Die Plünderung eines Staates

Libyen. Wie die Einzelteile eines zerstörten Landes vom Westen eingesammelt werden.
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(nach: „I predatori della Libia“ von Manlino Dinucci – www.voltairenet.org/article191127.html)

„Libyen muss wieder ein stabiles und gefestigtes Land werden“, twitterte der italienische Premierminister Matteo Renzi aus Washington und sagte dem endlich in Tripolis eingetroffenen libyschen „Premier“ Sarradsch die größtmögliche Unterstützung zu.

In Washington, Paris, London und Rom, überall der gleiche Gedanke: Nachdem der libysche Staat durch einen Krieg destabilisiert und zerstört wurde, können nun dessen Einzelteile mittels der „Internationalen Hilfsmission für Libyen“ eingesammelt werden.

Diese Vorstellung durchzieht maßgebliche politische Äußerungen. So sagte Paolo Scaroni, der als Chef des italienischen Energiekonzerns Eni zwischen den verschiedenen Fraktionen und Söldnern in Libyen hin und her manövrierte und heute Vizepräsident der Rothschild-Bank ist, der italienischen Zeitung >Corriere della Sera<: „Wir müssen die Vorstellung von >einem Libyen< aufgeben; denn dieses Land ist vom italienischen Kolonialismus erfunden worden.“ Man müsse die Bildung einer Regierung in Tripolitanien fördern, die nach ausländischen Kräften ruft, damit diese dem Land helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Die Kyrenaika und der Fessan müssen dazu gedrängt werden, je eigene regionale Regierungen zu bilden, auf lange Sicht auch mit dem Ziel, sich miteinander zu verbünden. Zwischenzeitlich könnte in Tripolitanien und in der Kyrenaika „jeder seine Energievorkommen selbst verwalten“. Eine ähnliche Idee äußerte in >Avenire< der katholische PD-Abgeordnete Ernesto Preziosi: „Man bilde eine libysche Union aus drei Staaten – die zusammen eine Öl-Gas-Gemeinschaft bilden“ und die von „europäischen Militärkräften ad hoc unterstützt werden.“

Dies ist die alte Kolonialismus-Politik des 19. Jahrhunderts, die – von den USA und der NATO aktualisiert – fröhliche Urstände feiert, Nationalstaaten wie Jugoslawien und Libyen zerstörte und Staaten wie Irak und Syrien spaltete, um deren Territorium und Ressourcen kontrollieren zu können.

Libyen besitzt fast 40 Prozent des afrikanischen Erdöls, das wegen seiner hohen Qualität und seiner geringen Förderkosten besonders kostbar ist. Zusätzlich verfügt Libyen über riesige Erdgasvorkommen. Die Ausbeutung dieser Ressourcen durch amerikanische und europäische multinationale Konzerne wirft jetzt weit höhere Profite als zu Zeiten Gaddafis ab, als die Ressourcen im Besitz des libyschen Staates waren. Nachdem die Konzerne es nun dank der Beseitigung eines Nationalstaates mit in der Kyrenaika und in Tripolitanien an die Macht gekommenen Gruppierungen zu tun haben, schaffen sie es, die Privatisierung der staatlichen Energiereserven durchzusetzen und können somit die direkte Kontrolle darüber ausüben.

Doch nicht nur der Besitz des „schwarzen Goldes“ lockt die USA und die Europäer. Sie wollen auch das „weiße Gold“ haben. Immense Vorkommen an fossilem Wasser finden sich im Nubischen Becken, das sich über Libyen, Ägypten, Sudan und den Tschad erstreckt. Welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen, hat der libysche Staat bewiesen: Er baute Wasserleitungen, die Trinkwasser bis zu 1.600 Kilometer durch die Wüste zu den Küstenstädten transportieren, Millionen Kubikmeter täglich, gespeist aus 1.300 Brunnen. Bewässerungsprojekte machten Wüstengebiete fruchtbar.[1]

Die Ausrede, das Land vom IS befreien zu wollen, soll eine Intervention in Libyen rechtfertigen. Doch dient diese Intervention in erster Linie dazu, den USA und den großen europäischen Mächten eine Wiedereröffnung der Militärbasen zu ermöglichen, die Gaddafi 1970 schließen ließ, und die eine wichtige geostrategische Lage zwischen Mittelmeer, Afrika und dem Mittleren Osten haben.

Und nicht zuletzt teilen mittels der „Hilfsmission für Libyen“ die USA und die europäischen Großmächte die größte Beute dieses Jahrhunderts unter sich auf: 150.000.000.000 US-Dollar. Dabei handelt es sich um libysche Staatsgelder, die 2011 beschlagnahmt wurden. Diese Gelder könnten sich vervierfachen, falls der libysche Energieexport auf das frühere Niveau angehoben werden kann.

Zu Gaddafi-Zeiten wurde ein Staatsfond angelegt, mit dem eine neue Währung geschaffen und eine autonome Finanzorganisation der Afrikanischen Union etabliert werden sollte. (Wie die Offenlegung der E-Mail-Korrespondenz von Hillary Clinton zeigt, war dies der ausschlaggebende Grund für den Sturz Gaddafis.) Die noch vorhandenen Reste dieser Gelder sollen nun dazu genutzt werden, die letzten Überbleibsel des libyschen Staates zu zerschlagen. Ein libyscher Staat hat „nie existiert“, weil es in Libyen nur eine „Vielzahl von Stämmen“ gab, sagte Giorgio Napolitano, in dem Irrglauben, sich im Senat des „Königreichs Italien“ zu befinden.


[1] Siehe auch: www.freitag.de/autoren/gela/das-great-man-made-river-projekt

19:25 11.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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