Ibrahim Dschedhren und seine PFG

Libyen. Vom Autodieb zum machtvollen Warlord.
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Der heute 35-jährige Ibrahim Dschedhren (Jadhran/Jadran, Dschadran) ist eine der schillerndsten Figuren auf der politischen Bühne Libyens. Der Warlord kommandiert die 20.000 Mann starke Miliz ‚Petroleum Facilities Guard‘ (PFG) und verfügt über etliche Ölmilliarden. Sein Büro befindet sich in Ras Lanuf. Der Tiefseehafen ist die Drehscheibe für den Handel mit libyschen Erdöl.

Geboren in Adschdabija als Sohn eines Obersten wurde Dschedhren in der Zeit der Volks-Dschmahirija als 22-Jähriger wegen Autodiebstahls zu lebenslanger Haft verurteilt. Sechs Jahre saß er im berüchtigten Abu-Slim-Gefängnis in Tripolis.

Als im Jahr 2011 in Bengasi der Aufstand gegen Gaddafi ausbrach, sah Dschedhren seine Stunde gekommen. Als Anführer einer Miliz kämpfte er gegen die libysche Armee. Er selbst berichtete darüber: „Drei Tage nach Ausbruch der Revolution des 17. Februar [2011] wurde ich aus dem Gefängnis entlassen. […] Da friedliche Proteste nicht möglich waren, griffen wir gezwungenermaßen zu den Waffen. Junge Männer mussten plötzlich Waffen tragen und sie gegen den Feind richten.“[1]

Dschedhren bewährte sich im Kampf. 2012 wurde er zur Belohnung von der damaligen Transnational-Regierung mit dem Posten des Kommandeurs über die ‚Petroleum Defense Guards’ (Sicherheitskräfte zur Verteidigung der Erdölanlagen) belohnt. Es gelang ihm, 16 Bataillone, die alle während des Krieges 2011 gegen die libysche Armee gekämpft hatten, zu einem großen Freiwilligenbataillon zusammenzuschließen, mit dem er zunächst die Erdöleinrichtungen von Ras Lanuf und Adschdabija sicherte.

In den Wirren der Nach-Gaddafi-Zeit erwies sich Dschedhren im Umgang mit Milizen, Stämmen und rivalisierenden Regierungen als recht geschickt. Da der Osten des Landes traditionell feindlich gegen die Stämme im Westen eingestellt war, konnte Dschedhren die Sicherung der Kyrenaika-Ölterminals und nacheinander die Kontrolle über die Infrastruktur der gesamten libyschen Ölproduktion übernehmen. Damit war seine Karriere vom Autodieb zum Erdöldieb besiegelt.

Während zunächst die ‚Petroleum Defense Guards’ vom Verteidigungsministerium finanziert wurden, machten sich die ‚Wächter zur Verteidigung des Erdöls‘unter Dschedhrenschon bald selbständig. Sie blockierten wichtige Ölverladehäfen und forderten die Autonomie Ostlibyens, also der Kyrenaika, mit Bengasi als Hauptstadt. [2]

2013 schloss Dschedhren eigenmächtig zwei der wichtigsten Erdölterminals und forderte die damalige GNC-Regierung (General National Congress) in Tripolis dazu auf, dem Osten Libyens mehr Autonomie, vor allem über die Öleinnahmen, zuzugestehen. Der Nationalen Ölgesellschaft in Tripolis warf er Korruption vor.

2014 ließ Dschedhren einen unter nordkoreanischer Flagge fahrenden beladenen Öltanker aus dem östlichen Hafen al-Sidra auslaufen. Der Öltanker wurde vor Zypern von der US-Marine aufgebracht. Nach diesem Vorfall musste Premierminister Ali Zeidan im März 2014 seinen Hut nehmen. Es wurde angenommen, dass er das Auslaufen des Schiffes nicht hatte verhindern wollen oder können.

In seiner Eigenschaft als Befehlshaber der starken paramilitärischen Miliz, die sich nun ‚Petroleum Facilities Guard‘ PFG nannte, lag es in Dschedhrens Macht, den Ölexport des Landes zu kontrollieren und die Ölhäfen nach Gutdünken zu öffnen oder zu schließen. Es wird ihm eine Mitverantwortung für die Talfahrt der libyschen Ölförderung angelastet, da er aus taktischen Gründen je der einen oder der anderen Regierung die Öl-Ausfuhr unmöglich machte.

Während Dschedhren die Tripolis-Regierung beschuldigte, von islamistischen Extremisten dominiert zu sein, warf man ihm selbst vor, der Ausbreitung des IS entlang der libyschen Zentralküste, die unter der Kontrolle seiner paramilitärischen ‚Petroleum Facilities Guard‘ (PFG) stand, nicht energisch genug entgegengetreten zu sein. Als im Januar 2016 die Küstenstadt Bin Jawed – die Stadt liegt nicht weit entfernt von al-Sidra und dem Ölhafen Ras Lanuf – vom IS eingenommen wurde, berichtete CBS, dass „IS-Kämpfer al-Sidra aus drei Richtungen angreifen, unterstützt von Dschedhrens Bruder [der sich dem IS angeschlossen hatte].“[3] Der Vorsitzende der Nationalen Ölgesellschaft (NOC) mit Sitz in Tripolis, Mustafa Senella, sagte über Dschedhren, er hätte sogar Anfang des Jahres 2016 dem IS erlaubt, die von ihm bewachten, sprich besetzten Häfen zu zerstören.[4] Es wurde auch behauptet, Ibrahim Dschedhren hätte schon früher mit dem IS Verhandlungen geführt, allerdings seien diese gescheitert, da Dschedhren nicht, wie vom IS gefordert, die Kontrolle über die Öl-Anlagen aufgeben wollte. Gegenwärtig zieht Dschedhren auf Seiten der ‚Einheitsregierung‘ bei Sirte gegen den IS in den Krieg.

Dem Oberbefehlshaber der Libyschen Nationalarmee, Generalmajor Hefter, unterstellte Dschedhren, eine Militärdiktatur errichten zu wollen. Die beiden Gegenspieler Hefter und Dschedhren sind sich in tiefer Feindschaft verbunden. Beiden geht es darum, die militärische Vormachtstellung in Libyen zu erlangen. Doch während Dschedhren ein selbsternannter Warlord ist, der eine paramilitärische Miliz befehligt, wurde Hefter vom international anerkannten Tobruk-Parlament zum Oberbefehlshaber der Libyschen Nationalarmee ernannt. Beiden gemeinsam sind eine schillernde Persönlichkeit, ein ausgeprägtes Streben nach Macht und die Unbeliebtheit bei weiten Teilen der libyschen Bevölkerung.

Unter Vermittlung des Sonderbevollmächtigen der Vereinten Nationen für Libyen, Martin Kobler, wurde im Dezember 2015 im marokkanischen Skhirat zwischen der Regierung im Osten und den islamistischen Kräften und deren Gegenregierung im Westen ein Abkommen getroffen. Es sah vor, nach der Zustimmung durch das Tobruk-Parlament eine sogenannte ‚Einheitsregierung‘ zu installieren. Doch als die Zustimmung durch das Tobruk-Parlament wegen der darin vorgesehenen Übermachtstellung der islamistischen Tripolis-Kräfte ausblieb, hievten die Europäer, die Vereinten Nationen und die sogenannte ‚internationale Gemeinschaft‘ diese ‚Einheitsregierung‘ namens ‚Government of National Accord‘ (GNA) unter Führung von Fardschis al-Sarradsch und einen Präsidialrat ohne Zustimmung des libyschen Parlaments ins Amt. Dschedhren stellte sich sofort auf die Seite dieser ‚Einheitsregierung‘.

Dschedhren unterstützt somit die schwächste der zwei, drei, vier Regierung (je nach Zählweise), eine ‚Einheitsregierung‘, die in Libyen über keine Hausmacht verfügt und sich deshalb mit Haut und Haaren dschihadistischen Milizen in Tripolis und Misrata auslieferte, die mit ihrer islamistischen Ideologie al-Kaida näher stehen als den säkularen Gegenspielern im Osten des Landes, allen voran General Hefter. Es war Dschedhren wohl klar, dass von dieser schwachen Regierung, die aber international gestützt wird, viel Geld zu holen ist und dass von ihr machtvolle Ämter erpresst werden können.

Die ‚Einheitsregierung‘ braucht eine starke paramilitärische Miliz, die nicht von dschihadistischen Gruppen dominiert ist, als Gegengewicht zu LIFG (Libyan Islamic Fighting Group) und den islamistischen Misrata-Milizen. Umso besser, wenn diese auch noch die Kontrolle über die Ölhäfen im Osten hat. Denn weder die Tripolis-, noch die Tobruk- und schon gar nicht die ‚Abu-Sita-Regierung’ kontrollierten in den letzten Jahren und Monaten den libyschen Ölhandel und bestimmten, wann und wieviel Öl das Land verlässt, sondern die Kontrolle darüber hatte Dschedhren, der Warlord. Mustafa Senella, Vorsitzende der Nationalen Ölgesellschaft,warf Dschehdren denn auch vor, dass durch ihn Libyen in den letzten drei Jahren über 100 Milliarden Dollar an Öleinnahmen entgangen seien. Er hält den Milizenführer für „eine der unheilvollsten Gestalten“ des Landes, dem Kobler nicht den Rücken stärken sollte.

Den Unmut Senellas riefen die großen Summen hervor, die an Dschedhren flossen, denn die ‚Einheitsregierung‘ hat sich das Überlaufen Dschedhrens etwas kosten lassen. Sie soll alle ausstehenden Gehälter seiner Paramilitärs gezahlt und für ihn selbst 20.000 Dollar springen gelassen haben.[5]

Auch die Stämme, die die im Landesinnern gelegenen Ölfelder ebenso wie die Regionen, durch die die Ölpipelines verlaufen, kontrollieren, reagierten äußerst negativ auf die eigenmächtigen Verhandlungen, die Martin Kobler mit Dschedhren führte.

Dschedhren kontrolliert inzwischen allerdings nur mehr die im Osten Libyens gelegenen Ölverladehäfen. Mindestens elf der wichtigsten sich im Landesinnern befindlichen Ölfelder und die dazugehörigen Pipelines werden von den Stämmen kontrolliert. Im Osten Libyens befinden sich zwei Drittel der libyschen Ölfelder. Die Stammesführer haben sich von jeder zwischen Dschedhren und Kobler getroffenen Übereinkunft distanziert. Sollte Kobler wollen, dass auf den Ölfeldern die Arbeit wieder aufgenommen wird, möge er direkt mit ihnen Gespräche aufnehmen. Der Hohe Rat, der die Tobruk-Regierung stützt, erklärte gegenüber Kobler, „dass diejenigen, die die Ölterminals kontrollieren, in keiner Hinsicht die Produktion, die Verarbeitung und die Pumpstationen vertreten. Falls Herr Kobler über die Wiederaufnahme der libyschen Ölproduktion sprechen möchte, möge er sich mit dem Hohen Rat der Reservoirs in Verbindung setzen.“ Und: „Der Hohe Rat fühlt sich den Vereinbarungen, die zwischen Herrn Kobler und dem ‚Petroleum Facilities Guard‘ getroffen wurden, in keiner Weise verpflichtet.“[6]

Diese Aussagen stehen im krassen Widerspruch zu den Äußerungen Koblers auf Twitter, in denen er verlauten ließ: „Glad to hear support of PC/GNA from Ibrahim Jadhran and tribal leaders.“ (Freue mich, dass Ibrahim Dschedhren und die Stammesführer dem Präsidalrat/der Einheitsregierung ihre Unterstützung zusagen.)[7]

Nur kurze Zeit später hat der Kompaniechef der Libyschen Nationalarmee, die der Tobruk-Regierung unterstellt ist, angekündigt, dass jeder ausländische Öltanker, der einen libyschen Hafen anläuft, von der Luftwaffe angegriffen wird. Nur solche Öltanker, die von der im Osten befindlichen und von der Tobruk-Regierung anerkannten Nationalen Ölgesellschaft (nicht der im westlichen Tripolis befindlichen) das Einverständnis haben, dürften libysche Häfen anlaufen. Diese Drohungen sind als Retourkutsche auf Martin Koblers Verhandlungen mit Ibrahim Dschedhren zu verstehen und scheinen auf das Ende der erst im Juli ausgehandelten und hoch gelobten Vereinigung von westlicher und östlicher Ölgesellschaft hinzuweisen. Dschedhren hatte zugesagt, das Ölgeschäft ausschließlich dieser Nationalen Libyschen Ölgesellschaft zu überlassen.

Als allerdings das Tobruk-Parlament im August gegen das Abkommen, das eine Einheitsregierung vorsah, stimmte, bedeutete dies für Dschedhren, dass sein Abkommen mit der ‚Einheitsregierung‘ hinfällig ist, denn sie ist nun illegal im Amt, auch wenn sie das nicht wahrhaben will und sich weiterhin als ‚geschäftsführend‘ betrachtet.

Kobler und die Einheitsregierung haben sich in einer Verzweiflungstat mit einem undurchsichtigen Warlord eingelassen, dem es weniger um Ideologie, als um Geld und Macht geht. Ein Mitglied des Misrata-Militärrats urteilte: „Dschedhren ist auch für uns ein Rätsel. Wir verstehen immer noch nicht, wer er – außer einem Öl-Dieb – wirklich ist.“[9] Und ein politischer Berater am European Council of Foreign Relations, Mattia Toaldo, sagte: „Dschedhren bleibt in den Augen vieler Libyer eine sehr umstrittene Figur. Aber er ist neben Verteidigungsminister Mahdi al-Barghathi der einzige Ostler, der die Einheitsregierung unterstützt.“[8]

Dschedhren selbst sagt über seine zukünftigen Pläne: „Zweifelsohne habe ich hohe Erwartungen bezüglich einer hohen und respektablen Stellung zum Wohle des Volkes. Wenn Libyen unabhängig wird und seine Institutionen innerhalb einer echten Demokratie und ‚good governence‘ gesichert werden, wird dies wieder internationale Investoren nach Libyen locken.“ Vom Autodieb über den Warlord und Kommandanten von Paramilitärs an die politische Spitze Libyens, um ganz offiziell das Erdöl und damit die Reichtümer Libyens zu kontrollieren?

Die ‚Einheitsregierung‘ unter Sarradsch und Kobler hat sich mit einer schillernden Gestalt verbündet, mit der ansonsten in ganz Libyen niemand etwas zu tun haben will, ganz gleich welcher politischen Couleur. Sie wirft Dschedhren das Geld in den Rachen, der dank seiner paramilitärischen Stärke eher die ‚Einheitsregierung‘ erpressen könnte, als dass sie ihn unter ihrer Kontrolle hätte. Das Vertrauen der libyschen Bevölkerung in Sarradsch und seine Regierung dürfte damit auf einem neuen Tiefpunkt angelangt sein.

Angelika Gutsche

9.9.2016


[1] http://www.politico.eu/article/ibrahim-jadhran-libya-separatist-gna-qadhafi/

[2] www.ag-friedensforschung.de/regionen/Libyen1/krieg.html

[3] http://www.cbsnews.com/news/isis-libya-oil-fields-port-siddra-sirte/

[4] www.libyaherald.com/2016/07/24/dismayed-tripoli-noc-chairman-sanalla-slams-unsmils-kobler-as-ignorant-for-meeting-criminal/

[5] www.politico.eu/article/ibrahim-jadhran-libya-separatist-gna-qadhafi/

[6] www.libyaherald.com/2016/07/22/tribes-controlling-eastern-oilfields-distance-themselves-from-kobler-jadhran-talks/

[7] Siehe oben

[8] www.politico.eu/article/ibrahim-jadhran-libya-separatist-gna-qadhafi/

[9] https://needfultruth.wordpress.com/2016/01/08/the-us-helped-overthrow-libya-in-2011-heres-whats-happening-there-now-2/

20:38 09.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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