die Geschichte Europas schreiben. Europäische Historiker und ihr Europabild im 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. – New York.

Schulze, Winfried (1993): Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München.

Werner, Michael – Zimmermann, Bénedicte (2002): Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen. In: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), 607-636.

White, Hayden (1991): Metahistory: Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt/M.

Wittkau, Annette (1992): Historismus. Zur Geschichte des Begriffs und des Problems. Göttingen.

[1] Unter dem Begriff der „Internationalisierung“ soll der inkrementelle Prozess verstanden werden, im Zuge dessen nationale und nationalstaatliche Referenzpunkte und Bezugssysteme zunehmend überwunden und mit trans- sowie internationalen Elementen ersetzt werden. Der Begriff „Internationalität“ hingegen bezieht sich auf den Stand der Internationalisierung zu einem gegebenen Zeitpunkt.

[2] Die Frage, ob und inwieweit diese Aufgaben die Gesellschaft der Geschichtswissenschaft übertrug und inwieweit die sich formierende Zunft der Historiker diese Aufgaben sich selbst als eigene Ziele setzte, kann nicht Gegenstand dieser Erörterungen sein.



20:22 01.09.2010
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Geschrieben von

Zachor!

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