Großbritannien und seine Dschihadisten

Libyen/Großbritannien. DailyMaverick titelt: "Vier Terroristen, die Briten ermordeten, kämpften in David Camerons Krieg gegen Libyen"
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Der Manchester-Bomber ist einer von vier Terroristen, die insgesamt 63 Menschen bei verschiedenen Terrorangriffen getötet haben - und möglicherweise vorher sogar eine militärische Ausbildung bei den britischen Streitkräften erhalten hatten.
Der Manchester-Bomber Salman Abedi, der Reading-Messer
stecher Khairi Saadallah und der London-Bridge-Terrorist Rachid Redouane kämpften allesamt 2011 mit islamistischen Gruppen im Libyen-Krieg, ebenso wie der Tunesier Seifeddine Rezgui, der dreißig Briten an einem tunesischen Strand erschoss.
Katar unterstützte 2011 die libyschen "Rebellen" mit Geld und Waffen und die damalige britische Regierung von David Cameron stimmte dem zu. Es ist davon auszugehen, dass Großbritannien verdeckte Kontakte zu den islamistischen Kräften hatte und möglicherweise sogar an deren Ausbildung beteiligt war.
Das geheime Bündnis mit radikal-islamistischen Kämpfern im Libyenkrieg von 2011 kam Großbritannien teuer zu stehen. Die Kämpfer waren später in Terroranschläge verwickelt, die in Großbritannien durchgeführt wurden. So kam beim Prozess gegen den Libyer Khairi Saadallah, der 2012 nach Großbritannien gekommen war und später sechs Menschen in einem Park in Reading erstach, heraus, dass er 2011 acht Monate lang gegen die damalige libysche Regierung gekämpft hatte. Der Manchester-Bomber Salman Abedi, der bei einem Sprengstoffanschlag 22 Menschen tötete, und zwei weitere Terroristen, die später Briten ermordeten, hatten ebenfalls vorher im Libyen-Krieg gekämpft. Der Marokkaner Rachid Redouane war einer von drei Männern, die vor vier Jahren den Terroranschlag auf die London Bridge und den benachbarten Borough Market ausführten. Acht Menschen wurden getötet und 48 verletzt.
Sechs Jahre zuvor war Redouane nach Libyen gereist, dem Geburtsland seines Vaters, um im Krieg gegen
die damalige libysche Regierung zu kämpfen. Zu dieser Zeit befand sich auch der Tunesier Seifeddine Rezgui in Libyen, um Waffen nach Libyen zu schmuggeln und gegen Gaddafi zu kämpfen. Vier Jahre später, im Juni 2015, mähte Rezgui im Namen des Islamischen Staates 38 Touristen mit einem Maschinengewehr in einem Strandhotel im tunesischen Ferienort Port El-Kantaoui nieder.
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iese Geschehnisse werfen die Frage nach Großbritanniens Rolle im Libyen-Krieg und seine Verbindungen zu den radikal-islamistischen Kräften auf, für die Abedi, Saadallah, Redouane und Rezgui in den Kampf gezogen waren.

Katar: der wichtigste Verbündete Großbritanniens
Die britische Royal Air Force führte 2011 neben französischen Kampfflugzeugen zahlreiche Luftangriffe auf die libyschen Streitkräfte durch, bei denen laut einer aktuellen Studie der Untersuchungsgruppe Airwars wahrscheinlich Hunderte Zivilisten getötet wurden.
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as reiche Katar unterstützte die militanten Gruppierungen, die in Libyen gegen Gaddafi kämpften, mit riesigen Mengen an Waffen und Geld. Dies war Teil der weit gefassten Außenpolitik des Golfstaats, die darauf abzielt, islamistische Gruppierungen im den MENA-Staaten aktiv zu unterstützen.
Katar soll zu diesem Zweck 2011 mindestens 20.000 Tonnen Waffen an libysche Rebellen geliefert haben, darunter Maschinengewehre, automatische Gewehre, Munition und Panzerabwehrkanonen. Katar schickte auch Hunderte seiner eigenen Truppen, um die libyschen Rebellen zu unterstützen, und half mit einer Finanzspritze von 400 Millionen USD. Dies geschah mit der Zustimmung des damaligen britischen Premierministers David Cameron, der sich den norwegischen Versuchen widersetzte, den Libyen-Konflikt auf friedlichem Weg zu lösen. Die Times berichtete im August 2011, sechs Monate nach Beginn des "Aufstands" gegen Gaddafi, dass Großbritannien und Frankreich >Katar benutzen, um die libyschen Rebellen zu finanzieren<. Der Grund dafür war, dass es nicht gelungen war, mit den Nato-Luftangriffen, die im März 2011 begonnen hatten, die libyschen Streitkräfte zu besiegen. Den "Rebellen" vor Ort hätten >die Feuerkraft und die militärische Disziplin fehlen, um vor Ort Siege zu erzielen<.
Die Obama-Regierung in den USA genehmigte im Frühjahr 2011 heimlich Katars Waffenlieferungen nach Libyen und erhielt laut
New York Times >innerhalb weniger Wochen ... Berichte, dass sie an militante islamische Gruppen gehen<. Dies veranlasste Großbritannien, jedoch nicht die USA und Frankreich, ihre Unterstützung für Katars Waffenlieferungen zu überdenken. Der Stabschef von Katar, Generalmajor Hamad bin Ali al-Atiya, sagte damals, der Golfstaat habe >die Pläne der Rebellen unter Kontrolle< und fügte hinzu: >Wir haben als Bindeglied zwischen den Rebellen und den NATO-Streitkräften fungiert.< Katar erklärte ein Jahr später, dass seine Bewaffnung der Oppositionskräfte >in voller Koordination mit der Nato und unter ihrem Dach< durchgeführt worden sei. Katar unterstützte verschiedene Oppositionsgruppen in Libyen und allein die große Menge an Waffen und Finanzmitteln sowie die Durchlässigkeit zwischen den 'Rebellen'kräften machen es wahrscheinlich, dass alle Gruppierungen direkt oder indirekt davon profitierten.

Die
Libysche Islamische Kampfgruppe (LIFG)
Auch
die Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) wurde von Katar unterstützt. Sie war 1995 gegründet worden mit dem Ziel, einen islamischen Staat in Libyen aufzubauen. Der Manchester-Bomber Salman Abedi soll 2011 der LIFG beigetreten sein und mit ihr gekämpft haben. Sein Vater Ramadan war von Anfang an ein prominentes LIFG-Mitglied. Die LIFG wurde 1996 vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 verdeckt finanzierte. Ihre Aufgabe sollte die Ermordung Gaddafis sein. Der Attentatsplan gegen Gaddafi misslang und Großbritannien gewährte einigen LIFG-Mitglieder Zuflucht in Großbritannien. Die britische Regierung gestand im März 2018 dem Parlament, dass sie während des Krieges 2011 >wahrscheinlich< Kontakte zur LIFG in Libyen gehabt hatte. Sie fügte hinzu, dass es >mit einer Vielzahl von Libyern, die in den Konflikt verwickelt waren, in Verbindung stand<. Über dieses Eingeständnis wurde in der britischen Presse nie berichtet. Es ist möglich, dass verdeckte britische Streitkräfte, die in Libyen operieren, die LIFG unterstützten. Einen Monat nach Beginn des Aufstands, im März 2011, nachdem ein SAS-MI6-Team gefangen genommen worden war, gab der damalige Außenminister William Hague gegenüber dem Parlament zu, dass sich britische Spezialkräfte in Libyen aufhalten.
Im August 2011 konnte man in der Presse lesen, dass die britischen SAS- und französischen Spezialkräfte im Osten des Landes waren und >Luftangriffe leiteten und Rebelleneinheiten halfen<, Städte anzugreifen, die sich noch in den Händen von Gaddafi-Streitkräften befanden. Der Guardian bemerkte, dass die britischen Soldaten >nicht nur eine führende Rolle bei der Leitung von Bombenangriffen spielten, um den Weg für Oppositionskämpfer zu ebnen, sondern auch bei der Planung der Offensive halfen, die schließlich dazu führte, die sechsmonatige Belagerung von Misrata aufzubrechen<.
MiddleEastEye schrieb, dass die britische Regierung - mit Hilfe des Innenlandgeheimdienstes MI5 - eine Politik der offenen Tür betrieb, die es libyschen Exilanten in Großbritannien und britisch-libyschen Bürgern ermöglichte, sich dem Aufstand in Libyen anzuschließen und problemlos nach Libyen auszureisen. Es handelte sich dabei um Mitglieder der LIFG, von denen die meisten aus Manchester stammten, die Heimatstadt Abedis und Zentrum der libyschen Islamisten in Großbritannien.
Der Journalist Peter Oborne schrieb, dass libysche Dissidenten
>zweifellos ermutigt< wurden, nach Libyen zu reisen, um Gaddafi zu entmachten, und dass dies mit der >Ermutigung des MI6< geschah.
Es ist
sogar möglich, dass einige der zukünftigen Terroristen zu diesem Zeitpunkt bereits eine militärische Ausbildung in Libyen erhalten hatten. Es ist bekannt, dass Großbritannien vor dem Angriff auf Tripolis Rebellengruppen ausgebildet hat und zusammen mit katarischen und französischen Streitkräften auch heimlich Oppositionskämpfer in den Nafusa-Bergen im Nordwesten Libyens, 210 Kilometer von Tripolis entfernt, ausbildete. In der dortigen Stadt Nalut soll die in Tripolis ansässige Einheit Liwa al Ummah von katarischen Spezialeinheiten ausgebildet worden sein. Der der London-Bridge-Attentäter, Redouane, kämpfte in dieser Einheit. Die Miliz wurde von dem irisch-libyschen Mahdi al-Harati gegründet, der die Tripolis-Brigade während der Schlacht von Tripolis im Jahr 2011 anführte. An der Ausbildung der Milizgruppen in Katar sollen >etwa 30 westliche Verbindungsbeamte beteiligt gewesen sein, darunter Briten, Franzosen und mehrere Amerikaner<. Der Reading-Angreifer Saadallah behauptet, von französischen Soldaten in Libyen ausgebildet worden zu sein. Es ist auch bekannt, dass Frankreich Maschinengewehre, Granaten mit Raketenantrieb und Panzerabwehrraketen an die Rebellen in den Nafusa-Bergen schickte. Die britische Regierung hat bestritten, eine Rolle bei der Ausbildung bewaffneter Oppositionsgruppen in Libyen gespielt zu haben.
Saadallah kämpfte in Libyen für Ansar asch-Scharia, die sich zu Beginn des Aufstands gegen Gaddafi gebildet hatte. Ein Jahr später war Ansar asch-Scharia maßgeblich an dem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi beteiligt, bei dem US-Botschafter Christopher Stevens ermordet wurde. Zwei weitere britische Islamisten, die in Libyen kämpften - Berichten zufolge innerhalb der Tripolis-Brigade - waren die Brüder Abdallah, Mohammed und Abdalraouf, ebenfalls aus Manchester. Mohammed Abdallah wurde 2017 von einem britischen Gericht für schuldig befunden, ein AK47-Gewehr zu besitzen, Geld für Terrorismus zu sammeln und die IS-Mitgliedschaft anzustreben. Er wurde für 10 Jahre hinter Gitter geschickt. Unterstützt worden war er von seinem Bruder Abdalraouf, der von der Taille abwärts gelähmt war, nachdem er während der Teilnahme am Libyenkrieg 2011 angeschossen worden war. Fünf Jahre später, zurück in Großbritannien, wurde Abdalraouf für schuldig befunden, bei Terrorakten und Terrorismusfinanzierung geholfen zu haben. Er bekam fünfeinhalb Jahre Gefängnis. Abdalraouf Abdallah war in den Monaten vor dem Angriff im Mai 2017 mit dem Manchester-Bomber Salman Abedi in Kontakt und gilt als radikalisierender Einfluss auf ihn.

https://www.dailymaverick.co.za/article/2021-05-25-four-terrorists-who-murdered-britons-fought-in-david-camerons-war-in-libya/

Einer der berüchtigsten LIFG-Mitglieder (Libyan Islamic Fighting Group), Noman bin Otman, der eine Medienkampagne gegen die LNA leitete, ist britischer Staatsbürger und lebt in London.
Hier sein Pass und seine Sicherheitsstatus aus der Gaddafi-Zeit:

https://twitter.com/Libyancitizen6/status/1397520166095892482

21:41 02.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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