Misrata: Trojanisches Pferd der Türkei

Libyen/Türkei. Seit jeher versuchten die Bewohner von Misrata ebenso wie die anderen türkisch-stämmigen Libyer ihr eigenes politisches Süppchen zu kochen.
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Unter dem Titel „Sind die libyschen Türken Ankaras trojanisches Pferd?“ untersucht der türkische Autor Fehim Tastekin auf Al-Monitor die Rolle der türkisch-stämmigen Libyer. Tastekin kommt zu dem Schluss, dass in Libyen die Nachkommen der Osmanen wichtige Verbündete der Türkei sind, die aber kein einheitliches politisches oder militärisches Lager bilden. Allerdings geht aus dem Artikel klar hervor, dass sich die Nachkommen der Osmanen heute immer noch als Türken und nicht als Libyer verstehen, egal ob sie mit der Moslembruderschaft oder mit der säkular ausgerichteten Türkei sympathisieren.

Wie bekannt, unterstützt die Türkei militärisch die Milizen von Tripolis und Misrata, die gegen die LNA und Feldmarschall Haftar kämpfen.

Sowohl beim Kampf gegen Muammar al-Gaddafi als auch beim gegenwärtigen Kampf gegen die LNA unter Haftar spielten und spielen die Stadt Misrata mit ihren osmanischen Nachkommen eine tragende Rolle. Diese Nachkommen verstehen sich als die „Enkel von Mustafa Kemals Gefährten, die den Geist von 1911 lebendig halten“. Dies soll laut Tastekin ein Hinweis auf die Kämpfe gegen die italienische Invasion in Libyen sein, die allerdings bekanntlich mit dem kompletten Rückzug der Osmanen angesichts der militärischen Überlegenheit der Italiener endete. Es kann aber auch als Hinweis dafür verstanden werden, dass diese Nachkommen des Osmanischen Reiches immer noch für den Anspruch stehen, die Herrschaft über Libyen ausüben zu wollen.

Dazu passt, dass der Autor Fehim Tastekin ganz offen die Frage stellt, ob die Existenz der türkisch-stämmigen Libyer die Intervention der Türkei in Libyen rechtfertige. Er verweist dann auf deren politische und militärische Fragmentierung. Doch egal, ob sich die türkisch-stämmigen Libyer der Moslembruderschaft oder sonst jemanden zugehörig fühlen, der starken Bindung an die Türkei tut dies keinen Abbruch.

Laut Tastekin haben türkisch-stämmige Libyer 2015 die Libya-Koroglu-Vereinigung gegründet. Jedoch habe sich Ankara leider für die Zusammenarbeit mit der Muslimbruderschaft entschieden und jene türkisch-stämmigen Libyer, die islamistische Gruppen ablehnen, ignoriert.

Koroglu werden jene Nachkommen osmanischer Soldaten genannt, die mit nordafrikanischen Frauen Familien gründeten. Die Nachkommen der Osmanen, die Libyen von Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1912 beherrschten, leben heute hauptsächlich in Misrata, Tripolis, Zawiya, Bengasi und Derna.

Laut einem Mitglied der Libya-Koroglu-Vereinigung soll es rund 1,4 Millionen türkisch-stämmige Menschen in Libyen geben. Diese Zahlen erscheinen selbst Tastekin stark übertrieben, denn viele Osmanen gingen nach ihrer Niederlage Anfang des 20. Jahrhunderts zurück in die Türkei. Jene Osmanen, die in Libyen blieben, dürften sich zwischenzeitlich mit der angestammten libyschen Bevölkerung vermischt haben. In Misrata sollen sie drei Viertel der Stadtbevölkerung bilden. Zu erwähnen bleibt, dass in Libyen kaum jemand Türkisch spricht.

Die Misrata-Bewohner sahen sich in der Gaddafi-Zeit stets in Opposition zur Dschamahirija-Regierung und waren deshalb recht unbeliebt. Sie waren in der Hauptsache als Händler, aber auch im Kleingewerbe tätig. Anfang 2011 war Misrata maßgeblich an den Kämpfen gegen die libysche Armee beteiligt. Die Stadt hatte sich sofort auf die Seite der Aufständischen geschlagen. Geld, Waffen und dschihadistische Söldner strömten in die Stadt. Es waren auch Kämpfer aus Misrata, die für Gaddafis brutale Ermordung und Zurschaustellung seines Leichnams verantwortlich waren. Eine Nachbarstadt von Misrata ist Tawerga, die Heimat von meist dunkelhäutigen Libyern, die an der Seite Gaddafis standen. Misrata-Milizen gingen 2011 mit brutaler Gewalt gegen die Bewohner von Tawerga vor. Männer wurden ermordet, Frauen vergewaltigt, die übriggebliebenen Bewohner vertrieben, deren Häuser zerstört. Seither verhindert Misrata, dass die in Flüchtlingsunterkünften lebenden Bewohner in ihre angestammte Heimatgemeinde Tawerga zurückkehren können.

Einer der Kommandanten des dschihadistischen Libya Dawn, Wissam Bin Hamid, stammte aus Misrata. Er unterstützte die politische Agenda der Muslimbruderschaft und arbeitete mit dem al-Kaida-Ableger Ansar al-Scharia zusammen. Er wurde 2016 bei einem LNA-Luftangriff getötet.

Ein weiterer hochrangiger Milizenführer aus Misrata ist Salah Badi, welcher der al-Somoud-Miliz angehört. Badi, der zu Gaddafis-Zeiten in der Armee diente, wechselte 2011 die Seiten und kämpfte im Libya Dawn gegen die LNA, bevor er sich 2015 in die Türkei absetzte. Von dort kehrte er 2018 nach Tripolis zurück, kämpfte gegen die ‚Einheitsregierung‘ unter Sarradsch, wurde von der UN und den USA mit Sanktionen belegt, und zählt nach wie vor zu den Feinden der LNA.

Türkischer Abstammung sind auch Mukhtar al-Dschahawi, der gegen den IS in der Sirte-Region kämpfte und es nicht so eng mit Katar und der Türkei hält, ebenso wie Abdul Rauf Kara, Anführer der Special Deterrence Force (RADA), die den Mitiga-Flughafen bei Tripolis kontrolliert, und der zwar der Salafi-Madkhali-Bewegung angehört, bisher aber für die ‚Einheitsregierung‘ und gegen die LNA in Tripolis kämpft.

Auch der derzeitige Innenminister der ‚Einheitsregierung‘, Fathi Baschagha, stammt aus Misrata. Er gilt als der Mann der Moslembruderschaft mit engen Bindungen an Ankara. Ihm sind einige der Milizen (Mahdschoub und Halbous) direkt unterstellt.

Mohamed Sowan, Vorsitzender der Partei für Gerechtigkeit und Aufbau, dem politischen Flügel der Moslembruderschaft, ist ebenfalls türkischer Abstammung und gilt als „Erdogans Mann in Libyen“.

Hinter den Kulissen zieht der aus Misrata stammende Ali al-Sallabi die Strippen, der ebenfalls türkische Wurzeln hat. Er koordiniert die Waffenlieferungen und Geldzuwendungen aus Katar.

Abdel Rahman al-Suwayhili, der sich gut mit den Moslembrüdern versteht, gründete die Partei Union des Heimatlandes. Sein Neffe Ahmed Maitiq war 2014 kurzzeitig Ministerpräsident, bevor er 2016 stellvertretender Ministerpräsident der ‚Einheitspartei‘ wurde.

Die Vertreter der Libya-Koroglu-Vereinigung meinen laut Tastekin, sie seien in der ‚Einheitsregierung‘ nicht gut vertreten, obwohl as-Sarradsch selbst Türke wäre, aber leider zu schwach sei. Die Koroglu-Vereinigung ist gegen die Zusammenarbeit der Türkei mit den Moslembrüdern. Ihr großer Feind sei aber nicht die Moslembruderschaft, sondern nach wie vor die LNA und Haftar. Die Libya-Koroglu-Vereinigung sieht sich bei der „Verteidigung der Türkei“ an vorderster Linie.

Diese Aussage lässt aufhorchen. Besagt sie doch, dass sich die türkisch-stämmigen Libyer als Türken und nicht als Libyer sehen Und: Fajez as-Sarradsch, der jetzige Premierminister der ‚Einheitsregierung‘, wird als „Türke“ bezeichnet. Wessen Interessen er in Libyen vertritt, steht somit außer Frage.

Und was erwartet die Libya-Koroglu-Vereinigung von der Türkei? Dass Ankara seine Allianzen in Libyen prüft. „Wir wollen natürlich nicht, dass die Türkei ihre militärische und logistische Unterstützung zurückzieht. Wir erwarten jedoch Unterstützung für unser Projekt.“ Die Vereinigung hat nämlich schon einen vollständigen Plan für Libyens Zukunft ausgearbeitet. Der „Plan“ umfasst die Legislative, Exekutive und Justiz sowie die Sicherheitsorgane und soll das osmanische Erbe in Nordafrika wieder aufleben lassen. Damit wäre die Herrschaft der Türken wieder perfekt. Und die Krönung: Libyen bekäme eine Nachbildung der Blauen Moschee von Istanbul.

Soweit die Träume in Misrata und Ankara, bei denen das restliche Libyen mit seinen arabischen, berberischen, Tuareg- und Tibu-Stämmen außen vor bliebe.

Der Artikel von Tastekin zeigt, dass die türkisch-stämmigen Libyer, die Nachkommen der osmanischen Besatzer, die Libyen fast 300 Jahre lang beherrschten, ihre Vertreibung aus Nordafrika vor mehr als hundert Jahren immer noch nicht verwunden haben und sich nach wie vor der angestammten Bevölkerung überlegen fühlen.

Die Nachkommen der Osmanen und die, die sich dafür halten, machen sich in Libyen durch solche Aussagen nicht beliebt. Dazu tragen auch andere Vorkommnisse seit 2011 bei, denn Misrata-Milizen taten sich nicht nur 2011 durch abscheulichste Grausamkeiten gegenüber Gaddafi-Leuten und dunkelhäutigen Libyern hervor, sondern verhielten sich auch 2014 besonders zerstörerisch bei den Kämpfen um die Hauptstadt Tripolis. So waren sie für die Verwüstung des Internationalen Flughafens und einer Umweltkatastrophe durch das Inbrandsetzen eines Ölcontainers verantwortlich. Nach 2014 tyrannisierten sie die Bewohner der Hauptstadt auf übelste Art und Weise, bis sie zum Verlassen der Stadt durch Tripolis-Milizen gezwungen wurden.

Und auch dies dürfte nicht vergessen sein: Am frühen Morgen des 18. Mai 2017 stürmten Kämpfer der Misrata-Miliz Third Force (auch 13. Bataillon), gemeinsam mit den inzwischen offiziell als terroristisch eingestuften Verteidigungsbrigaden von Bengasi (BDB) den LNA-Luftwaffenstützpunkt Brak-al-Schatti im nördlichen Fessan. Dabei wurden über 130 Personen massakriert, neben den Soldaten der LNA auch Köche und Reinigungspersonal. Die meisten Soldaten wurden durch Kopfschüsse getötet, andere habe man mit aufgeschlitzter Kehle gefunden. Es fanden auch Enthauptungen statt. Viele Leichen waren durch Schüsse in das Gesicht entsetzlich entstellt.

Die türkisch-stämmigen Libyer sind Ankaras trojanisches Pferd!

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https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/08/turkey-libya-are-libyan-turks-ankaras-trojan-horse.html
https://www.freitag.de/autoren/gela/die-rolle-der-tuerkei-im-libyen-konflikt
https://www.freitag.de/autoren/gela/osmanische-herrschaft-in-libyen
https://www.freitag.de/autoren/gela/tuerkei-dschihadisten-ziemlich-beste-freunde
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https://www.freitag.de/autoren/gela/misrata-brigade-begeht-massaker-an-soldaten

18:29 06.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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