Frankreich - Unter den Linden

Kulturbeziehungen In den letzten Jahren der DDR war das Centre Culturel Français in Ost-Berlin das Bindeglied französischer Außenpolitik und DDR-Gesellschaftsgeschichte – ein Rückblick

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Die Einrichtung des CCF war innerhalb eines Kulturabkommens geregelt, welches bereits 1979 durch den französischen Außenminister Jean François-Poncet forciert wurde
Die Einrichtung des CCF war innerhalb eines Kulturabkommens geregelt, welches bereits 1979 durch den französischen Außenminister Jean François-Poncet forciert wurde

Foto: BINH/ AFP/ Getty Images

Vielleicht wäre Anna Seghers, die einen ihrer bekanntesten Romanwerke, Transit, an der französischen Mittelmeerküste, in der unüberschaubaren Stadt Marseille, ansiedelte, gern bei den Verhandlungen dabei gewesen; sie war schließlich langjährig erste Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR und somit im kulturpolitischen Bereich eine einflussreiche Persönlichkeit.

Frankreich, Kultur, DDR. Drei Worte, eine Verbindung. Die kulturellen Beziehungen zwischen dem zweiten deutschen Staat und dem westlichen Nachbaren waren ausgeprägter als so mancher heutzutage vermuten würde. Die DDR fuhr Citroën, hörte Gilbert Becaud im Kessel Buntes und organisierte deutsch-französische Schüleraustauschprogramme, beispielsweise nach Thüringen. In der DDR wurde Louis Aragon gelesen, aber las Frankreich auch Tschingis Aitmatow? Dessen Dshamilja Aragon doch als schönste Liebesgeschichte der Welt bezeichnet hatte.

Der Blick gen Westen war häufiger, als der Blick nach Osten, sowohl nach Westdeutschland, als auch nach Frankreich. Den allgemeinen diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und der Deutschen Demokratischen Republik wurde in der Geschichtswissenschaft lange kaum Aufmerksamkeit zuteil – zu wichtig waren die (west-)deutsch-französischen Beziehungen, wobei hier schon deutlich wird, das sie als die einzig wahren angesehen wurden und werden. 1989 bezeichnete Gerhard Kiersch die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR in einem Aufsatz noch als einen „vergessenen Bereich“. Ulrich Pfeil war einer der ersten, der die „anderen“ deutsch-französischen Beziehungen untersuchte. Ja, anders waren sie, ohne Zweifel. Weniger Wirtschaft, mehr Kultur - wo findet man das heute schon noch?

Das französische Kulturzentrum, das Centre Culturel Français (CCF) in Ost-Berlin, ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Es wurde am 27. Januar 1984 durch den französischen Außenminister, Claude Cheysson, an der Berliner Prachtstraße Unter den Linden, also an prominenter Stelle, eröffnet. Vorausgegangen waren lange Jahre der Verhandlungen, Kompromisse auf beiden Seiten, und die Eröffnung eines DDR-Kulturzentrums an nicht weniger prominenter Stelle, dem Boulevard Saint-Germain 117 mitten im Pariser Quartier Latin, wo heute die École de journalisme de Sciences Po residiert. An der Eröffnung des Centre Culturel Français nahmen auf Seiten der DDR neben VertreterInnen aus Kultur und Wissenschaft Volksbildungsministerin Margot Honecker, Außenminister Oskar Fischer, Kulturminister Hoffmann sowie die Leiterin der Abteilung Kultur beim ZK der SED Ursula Ragwitz teil.

Die Einrichtung des CCF war innerhalb eines Kulturabkommens geregelt, welches eingebunden in eine Reihe anderer Abkommen und Vorschläge für eine engere Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der DDR plädierte, deren Aushandlung bereits 1979 durch den französischen Außenminister Jean François-Poncet forciert wurde, der als erster Außenminister der Westmächte der DDR einen offiziellen Besuch abstattete. Obwohl die DDR versuchte, mit einer Verordnung über Kulturzentren anderer Staaten Frankreich Steine in den Weg zu legen, wurde das Kulturzentrum mit minimaler Verzögerung eröffnet, da – entgegen anders lautender Aussagen – keines der beiden Länder eine Absage riskieren konnte, zu offensichtlich war die beidseitige Zusammenarbeit im Vorfeld gelobt worden.

Die Vereinbarungen sahen unter anderen vor, dass jeder interessierten DDR-Bürgerin bzw. jedem interessierten DDR-Bürger freier Einlass ins CCF gewährt werden müsse, und die diversen ausliegenden französischen Tages- und Wochenzeitungen gelesen und Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen werden könnten. Für die zuständigen VerhandlungsführerInnen der DDR müssen diese Punkte nur schwerlich zustimmungsfähig gewesen sein; Frankreich aber beharrte erfolgreich darauf, auch, da die Kulturzentren eine zentrale Institution der französischen Außenpolitik darstellten und auch in anderen osteuropäischen Staaten kontinuierlich aufgebaut wurden.

Das CCF in Ost-Berlin war neben einem Ausstellungsaal und einer Bibliothek auch mit mehreren Unterrichtsräumen ausgestattet, in denen eine der primären Aufgaben des CCF stattfand, nämlich die Vermittlung der französischen Sprache und damit einhergehend auch der Literatur. Die DDR begab sich mit ihrer Zustimmung auf diplomatisches Neuland, war doch das französische Kulturzentrum das erste eines westlichen Staates in der Republik und sollte auch das einzige bleiben.

Die Bedeutung die damit verbunden ist, sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, verpflichtete sich die DDR damit doch auch – in gewissem Maße – ungehindert Informationen aus westlichen Staaten für ihre Bevölkerung zugänglich zu machen. Dies geschah sicher nicht ohne die Hoffnung, dass die neue kulturelle Freizügigkeit auf die (sowieso besser mit „westlichen“ Informationen versorgten) BerlinerInnen beschränkt bliebe und das CCF nur eine geringe Menge an Besuchern generieren könne, da beispielsweise die zur Verfügung gestellten Plätze für Sprachkurse reglementiert wurden. Bereits vor der Eröffnung jedoch zeigte sich ein reges Interesse und die verfügbaren Plätze waren schnell ausgebucht. In den Jahren seiner Existenz konnte das CCF somit tausenden DDR-BürgerInnen ein Stück informationelle Selbstbestimmung in ihrem sonst so zensurbelasteten Staat ermöglichen.

Die kulturzentrierte Außenpolitik Frankreichs hatte also indirekten Einfluss auf Teile der DDR-Gesellschaft. Ob diese Form des Wandels durch Annäherung beabsichtigt war, ist nicht sicher überliefert, es ist aber eher davon auszugehen, dass sie unbewusstes Beiwerk war. Zu sehr war die auswärtige Kulturpolitik Frankreichs als staatlich-zentristisch organisierte Politik zur Verbreitung der französischen Sprache und Kultur erdacht worden – sowohl bei Valéry Giscard d‘Estaing als auch bei François Mitterand. Im Jahr 1989 existierten weltweit mindestens 170 französische Kulturzentren - das Berliner war also eines unter vielen.

Die DDR bot zur Eröffnung ihres Kulturzentrums in Paris viele Persönlichkeiten des kulturellen Lebens auf. Neben der weltbekannten Diseuse Gisela May, die Brecht-Songs vortrug, kam auch Herrmann Kant als Vertreter des Schriftstellerverbandes und die Dresdner Staatskapelle war für die musikalische Umrahmung zuständig. Die französische Eröffnung in Berlin, im kalten Januar, war nicht durch große Namen geprägt. Im Gegensatz zu Paris jedoch wurde Berlin besser besucht, nicht nur, da die ostdeutsch-französische Freundschaftsgesellschaft jetzt einen zentralen Anlaufpunkt hatte, sondern auch, da sich das CCF als guter Informationspunkt über das allgemeine Leben und die politischen Verhältnisse in den Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs erwies. Sogar auf spezielle Wünsche oder Themenvorschläge der ostdeutschen BesucherInnen konnte das CCF eingehen und sein Programm entsprechend verändern und anpassen.

Das Frankreich-Bild in der DDR war weitgehend positiv konnotiert. In den Schulen war häufig die Rede von einer Kulturnation, den revolutionären Kämpfen der ArbeiterInnen, der Pariser Kommune und der Front populaire. Vielleicht spielten auch diese Gründe, zusammen mit dem starken Hang der DDR nach internationaler Anerkennung, eine Rolle, dass Frankreich im Gegensatz zu Italien ein Kulturzentrum eröffnen konnte.

In der politischen Dimension, die das CCF einrahmt, agierte Frankreich relativ unabhängig von den Spezifika und der Beschaffenheit des jeweiligen Gegenüber, wogegen die DDR fallbezogen entschied. Auch die Rolle einzelner Akteure sollte dabei nicht unbeachtet bleiben. Das Verhältnis zwischen François Mitterand und Erich Honecker – und damit wäre bereits die oberste politische Ebene betroffen – galt als konstruktiv. Beim Staatsbesuch Honeckers 1988 in Frankreich freute sich Mitterand wörtlich, diesen „großen deutschen Staatsmann“ treffen zu dürfen, wie der Spiegel damals zu berichten wusste. Honeckers Zustimmung soll letztlich auch den Ausschlag für die endgültige Eröffnung des CCF gegeben haben.

Das politische Projekt CCF wurde nach der Eröffnung zusehends zu einem gesellschaftlichen Projekt und stand somit auch Pate für die langsame Öffnung der DDR im Nachgang der KSZE-Konferenz. Die Bereitschaft, der in der DDR kulturpolitisch Verantwortlichen, hin zu westlich-kultureller Öffnung war riskant, und hätte durchaus auch die ungeliebte Opposition hätte stärken können – was sie indirekt vielleicht auch tat. Schlussendlich ist die Entscheidung positiv zu bewerten und wäre ohne das auswärtige Kulturengagement Frankreichs nicht möglich gewesen.

Mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland – wie es juristisch korrekt formuliert wäre – kam auch die Wende für das Centre Culturel Français. Sein Ende war seiner Bedeutung weniger angemessen. Es wurde, begleitet von Protesten, 1995 geschlossen.

Resümierend ist das CCF als Insel innerhalb der DDR-Gesellschaftsgeschichte zu betrachten, zeigt es doch auch, dass die Kultur die Schranken des politisch Vorgegebenen unterlaufen kann und so manche Tür in der Diktatur des Proletariats ein stückweit aufstoßen. Christa Wolf fragte einmal Was bleibt? Vielleicht würden ehemalige BesucherInnen des CCF mit Anna Seghers antworten: „Wie war es mir gut, an diesem Ort zu warten, der keinem der Orte glich, an denen ich mich sonst herumtrieb“.


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Geschrieben von

Garbo

»Die Zeit der Kunst ist eine andere Zeit als die der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken«
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