Der libysche Freiheitsheld Omar al-Muchtar

Libyen/Omar al-Muchtar. Am 16. September 2021 jährte sich der 90. Todestag des libyschen Nationalhelden Omar al-Muchtar. Er wurde von italienischen Kolonialtruppen erhängt.
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Omar al-Muchtar (al Mukhtar) wurde 1862 geboren, war Korangelehrter der bedeutenden religiösen Bruderschaft des Senussi-Ordens und führte von 1923 bis 1931 in der Kyrenaika den libyschen Widerstand gegen die italienische Kolonialmacht an.

Im Oktober 1922 hatte Benito Mussolini in Italien die Macht ergriffen mit dem erklärten Ziel, das antike Römische Reich wieder aufleben zu lassen. Für Libyen, das unter italienischer Kolonialherrschaft stand, hatte dies verheerende Folgen. Nachdem Mussolini die „Wiedereroberung“ und „Ausweitung des Kolonialbesitzes“ ausgerufen hatte, organisierte sich der libysche Widerstand neu.

Der italienische Generalgouverneur für Libyen kündigte alle in dem Land geschlossenen Verträge und 1927 wurde die Gleichstellung von Italienern und Libyern aufgehoben. Jeder libysche Widerstand sollte von nun an kompromisslos unterdrückt werden.

Brennpunkte des Aufbegehrens gegen die Kolonialmacht waren zunächst Tripolitanien und der Fessan. In den Nafusa-Bergen wurde jedes Dorf zu einer Festung ausgebaut. Als es den Italienern dank ihrer waffentechnischen Überlegenheit– sie kämpften mit Panzern und Flugzeugen gegen die berittenen und nur mit Gewehren ausgerüsteten Libyer – gelang, in Tripolitanien die Stämme zu bezwingen, gingen sie als nächstes gegen die Kyrenaika vor. Dort führte seit 1923 der Senussi-Scheich Omar al-Muchtar den Widerstand der Freischärler an. Der Partisan und Freiheitsheld Muchtar bot mit seiner kleinen Partisanengruppe zwanzigtausend italienischen Soldaten Paroli und schrieb damit Geschichte. Muchtar gehörte zum Stamm der Minifa, hatte eine traditionelle Erziehung bei den Senussi genossen und trug den Titel eines Bevollmächtigten des Emirs.

Omar al-Muchtar beherrschte mit seinen Freischärlern das Hinterland der Kyrenaika, kein italienischer Soldat konnte sich aus seiner Garnison herauswagen ohne Gefahr zu laufen, gefangengenommen zu werden. Der italienische General und Gouverneur der Kyrenaika, Pietro Badoglios, schrieb 1930 an seinen Vizegouverneur General Domenico Siciliani: „Denken Sie daran, dass es für Omar al-Muchtar zwei Dinge braucht: erstens einen ausgezeichneten Geheimdienst, zweitens eine Überraschung in Form von Flugzeugen und Senfgasbomben. Ich hoffe, dass ihn solche Bomben so bald wie möglich treffen werden.“ In den Jahren 1927/28 wurde nachgewiesener Weise von den Italienern Giftgas eingesetzt.

Siciliani wurde schon bald als Vizegouverneur der Kyrenaika durch den wegen seiner Brutalität berüchtigten General Rodolfo Graziani, der 1929 von Mussolini nach Libyen entsandt worden war und bereits Tripolitanien und den Fessan erobert hatte, abgelöst. Graziani wurde seinem Ruf als „Schlächter des Fessan“ bald schon auch in der Kyrenaika gerecht. Ihm sollte es gelingen, den jahrelangen Widerstand der Bevölkerung gegen die italienische Besatzung zu brechen. 1930 schrieb er an Badoglio: „Ich sehe die Situation in der Kyrenaika als vergleichbar mit einem vergifteten Organismus, der in einem Teil des Körpers eine eitrige Blase bildet. Die Blase sind in diesem Fall die Soldaten von Omar al-Muchtar. […] Es ist notwendig, den Ursprung der Krankheit zu zerstören und nicht ihre Auswirkungen.“

Seine Methoden zeichneten sich durch hemmungslose Grausamkeit und Unmenschlichkeit aus, so wurden zum Beispiel Stammesführer in großer Höhe über ihren Heimatdörfern aus Flugzeugen geworfen, Libyerinnen als Sexsklavinnen für die Kolonialtruppen gehalten und Brunnen vergiftet. Jede Unterstützung der Aufständischen wurde mit dem Tode bestraft, auch Frauen und Kinder wurden ermordet

Ab dem Juni 1930 wurde innerhalb von neun Monaten die gesamte nomadische Bevölkerung des Dschebel gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben und in fünfzehn Konzentrationslagern an der Küste interniert. Mehr als die Hälfte der insgesamt mindestens 50.000 Nomaden verloren in diesen Lagern ihr Leben. Graziani selbst gab an, dass er 139.192 Menschen einsperren ließ, etwa 80.000 davon Beduinen. Es existieren keine genauen Angaben darüber, wie viele Menschen dabei zu Tode kamen. Neben den Massenerschießungen fanden zehntausende den Tod, indem sie verhungerten. Frauen wurden vergewaltigt, Heiligtümer geschändet. Der dänische Journalist Holmboes berichtet über seinen Besuch in einem solchen Lager. „Es war ein immenses Camp mit ca. 1.500 Zelten und einer Bevölkerung von 8.000, umgeben von Stacheldraht und Maschinengewehrposten an allen Eingängen… Kinder kamen uns entgegen, in Lumpen gehüllt und unterernährt… die Menschen schienen krank und deprimiert, viele haben schwer deformierte Hände und Arme.“[1]

Trotz aller Brutalität gelang es Graziani zunächst nicht, den Widerstand der Libyer unter Omar al-Muchtar zu brechen. In nur einem Jahr kam es laut Graziani zu 53 größeren Kämpfen und 210 Scharmützeln. Um die Rebellen von jeglichem Nachschub abzuschneiden, der hauptsächlich über die ägyptische Grenzstadt as-Sallum die Widerstandsgruppen erreichte, ließ er die Grenze zu Ägypten auf dreihundert Kilometer mit Stacheldraht sichern.

Die Kufra-Oasen, eine Hochburg des Senussi-Ordens, waren eines der letzten libyschen Widerstandsnester, in dem sich hunderte libyscher Kämpfer aus Tripolitanien und dem Fessan geflüchtet hatten. Als Graziani gegen Kufra marschierte, hatte der libysche Widerstand den militärisch weit überlegenen italienischen Truppen wenig entgegenzusetzen. In der Schlacht von Kufra wurden am 19. Januar 1931 die Stammeskämpfer von den Kolonialtruppen besiegt, hunderte getötet und die Überlebenden mit Hilfe italienischer Flugzeuge vertrieben. Ein Überlebender berichtete: „Ich konnte die Schreie der Frauen hören, als sie von den italienischen Soldaten und eritreischen Askaris vergewaltigt wurden. Ein italienischer General hatte alle Überlebenden vor dem Grab von Sayyid Muhammed al-Mahdi versammelt. Vor ihren Augen zerriss er einen Koran, warf ihn zu Boden, stellte sich mit seinen Stiefeln darauf und rief: >Euer beduinischer Prophet soll euch jetzt helfen, wenn er kann<. Dann befahl er, die Palmen in der Oase zu fällen, die Brunnen zu zerstören und alle Bücher aus Sayyid Ahmeds Bibliothek zu verbrennen. Am nächsten Tag befahl er, einige unserer Ältesten und >Ulama< in ein Flugzeug zu bringen, und sie wurden aus großer Höhe aus dem Flugzeug geworfen, um zu Tode geschmettert zu werden. Die ganze zweite Nacht hindurch hörte ich von meinem Versteck aus die Schreie unserer Frauen, das Lachen der Soldaten und ihre Gewehrschüsse“.

In der darauffolgenden Woche wurde die fliehende Bevölkerung von Kufra im Tiefflug gejagt, bombardiert und mit Maschinengewehren beschossen. Es gab weitere hundert Tote. Daneben machte Graziani etwa 250 Gefangene, darunter auch Frauen und Kinder.

Rodolfo Graziani wurde niemals für seine in Afrika begangenen Kriegsverbrechen belangt.

Am 11. September 1931 wurde Muchtars verbliebene Truppe von etwa 150 Männern im Wadi bu-Toga von den Italienern angegriffen, konnte aber die feindlichen Linien durchbrechen und sich aufteilen. Die Gruppe von Muchtar umfasste nur noch etwa sechzig Mann, als sie von einer riesigen Überzahl italienischer Infanteristen gestellt wurde. Nach stundenlangen Kämpfen wurde Muchtar verletzt gefangengenommen und nach Bengasi gebracht. Am 15. September traf Muchtar bei einem Verhör auf Graziani, der in seinem Bericht die Würde des Widerstandskämpfers nicht verhehlen konnte. Als Muchtar von Graziani gefragt wurde, ob er versprechen würde, seinen Kampf gegen Italien aufzugeben, wenn er dafür frei käme, antwortete er: „Ich werde nicht aufhören, gegen dich und dein Volk zu kämpfen, bis entweder du mein Land verlässt oder ich mein Leben lasse. Und ich schwöre dir bei dem, der weiß, was in den Herzen der Menschen vorgeht, dass ich dich mit bloßen Händen bekämpfen würde, so alt und gebrochen ich bin, wenn mir nicht gerade die Hände gebunden wären“.

Am nächsten Tag wurde der 70-jährige Muchtar bei einem halbstündigen Scheinprozess zum Tode verurteilt und am 16. September 1931 öffentlich gehenkt. Die letzten Worte der „Seele des libyschen Widerstands“ lauteten: „Wir sind von Gott gekommen und kehren zu Gott zurück“.

Jahrelang hatte Omar al-Muchtar den Kampf seines Volkes gegen eine technisch und personell haushoch überlegene italienische Besatzungsmacht angeführt, der er immer wieder große Verluste zufügen konnte. Doch nun waren die letzten Reste des libyschen Widerstands zerschlagen und auch die traditionellen, von den Italienern verachteten Strukturen der beduinischen Gesellschaft zerstört. Es wurde versucht, den Beduinen eine sesshafte, bäuerliche Lebensart aufzuzwingen und sie als billige Arbeitskräfte einzusetzen.

Nicht zerstört werden konnte jedoch der Mythos des verehrten Volkshelden Omar al-Muchtar, der bis heute ungebrochen weiterlebt. So ist Muchtar auf einer hohen libyschen Banknote abgebildet und sein heldenhafter Kampf wurde in dem Film „Omar Mukhtar - der Löwe der Wüste“[2] bilderstark beschrieben.

Als Muammar al-Gaddafi am 10. Juni 2009 zu einem Staatsbesuch nach Italien reiste, hatte er sich demonstrativ ein Foto des gefangenen Omar Muchtar an seine Brust geheftet.

https://libyacolonialhistory.wordpress.com/2020/09/25/paladins-of-the-desert-i-deliberation-deceit-in-cyrenaica/

https://libyacolonialhistory.wordpress.com/2020/10/07/paladins-of-the-desert-ii-the-final-war-against-the-bedouin/

Burchard Brentjes, "Libyens Weg durch die Jahrtausende", akzent, Urania Verlag Leipzig
Angelo del Boca, "Gli italiani in Libya", Editori Laterza, 1997

Enzo Santarelli, Giorgio Rochat, Romain Rainero, Luigi Goglio, „Omar al-Mukhtar – The Italian Reconquest of Libya“,London 1986

[1] Zitiert nach John Wright „Libya“, London, Ernest Benn, 1969

[2] „Omar Mukhtar - der Löwe der Wüste“ aus dem Jahre 1980, Regie Moustapha Akkad, mit Anthony Quinn in der Hauptrolle und Oliver Reed als sein Gegenspieler Graziani,

19:41 19.09.2021
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Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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