Ein Leben zwischen Campbell-Dosen – Kommentar zu meiner Generation

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Bei aller spürbaren Distinktionsbefriedigung innerhalb der anhaltenden Debatte über die Generation der vermeintlichen politischen Taugenichtse wird übersehen, dass die heute 20- bis 30-jährigen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang aufgewachsen sind, der von denen mitgetragen und reproduziert wurde, die nun – zurecht – mahnend und kritisch auf unsere Generation blicken.

Innerhalb der Debatte über die „Maybes“ und „Fühlenden“ wurde die Welt, in der wir leben, bisher weiträumig ausgespart. Die Versuche, unsere Generation beschreiben, fanden im Vakuum statt, fernab von Kontext, Zeitgeschichte, Lebensgefühl und Philosophie. Auch die Generation der 68er stand in einem Kontext. Auch diese Generation war Produkt einer Zeit, die von kritischem Geist durchtränkt war. Sie sind nicht die genuin besseren Wesen. Sie sind Produkte wie wir.

Diese Produkthaftigkeit lähmt uns und macht uns zu schaffen, denn wir wissen um sie. Die Philosophie hat den Alltagszeitgeist erreicht, in dem das ‚Subjekt tot’ und die Handlungsfähigkeit erschöpft ist. In dem Filme wie „Inception“ in den Kinos laufen, und Bücher geschrieben werden, die entweder nur in indirekter Rede oder vollständig in Fragen formuliert sind. Hallo, Zeitgeist.

Viele Menschen unserer Generation sind Ergebnisse einer Angst, die jeden Tag unterschwellig warnt, nicht aus dem kapitalistischen Karussell auszusteigen. Die Welt hat uns zudem gelehrt, dass der Mensch sich seinen Wert und seine Würde erst verdienen muss. Wir leben mit Drohungen und Negativ-Beispielen von „Verlierern“, gleichzeitig wird uns durch normierte, institutionalisierte Lebensläufe die Zeit genommen, eben jenes zu reflektieren und uns zu ermächtigen. Wir wachsen auf in einer temporeichen Welt des Informationsüberschusses und der kognitiven Massenbestrahlung, zu der auch die aktuelle Hirnforschung und Neurologie bestätigt, dass hier tiefgreifend nichts begriffen werden kann. Wir leben im Kontext alternativloser Glücksversprechen, die im Konsum und dem Lifestyle münden, und der Einzelne kommt in einer normierten Gesellschaft gegen die Macht der materiellen Kultur nicht an.

Dieses falsche Bewusstsein haben ‚wir’ mit der Muttermilch aufgesogen, und nun wundert ‚ihr’ euch über ‚unsere’ Ironie angesichts dieser grotesken Welt 2012, gefühltes 1984. Da wart ‚ihr’ noch am Zug.

Aufgewachsen sind wir in einer in vielerlei Hinsicht nicht vertretbaren Welt. Täglich erleben wir Machtlosigkeit gegenüber Korruption und fundamentalen Missständen, beobachten die Diktatur der Wirtschaft, die Politik ohne Bezug zur Repräsentation, das Unisono der Medien. Seelenruhig werden Waffen exportiert, die Erde ausgebeutet, jede Moral du Ethik dem Geld untergeordnet. In Talkshows darf Patrick Döring von der „Tyrannei der Massen“ sprechen, ohne dass ernsthaft Rechenschaft gefordert wird. Wir sehen die Frankfurter Polizei und dann auch noch den Bundesgerichtshof politische Beteiligung unterbinden und Grundrechte beschneiden. Wir heulen. In unseren Wohnzimmern. Und das kann man uns wirklich ankreiden. Wir schreiten nicht ein. (Korrektur: Die meisten von uns schreiten nicht ein.) Doch kein Moralministerium schreitet ein, und auch ihr nicht. „Alternativlos“ als bewusstseinsprägender Begriff. Die ganze Gesellschaft, und das betrifft alle, leidet unter Entzug von Gegenöffentlichkeiten und dem Mut zur eigenen Wahrnehmung. Hallo, Zeitgeist.

Vielleicht sind wir erbärmlich. Aber wir sind Kulturdokumente. Wir sind eine Generation, die, metaphorisch gesprochen, traurig auf Campbell-Dosen herumrollt, weil wir das Gefühl haben, bei Guernica nichts ausrichten zu können.

Wir beobachten, dass die Referenz zu einer besseren Welt abhanden gekommen ist. Absurde, groteske Szenarien brauchen keine Erklärung mehr, scheinen aus sich selbst und ihrer eigenen Logik heraus zu existieren.

Die unschuldigen Fragen verstummen vor den absurden Tatsachen, die Folgen sind Lähmung und Machtlosigkeitserleben. Zudem unter dem Ruf stehend, politisch zu nichts Nutze zu sein, haben Teile meiner Generation resigniert. Ich möchte meine Generation aufrufen zu einer Ermächtigung, zu einer Teilhabe, zur Aneignung von Wissen, das dem kritischen Blick zuträglich ist. Es ist an der Zeit, dass unsere Generation den Rücken gerade macht und das zur Gesellschaft beitragen kann, wozu niemand, der den Planeten zu lange gesehen hat, in der Lage ist.

Der große Vorteil einer jeden ‚unwissenden’ Generation ist die Naivität des bloßen ‚Warum’. Wir haben uns noch nicht im Netz der alten Antworten verfangen. Hieraus entstehen Fragen, die nach ursprünglicher, gerechter Logik suchen und sich gegen die Entfremdung richten. In dieser Art, Fragen zu stellen, und der Entfremdung scheinbar eigendynamischer Systeme entgegenzuwirken, die grade heute dringend naiv befragt werden müssen, liegt unser großes - und enorm politisches - Potential.

Alles in allem rufe ich dazu auf, den weiten Blick einzunehmen, den Kontext anzusehen, in dem unsere Generation aufwächst. Es wäre wünschenswert, dem „wir“ und „ihr“ ein Ende zu machen, um zusammen die Umstände zu bekämpfen, die müde, gelähmte Menschen hervorbringen.

19:04 06.06.2012
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gedankenstimme

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