BILD: "Luxus-Renten" in Griechenland?

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Irreführung zur Selbstbedienung durch Umverteilung nach oben und Rentenklau


BILD vom 27.10.2010 titelt in großen Lettern: "Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxus-Renten?" und fährt dann fett fort: "So gut haben es Rentner in Griechenland".

Dagegen hieß es bei freitag.de noch am 25.4.2010 als Untertitel "Liberale Zwangsjacken für Rentner und Einkommensschwache in Deutschland und Griechenland" (sh. Geierschreck: "'Liberalisierer' fördern Zockerei zur Umverteilung nach oben" , freitag.de, 25.4.2010).

Bei BILD gibt es zu dem Irreführungs-Artikel bisher ca. 50 Leserkommentare, darunter viele, die auf die Demagogie hereinfallen ("im BILDe" sind) und sich (teilweise bereitwillig) in Wallung bringen lassen. Es gibt aber auch einige andere, die in der Kommentarflut völlig untergehen und hier zur Veranschaulichung der nachfolgenden Statistiken dienen sollen. Diese ermöglichen dann einen Vergleich des Rentenklaus in Deutschland auf dem Weg zum Raubtierkapitalismus im Kontrast zu den Renten in einer sozialen Marktwirtschaft wie Dänemark. (Zum Rentenklau siehe rossaepfel-exkurse.de/Sammlung.htm#Rentenklau0 ). Aber zunächst einige Zahlen gegen die Irreführung über Griechenland. Der (zufällige?) Bild-Leser

fischNico schrieb: 27.04.2010

Um fair zu bleiben sollte erwaehnt werden dass in Griechenland von 1.357.627 griechischen Rentnern lediglich 14% mehr als 1000€ Rente bezieht.
66% der Rentner erhaelt weniger als 600 €....
Die Durchschnittsrente in Griechenland betrug im Jahr 2007 617€...
Komisch dass im Bericht keine Zahlen enthalten waren...

Mit der Suche nach diesen Zahlen [1.357.627 14 66 600 2007 617] findet man bei Google als Quellen ihrer Veröffentlichung die griechische "Statistische Gesellschaft" mit dem Titel (lt. Google-Übersetzung) "Pensionen Griechenland", 21.6.2007, sowie die weiteren Artikel "Mit weniger als 500 €...", rizospastis.gr, 21.6.2007 und "Das gleiche demütigende Renten...", rizospastis.gr , 17.8.2007. Den griechischen Statistikbehörden sind zwar weitere Manipulationen von Zahlen für die EU zuzutrauen. Sie würden aber die Renten für die protestierenden griechischen Wähler eher zu hoch als zu niedrig ausweisen.

Die häufigste Rente von "weniger als 600 €" (sh. oben) entspricht auch den Erfahrungen des BILD-Besuchers Nik67: 27.04.2010

...die Durchschnittsrente von 600-700 eur bekommst du auch nur wenn du gut bis sehr gut verdient hast ansonsten liegt es bei ca. 500 eur und wenn du dann noch die zum teil teureren Grundnahrungsmittel kaufen mußt im Gegensatz zu Deutschland und eventuell mal zum Arzt gehen mußt dann möchte ich euch gerne mal sehen wie ihr dann klar kommt die hier ihre Sprüche gegen Griechenland ablassen.

Die Bezahlung von staatlichen Ärzten als - Hauptträgern der medizinischen Versorgung - und von anderen Beschäftigten im öffentlichen Dienst liegt weit unter dem deutschen Niveau. Das Niveau der Verbraucherpreise ist aber fast gleich (sh. "Internationaler Vergleich der Verbraucherpreise" , Fachserie 17, Reihe 10, Dezember 2009, destatis.de, mit dem Index 102,8 für Griechenland im Vergleich zu 100 in Berlin). Das trägt bei zu einem teuren Schmiergeldsystem (Fakelaki), wie man es auch in anderen Ländern bei ähnlicher Verteilung des Volkseinkommens findet (sh. "Korruption in Griechenland - Ein Fakelaki voller Scheine" , spiegel.de, 10.3.2010). Zum Beispiel verdienen Lehrer mit 15 Dienstjahren etwa 40 Prozent weniger als ihre deutschen Kollegen (sh. "Gehälter von Lehrern und Lehrerinnen" , ifo-Schnelldienst, 5/2007, Blatt 51). Zum übrigen Lohnniveau findet man Anhaltspunkte unter "Löhne und Lebenshaltungskosten" in Griechenland und Deutschland, Fischer-Weltalmanach 2005, bzw. in dessen neueren Ausgaben).

Die extrem niedrigen griechischen Renten sollen nun aber noch weiter gesenkt werden, ebenso wie die deutschen, um die Umverteilung nach oben abzusichern. Der BILD-Artikel enthält zwar die Zahl einer griechischen Mindestrente von 445 Euro und einer Höchstrente von 2.538 Euro. Aber die Höchstrente der Hauptverantwortlichen für den Schlendrian dürfte dort noch höher sein - ebenso wie hierzulande bei den Verantwortlichen für die Umverteilung nach oben und für den hausgemachten Teil des Finanzmarkt-Debakels.

Dagegen ist die deutsche Mindestrente bei BILD mit 600 Euro schon von vornherein nicht richtig angegeben, denn die Grundsicherung für Rentner in Deutschland liegt auf Hartz-IV-Niveau, und das sind derzeit 359 Euro im Monat. Hinzu kommt das Wohngeld in unterschiedlicher Höhe und die freie Krankenversicherung. Die Summe dürfte für einen Einzelrentner eher bei 800 Euro liegen.

Besonders irreführend ist das Jonglieren mit bloßen Verhältniszahlen, also z.B. der Vergleich eines Rentenniveaus von z.B. 80% des letzten Einkommens in Griechenland mit den derzeit 46 Prozent vom Lebensdurchschnittseinkommens für den deutschen äußerst seltenen Eckrentner, die man auch noch weiter auf 40 Prozent senken will. Dabei liegt Deutschland EU-weit an der Spitze bei den Sozialabgaben mit mehr als 40 Prozent der Bruttolöhne vom Klein- bis zum Normalverdiener. Bei den Besser- und Best-"Verdienern" sinkt der Prozentsatz allerdings drastisch ab wegen der Beitragsbemessungsgrenze.

Tatsache ist aber, dass die Renten in Deutschland seit vielen Jahren nicht der Preisentwicklung gefolgt sind, also real erheblich gekürzt wurden, während BILD für Griechenland Erhöhungen von drei und vier Prozent für die letzten verfügbaren Jahre 2004, 2005 und 2006 ausweist. Die richtige Frage dazu stellte in einem Leserkommentar dort

DieSchoene: 28.04.2010

Die Frage sollte doch nicht sein "Warum geht es den Griechen so gut mit ihren Renten?" sondern warum geht es in Deutschland mit den Renten immer mehr Richtung 0% vom Gehalt?

Diese Frage ist aber bei den obersten BILD-Meinungsmachern und ihrer Brötchengeberin offenbar nicht beliebt, weil das die noch weitere Senkung ihres Spitzensteuersatzes in Frage stellen könnte.

Genau auf solche Profiteure der Umverteilung nach oben zielt auch der Leser-Kommentar von

Sunseeker06:27.04.2010

Die Griechen haben so viele Jahre die Steuer beschissen und jetzt soll jeder Bürger dort zahlen - obwohl es die 10% der Multimillionäre mit Hotelanlagen und Tankern sind, die das grosse Geld auf Zypern, in London und Zürich bunkern ..

Gegen das Bunkern des privatisierten Volksvermögens in Steuerhinterziehungs-"Oasen" wurden hier schon staatliche Anreize für Angebote von möglichst vielen Kronzeugen-CDs vorgeschlagen, denn die parasitären Attacken gegen Deutschland, Griechenland und alle anderen Opfer-Staaten erfordern auch passende Therapien (sh. Geierschreck bei readers-edition.de: "CDU/CSU & FDP schützen ihre 'Kundschaft' vor Daten-CD eines Kronzeugen?", 31.1.2010, "FDP schützt ihre Steuer-Großbetrüger und will erneute CD-Ankäufe blockieren – Teil 2", 15.2.2010, und ders: "FDP schützt ihre Steuer-Großbetrüger - Teil 3" , vgl. auch rossaepfel-theorie.de/Steuer-Parasitismus.htm ).

Erhellend sind die Verhältniszahlen aber dann, wenn sie nicht für alle Einkommensgruppen vom Dumping-Löhner bis zum Besserverdiener die gleichen sind. Das zeigt das Beispiel von Dänemark, wo für das mittlere Einkommen (Median) ein Rentenniveau von 75,8 Prozent gilt, wo aber das Rentenniveau für Kleinverdiener mit dem halben Einkommen auf 119,6 Prozent dieses Einkommens ansteigt, damit auch ihnen im Alter ein menschenwürdiges Leben möglich ist, und wo das Rentenniveau beim Doppelten des mittleren Einkommens auf 57,1 Prozent reduziert ist, weil man bei diesem Einkommen auch gut private Ergänzungsrenten ansparen kann (sh. die OECD-Studie "Renten auf einen Blick - STAATLICHE POLITIK IM OECD-LÄNDERVERGLEICH", S. 35, die leider nur als "Ausgabe 2007" frei verfügbar ist).

Die dänischen Renten sind außerdem fast ausschließlich steuerfinanziert - bei höheren Anfangssteuersätzen und einem Spitzensteuersatz von 59 Prozent (Deutschland ca 44 bzw. 47 Prozent), so dass die Arbeitskosten nicht unnötig mit Lohnzusatzkosten belastet werden und damit die dortige Arbeitslosenquote nur etwa halb so hoch ist wie hier. An die Stelle der Sozialbeiträge für die Arbeitnehmer tritt also eine Sozialstaats-konforme Belastung nach Leistungsfähigkeit.

Außerdem wird das Beharren der Neoliberalen auf einer strikten Proportionalität von Beiträgen und Leistungen ("Äquivalenzprinzip") nach angeblichen Verfassungsgrundsätzen gegenstandslos, da das Prinzip für eine Steuerfinanzierung jedenfalls nicht gilt. Auf diese Weise unterscheidet sich die dortige soziale Marktwirtschaft von den Streben der deutschen "Liberalen" in Koalition mit den "Christlichen" und den neoliberalen Medien nach immer mehr Raubtierkapitalismus für ihre Umverteilung nach oben in die eigenen Taschen, mit denen sie unter anderem die Rentner schröpfen und so angeblich "ihre Hausaufgaben machen".

12:00 01.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Geierschreck

Gegner der Arbeitsplatzvernichtung durch Umverteilung nach oben und durch Wählertäuschung, also des „christlichen“, „sozialdemokratischen“ und sonstigen Neoliberalismus; Anhänger der „Goldenen Regel“; Finanzökonom, aber auch ehemaliger Außenseiter-Student der Frankfurter Schule.
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