Transnationalität im Blick: Körperlose Grenzen, grenzenlose Körper

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Die letzten Tage des TRANSEUROPA Festivals 2011 in Berlin standen ganz im Zeichen des Themas Migration: Am Freitag ging es um die EU-Flüchtlings- und Asylpolitik im Zeichen der Einwanderungswelle aus Nordafrika, während am Samstag und gestern im Kino Arsenal Videoprogramme gezeigt wurden: Dokumentarfilme über Flucht und Abschiebung, aber auch über den Körper als Projektionsfläche und selbstbestimmter Akteur.

Dass man derzeit eher von einer „Festung“ als von einem „Leuchtturm Europa“ sprechen kann, darin stimmten bei der sehr gut besuchten Vortrags- und Diskussionsrunde im Südblock Kreuzberg am Freitagabend die grüne MEP Ska Keller und Oktay Durukan, Vertreter der Flüchtlingsschutzorganisation Helsinki Citizens´ Assembly Turkey, überein und bewerteten vor allem die diversen Rückführungsabkommen europäischer Staaten kritisch, die mit Ausgangsländern von Migrationsbewegungen geschlossen wurden – mit Marokko, Mauretanien, im Prinzip auch Libyen und Tunesien, vielleicht auch bald mit der Türkei. Menschen können ohne viel Aufhebens dorthin zurückgeschickt werden, die betreffenden Länder haben (mit Unterstützung der nördlichen Nachbarn) für Unterbringung und Versorgung der Asylsuchenden zu sorgen.

Festungen hatten früher eine Glacis, eine freie, leicht abfallende Fläche vor den Mauern, um Angreifern jede Deckung zu nehmen und ihre Annäherung zu erschweren. Mit den Rückführungsabkommen haben sich EU-Staaten genau so eine Glacis geschaffen, wenn sie die Migranten schon im Vorfeld abfangen und unter oftmals dubiosen rechtlichen und humanitären Bedingungen vor ihren Mauern dahinvegetieren lassen. Wenn nun auch mit der Türkei ein solches Abkommen geschlossen wird, wie Durukan ausführte, werden die Einwanderer zur Verhandlungsmasse, wenn sich Ankara etwa im Gegenzug Visafreiheit für seine Staatsbürger ausbedingt. Vielleicht liegen die faktischen Grenzen Europas dann irgendwo hinter dem Van-See, wenn türkische Grenzer schon dort eifrig nach potenziellen Migranten Ausschau halten. Zwar ist Asyl- und Einwanderungspolitik noch immer hauptsächlich Sache der einzelnen EU-Mitglieder, doch mit Verordnungen zur unionsinternen Koordinierung von Asylverfahren und mit der Grenzschutzagentur Frontex tritt auch die EU immer stärker auf den Plan. Die Flüchtlinge aus Nordafrika könnten kaum Europas Wohlstand und Stabilität gefährden, so Frau Keller, man müsse in einer europäischen Politik der kleinen Schritte zu einer Öffnung und Zusammenarbeit in Migrationsfragen gelangen. Die inneren Grenzen Europas werden – dänische Zöllner hin oder her – immer unbedeutender, doch ihre äußeren immer undurchlässiger, auch wenn sie sich aufgliedern und verlagern. Räumlich mögen sich die EU-Grenzen entzerren, indem etwa ihre Zugangskontrollfunktion schon in der Sahara oder in Ostanatolien wahrgenommen wird, aber die Mauern der Festung Europa stehen dadurch nur noch fester.

Am Samstag ging es im Kino Arsenal um den menschlichen Körper als Grundstruktur in der Sprache der Transnationalität. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Film und Videokunst e.V. und dem Kunstraum Savvy Contemporary wurden fünf Videoarbeiten gezeigt, die den als Körper als Sprache und Allegorie inszenieren. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, der menschliche Körper eigne sich nur sehr bedingt zur Darstellung von Transnationalität, da er doch sehr an traditionelle Staatsvorstellungen erinnert (wie z.B. die berühmte Abbildung des Hobbes'schen „Leviathan“ oder die politikwissenschaftliche Idee der „Westfälische Souveränität“ genannten Konzeption eines selbstbestimmten Nationalstaats, wie er sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in Europa durchsetzte). Doch Körper sollen in den Arbeiten nicht homogen gedacht werden, sondern als Zusammenspiel konkurrierender Elemente und Kräfte. Zwei der Kuratoren, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Tobias Hering, haben sich einem parallel herausgebrachten Diskussionspapier denn auch ablehnend gezeigt, den Begriff „Transnationalität“ überhaupt zu verwenden, da er mittlerweile wenig trennscharf für alle möglichen globalen Prozesse verwendet würde. Vielmehr ging es in den Filmen um körperlich sichtbare Ausbeutung, Vertreibung und Verletzung von Menschen, und darum drehen sich auch viele politische Vorgänge und grenzübergreifende Prozesse. Die leidvolle Problematik von Vertreibung und „ethnischer Säuberung“ griff auch der Filmabend am Sonntag auf, der in Kooperation wiederum mit dem Institut für Film und Videokunst e.V., der Roma-Organisation Amaro Drom e.V. sowie mit Xenion – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte entstand: „Willkommen zuhause“ von Eliza Petkova schilderte eindrucksvoll das Schicksal von aus Deutschland ins Kosovo zurück abgeschobenen Roma-Familien, thematisiert Schwachstellen und Versagen des deutschen Asylrechts. Zugleich wird erneut deutlich, dass die Roma nach wie vor eine diskriminierte Minderheit sind – vom Scheitern europäischer Außen- und Nachbarschaftspolitik auf dem Balkan einmal ganz zu schweigen. Denn warum musste das Kosovo so schnell in die faktische Unabhängigkeit entlassen werden, ohne dass für einen westlichen Standards entsprechenden Minderheitenschutz gesorgt gewesen wäre? Hier hat Europa in keinster Weise transnational gedacht, sondern der Bildung möglichst homogener Nationalstaaten Vorschub geleistet. Einen ähnlich skeptischen Blick, aber auf die Innendimension der Migration, warf auch „Ceux de Primo Levi“, der zweite Film des Abends. Die Situation von Folteropfern, die in Frankreich Zuflucht gefunden haben, und der Umgang ihrer Umgebung mit ihnen wurde sensibel und kritisch beleuchtet. In der anschließenden Diskussion wurde denn auch deutliche Kritik an der gängigen Asyl- und Migrationspraxis europäischer Länder geäußert.

19:21 16.05.2011
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Geschrieben von

Gregor Dömling

TRANSEUROPA in Berlin
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