Das Attentat - schon wieder kurz vor Wahlen

Paris. Wird das Attentat von Paris den Linken Mélenchon verhindern?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bis vor kurzem war es so gut gelaufen für die Neoliberalen in Frankreich und ihren künstlich designten Kandidaten: Emmanuel Macron sicher in der Stichwahl, voraussichtlich gegen Marine Le Pen vom Front National – um anschließend im zweiten Wahlgang mit großer Mehrheit – die Franzosen geschlossen gegen rechts – zum neuen französischen Ministerpräsidenten gewählt zu werden.

Doch dann der Umschwung. Gestern meldete das ARD Verschiebungen in der Wählergunst. Plötzlich schien alles wieder offen, vier Kandidaten hatten nach den letzten Umfragen Chancen, in die Stichwahl zu kommen. Neben Francois Fillon von der republikanischen Partei als große Überraschung auch der Linke Jean-Luc Mélenchon, der besonders in den im Fernsehen ausgestrahlten Diskussionsrunden der Kandidaten punkten konnte. Den Wahlausgang völlig unberechenbar machte die große Anzahl der unentschlossenen Wähler. Oder wollten die nur nicht sagen, wen sie wählen werden?

Plötzlich schien es möglich, dass in der Stichwahl die Kandidatin der Rechten, Marine Le Pen, gegen den Kandidaten der Linken, Jean-Luc Mélenchon, antritt. Die „radikale Mitte“ außen vor. Eine Katastrophe für das politische Establishment.

Gestern Abend sollte die letzte Diskussionsveranstaltung aller Kandidaten im Fernsehen stattfinden. Zunächst ließ sich das Fernsehen etwas einfallen. Einen Tag vor dem Sendetermin wurde vereinbart, dass es keine offene Diskussion mehr geben soll, sondern dass sich die Kandidaten einzeln in einer Viertelstunde mit ihrem Wahlprogramm vorstellen. Damit sollte wohl verhindert werden, dass die Zuschauer sahen, wie blass Macron gegen Mélenchon rauskommt.

Doch in die Vorstellungsrunde im Fernsehen platzte das Attentat auf den Champs-Élysées mit einem Toten und drei Verletzten und verdrängte alle anderen Themen. Wie gehabt, wurde der Attentäter gleich erschossen. Wie gehabt, fand die Polizei seine Ausweisdokumente im Auto. Wie gehabt, bekannte sich der IS zu der Tat. Wie gehabt, war der Täter schon lange im Visier der Behörden. Wie gehabt, soll er sich erst vor Kurzen im rasanten Tempo islamistisch radikalisiert und dem IS angeschlossen haben. Das erinnert fatal an die Anschläge auf den Weihnachtsmarkt in Berlin und auf die Redaktion von Charlie Hebdo und weitere Attentate dieser Art.

Allerdings fragt man sich schon, was denn der IS davon haben soll, wenn bei den am Sonntag anstehenden Wahlen durch den Anschlag die fremden- und islamfeindliche Partei Front National gestärkt wird.

Doch heute früh klärte das Morgenmagazin der ARD die Zuschauer auf: Dies würde nicht Marine Le Pen zu Gute kommen, sondern den gemäßigten Parteien. In solchen kritischen Situationen setzte man auf Kandidaten mit der politischen Erfahrung, solche Krisen zu meistern. Experimente seien da nicht gefragt.

Aber da war doch noch etwas. Genau! Es ging um ein Referendum im letzten Jahr. Die Briten sollten entscheiden, ob sie in der EU bleiben oder diese verlassen wollten. Auch hier hatten die Umfragen wenige Tage vor der Abstimmung eine Wende prognostiziert: Plötzlich lagen die EU-Gegner vorn. Da ereignete sich ein Anschlag. Eine engagierte Pro-EU-Parlamentarierin wurde auf offener Straße ermordet. Das hätte einen Umschwung in den Meinungen geben können. Das hat es wohl auch, doch der hat nicht ausgereicht, das Ergebnis gegen die EU zu drehen.

Hilft das Attentat in Paris, die Wahlentscheidung der französischen Wähler am Sonntag zu beeinflussen? Ist Mélenchon sozusagen ‚rausgeschossen‘ aus dem engeren Kreis der potentiellen Sieger? Kann es im zweiten Wahlgang nur wieder heißen: Marine Le Pen gegen Macron? Bestenfalls noch gegen Fillon? Das würde heißen, das Establishment siegt, so oder so: Macron oder Fillon werden der nächste Präsident, am wahrscheinlichsten der so sorgfältig aufgebaute Macron.

Die Börsenkurse sind heute wieder ein gutes Stück gestiegen.

Doch das Establishment sollte vorsichtig sein: Es war schon immer ein großer Fehler, sich selbst zu überschätzen und die anderen für blöd zu halten.

19:02 21.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community