Ibrahim Moussa meldet sich zu Wort

Libyen/Berlin. Moussa Ibrahim sagt: Libyen wurde zerstört, weil westliche Staats- und Regierungschefs weiterhin den Reichtum Afrikas ausbeuten wollen.
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Auf RT Underground special gibt Ibrahim Moussa, der ehemalige Pressesprecher von Muammar al-Gaddafi, nach langer Zeit des Schweigens dem Journalisten Afshin Rattansi am 6. Oktober in Berlin ein Interview.

https://www.rt.com/news/470321-libya-gaddafi-spokesman-interview/

Afshin Rattansi: Heute ist Moussa Ibrahim von der Grünen Widerstandsbewegung bei mir zu Gast. Er ist Direktor des Center for the African Unity Studies und als ehemaliger Pressesprecher von Muammar al-Gaddafi der ganzen Welt bekannt. Zunächst die Frage: Was waren Ihre Aufgaben als Sprecher von Gaddafi in diesem noch immer andauernden Krieg in einem Land, das einst das reichste von ganz Afrika war?

Moussa Ibrahim: 2011 wurde mein Land vom globalen Zentrum des imperialistischen Kapitalismus angegriffen, um das libysche Projekt der afrikanischen Einheit und afrikanischen Unabhängigkeit zu stoppen. Ich genoss das Privileg und die Ehre, zusammen mit tausenden jungen Libyern und Libyerinnen unser Land gegen diesen Angriff zu verteidigen. Ich war zum Sprecher der libyschen Regierung ernannt worden. Ich war damals die Stimme der libyschen Widerstandsbewegung und arbeitete eng mit meinen Kollegen und Kameraden zusammen, um der Welt die libysche Sicht der Dinge wissen zu lassen. Mehr als acht Monate führte ich mit internationalen Medienvertretern Gespräche. Während die Bomben fielen, gab ich täglich drei Pressekonferenzen. Aber ich war nicht alleine. Ich hatte die Unterstützung, die Liebe und die Kompetenz tausender junger Libyer an meiner Seite, Akademiker, Medienschaffende, Intellektuelle, die auch heute noch, nach acht Kriegsjahren sehr hart für die Befreiung des Landes und die Freiheit und Unabhängigkeit des libyschen Volkes arbeiten.

Frage: Weltweit wurden Sie von den Mainstreammedien als Lügner bezeichnet und als Sprachrohr eines Regimes, das Massenvergewaltigungen mit Hilfe von Viagra und anderen chemischen Hilfsmitteln zu politischen Zwecken einsetzt, das unbewaffnete Demonstranten massakriert und Zivilisten bombardiert.

Moussa Ibrahim: Nun, für jeden Standpunkt, den man vertritt, gibt es zwei Möglichkeiten, dessen Richtigkeit zu überprüfen: zum einen, dass der Standpunkt sinnvoll erklärt werden kann [power of explanation] und zum andern, dass die vorausgesagten Ereignisse auch wirklich eintreten [power of prophesy]. Bei beiden lagen wir richtig. Acht Jahre später hat sich bewahrheitet, dass alles, was wir für Libyen vorausgesehen hatten, tatsächlich eingetroffen ist. Wir sprachen damals von Terrorismus, Extremismus, Stammeskonflikten, vom westlichen imperialistischen Projekt, das Libyen seines Reichtums berauben würde. Wir sprachen davon, was noch geschehen würde: die Spaltung des Landes, der anhaltende Konflikt. Und wir hatten Recht damit. Ebenso damit, dass die gegen uns vorgebrachten Beschuldigungen falsch waren. Drei waren besonders schlimm. Ein Vorwurf lautete, wir hätten Luftangriffe auf libysche Städte geflogen. Diese Anschuldigung war falsch und hätte fast augenblicklich wiederlegt werden können, wenn die internationalen Medien ehrlich gewesen wären. Sie waren in Libyen vor Ort und Bombardierungen aus der Luft kann man nicht heimlich durchführen. Die zweite Anschuldigung behauptete eine Massenvergewaltigung von 8000 libyschen Frauen. Doch wo sind die Opfer? Unser Land wird seit acht Jahren vom westlichen Feind kontrolliert. Wo sind die Schuldsprüche? Und wo sind die Gerichtsverhandlungen? Nach acht Jahren konnten sie keinen einzigen Beweis für systematische Vergewaltigungen finden. Und drittens wurde uns unterstellt, während der ersten drei Tage der Proteste 10.000 unschuldige Demonstranten getötet zu haben. Doch wie lauten die Namen der Getöteten? Wo sind ihre Leichen? Sie konnten ganze 25 Personen finden, die während der ersten Tage der Proteste zu Tode kamen. Wir sagen, sie waren bewaffnet; sie sagen, das waren sie nicht. Wie auch immer, 25 Tote sind keine 10.000 Todesopfer.

Frage: Es ist sehr selten, dass man mit jemanden sprechen kann, der mit westlichen Mainstreammedien in der Zeit – wie Sie es ausdrücken – des imperialistischen Konflikts agierte. Wie war das für Sie als Regierungssprecher, es mit Journalisten zu tun zu haben, die sich selber sicherlich als unparteiisch sahen, und die beklagten, Sie würden als Teil der Pressezensur mauern?

Moussa Ibrahim: Nun, wir haben damals Libyen, den guten Teil von Libyen, geöffnet. Wir waren transparent. Wir erlaubten, dass jede noch so harte Frage gestellt werden konnte. Ich stand, ebenso wie die Regierungsbeamten, jeden Tag rund um die Uhr zur Verfügung. Wir haben kein einziges Mal gelogen. Wir sagten immer die Wahrheit, so wie sie sich uns darstellte. Und wir antworteten auf eine sehr transparente Art. Und wie ich sagte, die beiden Nagelproben, die der Sinnhaftigkeit [proof of explanation] und die der Richtigkeit des Vorhergesagten [proof of prophecy] wurden bestanden. Bei beidem lagen wir richtig. Und alles, was unsere Feinde sagten, hat sich als falsch erwiesen. Schauen Sie sich Libyen heute an, was es ist, vom Westen und von westlichen Agenten kontrolliert. Was ist in Libyen passiert? Libyen war eines der reichsten Länder in Afrika, über Jahrzehnte eines der stabilsten Länder in Afrika. Es führte die Befreiung Afrikas an. Libyen war der Kopf der Afrikanischen Union, des Afrikanisch-Europäischen-Gipfels, eines der führenden Länder bei der Entwicklung von afrikanischen Wirtschaftsprojekten wie der Afrikanischen Zentralbank, der Afrikanischen Organisation natürlicher Ressourcen, der Vereinigten Afrikanischen Armee, der afrikanischen goldbasierten Währung. Und schauen Sie sich Libyen heute an! Es ist ein Schlachtfeld für Extremisten, für die Austragung von Stammeskonflikten, für westliche Agenten, die Libyen seinen Reichtum, seine Freiheitsideale und seine Souveränität entreißen wollen.

Frage: Wenn dieser Vorwurf, dass tatsächlich falsche Kriegsgründe vorgeschoben worden waren, der Bevölkerung in den Nato-Staaten bekannt wäre ..., ich weiß, dass der Ausschuss des britischen Parlaments 2016...

Moussa Ibrahim: 2016 zog der mittels umfassender und guter Recherchen bestens informierte britische Parlamentsausschuss etliche Schlussfolgerungen. Aber in Bezug auf unser Gespräch ist am wichtigsten, dass sie sagten, dass die Beschuldigungen, die gegen das libysche Regime erhoben wurden, entweder weitgehend erfunden oder zumindest stark übertrieben waren. Und sie sagten, es hätten viele Möglichkeiten bestanden, den Krieg zu vermeiden und zu einer friedlichen Übereinkunft zu kommen, so wie wir sie von Anfang an gefordert hatten. Drei große Chancen gab es, die Zerstörung Libyens zu verhindern. Die erste wäre gewesen, eine internationale Fact-Finding-Mission durchzuführen, wie wir sie von Anfang an forderten. Ich glaube, diese Forderung habe ich monatelang, Tag für Tag, wiederholt. Wir boten sogar an, die Kosten für diese Fact-Finding-Mission zu übernehmen. Obwohl, statt der Kosten für eine Patriot-Rakete, die auf die Köpfe libyscher Kinder abgeworfen wurde, hätte auch leicht die Mission finanziert werden können. Niemand hörte auf uns. Wir boten auch den Einsatz einer afrikanischen Friedensmission an, um die Kämpfe sofort zu stoppen und den Weg frei zu machen für eine Nationalkonferenz, an der alle libyschen Parteien teilnehmen sollten, einschließlich der libyschen Regierung und der sogenannten Rebellen. Das wollte niemand hören. Die libyschen Stämme kamen bei der größten Stammeskonferenz, die jemals in der Geschichte Libyens stattgefunden hatte, zusammen. Tausende Delegierte nahmen daran teil und alle unterstützten die Regierungsinitiative, auch diejenigen, die auf Seiten der Rebellen standen. Aber der Westen war entschlossen, mit der Zerstörung Libyens fortzufahren. Dieser Plan stand von Anfang an fest.

Frage: Die damaligen Forderungen kann man auf youtube ansehen ebenso wie die berühmte Rede, die Gaddafi vor zehn Jahren am 23. September 2008 vor den Vereinten Nationen gehalten hat. Was waren also die wahren Gründe? Warum sehen Sie sie als imperialistische Kriege? Was war der Grund für die Annahme der Grünen Widerstandsbewegung, dass die Nato-Staaten zwangsläufig Ihr Land zerstören würden?

Moussa Ibrahim: Zweifellos gab es in Libyen interne Gründe, Fehler, die im System begründet lagen. Es war notwendig geworden, das politische System, unser Wirtschaftssystem, umfassender und weniger zentralistisch auszurichten. Wir waren in den 70er, 80er und 90er Jahren erfolgreich, aber in den Vorkriegsjahren machten wir einige Fehler. Wir zentralisierten Teile der Wirtschaft, weil wir ein Entwicklungsprogramm verfolgten, dass sich von den vorherigen Jahren unterschied.
Aber ohne jeden Zweifel war dies nicht der Grund, warum es 2011 zu dieser Katastrophe kam. In Libyen gab es ein panafrikanisches Projekt, das die politische Freiheit, die wirtschaftliche Unabhängigkeit und den kulturellen Widerstand umfasste. Das war nicht bloß eine Idee oder ein Traum. Die Grundlage bildeten der jahrzehntelange Kampf der afrikanischen Nationen und die großartigen Erfahrungen, die große afrikanische Führern wie Patrice Lumumba, Kwame Kkrumah, Nasser und Nelson Mandela gesammelt hatten. Unser Plan war realistisch, nicht nur ein Traum. Gaddafi hatte realistische Pläne und richtige Projekte entwickelt. So sollten die natürlichen Ressourcen Afrikas unter der Kontrolle der Organisation für die natürlichen Ressourcen Afrikas stehen, die afrikanischen Armeen sollten zu einer Vereinigten Afrikanischen Armee werden und Gaddafi war dabei, die Mittel für eine Afrikanische Zentralbank zu beschafften und das Projekt mit anderen afrikanischen Führern abzusprechen.
Libyen ist ein kleines Land, mit nur sechs Millionen Einwohnern. Aber wir hatten 180 Tonnen Gold. Das ist eine große Menge für ein kleines Land. Aber um die wirtschaftliche Unabhängigkeit Afrikas zu erreichen, hoffte Gaddafi, 4.000 Tonnen Gold einsammeln zu können, das die afrikanische Goldreserve bilden sollte. Darauf wollte er die Afrikanische Zentralbank aufbauen, um die Französische Zentralbank zu ersetzen, die die afrikanische Wirtschaft kontrolliert. Es sollte eine gemeinsame goldbasierte afrikanische Währung geben, um den Dollar zu ersetzen und eine eigene afrikanische Wirtschaft aufzubauen. Er träumte nicht nur von diesen Dingen, sondern arbeitet kraftvoll daran. Er hatte die Zustimmung vieler guter afrikanischer Führer. Und tatsächlich war er dabei, seine Ziele zu erreichen. Beispielsweise wurde 2008 der erste afrikanische Satellit in seine Umlaufbahn gebracht und die ersten Schritte zur Gründung der Afrikanischen Zentralbank waren getan. Die Afrikanische Union war im September 1999 in der Stadt Sirte gegründet worden. In genau der Stadt, in der Gaddafi seine letzte Schlacht schlagen musste gegen eben jene Kräfte, die die Etablierung der Afrikanischen Union hassten.

Frage: Die britische Regierung und internationale Wirtschaftsinstitute sowie ähnliche Institute innerhalb der Nato-Staaten sagen, sie würden die gleichen Ziele wie die genannten, wie die von Gaddafi, verfolgen. Sie behaupten aber, deren Interesse bestünde eher darin, dass sich al-Kaida und der IS in den Küsten des Mittelmeeres festsetzen können.

Moussa Ibrahim: Das ist eine alte britische Strategie. Ich muss zugeben, sie hat sich als erfolgreich erwiesen. Seit dem 19. Jahrhundert wird sie von den Briten innerhalb ihres Empires angewandt und andere imperialistische Staaten haben die Lektion gelernt und benutzen sie ebenfalls sehr geschickt, d.h. sie wenden sie innerhalb des Kontextes eines Landes an. Sie erzeugen ein Kriegschaos, indem sie interne Konflikte ausnutzen, etwa eine interne religiöse Spaltung, eine Besatzung, was immer möglich ist. Dann wird das Chaos am Leben erhalten und gemanagt. Denn indem man das Chaos managt, stellt man sicher, dass der Kontext geschwächt ist und unter Kontrolle bleibt. Man kann den Kontext verändern. Dann kann man genau auf die entgegengesetzten Faktoren setzen und so sicherstellen, dass – sollte das Spiel eine andere Richtung nehmen – es sich zu den eigenen Gunsten ändert. So unterstützt man manchmal Liberale, weil sie deine Agenten sind und bestimmte Werte vertreten, die man durchsetzen möchte. Und ein andermal denkt man, ok, jetzt unterstützen wir die Islamisten, so wie es der Westen in Afghanistan getan hat oder eine Zeitlang im Irak, wo sie Saddam Hussein loswerden wollten. Und wenn sich das Spiel dreht, sagt man ok, jetzt stoppen wir die Unterstützung für die Islamisten und managen die Krise anderweitig. Wir unterstützen den General einer Armee. Es ist ein Spiel, das an den Kriegsschauplätzen der westlichen imperialistischen Zentren vervollkommnet wurde. Jetzt ist es ihnen zur zweiten Natur geworden. Libyen ist seit acht Jahren den westlichen Angriffen ausgesetzt. Man könnte erwarten, es sei jetzt ein demokratisches Land, ein glückliches Land, dem der Westen hilft und der es schützt. Doch schauen Sie sich Libyen heute an: Totschlag, Zwietracht, Stammeskriege, Morde, Terrorismus, Diebstahl des nationalen Besitzes. An was erinnert Sie das? Irak, Syrien, Afghanistan, Jemen. Es ist immer die gleiche Geschichte. Sie passiert zu jeder Zeit, aber einige Leute sehen das immer noch nicht. Das erscheint mir absurd. Die Wahrheit ist offensichtlich. Und es schmerzt mich, dass Menschen der Hass gegen jemanden wie Gaddafi oder Saddam Hussein wichtiger ist, als dass zu sehen, was gerade geschieht, jeden Tag, über Jahre hinweg.

Frage: Warum hat es nach dem Tod von Gaddafi so lange gedauert, bis Sie wieder mit Medienvertretern sprechen?

Moussa Ibrahim: Nun, nach dem Zusammenbruch des Landes als Führer des politischen, militärischen und kulturellen Widerstands gegen das westliche Projekt in Libyen wurden wir politisch verfolgt und die Versuche, uns zum Schweigen zu bringen und uns zu marginalisieren, hielten an.

Frage: Wie konnten Sie überleben? Es wurde berichtet, Sie seien gefangengenommen worden. Ich habe eine Menge Berichte, Sie seien im September 2011, im Oktober 2011, im Januar 2012 gefangengenommen worden. Ist daran etwas Wahres?

Moussa Ibrahim: Nein. Nein, ich meine, wir waren immer mittendrin, im Zentrum. Aber wir haben innerhalb Libyens im Untergrund gearbeitet. Und außerhalb Libyens mit vielen tausenden Führern in den verschiedensten Kontexten. Und wir haben die Alternative für Libyen angeführt. Wir haben mit unseren Leuten gesprochen, mit unseren Stämmen und unseren Städten. Und wir waren sehr erfolgreich. Erst in der letzten Zeit, im letzten Jahr oder in den letzten zwei Jahren, hat sich die politische Szene zum Positiven verändert. Die ganze Verschwörung gegen Libyen wurde offengelegt.

Frage: Das ist Ihre Sicht der Dinge. Ein ehemaliger britischer Diplomat, der in Tripolis war, sagte, er glaube immer noch fest an die von der UN anerkannte Regierung. Natürlich gebe es eine Menge zu tun wegen dieses von den Franzosen unterstützten General Haftar. Was genau ist die Position der Grünen Widerstandsbewegung und von Saif al-Gaddafi?

Moussa Ibrahim: Manchmal wenn ich europäischen und amerikanischen Diplomaten zuhöre, denke ich, ok, manche von ihnen sind einfache Leute und sie verstehen die Vorgänge nicht. Aber manchmal, und dass muss man laut sagen, fehlt es an Moral. Diese Leute haben keinen Anstand. Wie können sie so ein Land beschreiben, das im Chaos versinkt, das täglich unter Morden und Bomben zu leiden hat, unter Stammeskämpfen, unter Milizen, unter Terrorismus – ein Land, das jahrzehntelang im Frieden gelebt hat und jahrzehntelang eines der reichsten und stabilsten afrikanischen Länder am Mittelmeer war. Und dann kommt jemand und sagt, er glaubt an diese nationale Regierung? Hier kommen wir in einen unmoralischen Bereich; das ist unanständig. Sie wissen, dass jeden Tag Menschen sterben.

Frage: Aber die Regierung hat ein UN-Mandat.

Moussa Ibrahim: Die UN wird von den Supermächten kontrolliert. Die UN wird kontrolliert und sie ist ein Teil des Spiels der Zerstörung Libyens. Es kann dort über manches debattiert werden. Aber es gibt nichts darüber zu debattieren, dass Libyen eine Katastrophe ist.

Frage: Wenn Sie an die vielen Flüchtlinge denken, vielleicht zehntausende, die seit dem Tod Gaddafis im Mittelmeer ertrunken sind, was fühlen Sie, wenn Sie diese Nachrichten sehen?

Moussa Ibrahim: Ja, natürlich, die Situation in Nordafrika und in der Sahelzone stimmt uns sehr traurig. Wissen Sie, wir hatten Projekte für die afrikanischen Staaten in der nordafrikanischen Region und in der Sahelzone geplant, um illegale Migration einzudämmen und die nationale Industrie und Wirtschaft aufzubauen, damit die afrikanischen Menschen nicht ihr Leben bei der Überquerung des Mittelmeers riskieren müssen. Aber von all diesen Alternativprojekten, die wir vorhatten – schauen Sie, was davon noch existiert – die gesamten inneren Strukturen der afrikanischen Länder wurden komplett zerstört, insbesondere in Libyen das Schulsystem, Krankenhäuser, die Gesundheitsvorsorge, alles. Und anstelle der Vereinigten Afrikanischen Armee gibt es jetzt AFRICOM, das US-amerikanische Militärkommando für Afrika. Es gibt französische Streitkräfte und die G5 in Westafrika, und anstelle der Afrikanischen Zentralbank, die den Flüchtlingen und den afrikanischen Staaten dienen sollte, gibt es die Französische Zentralbank und anstatt einer goldbasierten Wirtschaft haben wir die Unterordnung der afrikanischen Ökonomie unter die globale Kapitalismusmaschinerie. Das ist alles ein Teil derselben Geschichte. Sogar die internen Probleme, die in Libyen vorher existierten, werden ausgenutzt. So arbeitet das Empire.

Frage: Es ist eine Ironie, dass der Tod Gaddafis die Staaten der Europäischen Union wegen der Migration und dem Anwachsen der extremen Rechten schwer traf und destabilisierte.

Moussa Ibrahim: Die Leute sagen, dass Gaddafi nicht nur ein Panafrikanist, sondern ein Internationalist war. Er wollte wirklich Frieden und Ruhe und Entwicklung und Zusammenarbeit. Deshalb war er 2009 Gastgeber und Kopf des Europäisch-Afrikanischen Gipfels in Libyen. Er wollte Afrika aufbauen und er wollte gute Beziehungen zu Europa. Er wollte eine neue Weltordnung der Gerechtigkeit und des Friedens und der Zusammenarbeit. Das war für das imperialistische kapitalistische System sehr schwierig zu ertragen.

Frage: Es wird viel darüber geschrieben, welche Rolle der Rassismus bei der Nato-Mission in Libyen spielte. Sie kennen Gaddafi und andere Minister der libyschen Regierung. Was sagte er, als er Nelson Mandela unterstützte?

Moussa Ibrahim: Nun, die britische Regierung nannte Mandela einen Terroristen. Margaret Thatcher und ihre Minister nannten ihn so. Viele westliche Diplomaten und sogar Intellektuelle erklärten ihn zum Kriminellen.

Frage: Aber war ihm klar, dass die Unterstützung für Mandela Auswirkungen auf Libyen haben würde?

Moussa Ibrahim: Natürlich. Gaddafi war sehr aufrichtig und transparent zu den Leuten, mit denen er eng zusammenarbeitete. Er sagte, macht keine Fehler. Wir werden nicht nur für das bestraft, was wir für Libyen getan haben, sondern auch für das, was wir für Afrika und andere Entwicklungsländer taten. Wir bezahlen den Preis, weil wir Nelson Mandela unterstützten, weil wir die Schwarzen unterstützten, weil wir echte revolutionäre Politik unterstützten. Gaddafi war glücklich, dass er bis zu seinem Tod kämpfen konnte. Er wusste, es hätte Fluchtmöglichkeiten gegeben. Er entschied sich, nicht zu gehen. Es wurden ihm auch von afrikanischen Führern, die ihn während des Kriegs besuchten, Fluchtwege angeboten. Aber er sagte, wenn er das Land verlässt, werden all seine Ideen, für die er gekämpft hat, sterben; aber mit seinem Tod werden seine Ideen überleben. Und ich glaube, dass die Ideen und die Prinzipien und die Projekte, an deren Spitze er stand, weiterleben werden. Sie werden in der Zukunft mit enormer Macht zurückkommen.

Frage: Das sagen Sie. Joe Biden, der im nächsten Jahr als Freund von Hillary Clinton für die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen antreten will – was fühlten Sie, als Sie Hillary Clinton auf diese Weise über Gaddafi sprechen hörten?

Moussa Ibrahim: Hillary Clinton ist eine Kriegsverbrecherin. Sie wusste, was in Libyen vor sich ging. Sie verstand alles und das wurde aufgedeckt, als Wikileaks ihre Mails veröffentlichte. Sie sagte ganz deutlich, dass die Beschuldigungen gegen Gaddafi zumindest übertrieben waren und dass die Franzosen wegen des libyschen Goldes mitmachten und wegen ihrer Vorbehalte gegen das, was Gaddafi in Afrika tat. Aber sie machte weiter, weil sie wusste, dass mit dem Zusammenbruch von Gaddafis Libyen sich die Chancen für die USA und Europa erhöhen würden, Afrika zu kontrollieren. Und so kam es auch. Die Amerikaner haben jetzt viele, viele Militärbasen, ebenso hat sich das Schürfen nach Gold und der Abbau von Uran intensiviert, Uran im Niger, Gold in Burkina Faso, aber auch andere natürliche Ressourcen wie Öl und Gas in Libyen. Die Politiker sind nichts anderes als Diener der Maschinerie.

Frage: Nun, Hillary Clinton würde wohl verneinen, dass sie eine Kriegsverbrecherin ist. Tatsächlich würde sie sagen, sie wird von den Rechten beschuldigt, die US-Diplomaten in Bengasi nicht geschützt zu haben. Ich muss Ihnen sagen, Libyen ist für viele normale Menschen in den Nato-Staaten ein Synonym für Terrorismus. Kommen wir zu dem Konzert in Manchester. Wie haben Sie sich gefühlt, als sie das Blutbad im Fernsehen sahen?

Moussa Ibrahim: Das war schrecklich traurig und es tut uns weh, wenn die normalen Menschen im Westen für die kriminellen Machenschaften und Fehler ihrer Regierungen zahlen müssen. Wenn man eine Krise managen muss... eine Krise ist ihrer Definition nach eine Krise. Man kann sie managen, aber man kann sie nicht hundertprozentig kontrollieren. Manchmal gibt es Rückschläge, weil man das wichtigste Ziel erreichen will. Man hat die Konsequenzen zu tragen und muss sie nehmen, wie sie kommen. Die Briten und die Amerikaner könnten den Terrorismus sehr leicht abstellen, indem sie ihn einfach nicht mehr unterstützen, nicht mehr finanzieren, ihn nicht mehr erschaffen. Aber sie haben sich dazu entschlossen, weiterzumachen. Das ist kein Geheimnis. Ich habe es in diesem Interview bereits deutlich gemacht. Das ist bekannt und ich stimme dem voll zu. Der Westen ist sich bewusst, was für ein Spiel er spielt und dass er den Preis dafür zahlen muss.

Fortsetzung folgt.

NACHTRAG: Inzwischen gibt es das Interview mit deutschen UT auf RussiaToday. Dort ist auch ein interessanter AudioBeitrag "Libyen versinkt in Gewalt. NATO-Krieger fordern >Frieden<" zu finden.
https://deutsch.rt.com/international/93487-gaddafis-sprecher-wir-haben-recht/?utm_source=browser&utm_medium=aplication_firefox&utm_campaign=firefox

15:51 08.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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