„Ich hatte Corona und musste draußen warten“

Interview Onur Şahin* erkrankte in einer Flüchtlingsunterkunft an Corona. Im Interview kritisiert er den chaotischen Umgang der Behörden mit der Pandemie
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„Ich hatte Corona und musste draußen warten“
In einem Flüchtlingsheim in Sankt Augustin gab es im Mai 2020 einen Corona-Ausbruch

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Nikolai Huke: Wie haben Sie die erste Welle der Corona-Pandemie erlebt?

Onur Şahin: Als die Pandemie im März angefangen hat, gab es in unserer Unterkunft in Kassel die üblichen Maßnahmen: Abstand halten, Nase und Mund bedecken, Maske tragen. Es gab aber keine Corona-Fälle. Die Essenszeit wurde verlängert und die maximale Anzahl der Personen im Speisesaal wurde reduziert. Aber es wurde kein Fieber gemessen am Tor. Das hätte das Gesundheitsamt finde ich anordnen können.

Hat sich die Situation für Sie in der zweiten Welle verändert?

Im Mikromanagement hat sich nichts geändert. Sie haben nur Zettel aufgehängt an die Wände: Abstand halten, Maske, Nase und Mund bedecken. Und Hände waschen. Das war die einzige Maßnahme. Sie hatten keine strukturierten Pläne für die verschiedenen Camps. Als es im Oktober einen Corona-Fall gab, haben sie uns nichts davon gesagt. Das BAMF hat einfach alle Transfers gestoppt und nach etwa drei Tagen wurde eine Quarantäne vom Gesundheitsamt angeordnet. Aber wir haben keine Informationen bekommen. Es war chaotisch. Wir haben Frühstück und Mittagessen bekommen, aber das Essen war für mich einfach nicht essbar. Wir hatten vorher gesagt, dass wir kein Fleisch essen möchten, obwohl wir eigentlich keine Vegetarier sind. Aber das vegetarische Essen, das es gab, war nicht essbar für uns.

Alle dreihundert Leute in der Unterkunft wurden getestet, unsere Ergebnisse konnten wir nach 24 Stunden im Internet abrufen. Ich war negativ. Alle ledigen Männer, die negativ getestet wurden, wurden nach Wolfhagen verlegt. Es waren 86 Personen. Die Bedingungen waren dort teilweise sehr schlecht. Zwar war die Unterkunft sauber, aber wir waren zu dritt in einem sehr kleinen Zimmer untergebracht. Der Schrank war so klein, dass wir unser Gepäck nicht auspacken konnten. Das Essen kam aus Kassel. Niemand hat uns erklärt, was eigentlich passiert.

Nach einer Woche wurden wir dann ein zweites Mal getestet. Die Ergebnisse haben wir erst drei oder vier Tage später bekommen. Dann haben sie zu mir gesagt: „Du bist positiv.“ Ich war richtig krank. Ich hatte zwar nur eine Temperatur von 37,4 Grad, aber starke Muskelschmerzen. Ich konnte ohne Aspirin nicht einschlafen und hatte keinen Appetit. Fünfundzwanzig andere Leute waren ebenfalls positiv. Wir sollten alle nach Kassel zurückgebracht werden. Als wir nach Wolfhagen verlegt worden waren, sind wir mit dem Bus gefahren. Um alle 86 Personen zu transportieren, musste der Bus zweimal fahren. Aber als sie uns zurückgeschickt haben, gab es nur einen Transporter.

Wie ist der Transfer zurück abgelaufen?

Wir sollten mit all unseren Sachen vor die Tür gehen, unsere Zimmer verlassen, damit sie sie sauber machen können, desinfizieren und so weiter. Das war ungefähr um vier Uhr. Wir sollten dann draußen warten, bis wir verlegt werden. In den Transporter passten jedes Mal fünf Personen. Bis er dann wieder zurück war, dauerte über eine Stunde. Insgesamt musste ich fünf Stunden draußen warten. Es ging ungefähr um sechs oder sieben Uhr los. Und wir waren die letzten, um zwölf Uhr sind wir zurückgefahren worden. Und da waren wir schon an Corona erkrankt und sollten trotzdem draußen stehen. Ich war sehr krank, mein ganzer Körper schmerzte. Wenn man gefragt hat, warum sie keinen Bus haben, hat man die Antwort von der Leitung der Unterkunft bekommen: „Hätten wir gerne gehabt, haben sie uns aber nicht gegeben. Wir haben nur den Transporter bekommen.“ Das machte den Leuten Angst, dass sie fünf oder sechs Stunden draußen stehen mussten, obwohl sie Corona hatten. Die Leute im Gesundheitsamt machen ihre Planung an einem Tisch im Büro und haben kein Gefühl für die Realität vor Ort. Wir bekommen dann die Probleme zu spüren.

Was ist danach passiert?

Nach zwei Wochen Quarantäne haben sie uns erneut verlegt, diesmal nach Neustadt. Ungefähr zwanzig, dreißig Leute, die vorher positiv waren. In einem Haus der Unterkunft in Neustadt gab es zu diesem Zeitpunkt schon Corona-Fälle, die Bewohner waren in Quarantäne. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen auch in Quarantäne müssen. Wir haben uns gefragt: „Warum schicken sie uns hierher? Hier ist auch Corona.“ Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon meine Aufenthaltserlaubnis bekommen und sollte eigentlich einen Transfer in ein Heim nach Darmstadt bekommen. Warum haben sie mich nicht einfach in das Heim geschickt? Das BAMF hatte offenbar gesagt: „Alle Transfers werden gestoppt.“ Aber gleichzeitig gab es Transfers aus Kassel in die Unterkunft nach Neustadt, in der es Corona-Fälle gab. Als wir ankamen, haben wir gefragt: „Wir sind gesund, wann werden wir in unser Heim transferiert?“ Die Sozialarbeiterin meinte: „In zehn Tagen, nächsten Donnerstag.“ Und am Mittwoch hat sie mir dann gesagt: „Alle Transfers sind abgesagt.“ Die Unterkunft wurde dann unter Quarantäne gestellt. Weil wir schon Corona hatten, konnten wir uns frei bewegen und zum Beispiel nach Neustadt ins Stadtzentrum gehen oder nach Marburg fahren. Aber in mein Heim konnte ich nicht, das ist doch nicht logisch! Die Lage der Unterkunft in Neustadt ist ein Problem. Bis zum Bahnhof sind es ungefähr zwanzig Minuten. Supermärkte, in denen wir als Muslime Fleisch kaufen können, gibt es nur in Marburg. Bis dorthin sind es hin und zurück mindestens zwei Stunden.

Wie waren die Bedingungen in der Unterkunft in Neustadt?

Wir kannten die Leitung der Unterkunft nicht, das war ganz anders als in Kassel, wo es eine gute Kommunikation gab. Mit der aus Kassel war ich sogar ein Handball-Match anschauen. In Neustadt haben wir keine Informationen bekommen, wir wussten nicht einmal wer die Leitung ist. Wir haben uns nicht wie Menschen behandelt gefühlt. In Kassel kanntest du auch die Leute in der Küche. Wenn man gefragt hat, ob man ein Brot mehr haben kann, haben sie es einem gegeben. In Neustadt war es einmal so, dass mein Freund nicht früh aufstehen wollte. Ich wollte dann sein Frühstück für ihn auf das Zimmer mitnehmen. Ich bin also mit beiden Karten hingegangen, sie haben sie eingelesen. Aber dann haben sie gesagt: „Du kannst dir nur ein Frühstück nehmen.“ Sie meinte: „Er muss selbst herkommen.“ Und ich dachte: „Das ist doch keine Waffe, das ist nur ein Brot. Warum machst du es uns so schwer? Das ist doch nur ein Brot, ein Käse und ein Joghurt.“ In Neustadt hatte zwar jeder Stock eine Küche, in der man selbst kochen konnte. Während der Quarantäne wurde die aber geschlossen.

Ein anderes Problem war die Waschmittelversorgung. Normalerweise bekommst du an zwei Tagen die Woche Waschmittel. Damit gehst du dann in den Waschraum und gibst die Wäsche und das Waschmittel den Flüchtlingen, die dort arbeiten. Sie waschen die Wäsche dann in der Waschmaschine. Als aber Quarantäne war, waren alle Büros geschlossen. Der Waschraum war offen, aber die Büros, in denen du Waschmittel bekommst, waren zu und du hattest kein Waschmittel mehr. Auch die hygienischen Bedingungen waren in Neustadt ein Problem. In Wolfhagen war das anders, da hattest du auf jedem Stock Desinfektionsmittel. Und Seife und Papiertücher in der Toilette. In Neustadt gab es das weder vor noch während der Quarantäne, nur am Eingang gab es eine kleine Flasche mit Desinfektionsmittel. Dabei wissen wir, dass Sauberkeit und Desinfektionsmittel wichtig sind. In allen Unterkünften, in denen ich war, sagten Leute, mit denen ich gesprochen habe, nach einigen Tagen oder Wochen: „Die Leitung oder das Gesundheitsamt möchte, dass wir alle krank werden.“

Wie war die Zimmersituation?

In Kassel gab es Zimmer für vier oder sechs Leute. Aber es gab für die sechs Personen nur drei Schränke. Für drei Personen ist das ok, aber wenn die Zimmer voll belegt sind, ist das ein Problem. Ich habe jedoch nicht erlebt, dass die Zimmer mit sechs Personen belegt waren. Es ist auch ok, wenn die Leute nur einen oder zwei oder vielleicht sogar sechs Monate da sind, dann passt das schon. Für diese Zeit brauchst du nicht so viel Kleidung, ein halber Schrank reicht dann aus. Aber ich war zum Beispiel zwölf Monate da. Ich brauchte Sommer- und Winterkleidung. Aber zumindest waren wir nie zu sechst in dem Zimmer. Die Vierbettzimmer sind ebenfalls sehr klein für vier Personen. Nachts sind die Zimmer sehr stickig. In Neustadt stehen in jedem Zimmer drei Stockbetten. Der Schrank in Neustadt war kleiner als in Kassel, in den drei Monaten, die ich dort war, habe ich meine Taschen nie auspacken können.

Wie waren die Sanitäreinrichtungen in den verschiedenen Unterkünften?

Unterschiedlich. In Kassel waren die Duschen draußen in einem Container. Ich lebte im vierten Stock und musste jedes Mal nach draußen gehen, um zu duschen oder mich zu waschen. Dann zurück ins Gebäude und wieder in den vierten Stock. Aber immerhin konnte man das Wasser einstellen, wie viel heißes, wie viel kaltes und der Wasserdruck war ok. Die Unterkunft in Wolfhagen ist ein altes Militärgebäude. Die Dusche hatte keine Tür und keine Wände zwischen den Duschen. Deswegen sollte man einen Stuhl in den Eingang stellen. Wasser gab es nur für zehn Sekunden oder vielleicht eine halbe Minute, wenn man auf einen Knopf gedrückt hat. Der Wasserdruck war nicht hoch genug und der Duschkopf war so weit oben, dass deine Füße kalt waren, während du geduscht hast. Wir konnten die Wassertemperatur nicht einstellen. Außerdem war es immer sehr stressig, weil immer jemand Fremdes kam, ich wollte nicht, dass er meinen Körper nackt sieht. Wir haben der Leitung gesagt: „So ist es schwer für uns zu duschen.“ Sie haben gesagt: „Okay“. Aber nichts ist passiert. In Neustadt waren die Duschen ähnlich wie in Wolfhagen, aber es gab kleine Trennwände und das Wasser floss mit Hochdruck.

Haben Sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Eigentlich nicht so viele. Einmal haben meine Freunde erzählt, dass der Busfahrer an der Bushaltestelle in der Nähe des Kasseler Camps immer vorbeifährt, wenn er sieht, dass nur Flüchtlinge an der Haltestelle stehen. Er hält dann einfach nicht an. Die Leute haben sich dann beschwert: „Der Fahrer hält nicht, bitte kümmern Sie sich darum.“ Aber ansonsten habe ich das nicht so viel erlebt.

Wurden Sie am Ende doch noch in das Heim nach Darmstadt transferiert?

Ja, letzte Woche. Ich habe gefragt, wann mein Transfer ist. Sie haben mir gesagt: „Morgen.“ Ich habe noch einmal gefragt, nachmittags. Sie meinten: „Morgen.“ Aber sie haben mir kein Papier, keine Informationen gegeben. Ich war dann ab sechs Uhr morgens ungefähr bereit. Der Mitarbeiter, der die morgendliche Schicht hatte, hat mir gesagt, er habe keine Informationen über einen Transfer. Ich habe gesagt: „In Ihrem Büro müsste ein Zettel sein, weil Ihr Kollege hat das gestern auf einem Zettel nachgesehen und gesagt, ich hätte heute meinen Transfer.“ Ich habe ungefähr eine Stunde gewartet, dann haben sie gesagt, es geht los. Jetzt bin ich im Paradies. Ich habe eine richtige Dusche, eine Küche und eine Waschmaschine, das hatte ich die letzten 14 Monate nicht.

* Name geändert

Das Interview führte Nikolai Huke

Das Interview ist Teil einer Interviewreihe zu Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie. Wer über neue Beiträge der Reihe per Kurznachricht informiert werden will, kann sich hier in einen Telegramchannel eintragen.

16:38 29.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Gefährdetes Leben

Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie (Redaktion: Doreen Bormann & Nikolai Huke)
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