Abu Dorda spricht zur libyschen Bevölkerung

Libyen. „Wenn wir die LNA nicht unterstützen lassen wir es zu, dass die Türkei unser Land okkupiert.“
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Dorda, der während der Regierungszeit der Dschamahirija hohe Regierungsämter bekleidete, wandte sich in einer Fernsehansprache am 6. Januar an die libysche Bevölkerung.

Der heute 75jährige Abu Zaid Omar Dorda hatte von 1990 bis 1994 die Funktion eines Premierministers inne, war von 1997 bis 2003 Libyens Botschafter bei den Vereinten Nationen und von 2009 bis zum Sturz der Dschamahirija-Regierung Chef des libyschen Auslandsgeheimdienstes. Er wurde 2011 inhaftiert, massiv bedroht und zog sich bei einem Fluchtversuch mit dem Sprung aus dem Fenster schwere Beinverletzungen zu. Wie Human Rights Watch bestätigte, wurde er nie einem Richter vorgeführt und erhielt wie tausende anderer Gefangener, die der Dschamahirija angehört hatten, weder einen Anwalt, noch wurde ihm der Prozess gemacht. Die medizinische Versorgung war unzureichend, so dass Dorda bis heute auf Krücken angewiesen ist.[1] Dorda wurde Anfang 2019 auf Anordnung der libyschen Generalstaatsanwaltschaft aus medizinischen Gründen aus der Haft entlassen.

Nun erklärte Dorda, dass er während seiner Zeit als Geheimdienstchef Zugang zu hochsensiblen Informationen gehabt habe, die besagten, dass eine Verschwörung gegen Libyen im Gange war, zu deren Durchführung militante Organisationen eingesetzt wurden. Deren Mitglieder seien zu Beginn des ‚Arabischen Frühlings‘ nach Libyen zurückgekehrt, um mittels Mord und Raub das Land zu zerstören und Chaos zu verbreiten.

In einer Fernsehansprache auf LibyaNowTV warf Dorda dem Vorsitzenden der ehemaligen ‚Einheitsregierung‘ in Tripolis, Fayez as-Sarradsch, vor, sich wegen seiner türkischen Abstammung, die er anhand von Dokumenten beweisen könne, auf Kosten des libyschen Volkes für die Türkei zu engagieren. Sarradsch habe wegen seiner türkischen Wurzeln eine tiefe Bindung zur Türkei und deshalb militärische Unterstützung von dort angefordert.

Weiter erzählte Dorda, dass ihn Sarradsch während einer Inspektion im al-Hadaba-Gefängnis aufgesucht habe. Es sei dabei offensichtlich geworden, dass Sarradsch „keine Ahnung habe, was um ihn herum vor sich geht, sondern nur telefonisch erhaltene Anweisungen ausführt.“

Dorda sagte, dass die Fortsetzung einer Regierung aus Sarradsch und der Muslimbruderschaft gleichbedeutend mit dem Zerfall des Landes ist, das seiner Potentiale beraubt werde. Sarradsch möge doch definieren, was er unter dem von ihm ständig zitierten Zivilstaat verstehe, „während Milizen die Kleider des Premierministers aus dem Hotel stehlen.“

Dorda beschuldigte Sarradsch, seine ehemalige ‚Einheitsregierung‘ bestehe aus Aktivisten, die illegal für Ankara arbeiteten und als Türöffner für türkische Interessen fungierten. Während seiner Häftlingszeit hätten ihm ranghohe Banker, die ebenfalls inhaftiert waren, erzählt, dass sie von verschiedenen Gefängnisabteilungen immer wieder gefragt wurden, wie man Geld in die Türkei überweisen und dort Konten eröffnen könne, um Erdogan zu unterstützen. „Diese Aktivisten haben das Land ausgeplündert“, um die türkische Wirtschaft und den türkischen Lira nach dessen Abwertung zu stützen.

Die libyschen Institutionen im In- und Ausland seien von der Muslimbruderschaft kontrolliert und müssten gesäubert werden. Die Muslimbruderschaft wolle Libyen zur Schatzkammer zum Nutzen ihrer transnationalen Agenda machen. Die Türkei möchte ihren Einfluss auf Libyen und die gesamte Region stärken.

Dorda meinte, die Moral der Milizen in Tripolis sei gerade am Zusammenbrechen. Am Ende stünden nur Plünderungen und die türkische Aggression.

Dorda sagte in Bezug auf einige Gaddafisten, die der Zusammenarbeit mit Haftar kritisch gegenüberstehen: „Jedem steht die Entscheidung offen, nicht mit Khalifa Haftar zusammenzuarbeiten. Aber dann muss er eine andere Lösung finden.“ Die türkische Intervention richte sich nicht nur gegen Feldmarschall Haftar und die LNA, sondern gegen alle Libyer.

Dorda enthülllte, dass der ehemalige Direktor des al-Hadaba-Gefängnisses, Khaled al-Scharif, sowohl das Gefängnispersonal als auch die Insassen gezwungen habe, Waffen und Munition für den Transport zu den radikalen Organisationen in Bengasi und Derna zu verpacken. Die ihm von der Regierung zugewiesenen Mittel seien dagegen in die Türkei transferiert worden.

Dorda schlug im Austausch gegen die monarchistische Flagge eine neue vorläufige Nationalflagge vor. Sie sollte vor einem weißen Hintergrund ein Bild des legendären libyschen Freiheitskämpfers Omar Muchtar tragen. Omar Muchtar führte die Widerstandsbewegung gegen die Faschisten während der italienischen Kolonialzeit in der Kyrenaika an.

Später, nach der Abstimmung des libyschen Volkes über eine neue Verfassung, in der die verschiedenen Bestandteile des Landes zusammengefasst sein sollten, könne über die endgültige Gestaltung einer neuen Nationalflagge entschieden werden.

An Feldmarschall Haftar erging die Aufforderung, jenen sogenannten Revolutionären, die sich nicht an Verbrechen gegen Libyer beteiligt hatten, die Türe offenzuhalten.

Zum Abschluss seiner Rede forderte Dorda die Bewohner von Tripolis auf, ihre Wohnviertel und ihre Straßen zu schützen und den Vormarsch der LNA zu sichern, da deren Vorstoß in die Hauptstadt allein auf die Befreiung der Stadt von Milizen und auf den Schutz vor einer andauernden türkischen Besatzung abziele.

[1] https://www.hrw.org/news/2012/02/14/libya-ex-premier-needs-lawyer-medical-care

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https://almarsad.co/en/2020/01/06/abu-zaid-dorda-either-we-support-the-lna-or-let-turkish-invaders-occupy-our-country/

15:59 07.01.2020
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Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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