„Unser Leben zählt für sie nicht“

Interview John Adebayo* lebte in bayrischen Flüchtlingsunterkünften. Er fordert, sie aufgrund der Corona-Pandemie zu schließen und kritisiert Security- und Polizeigewalt
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„Unser Leben zählt für sie nicht“
„Manchmal waren drei Familien in einem Zimmer, etwa zehn oder mehr Menschen aus verschiedenen Familien“ (Symbolbild)

Foto: Christof Stache/AFP via Getty Images

Nikolai Huke: Wie lange leben Sie schon in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland?

John Adebayo: Ich bin 2017 nach Deutschland gekommen. Ich kam in München an, nach sechs Tagen verlegten sie uns nach Ingolstadt. Dort blieb ich fast acht Monate, bevor ich zurück in die Funkkaserne in München verlegt wurde. Dort blieb ich mit meiner Frau und meinen Kindern für fast zwei Jahre.

Es gab viele Probleme: bezüglich der Transfers, der Schikanen der Polizei, der Brutalität der Securities. Wenn man über einige der Dinge spricht, die in diesen Zentren vor sich gehen, wirkt es unglaubwürdig. Wenn man den Leuten sagt: „Das ist die Art der Behandlung, mit der wir leben müssen“, sagen die Leute: „Oh, das ist nicht wahr. Das ist nicht das, was wir in den Medien sehen. Das ist nicht das, was wir im Fernsehen sehen.“ Manchmal schweige ich einfach, denn wenn man etwas sagt, zählt es nicht. Niemand glaubt dir, sie sagen, dass sie so etwas noch nie gesehen haben.

Wie war das Leben in den Unterkünften für Sie?

Die Situation in Ingolstadt war schrecklich. Der Lebensstandard im Lager war gleich Null. Man behandelt nicht einmal Tiere so, wie sie uns behandelt haben. Das Personal sagt dir buchstäblich, dass du nicht willkommen bist. Sie wollen nur böse zu dir sein. Du darfst nicht selbst kochen, sie sagen, dass sie dir Essen geben wollen. Okay, das akzeptiere ich, kein Problem. Aber es ist mein Recht, gutes Essen zu essen. Sie geben mir Brot, ich esse es morgens, nachmittags geben sie mir das Gleiche, abends geben sie mir das Gleiche. Manchmal gehst du raus und kaufst dir selbst Brot. Du willst es mit in die Unterkunft nehmen, aber es ist verboten. Sie sagen dir: „Nein.“ Dass man kein Brot ins Lager hineinbringen darf. Ich spreche noch nicht einmal von den Misshandlungen, den Schlägen, den Verletzungen, die die Securities den Menschen zufügen.

Können Sie mir ein Beispiel für solche Misshandlungen nennen?

In der Funkkaserne hatte eine schwangere Dame, sie war meine Freundin, einen Unfall im Zimmer, bei dem sie sich schwer am Bein verletzte. Die Dame ging zu den Sozialarbeitern im Lager und beschwerte sich: „Schauen Sie, was mit meinem Bein passiert ist.“ Sie sagten: „Okay, kein Problem. Wir werden dir helfen, das Bein zu behandeln.“ Die Dame sagte: „Nein.“ Dass sie einen Krankenwagen für sie rufen sollten, weil das Bein eine große Wunde hatte.

Die Sozialarbeiter weigerten sich. Sie gaben ihr nur erste Hilfe und ließen sie so zurück. Nach etwa drei Tagen wurde sie krank. Sie ging dann erneut zu den Sozialarbeitern, um ihnen zu sagen: „Hören Sie, diese Verletzung hat sich zu etwas anderem entwickelt. Bitte rufen Sie mir den Krankenwagen.“ Denn wenn man selbst den Krankenwagen ruft, ist man, wenn die Rechnung kommt, die Person, die zahlen muss. Aber wenn der Sozialarbeiter den Krankenwagen ruft, gibt es keine Rechnungen. Das war also der Grund, warum die Dame sagte: „Okay, rufen Sie den Krankenwagen für mich.“

Sie weigerten sich erneut, woraufhin es zu einem Streit zwischen dem Ehemann der Frau und einigen der Sozialarbeiter kam. Die Sozialarbeiter riefen die Polizei und sagten ihnen, dass der Mann sich mit ihnen prügeln will. Sie sagten nichts darüber, was passiert war, sie sagten nur, der Mann wolle sich mit ihnen prügeln. Die Polizei kam und sie fragten weder den Mann noch die Frau, was passiert war. Dann steckten sie sie in ein Zimmer und sagten, dass sie nach Ingolstadt überführt werden würden. Der Mann hat gesagt: „Nein.“ Dass er nicht mitkommt. Er fragte, warum sie verlegt werden sollten, nur weil sie um einen Krankenwagen gebeten haben.

Daraus entwickelte sich ein größerer Streit. Als nächstes, ich weiß nicht, was da passiert ist, hat die Polizei den Körper der Frau und des Mannes mit etwas berührt und sie sind bewusstlos geworden. Sie war eine schwangere Frau! Dann bedeckten sie den Kopf der Dame mit einer Papiertüte und setzten die Dame und den Mann in den Polizeitransporter. Ich war überrascht, ich dachte, sie wären vielleicht tot, wegen der Art, wie die Polizei mit ihnen umging. Das ist die Art von Behandlung, die wir jeden Tag erfahren.

Selbst wenn wir nur um eine Verlegung aus dem Lager bitten, schalten die Sozialarbeiter einfach die Polizei ein. Als nächstes kommt die Polizei, schlägt dich mit einem Stock, zielt mit einer Waffe auf dich und sagt dir, du sollst in dein Zimmer gehen. „Wenn Sie hier nicht bleiben können, gehen Sie zurück in Ihr Land.“ Wenn die Polizei kommt, fragt die Polizei einen nicht einmal, was passiert ist. Sie sagen nur: „Okay, diese Person hat Sie bei uns angezeigt, er sagte, Sie hätten ihn geschlagen, wir bringen Sie ins Gefängnis.“ Sie legen dir Handschellen an wie einem Kriminellen, stecken dich in den Transporter, manchmal verbringst du drei Tage, vier Tage, eine Woche in der Zelle. Nachdem sie dich entlassen haben, bekommst du einen Brief, in dem steht, dass du eine Geldstrafe von 2.000 Euro zahlen sollst. Sie geben mir jeden Monat 120 Euro. Und jetzt geben Sie mir einen Brief, dass ich jemandem 2.000 Euro zahlen soll. Woher soll ich das Geld nehmen? Wenn man nicht zahlt, nach, ich glaube, drei Monaten oder so, bringen sie einen vor Gericht. Der Richter dort sagt nur: „Okay, weil Sie das Geld nicht bezahlen konnten, werden Sie zu drei Monaten Haft verurteilt.“ Er untersucht nicht wirklich, was passiert ist. Letztendlich wollen sie nur, dass man sich unsicher fühlt, dass man sich unwohl fühlt. Es gab eine ganze Reihe dieser Fälle, die unserer Gruppe Refugee Struggle for Freedom gemeldet wurden.

Einmal hatte ich persönlich eine Konfrontation mit einem Sozialarbeiter, die fast zu einer Schlägerei führte. Es ging um Babynahrung. Sie sollten mir Essen für mein Baby geben, aber der Mann weigerte sich. Er sagte, dass ich gehen und mir die Nahrung selbst kaufen sollte. Ich sagte ihm, dass sie das Essen wegen uns mitgebracht haben. „Sogar du“, sagte ich, „du arbeitest sogar wegen uns hier. Wenn wir nicht hier wären, würdet ihr nicht hier arbeiten. Wenn wir nicht hier sind, werden sie euch dieses Essen nicht bringen, um es zu teilen.“ Wahrscheinlich war das der Auslöser für ihn. Das machte ihn so wütend, dass er mich schubste. Es wäre fast zu einer Schlägerei gekommen, bevor einige meiner Freunde mich zurückzogen. Aber im Allgemeinen habe ich beschlossen, mich von allem zu distanzieren, was zu einer Konfrontation oder einem Kampf zwischen mir und de Securities oder den Sozialarbeitern oder wem auch immer führen könnte. Es ist kein faires Spiel.

Wie war die Raumsituation in den Lagern?

Manchmal waren drei Familien in einem Zimmer, etwa zehn oder mehr Menschen aus verschiedenen Familien. Wenn man das den Leuten außerhalb des Lagers erzählt, sagen sie einem, dass das nicht stimmt, aber das sind Dinge, die jeden Tag passieren. Wir lebten mit zwei anderen Familien in einem Zimmer. Die eine Familie hatte ein Kind. Die andere hatte drei. Und ich hatte zu dieser Zeit eines. Wenn Leute kommen, oder wenn Journalisten das Lager betreten wollen, um zu wissen, wie die Dinge stehen, lassen sie niemanden ins Lager. Auf diese Weise können sie geheim halten, was in den Zentren vor sich geht.

Es war eine wirklich, wirklich schreckliche Erfahrung, ein Zimmer mit anderen Familien teilen zu müssen. Ich halte das für eine weitere Strategie der Regierung, um den Immigranten oder den Asylbewerbern Probleme zu bereiten. Man hat verschiedene Meinungen, verschiedene Ideen, man lebt mit anderen Menschen in einem Raum, jeder will sein eigenes Recht ausüben. Stellen Sie sich vor, jemand öffnet die Tür und knallt die Tür. Die andere Person sagt: „Bitte nicht die Tür knallen.“ Sie wissen schon, diese alltäglichen Dinge. „Oh, ich habe hier etwas aufbewahrt. Dein Kind hat es genommen.“ Oder: „Du warst auf der Toilette; du bist zu lange dortgeblieben.“ All solche Sachen. Diese Konflikte spalten die Menschen, die in den Lagern leben, und machen es schwierig, zusammenzukommen, um sich dem gemeinsamen Feind zu stellen: den Securities, den Sozialarbeitern und der Polizei.

Wie hat sich die Situation auf Sie und Ihre Familie ausgewirkt?

Ich möchte arbeiten. Wenn sie mir erlauben würden, zu arbeiten, könnte ich meine Kraft, mein Wissen, meine Stärke nutzen, mein eigenes Geld verdienen und gleichzeitig Steuern an die Regierung zahlen. Aber Deutschland sagt, dass sie nicht wollen, dass man arbeitet, weil sie eine andere Agenda haben. Sie wollen nicht, dass du arbeitest. Das ist ihre Art, dir zu sagen, dass du hier nicht willkommen bist. Sie wollen dich nicht hier haben. Also werden sie dafür sorgen, dass alle Träume, alle Bestrebungen, die du hast, für dich zerstört werden. Anstatt mich arbeiten zu lassen, geben sie mir jeden Monat Geld.

Wenn ich ihnen sage: „Okay, da ihr mich nicht arbeiten lasst, lasst mich wenigstens zur Schule gehen“, sagen sie mir, dass sie mir nicht erlauben können, zur Schule zu gehen, weil ich keine Papiere habe. Ich kann nicht einmal zur Schule gehen, es gibt nicht einmal einen Integrationskurs für mich. Wenn ich einen Termin in einem Amt habe, sagt man mir, ich solle einen Übersetzer mitbringen, weil ich kein Deutsch sprechen kann. Ich kann es weder verstehen noch antworten. Sie erlauben mir nicht, zur Schule zu gehen, sie erlauben mir nicht zu arbeiten, wie soll ich mich also integrieren? Oder wollt ihr mich nur bestrafen?

Ich habe nichts zu tun, und dass du jeden Tag zu Hause sitzt, ist schlimmer, als wenn du in einem Gefängnis sitzt. Denn im Gefängnis gibt es wenigstens Aktivitäten. Das Einzige, wozu du keinen Zugang hast, ist: „Okay, ich will rausgehen.“ Aber wenigstens gibt es Dinge, die man tun kann, die einen beruhigen, die einen ein bisschen weniger nachdenken lassen. Aber hier gibt es nichts, absolut nichts.

Wir sind jetzt in einer sehr abgelegenen Unterkunft in Miesbach untergebracht. Außer unserer Familie leben hier hauptsächlich alleinstehende Männer. Aber sie haben uns mit unseren Kindern hierhergebracht. Ich habe zwei Kinder. Eines meiner Kinder ist jetzt fast drei Jahre alt. Er kann noch nicht einmal sprechen. Er kann sich nicht ausdrücken, weil er niemanden sieht, mit dem er spielen kann. Er bleibt nur in seinem Zimmer. Meine Frau ist die einzige Frau, die hier lebt. Sie werden mir sagen, dass ich, weil ich aus Nigeria komme, weil ich ein Asylbewerber bin, kein Recht habe, ihnen zu sagen, wo sie mich unterbringen sollen. Dass sie entscheiden werden, wo sie mich unterbringen wollen.

Wann haben Sie beschlossen, sich politisch zu engagieren und sich Refugee Struggle for Freedom anzuschließen?

Das war, nachdem wir eine Kundgebung in Ingolstadt wegen des Lebensstandards im Lager gemacht haben. Für mich ist es einfach ein Weg, sich gegenüber der Regierung auszudrücken, das Nötige zu tun, das Richtige zu tun. Die Leute in der Gruppe sind sehr, sehr nette Leute. Viele Leute in den Lagern haben Angst, öffentlich aufzutreten und sich dem Kampf anzuschließen. Sie wollen nicht nach sichtbar werden. Sie sagen, dass, wenn bei der Kundgebung ein Polizist ist, der Polizist sie sehen wird, wenn sie reden. Dass sie Angst haben, dass sie keine Probleme mit der Regierung haben wollen. Es sind nur ein paar von uns, die den Mut haben zu sagen: „Okay, wir wollen die Dinge so sagen, wie sie sind, egal unter welchen Umständen, egal in welcher Situation. Es ist etwas, das gesagt werden muss. Also müssen wir es sagen.“

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Sie ausgewirkt?

Einmal war unsere Unterkunft einen Monat lang komplett abgeriegelt. Diese Erfahrung war wirklich sehr, sehr schlimm. Man bekommt zum Beispiel keine Babynahrung mehr und sagt: „Okay, ich kann nicht rausgehen. Das ist kein Problem. Aber helfen Sie mir, das zu kaufen.“ Sie sagen dir: „Nein.“ Die Situation war dramatisch. Ganz im Ernst.

Die Regierung tut nicht, was sie tun sollte, um das Leben der Menschen in den Flüchtlingslagern zu schützen. Wir von Refugee Struggle for Freedom waren es, die Masken für die Bewohner bereitstellten. Wir hatten einige Schneider, die sich auf diese Mission einließen, um Tausende von Masken herzustellen, die wir in jedem Lager verteilten. Aber das sollte in der Verantwortung der Regierung liegen! Das Leben eines Asylbewerbers zählt für sie nicht. Wie können Sie es rechtfertigen, acht oder neun Menschen während der Pandemie in einem Raum zu halten? Die Leute gehen ihre verschiedenen Wege. Sie kommen zurück, um im selben Raum zu schlafen. Und sie sagen, sie bekämpfen Corona! Damit soll Corona sich bekämpfen lassen? Das geht doch nicht. Wie kann man in den Lagern hunderte Menschen in einem Speisesaal versammeln, um zu essen? Die Regierung hätte sagen müssen: „Okay, lasst uns diese Unterkünfte schließen, damit wir das Virus kontrollieren können.“

Aber die Regierung sagt nur im Radio, im Fernsehen: „Wenn ihr das Virus in Schach halten wollt, müsst ihr euch von anderen Menschen distanzieren.“ Und was ist mit den Menschen, die im Lager leben? Sprechen sie darüber? Nein. Denn für sie zählt unser Leben nicht. Niemand will sich anstecken. Niemand will sterben. Aber die Leute, die die Macht haben, die Dinge zu ändern, tun nichts. Also sind wir auf uns selbst gestellt. Wir nehmen es auf uns, zu sagen: „Okay, lasst uns selbst Dinge tun, etwa Masken bereitstellen, denn die Regierung ist nicht bereit, uns zu helfen.“

* Name geändert

Das Interview ist Teil einer Interviewreihe zu Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie. Wer über neue Beiträge der Reihe per Kurznachricht informiert werden will, kann sich hier in einen Telegramchannel eintragen.

14:44 16.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gefährdetes Leben

Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie (Redaktion: Doreen Bormann & Nikolai Huke)
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