gedankenreiter

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gedankenreiter
RE: Du sollst deine Leser nicht beschämen | 18.10.2012 | 15:37

Ich habe das Buch auch gelesen und denke, dass die Sprache von Noah Sow schon auch gezielt provozieren will. Ich spüre in ihren Worten eine Menge Wut, sie will offenbar nicht einfach nur ein sachliches Buch schreiben.

"aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin."

Ja, meine Erfahrung ist auch, dass Menschen wegen ihrer Herkunft diskriminiert werden. Aber 1. führt das leider nicht dazu, dass solche Menschen automatisch die Strukturen von Rassismus erkennen und sich daher Menschen anderer Kulturen gegenüber nicht rassistisch verhalten. Darüber diskutiere ich dann auch ab und an mit meinem türkischstämmigen Umfeld.
2. Herkunft ist nicht identisch mit Hautfarbe. Noah Sow versteht sich als Deutsche. Sie wird aber nicht diskriminiert, weil sie Deutsche ist, sondern weil sie schwarz ist. Deine Herkunft sieht mensch Dir nicht an. Deine Hautfarbe schon.

Rassismus ist ein schwieriges Thema, weil ich inzwischen zur Einsicht gekommen bin, dass wir alle mit bestimmten Vorstellungen aufgewachsen sind und daher alle in die Situation kommen können, aufgrund von fehlendem Wissen und vorgegebenen Denkstrukturen rassistisch zu sprechen oder zu handeln. Insofern ist es wichtig, dass sich jeder gerade auch mit seinem eigenen Rassismus beschäftigt.

Daher befürchte ich, dass jeder Mensch, der von sich behauptet, kein Rassist zu sein, sich der Möglichkeit beraubt, sein Verhalten dahin gehend kritisch zu hinterfragen.

Nur zum Verständnis: Ein Rassist ist für mich ein Mensch, der seine Geisteshaltung bewusst und absichtlich lebt. Ich will auch kein Rassist (Sexist, etc.) sein, aber ich kann nicht ausschließen, dass ich aus mangelndem Wissen etwas tue, das von anderen als rassistisch, sexistisch empfunden wird.

Und soweit ich Noah Sow verstanden habe, erwartet sie, dass (gerade auch) weiße Deutsche die Bedeutung von Hautfarbe und kolonialistisch/rassistisch geprägten Begriffen und Handlungen kennen und sich entsprechend verhalten.
Ich kann Noah Sows Wunsch verstehen, allein die Praxis zeigt mir, dass selbst ich als sogenannter PoC nicht automatisch mit der Geschichte schwarzer Deutscher vertraut bin und so in jedes erdenkliche "Fettnäpfchen" treten kann. Das darf aber dann keine Entschuldigung für mich sein, mich von jeder Schuld freizusprechen.

Problematisch finde ich, dass wir in Deutschland (noch) keine wirkliche Kultur des Antirassismus haben. Generell habe ich nicht den Eindruck, dass wir bereits in der Schule lernen, was überhaupt Diskriminierung ist, wie Diskriminierung entsteht und wie mensch sie vermeidet. Deswegen sehe ich die Aussage "Ich bin kein Rassist" immer erst einmal kritisch.
Das ist für mich so, als würde ich als Autofahrer sagen, "Ich bin kein Mörder, also kann ich auch niemals einen tödlichen Autounfall verursachen". Wir wissen aber, dass dies niemand garantieren kann. Wir alle können einen Autounfall verursachen, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen alle unter Generalverdacht stehen, Mörder zu sein. Selbst wenn wir einen solchen Unfall verursachen würden, würde uns niemand Mörder nennen. Schuld haben wir dann aber trotzdem auf uns geladen, mit der wir leben müssen.

Noch etwas: Aufgrund der Kolonialgeschichte Koreas weiß ich, dass damals eine Hierarchie der Hautfarben existierte. An der Spitze steht der weiße Mann, ganz unten der schwarze, und dazwischen die anderen. In Asien stand der japanische Mann ganz oben, gefolgt von den anderen. Diese Hierarchie lebt meiner Ansicht nach leider auch heute noch unausgesprochen weiter. Wenn mensch (ohne es zu wissen) ganz oben in der Hierarchie angesiedelt ist, dann mag mensch das nicht so dramatisch sehen. Wenn mensch aber vermittelt bekommt, unten angesiedelt zu sein, sieht das ganz anders aus, dann bekommt der Begriff "Privileg" eine ganz andere, eine handfeste Bedeutung. Auch die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung fü

Das Buch von Noah Sow ist schon wichtig und richtig. Die gewählte Didaktik mindert aber meiner Meinung nach den Transfer auf die eigene Person. Die Akzeptanz, dass wir alle in der Lage sind zu rassistischen Äußerungen oder Handlungen, wird so offenbar nicht geweckt und gefördert. Aber vielleicht öffnet das Buch den Weg zu einem Dialog. Und das wäre doch schon etwas. ;-)

Zum Begriff "multi-ethnische Gesellschaft":
Ein Interview von Henryk M. Broder mit Thilo Sarrazin in der TAZ (http://www.taz.de/!62422/) hat mir bewusst gemacht, dass "Ethnie" im Grunde nichts anderes ist als eine euphemistische Beschreibung des Wortes "Rasse".
Sarrazin: "Irgendwann in einer Spätphase meinte der Verlag, ich sollte doch überall das Wort 'Rasse' durch 'Ethnie' ersetzen. Das habe ich dann auch gemacht. Das war mir völlig egal."

Von daher finde ich den Ausdruck "multi-ethnische Gesellschaft" gefährlich. Mit dem Begriff "multi-kulturelle Gesellschaft" kann ich schon mehr anfangen, obwohl ich auch damit noch Bauchschmerzen habe.