Das Mitiga-Gefängnis in Tripolis und die CIA

Libyen. Die russischen Staatsbürger, die von Mai 19 bis Dez. 20 im Mitiga-Gefängnis der Rada-Miliz in Tripolis gefangengehalten wurden, berichten über die schrecklichen Zustände
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Der russische TV-Sender NTV brachte ein Interview mit dem russischen Soziologen Maxim Schugaley, der zusammen mit seinem Übersetzer Samer Seifan im Mitiga-Gefängnis von Tripolis monatelang Gefangener der ‚Einheitsregierung‘ war und erst im Dezember freikam und nach Russland ausreisen konnte. In dem Interview sprach Schugaley über die schrecklichen Bedingungen in dem von der Rada-Miliz betriebenen Gefängnis und berichtete auch, dass das Gefängnis unter Supervision der CIA stehe. Laut Schugaleys Bericht führten ausländische Sicherheitsdienste seine Verhöre durch.

Schugaley und Seifan wurden von den Behörden in Tripolis unter dem Vorwurf verhaftet, sie hätten sich mit Saif al-Islam Gaddafi, dem Sohn von Libyens ehemaligem Staatschef Muammar Gaddafi, verschworen, um die Wahlen in Libyen zu beeinflussen und die Macht im Land zu übernehmen. Diese Behauptung ist schon insofern unsinnig, als dass zum Zeitpunkt der Verhaftung überhaupt keine Wahlen in Libyen im Gespräch waren. Der tatsächliche Grund für die Verhaftung der beiden Männer dürfte gewesen sein, dass sie als Faustpfand gegen Russland verwendet werden konnten.

In dem Interview sagte Schugaley über seine Gefangennahme: „Ich wurde aus dem zweiten Stock eines Gebäudes zu einem Auto gebracht. Sie bedeckten meinen Kopf mit der Tasche, die ich zum Fitnessstudio mitgenommen hatte. Sie versuchten, meine Augen mit dieser Tasche zu bedecken, aber ich konnte immer noch sehen, was um mich herum geschah. Ich konnte Leute sehen, die ganz offensichtlich nicht wie Einheimische aussahen.“ Und weiter: „Die Leute verhielten sich zurückhaltend, während sie unsere Papiere sorgfältig durchsuchten.“ Aber: „Mein Übersetzer wurde geschlagen. Sie reagierten nicht auf seine Schreie und auch nicht darauf, dass die Möbel zusammenkrachten. Das heißt, diese Leute hatten einen klaren Auftrag und hatten die Entführung geplant.“

Die Rada-Miliz (Special Detrrence Force) arbeitet in Tripolis für die ‚Einheitsregierung‘ unter Premierminister as-Sarradsch. Viele der im RADA-Gefängnis Inhaftierten werden oft jahrelang ohne Gerichtsverfahren und unter erniedrigenden Umständen festgehalten.[1]

Schugaley über die menschenverachtenden Haftbedingungen im Mitiga-Gefängnis: „Ich war in einer Zelle mit 60 anderen Häftlingen auf einer Fläche von nicht mehr als 25 Quadratmetern eingesperrt. Viele Gefangene starben vor unseren Augen. Es gab keine Beerdigungen oder Benachrichtigungen ihrer Familien. Wir hatten nur alte Decken und befanden uns in der Nähe des Mittelmeers, das die Kerkermeister als Massengrab für die im Gefängnis Verstorbenen verwendeten. Viele Zeugen haben mir davon berichtet.“ Er fügte hinzu: „In der Zelle schläft eine Person, während die andere steht und nicht einmal sitzen kann. Ein anderer Gefangener und ich teilten uns einen Platz; während er schlief, stand ich zwei Stunden lang, und die nächsten zwei Stunden stand er, während ich schlief. Während die Tage vergingen, verwandelten wir uns in Zombies.“

„Eines Morgens brachten sie mich zum Büro des Generalstaatsanwalts und dort traf ich Samer [den Übersetzer], der zu mir sagte: >Maxim, ich war gestern hier, und wenn sie dir anbieten, in ein anderes Land zu gehen, dann sag ja. Das Wichtigste ist, hier rauszukommen<. Allerdings wurde ich zum Verhör gebracht.“

Schugaley fuhr fort: "Zuerst ging es um nichts Bestimmtes, die Fragen waren inhaltslos, dann begannen sie allmählich, sich auf eine Frage zu konzentrieren: Ob ich Angst hätte, nach Russland zurückzukehren. Auf diese Frage war ich schon vorbereitet. Nach dem Aufenthalt an diesem Ort fürchte ich mich vor allem. Aber ich war bereit, überall hinzugehen, nur um diesem Gefängnis zu entfliehen.“

„Sie fragten mich, ob ich bereit sei, in ein Drittland zu gehen, und in welches Land sie mich schicken würden. Ich antwortete, dass es zweifellos entweder die Vereinigten Staaten oder Großbritannien sei. Ich fragte sie, was ich tun solle. Ich sei kein politischer Beamter, ich sei Wissenschaftler. Ich sei kein Mitglied von Geheim- oder Spezialdiensten.“

„Ich sagte ihnen, dass ich keine Staatsgeheimnisse weiß, dass ich nicht im Fernsehen auftreten und mein Land für irgendetwas beschuldigen werde. Wenn Sie irgendwelche Informationen über meinen Besuch benötigen, bin ich bereit, auszusagen. Aber alles steht bereits im Internet. Sie fragten: >Sind Sie bereit, den Vertreter dieses Landes zu treffen<? Ich sagte ihnen: >Ich bin bereit<. Dann sagten sie mir, dass das Treffen am Ende der Woche stattfinden würde. Aber das Treffen fand nicht statt“.

Laut Schugaley haben die Amerikaner die Oberaufsicht über das Mitiga-Gefängnis. Er beschuldigte die CIA, ihn eineinhalb Jahre lang seiner Freiheit beraubt zu haben. Im Gefängnis befänden sich „viele Anhänger des verstorbenen Oberst Gaddafi. Die Amerikaner bevorzugen private Geheimgefängnisse.“

Zu den Recherchen, die er in Libyen durchführte, erklärte Schugaley: „Ich werde sie nicht zu Ende bringen können, aber ich kann Ihnen sagen, dass sich jeder darüber im Klaren ist, dass das Land derzeit nicht unabhängig ist, also im klassischen Verständnis kein Staat existiert. Das bedeutet, dass dieses Land regional gespalten ist.“

Er fügte hinzu: „Die Befehle kommen von oben, von der Schaltzentrale. Eine horizontale Ebene ist nicht vorhanden. Es wurde kein Regierungssystem aufgebaut. Es existiert keine Rechtsprechung. Die Menschen sind müde und warten auf irgendeine Hilfe von außen“.

Außerdem erklärte Schugaley, dass die Menschen darauf warten, „dass man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, einen Präsidenten zu wählen, dass es eine klare Gesetzgebung gibt und dass der Wiederaufbau ihres Landes beginnt. Das Bedürfnis des Volkes nach solchen Dingen ist sehr stark. Es muss aufhören. Und wir können sagen, dass Amerika die Schuld trägt und bis zu einem gewissen Grad auch Russland“.

Es wurde in der Sendung auch diskutiert, warum man Schugaley und Suifan als russische Geheimdienstler und Terroristen darstellen wollte, die sich in Wahlen in Libyen einmischen wollten. Ein lächerlicher Vorwurf zu einer Zeit, in der in Libyen nicht einmal Wahlen geplant waren. Tatsächlich würde die Regierung in Tripolis von westlichen Regierungen kontrolliert und es würden falsche Anschuldigungen gegen Russland fabriziert.

Schugaley und Suifan seien gezwungen worden, falsche Geständnisse über ihre angeblichen Verbindungen zum russischen Geheimdienst abzulegen. Die Behörden in Tripolis hätten ihnen angeboten, sie von Libyen nach Europa zu bringen. Das russische Außen- und das Verteidigungsministerium sowie zivile Institutionen hätten enorme Anstrengungen unternommen, damit die beiden russischen Staatsangehörigen freigelassen wurden und nach Russland zurückkehren konnten.
https://almarsad.co/en/2021/01/28/shugaley-americans-control-mitiga-prison-run-by-rada/

https://libyareview.com/9152/russian-imprisoned-in-libya-threatens-legal-action-against-pompeo/

[1] https://www.freitag.de/autoren/gela/unhaltbare-zustaende-im-mitiga-gefaengnis

22:37 29.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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