Deutschlands Ambitionen im Nahen Osten

Deutschland/Naher Osten. Thierry Meyssan beschreibt auf "Voltairenet" Deutschlands unbeholfene Versuche, auf internationaler Bühne auch militärisch Fuß zu fassen.
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75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs drängt Deutschland zurück auf die internationale Bühne. Das Niveau ist hoch und so ist die Betätigung nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich, wenn die diesbezüglichen Erfahrungen historischen Zeiten entstammen.

29.01.2020

Wie im Plan von Volker Perthes aus dem Jahr 2013 vorgesehen, bereitet sich Deutschland darauf vor, Soldaten in den Nahen Osten zu entsenden. Es scharrt vor Ungeduld mit den Hufen, nachdem ihm die rechtmäßig zustehende Rolle 75 Jahre lang vorenthalten wurde. Es ist eine Frage der nationalen Ehre.

Die Deutschen wollen mit ihrer Armee irgendwo Frieden schaffen, sie, die die Hauptlast der verlorenen Kriege des Nationalsozialismus zu tragen haben.

Zunächst hofften sie, gemeinsam mit den mutigen „Demokraten“ von Idlib siegreich in Damaskus einzumarschieren. Dort! Das sind doch nur Dschihadisten! Dann hofften sie, als Präsident Donald Trump zum zweiten Mal den Rückzug der USA ankündigte, die GIs in Nordsyrien zu ersetzen. Leider behielt das Pentagon die Oberhand und die GIs blieben dort. Deutschland nahm von der Intervention Abstand.

Deutschland verzichtete auch auf ein Eingreifen, als die Türkei eine Operation gegen die PKK/YPG startete, weil es in Deutschland einen großen türkischen und kurdischen Bevölkerungsanteil gibt. Als nächstes hatte Deutschland die Idee, sich für sein Handeln ein humanitäres Alibi zu verschaffen, indem es einen Resolutionsentwurf im US-Sicherheitsrat einbrachte, mit dem es ein empörtes Veto von Russland und China provozierte.

Im Oktober 2019 entsandte Deutschland diskret Experten zu Abd al-Fattah as-Sissi und Scheich Tamim, die das Terrain in Ägypten und Katar erkunden sollten, um schließlich Libyen ins Visier zu nehmen und die Berliner Konferenz am 19. Januar 2020 zu organisieren.

Auch dies erwies sich als ein Schlag ins Wasser. Die beiden Rivalen, Fayez as-Sarradsch und Khalifa Haftar, sprachen nicht einmal miteinander. Trotzdem unterstützte die herrschende Klasse die deutsche Bundeskanzlerin Merkel für ihre „Friedensarbeit“. Das Abschlusskommuniqué beschreibt einen Waffenstillstand, den keiner will und der nur in der Fantasie existiert, und den Einsatzwillen der deutschen Armee, ihn durchzusetzen

Es ist halt nicht so einfach, den Nahen Osten nach 75 Jahren Abwesenheit zu verstehen, schon gar nicht, wenn man sich auf der internationalen Bühne bewegt.

Vielleicht hat Deutschland zusammen mit der Türkei, seinem langjährigen militärischen Verbündeten, eine neue Chance, wenn auch dies nicht so einfach sein dürfte. Die Europäische Union schuldet der Türkei 2,6 Milliarden Euro für den Migrationspakt, wie der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu erklärte. Berlin und Ankara liegen sich seit dem Putschversuch von 2016 in den Haaren, als in der Türkei eine halbe Million Menschen eingesperrt wurde, darunter 59 Deutsche, die sich noch immer in Haft befinden. Und dann gibt es auch noch den Streit um das Gas im Mittelmeer.

Aber es existieren auch viele historische Bindungen zwischen beiden Ländern, im Guten wie im Schlechten (Rudolf Hess war an dem von den Jungtürken begangenen Völkermord an Nicht-Muslimen beteiligt, bevor er das Vernichtungslager Auschwitz leitete und später in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt wurde). Es bestehen auch viele zwischenmenschliche Beziehungen, denn die größte türkische Auswanderergemeine seit dem Kalten Krieg lebt in Deutschland.

Seit dem Putschversuch im syrischen Hamah 1982 sind Führer der Muslimbruderschaft in der Bundesrepublik willkommen. Zu Beginn des Krieges gegen Syrien wurde ihnen sogar ein eigenes Büro im Auswärtigen Amt eingerichtet.

Kanzlerin Merkel ist zur Einweihung eines neuen Campus der deutsch-türkischen Universität nach Istanbul gereist. Dabei brachte sie die Bereitschaft zum Ausdruck, der Region zu „helfen“. So bot sie an, 10.000 neue Wohnungen für Menschen zu bauen, die aus Idlib kommen. Meinte sie damit Zivilisten oder Dschihadisten?“

(Thierry Meyssan)

https://www.voltairenet.org/article209062.html

23:24 30.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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