Europa diskutiert und feiert

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Das Thema Migration stand im Mittelpunkt zahlreicher Veranstaltungen des TRANSEUROPA Festivals 2011. In London untersuchte man den Zusammenhang zwischen dem globalen Wirtschaftssystem und Wanderungsbewegungen: das Kapital ist immer ungehemmter mobil, während die Arbeit nach wie vor relativ ortsgebunden bleibt; dies betrifft Arbeitnehmer in den traditionellen Industrieländern, die auf einmal im Wettbewerb etwa mit dem chinesischen Lohnniveau stehen – Stichwort Lohndumping. Wer umgekehrt als Anbieter von (oft gering bezahlter) Arbeit auf den Markt treten will, muss dies oft illegal tun, wenn er aus ärmeren Ländern des Südens oder Ostens kommt, weil Arbeitsmärkte immer noch Reservate der nationalen Politik sind – kein Wunder, das sie eng mit dem teuren Sozialstaat verknüpft sind. Der Zugang zu den Arbeitsmärkten im Norden ist streng reglementiert, doch ziemlich freizügig bewegt sich Kapital aus eben jenen Ländern in der Welt und beutet Volkswirtschaften im Süden mitunter gehörig aus. Wer diesen Asymmetrien auszuweichen sucht, wird schnell als Migrant kriminalisiert. Die strukturellen Bedingungen der Weltwirtschaft sind also ein entscheidender Faktor, der Migration beeinflusst. Die Diskussionen in Prag kreisten eher um die spezifische Migrationssituation in mittel- und osteuropäischen Ländern: Welche Akzeptanz haben Einwanderer dort, wie wirkt sich der teilweise stark ausgeprägte Nationalismus auf sie aus? Aus ebenso traurigem wie aktuellem Anlass befasste sich das Festival auch in Bologna mit Migration: In Italien ist es schon letztes Jahr zu Gewalt gegen Einwanderer gekommen, die im Gegenzug gegen Diskriminierung und Ausbeutung auf die Straße gingen. Wie mag sich die Lage angesichts nicht abebbender Flüchtlingsströme entwickeln?

Aspekte politischer Herrschaft im Zeichen von Bürgermobilisierung und Netzwerkbildung wurden in Bratislava und Sofia angesprochen: Welche Rolle werden etablierte Akteure in Zukunft spielen, z.B. die katholische Kirche in der Slowakei? Können neue Medien und innovative Kommunikationstechniken Partizipation und Gleichberechtigung fördern? In Paris schließlich wurde debattiert, wie die EU auf Belarus ("Europas letzte Diktatur") Einfluss nehmen kann, um demokratischen und zivilgesellschaftlichen Wandel in dem Land voranzutreiben.

Bei aller themenbezogenen Arbeit und Auseinandersetzung berichten Teilnehmer von ebenso interessanten Begegnungen mit europäischen Nachbarn, von Austausch, Debatte, überraschenden Ein- und vielversprechenden Aussichten – und natürlich von Feierlaune, polyglotten Gehversuchen und transnationalen Getränketests. Aber genau darum geht es ja.

Mehr zu den vielen europaweiten Veranstaltungen der letzten Tage hier.

00:49 13.05.2011
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Geschrieben von

Gregor Dömling

TRANSEUROPA in Berlin
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