„Du kannst dein Baby nicht verhungern lassen“

Interview Antonina Mensah* erzählt von ihrer Schwangerschaft und ihrem Leben mit einem Neugeborenen in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende während der Corona-Pandemie
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„Du kannst dein Baby nicht verhungern lassen“

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Nikolai Huke: Wo haben Sie während der ersten Welle der Corona-Pandemie gelebt?

Antonina Mensah: Ich war in der Lindenstraße in Bremen untergebracht. Anfangs wohnte ich mit vier schwangeren Frauen in einem Raum im vierten Stock. Nachdem ich entbunden hatte, lebte ich mit einer anderen Mutter und deren Baby in einem Zimmer. In anderen Zimmern lebten drei Müttern und drei Babys zusammen.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Mitarbeiter*innen in der Lindenstraße?

Einige Leute von der AWO[1] sind sehr nett. Sie sind sehr gastfreundlich. Es ist ihnen egal, welche Hautfarbe du hast oder woher du kommst. Andere sind rassistisch. Als ich schwanger war, war ein Problem, dass ich in der vierten Etage wohnte. Ich musste das Treppenhaus nutzen. Es gibt zwar einen Aufzug, aber der ist abgeschlossen. Man darf ihn nur benutzen, wenn man eine Sondergenehmigung hat. Es war eine sehr schreckliche Erfahrung. Ich musste immer die ganze Treppe bis hoch in den vierten Stock laufen. Es war sehr schwierig für mich während der Schwangerschaft die Stufen hochzusteigen. Sie haben den Aufzug nicht für mich geöffnet, selbst wenn ich sie darum gebeten habe. Andere Bewohner ließen sie den Aufzug nutzen. Wenn das Personal einen arabischen oder türkischen Hintergrund hatte und ein junges türkisches Mädchen gesehen hat, das nicht einmal schwanger war, das nicht krank war, öffneten sie den Aufzug für sie.

Um den Aufzug benutzen zu dürfen, muss der Arzt dir ein Attest ausstellen, dass du krank bist oder nicht laufen kannst oder ein Frühchen entbunden hast. Das musst du zur AWO bringen. Sie geben dir dann einen Zettel, den sie stempeln und unterschreiben, mit dem du den Aufzug benutzen darfst. Den kannst du dem Sicherheitsdienst zeigen oder denjenigen, die von der AWO Dienst haben und ihnen sagen, dass das deine Genehmigung ist. Sie öffnen dir dann den Aufzug. Auf dem Zettel steht ein bestimmtes Datum, an dem die Genehmigung abläuft. Danach musst du wieder zu deinem Arzt gehen und ihm sagen: „Folgendes: Ich kann die Treppe immer noch nicht hochsteigen, ich bin noch nicht stark genug, also müssen Sie mich untersuchen.“ Dann schreiben sie mir wieder ein Attest. Das muss ich wieder zur AWO bringen, damit sie mir erlauben, weiterhin den Aufzug zu nehmen. Sie verlängern die Bewilligung nicht einfach so. Eine Mitarbeiterin der AWO meinte, dass sie selbst einen Brief von meiner Gynäkologin normalerweise nicht akzeptieren könne. Aber dann gab sie mir doch eine Genehmigung, die am Tag der Entbindung ablief.

Die Kantine ist morgens um sieben Uhr geöffnet, dann macht sie zu, dann öffnet sie erst wieder um zwölf Uhr. Dann macht sie wieder zu, das nächste Mal ist sie wieder um fünf Uhr geöffnet. Dann macht sie erneut zu. Dazwischen kann man dort kein Wasser trinken, also müssen wir meistens Wasser im Laden kaufen. Schwangeren wird geraten, keine schweren Lasten zu tragen, also zum Beispiel nicht das Wasser die Treppe hochzutragen. Ich habe dann unten gebeten: „Bitte, können Sie mir nur heute wegen des Wassers den Aufzug öffnen?“ Er sagte zu mir: „Nein. Wo ist Ihre Genehmigung? Wenn Sie keine Genehmigung haben, können Sie den Aufzug nicht benutzen.“ Du musst dann das Wasser wie eine afrikanische Frau auf dem Kopf tragen, während du die Treppe hochsteigst. Oder du lässt es unten stehen und fragst andere Geflüchtete aus der Lindenstraße, die du siehst: „Könnt ihr mir bitte mit meinem Wasser helfen?“ Und die sagen: „Okay, ich kann dir mit dem Wasser helfen.“

Was passierte nach der Geburt Ihres Kindes?

Ich habe drei Tage nach dem errechneten Geburtstermin entbunden. Meine Genehmigung für den Aufzug war dadurch bereits abgelaufen. Als ich wieder in der Lindenstraße ankam, sah ein Mitarbeiter der AWO, dass ich noch nicht wieder zu Kräften gekommen war und mein Baby in einem Autositz trug. Nachdem er mein Baby registriert hatte, bat ich ihn, den Aufzug für mich zu öffnen, da ich nicht genügend Kraft hatte, um mit dem Baby die Treppen hochzusteigen. Er hat das dann einfach gemacht. Anschließend konnte ich nicht zum Essen herunterkommen, weil ich zu schwach war. Mein Baby war viereinhalb Kilo schwer und es war eine vaginale Geburt. Ich dachte mir: „Wenn ich niemanden finde, der mir eine Genehmigung ausstellt, muss ich verhungern.“ Ich musste ja auch nach unten gehen, um meine Post zu kontrollieren, oder um die Leute von der AWO darum zu bitten, einen Brief für mich zu übersetzen. Oder um Wasser zu kaufen oder zu trinken. Aber sie sagten nur zu mir: „Sie wurden nicht operiert. Sie haben keine Probleme. Warum sollten wir Ihnen eine Genehmigung erteilen, den Aufzug zu benutzen?“ Ich antwortete: „Mein Arzt meinte, ich solle nichts hochheben.“ Schließlich gaben sie mir weitere fünf Tage. Danach musste ich immer um Hilfe bitten, um mit meinem Baby die Treppe hinunterzusteigen oder es allein bei jemandem zurückzulassen, damit ich hinuntergehen konnte. Meine Gynäkologin hat mir geraten, nicht mehr als fünf Kilo zu haben. Mein Baby war aber schon fünf Kilo schwer. Das war nicht einfach. Manchmal musste ich mein Baby bei einem völlig Fremden zurücklassen, weil ich den Aufzug nicht benutzen durfte, etwa wenn ich Wasser kaufen war. Den Kinderwagen darfst du auch nicht mit nach oben nehmen, sondern musst ihn unten stehen lassen.

Eine Geburtsurkunde für mein Baby zu bekommen, war ebenfalls schwierig. Mein Sachbearbeiter meinte zu mir, dass er mir keine Geburtsurkunde ausstellen wird, solange ich nicht mit dem Vater des Babys zu ihm komme. Also bin ich mit dem Vater des Babys zu ihm gegangen. Der Sachbearbeiter hat eine Menge Fragen gestellt: wie wir uns kennengelernt haben; warum ich nach Bremen gekommen bin, um ihn zu suchen. Er hat uns fast eine Stunde lang befragt. Später verlangte er noch nach dem Original der Geburtsurkunde des Vaters, die der aber verlegt hatte. Daher gaben sie uns die Geburtsurkunde für das Baby immer noch nicht. Der Vater konnte seine Geburtsurkunde nicht finden, also musste er sie aus Ghana anfordern. Es dauerte ein oder zwei Monate, bis er sie erhielt und sie zum Sachbearbeiter brachte. Der hat uns dann endlich die amtliche Geburtsurkunde unseres Sohnes ausgestellt. Da ich die Geburtsurkunde meines Sohnes anfangs nicht hatte, bekam ich keine langfristige Aufenthaltserlaubnis, sondern nur eine Duldung für drei Monate. Nachdem wir die Geburtsurkunde erhalten hatten, konnte ich sie nicht persönlich zur Ausländerbehörde bringen, um meine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, da diese wegen der Corona-Pandemie geschlossen war.

Für viele Menschen, die Schwarz sind, besonders aus Ghana, Nigeria, ist es sehr schwierig, Geburtsurkunden für ihre Kinder zu bekommen. Manche Kinder sind ein oder zwei Jahre alt und haben noch keine Geburtsurkunde und ihre Eltern deshalb keine Aufenthaltsgenehmigung. Ohne Geburtsurkunde sind die Kinder nicht krankenversichert. Einige Leute, die ich kenne, haben Schulden abzuzahlen, weil es ihren Kindern nicht gut ging und sie sie ins Krankenhaus bringen mussten. Sie hatten keine Versicherung, aber sie wollten nicht, dass ihre Kinder sterben. Also brachten sie sie zum Arzt und bekamen Rechnungen, die sie bezahlen mussten.

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Wie war das Essen in der Aufnahmeeinrichtung?

Morgens bekommen wir immer Kaffee oder Tee oder Milch mit Brötchen, nachmittags gibt es Reis oder Kartoffeln, abends bekommen wir wieder Kaffee oder Tee. Manchmal kochen sie Essen mit vielen Zwiebeln. Sie kochen deutsche Gerichte, die ich überhaupt nicht gut vertrage. Das Frühstück ist immer um sieben Uhr morgens. Als Mutter brauche ich die notwendigen Nährstoffe, um mein Baby zu stillen. Ich kann nicht bis zwölf oder ein Uhr warten. Als Corona anfing, hatte jede Etage oder jedes Zimmer eine bestimmte Essenszeit. Das heißt, wenn sie die Kantine öffnen, dann geht vielleicht von 12:00 bis 12.30 Uhr eine Gruppe von Leuten essen, die anderen gehen dann von 12.30 bis 13:00 Uhr. Als Mutter soll ich dann so um 13.30 Uhr bis zwei Uhr essen gehen.

Ich kann nicht morgens Tee trinken und dann bis zwei Uhr warten. Also muss ich rausgehen und Lebensmittel kaufen. Außerdem kann es sein, dass mein Baby unruhig ist, wenn ich gerade essen soll oder ich habe um diese Zeit einen Termin, so dass ich nicht in die Kantine gehen kann. Ich muss also Lebensmittel kaufen. Ich bekomme aber nur 139 Euro im Monat, einschließlich des Geldes, das ich brauche, um Fahrkarten für den Bus zu kaufen.

Es ist uns nicht erlaubt, selbst zu kochen. Es gibt zwar Küchen auf jeder Etage, aber die sind abgeschlossen. Du darfst nicht einmal einen Wasserkocher in deinem Zimmer benutzen. Wenn du Wasser erwärmen möchtest, um Milch für das Baby zuzubereiten, musst du den Wasserkocher verstecken. Manchmal beschlagnahmen sie ihn, da sie sagen, es sei nicht erlaubt, dann musst du einen neuen kaufen. Du kannst aber ja dein Baby nicht einfach verhungern lassen. Ich habe mir einen Flaschenwärmer für die Milchflaschen besorgt, aber selbst den haben sie beschlagnahmt, bis wir zu ihnen meinten: „Nein, das ist nur ein Flaschenwärmer, um das Essen für das Baby zu erwärmen.“ Ein paar von ihnen beschlagnahmen ihn trotzdem, andere lassen es gut sein.

Aufgrund der einseitigen Ernährung hatte ich nicht genug Muttermilch. Ich habe versucht, mir selbst Essen zu besorgen, um die richtigen Nährstoffe zu bekommen und dann mein Baby zu stillen. Es hat aber nicht funktioniert. Ich musste also ich aufhören zu stillen. Ich war sehr beunruhigt. Als Mutter möchte ich, dass mein Baby Muttermilch trinken kann, da diese für es eine besondere Qualität hat. Aber das war nicht möglich. Ich habe mich damit abgefunden, auch weil ich keine andere Wahl hatte.

Wie hat sich die Situation für Sie seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verändert?

Eines Tages musste ich meinen Sohn zur Hebamme bringen, um ihn untersuchen zu lassen. An diesem Tag wurde von derselben Hebamme eine andere Frau behandelt, die schwanger war. Es stellte sich heraus, dass die Frau Corona hatte, was uns schlaflose Nächte bereitete. Während der Pandemie teilten wir uns immer noch ein Zimmer mit einer anderen Mutter und ihrem Baby. Wir wussten nicht, wo unsere Mitbewohnerin hinging und welche Leute sie wo trifft. Sie wusste auch nicht, wo ich hingehe. Wir hatten alle Angst voreinander, da wir im selben Zimmer schliefen. Man konnte nicht einmal die Fenster im Zimmer öffnen, um frische Luft hereinzulassen, da die Fenster verschlossen waren. Alles, was man machen konnte, war beten und Gott bitten, dass er dich die Situation überstehen lässt. Meine Hebamme war in Quarantäne, aber mein Sohn und ich, wir haben uns immer noch frei herumbewegt. Wir wussten nicht, ob wir positiv oder negativ sind. Wir haben keine Symptome gezeigt. Ich war unter Leuten und schlief mit einer unschuldigen Person im selben Zimmer. Es war wirklich nicht einfach, bis wir schließlich erfuhren, dass wir kein Corona haben.

Wenn neue Leute von draußen ankommen, werden sie registriert und essen dann direkt mit uns im Speisesaal. Wir hatten Angst voreinander. Es war eine Zeit, in der deine Freunde zu Besuch kommen und du freust dich nicht, sie zu sehen, weil du nicht weißt, was los ist. Du weißt nicht, wie sicher es ist, vor allem, wenn die Person hustet oder irgendwelche Grippesymptome hat. Wenn eine Person hustet, sage ich: „Hey, Corona! Hey, steck mich nicht mit Corona an.“ Wir sagen es als Scherz, aber wir meinen es ernst. Ich habe zum Beispiel eine leichte Allergie gegen Parfüm. Bei allem, was Parfüm enthält, bekomme ich einen Schnupfen und muss husten. Ich hatte immer die Sorge, dass die Leute, wenn ich diese Symptome hätte, denken würden, ich hätte Corona. Oder dass sie mich und meinen Sohn in Quarantäne stecken würden. Ich habe also immer gedacht: „Oh Gott, bitte lass mich während dieser Pandemie keine Grippe haben.“

Ich war sehr verängstigt, weil es eine neue Krankheit war. In Afrika haben wir Malaria, was ja auch eine schwerwiegende Krankheit ist, aber zumindest kenne ich Malaria. Ich habe selbst Malaria irgendwann in meinem Leben gehabt. Wir wissen über HIV Bescheid; wir wissen, wie tödlich es ist. Schon als Kind kannten wir HIV. Corona ist hingegen sehr plötzlich gekommen, darüber wussten wir nichts. In der Lindenstraße darfst du keine elektronischen Geräte benutzen, man darf nicht einmal einen Fernseher haben. Über das Internet, das wir auf dem Handy nutzen konnten, erfuhren wir, dass Menschen daran sterben, dass es sich in China ausbreitet, dass die Wirtschaft den Bach runter geht, dass es eine Ausgangssperre gibt. Wir haben uns gefragt: „Was ist das?“ Wir hatten sehr viel Angst. Eigentlich waren wir mehr als nur verängstigt.

Wann haben Sie sich entschlossen, an den Protesten gegen die Zustände in der Lindenstraße teilzunehmen?

Ich hatte vorher noch nie an einer Demonstration teilgenommen. Ich musste aber das Leben meines Babys an erste Stelle setzen. Ich hatte Angst, aber ich sagte den Leuten: „Sie wollen uns nicht zuhören. Wenn ihr aufwacht und Corona hat mich umgebracht und mein Baby lebt noch, dann bitte ich euch, mein Baby bei den Sozialdiensten in Obhut zu geben. Das ist die einzige Möglichkeit, die ich habe. Ich habe keine Familienmitglieder hier, außer den Vater meines Babys und der ist ein Mann. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich um mein Baby kümmern kann.“ Eines Abends sagten wir: „Nein, so geht es nicht weiter. Wir müssen etwas machen, wir müssen demonstrieren, damit die Leute unsere Stimme hören.“ In der Lindenstraße geht regelmäßig der Feueralarm los. Man muss dann immer aus dem Gebäude gehen, auch wenn es keine Anzeichen für ein Feuer gibt. Manchmal passiert es zweimal am Tag und manchmal um ein oder zwei Uhr nachts. Wenn der Alarm losgeht und du raus musst, nimmst du dein Baby und stellst dich draußen hin. Die Feuerwehr kommt und prüft, ob alles in Ordnung ist, bevor du wieder reingehen kannst.

An diesem einen schicksalhaften Tag gab es wieder einen Alarm. Also sind wir alle rausgekommen. Dann haben wir uns gedacht: „Wir gehen nicht wieder rein. Wir müssen demonstrieren, denn die Polizei ist hier und dann hören sie uns alle.“ Als wir die Polizei und den Krankenwagen sahen, sagten wir: „Hier sind eine Menge Leute, lasst uns jetzt demonstrieren.“ Also starteten wir eine Demonstration und ein paar von uns mit Kontakten zu Together We Are Bremen riefen die Leute an. Sie kamen sofort, um uns zu helfen. Sie brachten einige Journalisten mit, die darüber berichten sollten. Wir wurden zur Situation interviewt. Wir erzählten, dass es nicht einfach ist mit den Babys, ohne Fahrstühle und der Essenssituation und dass einige von der AWO sehr nett sind, andere aber nicht so nett. Wir fingen an, lautstark unsere Rechte einzufordern. Wir riefen: „Schließt die Lindenstraße.“ Wir forderten, dass sie uns unter Quarantäne stellen, dass sie uns verlegen. Die Polizei wartete ab, um einzuschätzen, was passiert. Sie sah, dass es nur eine friedliche Demonstration war. Sie wartete unsere Demonstration ab und dann fuhr sie wieder weg.

Nach dieser Demonstration haben uns die Leute von der AWO Angst eingejagt: „Was habt ihr getan? Wir werden euch zurück in euer Land bringen. Wir gehen mit euren Fotos zur Polizei. Wir gehen mit euren Fotos zur Ausländerbehörde. Ihr werdet keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, weil ihr die Regeln missachtet habt.“ Andere sagten: „Warum habt ihr das getan? Wir haben euch gesehen; ihr habt geredet und jetzt habt ihr ein Problem. Wir verlegen euch an einen Ort, an dem ihr niemanden wie uns habt, der eure Briefe übersetzt.“ Danach hatten wir Angst.

Was ist dann passiert?

Ich wurde in eine andere Unterkunft verlegt. Die ist viel besser als die in der Lindenstraße, auch wenn wir immer noch zusammen mit einer anderen Mutter und ihrem Kind in einem Zimmer schlafen. Aber hier kann man kochen, was man will. Hier kann man die Fahrstühle benutzen, wir können den Kinderwagen in unsere Zimmer mitnehmen. Wir haben Leute, die uns bei der Übersetzung unserer Briefe helfen. Wenn man etwas reparieren muss, zum Beispiel den Kinderwagen, und es nicht reparieren kann, sind Leute da, um zu helfen. Sie sind wirklich nett.

Ich habe eine Freundin, die ich in der Lindenstraße zurückgelassen habe. Als sie in Quarantäne war, habe ich ihr Essen gebracht, weil ich hier kochen kann. Ich habe es bei den Securities abgegeben. Du kommst zum Tor und die Securities kommen raus mit Masken. Du hast auch deine Maske auf. Sie sagen zu dir: „Was wollen Sie hier?“ Du erklärst es ihnen und gibst ihnen die Zimmernummer und den Namen. Einer gibt dir dann einen Stift. Du schreibst alles auf. Der Security legt den Zettel auf das Essen oder das Paket, das du für diese Person mitgebracht hast. Dann nehmen sie das alles mit nach drinnen. Einige brauchten Babynahrung, andere Damenbinden. Sie haben mich angerufen und gesagt: „Wir sind hungrig, wir brauchen dies, wir brauchen das. Kannst du uns behilflich sein?“ Als Mutter schiebe ich immer einen Kinderwagen vor mich her. Ich kann nicht viel tun, aber ich versuche mein Bestes. Ich koche und kaufe Sachen für sie und übergebe das dann alles den Securities. Später bekommst du dann einen Anruf: „Sie haben es bei uns abgegeben.“

[1] Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) betreibt die Erstaufnahmeeinrichtung Lindenstraße.

* Name geändert

Das Interview führte Nikolai Huke

Das Interview ist Teil einer Interviewreihe zu Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie. Wer über neue Beiträge der Reihe per Kurznachricht informiert werden will, kann sich hier in einen Telegramchannel eintragen.

Übersetzung von Englisch ins Deutsche: Doreen Bormann
10:18 21.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gefährdetes Leben

Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie (Redaktion: Doreen Bormann & Nikolai Huke)
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