„Nicht einmal Tiere behandelt man so“

Interview Mariama Jatta* über ihre Erfahrungen mit Rassismus, Corona und Protest während ihrer Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in der Lindenstraße in Bremen
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„Nicht einmal Tiere behandelt man so“
„Beim ersten Interview haben sie mich sechs Stunden lang befragt.“

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Nikolai Huke: Wie haben Sie Ihre Ankunft in der Lindenstraße erlebt?

Mariama Jatta: Ich hatte keine Erfahrung damit, allein zu reisen, schon gar nicht in einem fremden Land. Jedes Mal, wenn ich vorher gereist bin, hatte ich jemanden, der mich begleitete, mich aufgenommen hat und mir gezeigt hat, wie alles funktioniert. Ich war zum ersten Mal allein, was seltsam für mich war. Ich hatte keinen Kontakt zu niemanden. Ich kannte niemanden. Als ich nach Bremen kam, habe ich mich am Anfang nicht wohl gefühlt, weil ich nicht wusste, wohin ich gehen soll, mit wem ich reden soll, wie ich das machen soll. Es war nicht einfach.

Als ich in der Lindenstraße ankam, hatte ich vom allerersten Moment an das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich kam zusammen mit einer anderen Frau an, die ich dreimal fragte: „Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ Sie meinte nur: „Ja.“ Und ich daraufhin: „Bist du sicher, dass das der Ort ist, wo ich bleiben werde? Und für wie lange?“ Ich wusste nichts über das System hier. Sie meinte: „Für maximal zwei Monate.“ Als ich reinkam, fragte ich: „Bist du sicher, dass wir nicht in einem Krankenhaus sind?“ Sie meinte: „Nein, das ist kein Krankenhaus.“ Also fragte ich nochmals nach: „Wohnen hier Leute?“ Sie antwortete: „Ja.“ Und ich so: „Das ist wie ein Gefängnis oder ein Krankenhaus.“ Und sie wiederum: „Nein, nein, nein. Es ist eine Unterkunft für Geflüchtete.“ Und ich: „Okay, sehen Unterkünfte für Geflüchtete etwa so aus?“ Ich war vorher noch nie in einer Unterkunft gewesen, daher war ich ein bisschen überrascht. Und ich dachte mir: „Das ist kein Ort, an dem man leben sollte.“

Was geschah danach?

Wir gingen ins Büro und mussten drei Stunden lang darauf warten, registriert zu werden, nur damit unsere Namen aufgenommen werden konnten. Nach der Registrierung wurde ich in ein Zimmer mit vier anderen Leuten gesteckt. Zum ersten Mal war ich in einem Zimmer mit so vielen verschiedenen Leuten, verschiedene Nationalitäten, völlig verschiedene Leute. Unsere Betten waren nur, sagen wir mal, 20 Zentimeter voneinander entfernt. Es war seltsam. Die ersten drei Tage konnte ich nicht schlafen. Ich konnte nichts essen.

Die Wände des Zimmers sind nach oben hin offen. Im Nebenzimmer waren zwei Frauen mit ihren Kindern. Die eine hatte drei Kinder, die andere hatte ein neugeborenes Baby und noch einen kleinen Jungen. Und in dem Zimmer auf der anderen Seite waren auch zwei Frauen. Eine war schwanger und eine hatte ein kleines Baby. Man konnte den Lärm in den anderen Zimmern hören, da es keine richtigen Wände gab. Was auch immer man sagte, konnte man im anderen Zimmer hören. Es war laut. Es gab keine Privatsphäre.

Wie war Ihre erste Begegnung mit den Menschen, die in der Lindenstraße arbeiten?

Die Sozialarbeiter waren so arrogant. Am ersten Tag, an dem ich ankam, hatte ich den ersten Kontakt mit einem der Sozialarbeiter dort. Sie brachten mich in mein Zimmer; in diesem Zimmer waren wir zu fünft und es gab nur einen Schlüssel für die Tür. Ich ging auf die Toilette und als ich zurückkam, war das Zimmer verschlossen. Ich wusste nicht, wo ich hingehen sollte, um den Schlüssel zu holene. Ich begegnete einem Security-Mitarbeiter und fragte ihn. Er meinte: „Geh runter und dann fragst du die Sozialarbeiter.“ Also ging ich zum Büro. Ich war nicht richtig angezogen und musste den ganzen Weg in den ersten Stock gehen, um nach einem Schlüssel zu fragen.

Ich ging zum Büro des Sozialarbeiters und fragte: „Hallo, kann ich mit Ihnen sprechen?“ Und der Typ hat mich nur angestarrt, ohne ein Wort zu sagen. Er hat nichts gemacht; er hat einen Kaffee getrunken. Er hat mir nur seine Hand entgegen gehalten, damit ich draußen bleibe. Also blieb ich dort für etwa 30 Minuten. Und dann meinte ich: „Ich kann nicht länger warten. Ich muss Sie nur etwas fragen, Sie wissen nicht einmal, was. Ich bin nicht richtig angezogen und Sie wollen, dass ich hier warte. Alle gehen an mir vorbei. Ich kann hier so nicht bleiben.“ Und er sagte: „Sie müssen warten, bis ich fertig bin.“ Ich meinte: „Okay, gut.“ Und dann wartete ich noch etwa fünf Minuten bis er meinte: „Okay, was wollen Sie?“ Ich meinte: „Okay, ich möchte gerne wissen, wo ich den Schlüssel für das Zimmer herbekomme, in das Sie mich gebracht haben, weil es abgeschlossen ist.“ Und er so: „Ich weiß gerade nicht, wo Ihr Schlüssel ist.“ Ich meinte: „Okay und wie komme ich dann rein?“ „Sie müssen an der Tür warten, bis die Person, die die Tür abgeschlossen hat, zurückkommt. Sie sollten den Schlüssel bei den Securities lassen und wenn Sie rein wollen, sollten Sie die Securities nach dem Schlüssel fragen, falls niemand in Ihrem Zimmer ist. Wenn der Schlüssel nicht bei den Securities ist, dann wissen Sie, dass jemand im Zimmer ist.“ Ich meinte daraufhin: „Okay, was ist, wenn jemand das vergisst und den Schlüssel mit in die Stadt nimmt? Und dann habe ich zufällig eine dringende Sache im Zimmer zu erledigen?“

Er meinte: „Sie müssen warten, bis die Person zurückkommt. Sie müssen sich absprechen.“ Ich hatte aber noch nicht einmal Kontakt mit irgendjemandem aus dem Zimmer; ich hatte ihre Telefonnummer nicht; ich kannte kaum ihre Namen. Also, wie sollte ich sie denn kontaktieren, dass ich den Schlüssel brauche?

Eine andere Sache, die mich später sehr geärgert hat, war, dass die Sozialarbeiter manchmal einfach die Zimmertür öffneten und reinkamen, ohne anzuklopfen. Sie dringen in deine Privatsphäre ein und fangen dann an, unter deinem Bett zu suchen, um zu schauen, ob du irgendwelche elektrischen Geräte hast. Sie suchen einfach, ohne um Erlaubnis zu bitten und verschieben die Betten. Selbst Tiere werden nicht so behandelt. Jeder braucht ein bisschen Privatsphäre. Sie können nicht einfach in das Zimmer von jemandem gehen und alles verschieben oder nach Dingen suchen, ohne seine oder ihre Erlaubnis.

Wie war Ihre Anhörung[1] beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)?

Beim ersten Interview haben sie mich sechs Stunden lang befragt. Das war mir zu viel. Irgendwann dachte ich: „Ich halte das nicht mehr aus. Ich kann so nicht weitermachen. Wir müssen das Interview abbrechen.“ Sie drückten einfach diesen Knopf, der einen dazu bringt, dass man, Sie wissen schon, die Kontrolle verliert. Für mich war es nicht wie ein Interview; es war wie ein Verhör. Mein Gefühl war: Was habe ich verbrochen, dass sie mir diese Dinge aufzwingen? Das Schlimmste war, dass sie nach dem Interview meinten: „Okay, jetzt werden wir glauben, was wir glauben wollen, oder wir werden akzeptieren, was wir akzeptieren wollen.“ „Was ist der ganze Sinn dabei, dass sie mich herbestellen und mir Fragen über mich stellen? Wenn ich ihnen sage, dass Sie nur das herausziehen, was Sie herausziehen wollen, und was nicht zu Ihren Gunsten ist, einfach weglassen, warum ist es dann notwendig, dass Sie mich herbestellen? Treffen Sie einfach Ihre Entscheidung, ohne mich dafür herzubestellen. Denn mit oder ohne mich zu befragen, ohne mich dazu zu bringen, Ihnen die ganze Geschichte meines Lebens, vom Anfang bis zum Ende, zu erzählen, werden Sie nur das herausziehen, was Sie herausziehen wollen, was Ihnen gefällt.“ Also beendete ich das Interview. Und das wars.

Haben Sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Jeden Tag. Wenn ich jetzt von hier zur Bushaltestelle gehen würde, würde ich Rassismus erleben, so viel ist sicher. Manchmal bemerkst du einfach jemanden mit diesem Blick, mit diesem rassistischen Blick. Am Anfang konnte ich damit nicht umgehen. Es hat mich wirklich innerlich aufgefressen. Ich hatte Angst, in den Bus zu steigen. Ich dachte mir: „Warum? Warum? Warum?“ Aber es hat keinen Sinn, diese Frage immer wieder zu stellen, es ist einfach purer Hass. Aber nun, denke ich, habe ich einen Weg gefunden, wie ich mit Rassismus umgehen kann. Ich habe gelernt, Rassismus zu akzeptieren. Trotzdem ist es belastend. Es ist belastend, wenn dich jemand ansieht, als gehörst du nicht hierher. Es ist nicht einfach, aber wir finden Wege, um zu überleben. Mittlerweile nutze ich die ‚Es ist mir egal‘-Taktik. „Schau mich eben an, solange du mich nicht körperlich verletzt, bin ich ok damit.“ Eine Sache, die ich mache: Wenn du mich anstarrst, dann starre ich zurück.

Was geschah, als die Corona-Pandemie ausbrach?

Zu dieser Zeit wohnte ich in einem anderen Zimmer mit drei anderen Frauen. Für mich war es sehr schwer, weil ich einen anderen Lebensstil und einen anderen Schlafrhythmus hatte als meine Mitbewohnerinnen. Ich konnte nicht schlafen, wenn das Licht aus war, und sie konnten nicht schlafen, wenn das Licht an war. Ich konnte also die ganze Nacht nicht schlafen, und tagsüber, wenn ich schlafen ging, hörte immer jemand Musik oder hatte einen Besucher aus der Unterkunft da. Besucher von außerhalb waren nicht erlaubt. Aber innerhalb des Gebäudes hatten wir Freunde. Also gingen wir in deren Zimmer. Wenn ich also tagsüber schlafen wollte, war immer jemand am Telefon, jemand hörte Musik oder hatte Besuch. Ich habe also kaum geschlafen. Ich konnte nicht schlafen. Daher litt ich jeden Tag unter Migräne, ich hatte ständig Kopfschmerzen. Je länger ich blieb, desto schlimmer wurde es.

Als das mit Corona anfing, bekamen die Leute Angst, sie fingen an, sich unwohl zu fühlen. Na ja, es hat nicht wirklich angefangen, denn man fühlt sich ja sofort unwohl, wenn man das Gebäude betritt, aber es wurde eben schlimmer. Mit der Corona-Zeit kamen Maßnahmen zu Social Distancing. Keine dieser Vorgaben stimmte mit dem, was in Bremen los war überein. Wir waren 700 Menschen, die unter einem Dach lebten. Wir benutzen dieselben Toiletten. Außerhalb der Mahlzeiten musste man auf die Toilette gehen, um sich dort Wasser zu holen, um es zu trinken, was nicht gesund war. Frauen mit kleinen Kindern durften keine Wasserkocher in den Zimmern haben, um heißes Wasser zu kochen. Aber um Babynahrung zu machen, braucht man heißes Wasser. Als Corona anfing, haben sie in der Stadt verkündet: "Okay, es gibt diese neue Regelung in Deutschland, dass nur ein paar Leute zusammenkommen dürfen. Wenn es mehr sind, muss man aus dem gleichen Haushalt kommen." Ich dachte mir: "Okay, dieses Gesetz wurde gemacht, und sie haben uns dabei komplett vergessen." Sie haben überhaupt nicht bedacht, dass dies ein Haushalt mit 700 Leuten ist. Denn dies ist ein Haushalt. Wir teilen uns die Küche, wir teilen uns das Bad, wir haben Kontakt, die Kinder spielen zusammen. Und es wurden keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wir hatten keine Desinfektionsmittel, keine Informationen. Wir wurden nicht richtig über die Corona-Regeln und alles andere informiert. Es gab keinerlei Kommunikation.

Außerdem kamen immer noch neue Leute an. Wenn sie aufgenommen werden, sollten sie eigentlich isoliert werden. Und dann sollten sie einen Test machen und sich in Quarantäne begeben, bis sie ihr Testergebnis haben. Dann erst sollte man sie zu uns lassen. Aber das haben sie alles nicht getan. Es kamen Leute herein, die potenzielle Corona-Fälle waren, und trotzdem brachten sie sie bei uns unter. Wenn sie positiv getestet wurden, ließen sie den Krankenwagen zur Hintertür kommen und schmuggelten die Leute dann in den Krankenwagen und brachten sie aus dem Gebäude. Wir wurden nie darüber informiert. Es fühlte sich seltsam an. Der Krankenwagen kommt zur Hintertür und dann kommt dieser Mann oder diese Frau, die mit einem Overall geschützt ist, herein. Als ob da irgendetwas faul ist, worüber wir nicht informiert werden. Es machte sichtbar, dass das Virus wirklich in das Gebäude kam. Es bedeutete, dass jeder gefährdet ist, weil wir die gleiche Tür nutzen, um das Gebäude zu verlassen. Sie können mir nicht erzählen, dass die infizierte Person, die durch die Tür gegangen ist, nichts angefasst hat. Das ist unmöglich.

Hunderte von Menschen wurden infiziert als sie uns einsperrten. Sie sperrten uns ein, damit sich alles beruhigte, aber es wurde schlimmer. Alles wurde schlimmer. Als wir uns noch frei bewegen durften und selbst auf uns aufpassten, waren die Fälle nicht so hoch. Aber unmittelbar nachdem sie uns eingeschlossen hatten, wurde es schlimmer. Was sie schließlich machten, war uns zu testen. Ich wurde dreimal getestet. Und ich war negativ. Sie testeten eine der Etagen und meinten: „Jemand ist dort positiv.“ Also gab es einen Lockdown für diese Etage. Sie sperrten sie ein. Und dann, zwei Wochen später, haben sie sie wieder getestet. Und dieses Mal sagten sie, dass alle von ihnen positiv waren. Die ganze Etage war positiv. Da meinten sie: „Okay, dann müssen sie zwei weitere Wochen im Lockdown bleiben.“

Auf meiner Etage sagten sie: „Okay, wir haben eine Person, die positiv ist. Also müssen Sie für zwei Wochen in Quarantäne gehen.“ Wir sagten: „Ok, kein Problem. Wir werden die zweiwöchige Quarantäne einhalten.“ Und nach dieser zweiwöchigen Quarantäne haben sie uns getestet. Aber während dieser zwei Wochen Quarantäne brachten sie jemanden aus einem anderen Stockwerk zu uns. Und wir so: „Okay“ und fragten ihn: „Bist du getestet?“ Der Mann sagte: „Nein.“ Daraufhin meinten wir: „Der Mann kann hier nicht rein, weil er nicht getestet wurde.“ Daraufhin sagten sie, sie hätten den Mann getestet. Wir sagten: „Okay, aber die Ergebnisse müssen erst da sein, bevor wir den Mann hier rein lassen, denn eigentlich können wir bald unsere Quarantäne beenden. Wir werden also nicht erlauben, dass Sie jemanden zu uns bringen, der nicht getestet wurde. Wir wissen nicht, ob er positiv ist.“ Und sie sagten: „Er ist getestet, und er ist negativ.“ Also kam er zu uns und lebte auf einem Flügel unserer Etage. Und dann, als die Quarantäne zu Ende war, sagten sie: „Wir müssen einen weiteren Test machen.“ Und als sie dieses Mal testeten, sagten sie, dass alle auf seinem Flügel positiv getestet worden sind.

Welche Auswirkungen hatte die Quarantäne auf Sie persönlich?

Wir waren für einen Monat und zwei Wochen eingesperrt. Jedes Mal, wenn die zwei Wochen Quarantäne zu Ende waren, sagen sie dir: „Oh, jemand ist wieder positiv, ihr müsst wieder zwei Wochen bleiben.“ Bis es ein Monat und zwei Wochen waren. Einmal hat der Mann im Zimmer neben mir versucht, Selbstmord zu begehen. Er hat Gift getrunken. Zu seinem Glück ist er nicht gestorben. Ich konnte die Situation nicht mehr ertragen. Als die Ärzte in mein Zimmer kamen, habe ich ihnen klipp und klar gesagt: „Wenn ich noch einen weiteren Tag in diesem Zimmer verbringe, wenn ihr mich noch einmal einsperrt, werdet ihr meine Leiche im Zimmer finden.“ Es war einfach zu viel. Ich war am Boden zerstört über das, was dieser Mann getan hat, weil er direkt neben mir war. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, ob er überlebt hat oder nicht. Ich wusste nicht, ob er es geschafft hat oder nicht. Ich fühlte mich schuldig wegen dem, was ihm passiert ist. Dieser Typ war isoliert in dem Zimmer neben meinem und er wurde schlecht behandelt. Er fragte mich: „Was ist der einfachste Weg, um Selbstmord zu begehen?“ Und wir haben nur so dahin geredet, ich wusste nicht, dass er es ernst meinte. Also haben wir darüber geredet. Und dann, am nächsten Morgen, hat er es getan. Am nächsten Tag wurde ich aus der Unterkunft in eine andere Unterbringung verlegt.

Gab es vor Ihrer Verlegung Proteste gegen die Situation in der Lindenstraße?

Ja, die gab es. Ich dachte mir: „Das ist falsch.“ Ich traf einige Leute auf dem vierten Stock, die Mitglieder von Together We Are Bremen sind. Ich bin auf sie zugegangen und habe gefragt: „Fühlt ihr euch wirklich wohl mit allem, was hier passiert?“ Sie sagten: „Nein, niemand fühlt sich hier wohl. Aber was können wir tun?“ Da meinte ich: „Wenn wir nur rumsitzen, können wir natürlich nichts tun, aber es muss etwas getan werden.“ Also habe ich eine Nachricht in der Together We Are Bremen-Messenger-Gruppe geschrieben. Ich schrieb: „Die Situation im Lager hier ist schrecklich.“ Sie sagten: „Es ist schwierig, einen Protest zu organisieren. Die Vorschriften erlauben nur wenige Leute zusammen.“ Ich sagte: „Das ist kein Problem für uns. Denn so wie ich die Regeln sehe, ist es, als ob wir komplett außerhalb der Regeln sind. Wir sind 700 Leute in einem Haushalt. Wenn wir also mit 100 oder 200 Leuten zusammen protestieren, gelten die Regeln nicht, weil wir am selben Ort wohnen.“ Und sie meinten: „Okay, das macht Sinn.“ Das war der Zeitpunkt an dem sie überlegten, einen Protest während der Corona-Zeit zu organisieren. Also gingen wir raus, um zu protestieren, aber es waren nicht allzu viele Leute dabei.

Woran lag das?

Mir ist aufgefallen, dass wenn man in diese Unterkunft kommt, dann ist Angst das erste, was sie einem auferlegen. Die Angst bringt dich dazu, zu schweigen, weil dir gedroht wird: „Wenn du redest, wird alles, was du sagst, in deinem Asylverfahren gegen dich verwendet.“ Das ist der Grund, warum die Leute so verängstigt sind. Sie wollen nicht auf die Straße gehen, um zu protestieren, besonders Frauen. Ich verstehe ihre Angst, denn wenn man da rausgeht, hat das natürlich Konsequenzen. Denn das System wird ein Exempel statuieren wollen, um andere Leute zum Schweigen zu bringen.

Bei diesem Protest war ich die einzige Frau unter all diesen Männern. Und ich habe meine Meinung gesagt, aber ich habe nicht nur für mich gesprochen, sondern im Namen der Kinder dort. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Politik, das einzige, was mich dazu veranlasst hat, waren die Kinder. Was man ihnen antut, ist nicht fair, denn sie sind unschuldig. Ich habe früher in einer Gesundheitseinrichtung gearbeitet und alles, was mit Gesundheit zu tun hat, ist auch mein Anliegen; ich war Krankenschwester. Kinder zu sehen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen, war etwas, mit dem ich nicht umgehen konnte. Die Kinder hatten keinen Kontakt mit anderen Kindern außerhalb der Unterkunft. Sie waren isoliert. Sie wurden von der Unterkunft aus unterrichtet. Es war ein kleines Klassenzimmer.

Die Kinder sollten wenigstens das Recht haben, mit anderen in Kontakt zu kommen. Sie sollten nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass sie in dieser Lage auf die Welt gekommen sind. Also dachte ich mir: „Ich gehe dorthin, um für die Kinder zu sprechen, denn ihnen gilt meine Sorge.“ Aber der Protest hat die Situation nicht wirklich verändert. Niemand hat uns zugehört. Niemand hat etwas getan. Keine Veränderungen, rein gar nichts.

Die Situation wurde sogar noch schlimmer, insbesondere für mich. Denn ich war die einzige Frau und die erste Frau, die sich zu Wort meldete. Wenn ich im Gebäude herumging, sah ich, wie die Securities mir folgten, weil sie dachten: „Das ist sie. Das ist sie, folge ihr, vielleicht macht sie ein Video.“ Sie wollten nicht, dass das, was im Gebäude vor sich geht, nach außen dringt. Sie dachten, ich würde Informationen weitergeben. Also wurde ich auf Schritt und Tritt verfolgt. Das war richtig unangenehm für mich.

Was passierte danach?

Die Leute wurden immer verängstigter. Weil sie dachten: „Okay, wow, das ist Corona. Und es ist tödlich.“ Es war entsetzlich. Also fing ich an, Frauen in ihrem Zimmer zu besuchen. Ich fing an, von Tür zu Tür zu gehen und mit ihnen zu reden. Und ich bemerkte, dass diese Leute Angst hatten. Angst, zu sprechen. Sie sagten: „Okay, wir wissen, dass das nicht richtig ist. Aber wenn wir sprechen, du weißt, dass das schlecht für unseren Asylverfahren sein wird.“ Sie meinten: „Bitte sprich nicht. Denn wenn du in unserem Namen sprichst, dann wird das auch schlecht für dich sein.“ Ich meinte: „Es ist okay. Sollen sie doch alles erschweren für mich. Aber am Ende wird wenigstens jemand davon profitieren. Selbst wenn ich als Person deswegen eine Menge Probleme bekomme, bin ich zufrieden, wenn etwas Gutes dabei herauskommt.“ Am Ende des Tages gab es einige Leute, die ich überzeugen konnte. Frauen, vor allem Mütter. Und wenn die Mütter dabei sind, sind natürlich auch ihre Kinder dabei. Und das sind die wichtigsten Leute, die sich zu Wort melden sollten. Ich habe angefangen, mit ihnen in der Unterkunft zu reden. Allmählich fingen sie an, Vertrauen zu gewinnen und Kraft zu schöpfen, um öffentlich aufzutreten und zu sprechen.

Ich meinte: „Okay, ich bin mit deinem Schweigen einverstanden. Wenn du komplett schweigen möchtest, ist das deine Entscheidung, aber ich würde lieber sprechen und am Leben bleiben wollen, als mich dazu entscheiden, zu schweigen und zu sterben. Denn Corona tötet Menschen. Wenn Du in diesem Zustand lebst und Corona kommt in das Gebäude, deine Kinder sind hier. Ich kann mich selbst schützen; du kannst dich selbst schützen, aber deine Kinder können sich nicht selbst schützen.“ Manchmal siehst du eine Mutter, eine hochschwangere Mutter, mit drei weiteren Kindern. Die Mütter haben also schon viele Probleme mit sich selbst. Im zweiten Protest waren wir Frauen und Kinder. Als wir unsere Stimme erhoben, bekamen wir positive Reaktionen. Es wurde zwar nicht alles in Ordnung gebracht, aber zumindest wurde ein bisschen was geändert.

Eingebetteter Medieninhalt

Ich bin froh, dass es Together we are Bremen gibt. Denn das sind Dinge, die wir alleine nicht schaffen würden. Die Gruppe fühlt sich wie ein Zuhause an. Es ist ein Ort, an dem man wirklich seine Probleme teilen kann und auch wenn nicht alles gelöst werden kann, wird manches zumindest teilweise gelöst. Sie sorgen dafür, dass wenigstens etwas Positives herauskommt. Durch die Teilnahme an den Protesten bin ich viel entspannter geworden. Auch wenn ich nicht direkt von den Aktionen unserer Gruppe profitiere, bringt es für einige Menschen um mich herum sehr wohl etwas. Das Lächeln auf ihren Gesichtern zu sehen und zu sehen, dass wegen eines Schritts, den ich getan habe, zumindest eine kleine Sache erreicht wurde, macht, dass ich mich wirklich ok fühle.

[1] Die Anhörung ist Teil des Asylverfahrens.

* Name geändert

Das Interview führte Nikolai Huke

Das Interview ist Teil einer Interviewreihe zu Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie. Wer über neue Beiträge der Reihe per Kurznachricht informiert werden will, kann sich hier in einen Telegramchannel eintragen.

Übersetzung von Englisch ins Deutsche: Doreen Bormann
14:40 20.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gefährdetes Leben

Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie (Redaktion: Doreen Bormann & Nikolai Huke)
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