American History

Zwei Südstaatenromane. Corrie May: „Auf dieser Welt scheinen viele Dinge zu passieren, von denen wir nichts wissen; und trotzdem sind wir schuld an ihnen, trotzdem!“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zwei Romane, die in den Südstaaten spielen, einmal in den 30er Jahren, einmal um 1860. Die Heldinnen sind jeweils weiblich, einmal ein 8-jähriges Mädchen, im anderen Fall zwei junge Frauen, eher noch Mädchen. Beide Romane erzählen auch eine Geschichte der weißen Unterschicht, ihr Verhältnis zu den Schwarzen und zur weißen, gebildeten Oberschicht.

Der eine Roman stammt aus der Feder von Gwen Bristow und trägt den Titel „Die noble Straße“. Seine Erstveröffentlichung erfolgte 1938. Er ist Teil von Bristows Südstaaten-Trilogie, die auch die Romane „Tiefer Süden“ und „Am Ufer des Ruhmes“ umfasst. Der andere Roman mit dem Titel „Wer die Nachtigall stört“ wurde von Harper Lee verfasst und erschien erstmals 1960.

„Wer die Nachtigall stört“ konnte vor kurzem noch einmal seine Verkaufszahlen steigern, während „Die noble Straße“ auf Amazon keine einzige Leserrezension hat. Ein weithin vergessener Roman. Dabei sagt er doch viel über die Befindlichkeit der heutigen amerikanischen Gesellschaft.

Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ spielt in einem kleinen Ort in den Südstaaten. Heldin ist die achtjährige Scout, die zwar ohne Mutter, aber behütet von einem liebevollen, liberalen Vater mit ihrem älteren Bruder Jem und einer schwarzen Haushälterin aufwächst. Scouts Vater ist Anwalt und verteidigt gegen die in der Gemeinde herrschenden Vorverurteilungen einen schwarzen Landarbeiter, der fälschlicherweise beschuldigt wird, ein weißes Mädchen vergewaltigt zu haben. Die Kinder werden dabei mit den Ungerechtigkeiten der Welt konfrontiert und unterstützen den Vater bei seinem rechtschaffenen Kampf. Die schlechten Menschen sind das ‚weiße Pack‘, das am liebsten Lynchjustiz am schwarzen Opfer üben würde. Zwar muss am Ende der Schwarze sterben, daran ist er aber durch seine versuchte Flucht selber schuld. Vielleicht wäre es dem weißen Anwalt doch noch geglückt, ihn zu retten.

Ein Wohlfühlroman durch und durch. Es ist schön ihn zu lesen, man weiß, wo Gut und Böse ist, wogegen es zu kämpfen lohnt, für was es Wert ist, einzustehen. Alles hat wohlsortiert in soliden Schubladen seinen Platz gefunden.

Wieviel sperriger ist dagegen Gwen Bristow „Die noble Straße“. Der Roman beginnt schon mit dem verstörenden Lied der schwarzen Sklaven auf den Baumwollpflanzungen:

„Nigger pflückt die Baumwoll‘, Nigger schleppt die Last,
Nigger baut die Dämme, die der Fluss dann zerbricht,
Nigger geht niemals auf der noblen Straß‘
Doch lieber ich ein Nigger bin als arm weiß Pack!“
(„But I radder be a nigger dan po‘ white trash!“)

Die eine Heldin des Romans ist die erst 14-jährige Corrie May. Da sie zum weißen Lumpenproletariat gehört, ist ihr Weg vorgezeichnet: Ihre Heirat steht an und ihr graut vor der Zukunft. Wie die Mutter wird sie mit 30 Jahren alt und verbraucht sein und in einem heruntergekommenen Loch mit einer Handvoll Kinder ein armseliges Leben fristen. Doch Corrie will sich nicht in ihr Schicksal fügen, sondern träumt vom sozialen Aufstieg.

Sie findet Näharbeit bei der Großgrundbesitzers Tochter, die sich ebenfalls auf ihre Hochzeit vorbereitet. Corrie beschreibt sie wie folgt: „„… Ihre Selbstsucht, ihre schmeichlerische Grausamkeit, ihr vollendetes Benehmen, ihre unnachahmliche Anmut – ach, sie waren der Meinung, all diese vorzüglichen Eigenschaften gäben ihnen das Recht, sich über ihre Mitmenschen zu erheben. […] Wenn sie mit lauten Stimmen verkündeten, dass das Vaterland verteidigt werden müsste, so dachten sie an ihren Besitz und an ihr Vorrecht, die anderen auszubeuten – welche Unverschämtheit! […] sie gönnen mir nur den Abfall ihres Überflusses. Es ist ihnen unendlich gleichgültig, ob ich lebendig bin oder tot.“

Die reiche junge Frau ist kein schlechter Mensch, sie hat Mitleid mit den Armen, sie legt Wert darauf, dass die Schwarzen, die ihr gehören, gut behandelt werden. Und doch ist da etwas, das Corry May denken lässt: „… [sie] glauben fest und treu daran, der liebe Gott hätt‘ sie aus einem andren Klumpen Erde gebacken als uns gewöhnlich Pack. Dass wir genauso vornehme Leute geworden wären wie sie, wenn wir in der gleichen Wiege gelegen hätten, auf den Gedanken sind sie noch nie verfallen.“

Corry ist fast neidisch auf die schwarzen Sklaven, die gut genährt und hübsch gekleidet sind. Für die gefährlichen Arbeiten im Sumpfgebiet wird ‚weiß Pack‘ eingesetzt. Beide Brüder von Corrie verlieren dabei ihr Leben. Der Familie werden pro totem Sohn vom Grundbesitzer 50 Dollar erstattet: „Plötzlich fuhr wie ein Nadelstich ein Gedanke durch Corrie Mays Hirn: Die Felder Mr. Larnes wimmelten von Negern. Schon ein gewöhnlicher Landarbeiter kostete bereits fünfhundert Dollar auf dem Markt – für zwei tote weiße Arbeiter brauchte Mr. Larne nur hundert Dollar auszuwerfen. Zwei tote Sklaven, auch die billigsten, würden ihn tausend gekostet haben. Es war also wesentlich billiger, gefährliche Arbeiten von Weißen verrichten zu lassen, als Sklaven dafür zu benutzen; wenn ein Weißer starb, so traf der Verlust allein seine Angehörigen, aber nicht den Arbeitgeber.“

Der Sezessionskrieg bricht aus und als die Nordstaaten siegen, stellt das zunächst die Verhältnisse auf den Kopf. Doch Corry May weiß schon jetzt: „Ihr wollt den Süden also wie den Norden machen! Ihr braucht euch nicht weiter anzustrengen: Der Süden ist schon längst so wie der Norden. Hier wie da gibt’s nur zwei Sorten von Leuten; die eine Sorte bekommt, was sie haben will, und die andere lässt sich an der Nase herumziehen und glaubt, was man ihr vorerzählt: von Fahnen und Vaterland und lässt sich die Arme abschießen und ist noch stolz darauf, weil man das patriotisch nennt. Zum Teufel mit dem ganzen Irrsinn und mit dir dazu, mit dir auch!“

Und auch für die Schwarzen brechen nicht nur rosige Zeiten an. Der Besitzer der Baumwollplantage droht: „Die Zeiten haben sich geändert, merkt euch das! […] Heute seid ihr keine Sklaven mehr, und ich kann euch auf die Straße jagen, wenn ihr mir nicht aufs Wort gehorcht. Also richtet euch danach!“

Corrie May kommt vorübergehend zu Reichtum, während nun die Tochter des Großgrundbesitzers ums Überleben kämpft. Die plötzlich in ihrer Existenz bedrohten Großgrundbesitzer gründen den Ku-Klux-Klan.

Es ist eine schwarze Familie, die Corry May hilft, als diese wieder ganz am Ende ist. Bei ihnen kann sie ihr Kind zur Welt bringen.

Beide jungen Frauen verlieren – aus ganz unterschiedlichen Gründen – ihre Männer und bleiben mit einem Sohn zurück.

Doch der Damm, der den Lauf des Mississippi in sicheren Bahnen lenkte, ist gebrochen, die Wassermassen haben das Alte hinweggeschwemmt. Corry Mays Sohn ist stark und ehrgeizig. Er wird hart arbeiten und eine Zukunft haben.

Diese Zukunft ist gerade dabei, wieder wegzubrechen.

---

Es gibt eine Erklärung dafür, warum es so viel leichter fällt, sich als aufgeklärter, liberaler Mensch mit Menschen schwarzer Hautfarbe oder mit arabischen Kriegsflüchtlingen solidarisch zu erklären, nicht aber mit Menschen, die der weißen Unterschicht angehören. Sie sind uns zu nahe, sie sind der Teil von uns, der uns Angst macht, der verleugnet werden muss. Wir wissen, nie werden wir Schwarze, afrikanische Armutsflüchtlinge oder arabische Kriegsvertriebene sein. Aber vom Abgrund des Prekariats trennt uns alle nur ein kleiner Schritt, auch wenn wir uns das niemals eingestehen wollen. Und liegt es nicht auch in unserem Interesse , das ‚arm weiß Pack‘ von den Fleischtöpfen und der Macht fernzuhalten?

17:30 04.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

Kommentare 8