Moslembrüder: keine harmlose Gemeinschaft

Moslembruderschaft. Voltairenet.org veröffentlicht das aktuelle Buch von Thierry Meyssan "Before Our Very Eyes, Fake Wars and Big Lies: From 9/11 to Donald Trump"
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„In dieser Folge mit dem Titel „Die mörderische Moslembruderschaft“ beschreibt Thierry Meyssan die Entstehungsgeschichte der ägyptischen Geheimgesellschaft der Moslembrüder sowie deren Reaktivierung durch den britischen Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wie diese Gruppe letztendlich durch den MI6 benutzt wurde, um politische Morde in der ehemaligen britischen Kronkolonie auszuführen.

Der „arabische Frühling“ und die Moslembruderschaft

Auf dem Fundament der alten Moslembruderschaft schufen 1951 die britischen Geheimdienste eine geheime politische Organisation gleichen Namens. Sie wurde zunächst zur Ermordung von Personen eingesetzt, die sich dem Widerstand verschrieben hatten, später dann, ab 1979, dienten sie als Söldner im Kampf gegen die Sowjets. Anfang der 90er Jahre wurde die Bruderschaft in die NATO eingebunden, bis 2010 der Versuch unternommen wurde, die Moslembrüder in den arabischen Staaten an die Macht zu bringen. Die herrschende Saud-Familie finanzierte die Moslembruderschaft und den Sufi-Orden der Nakschibendi mit mindestens 80 Milliarden US-Dollar jährlich. Dies machte sie zu einer der stärksten Armeen der Welt. Alle dschihadistischen Führer, einschließlich der Führer des Islamischen Staates, gehörten dieser militärischen Struktur an.

Die ägyptische Moslembruderschaft

Vier Reiche gab es am Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr: das Deutsche Kaiserreich, die Donau-Monarchie von Österreich-Ungarn, das zaristische Russland und die osmanische Hohe Pforte. Die Sieger ließen jedes Maß vermissen, als sie den Besiegten die Bedingungen diktierten. Die für Europa im Versailler Vertrag festgelegten Forderungen waren für Deutschland, das fälschlicherweise allein für den Krieg verantwortlich gemacht wurde, inakzeptabel und untragbar. Bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches in den orientalischen Gebieten lief vieles falsch. Auf der Konferenz von San Remo (1920) wurde Großbritannien gemäß den geheimen Sykes-Picot-Vereinbarungen (1916) ermächtigt, in Palästina ein Heimatland für die Juden aufzubauen, während Frankreich die Erlaubnis erhielt, Syrien zu kolonisieren (damals gehörte zu diesem Gebiet auch der heutige Libanon). In den Gebieten, die dem Osmanischen Reich verblieben waren, erhob sich Mustafa Kemal sowohl gegen den Sultan, der den Krieg verloren hatte, als auch gegen die Westmächte, die die Kontrolle über das Land übernehmen wollten. Auf der Konferenz von Sèvres (1920) wurde das Kalifat in kleine Gebiete aufgeteilt. Es sollte eine Vielzahl neuer Staaten geschaffen werden, darunter auch Kurdistan. Die türkisch-mongolische Bevölkerung in den Provinzen Thrakien und Anatolien brachte durch einen Aufstand Mustafa Kemal an die Macht. Schließlich wurden in der Lausanner Konferenz (1923) die Grenzen – so wie wir sie heute kennen – festgelegt, die Idee eines kurdischen Staates fallengelassen und ein gigantischer Bevölkerungsaustausch vorgenommen, der mehr als eine halbe Million Todesopfer forderte.

Doch genau wie in Deutschland Adolf Hitler das seinem Land auferlegte Los in Frage stellte, rebellierte auch im Nahen Osten ein ägyptischer Schullehrer gegen diese Neuaufteilung der Region und gründete eine Bewegung zur Wiederherstellung des vom Westen besiegten Kalifats. Der Mann hieß Hassan al-Banna und seine Organisation trug den Namen Moslembruderschaft (1928).

Da der Kalif prinzipiell als Nachfolger des Propheten galt, dem Gehorsam geschuldet wurde, war „Kalif“ ein begehrter Titel. Es hatte mehrere große, aufeinander folgende Geschlechter von Kalifen gegeben: die Omaijaden, die Abbasiden, die Fatimiden und die Osmanen. Den nächsten Kalif würde der Mann stellen, dem es gelang, sich den Titel anzueignen. Ganz zufällig war dies das Oberhaupt („General Guide“) der Bruderschaft, der an der Vorstellung, der Herrscher über die islamische Welt zu sein, Gefallen fand.

Der Geheimbund wuchs schnell. Er beabsichtigte, aus dem Inneren des Systems die islamischen Institutionen wiederherzustellen. Neue Mitglieder mussten dem Führer nicht nur Gefolgschaft auf den Koran, sondern auch auf einen Säbel beziehungsweise einen Revolver schwören. Obwohl sich die Bruderschaft einer religiösen Begrifflichkeit bediente, war ihr Ziel einzig ein politisches. Für Hassan al-Banna und seine Nachfolger war der Islam als Religion kein Thema, noch erweckten sie muslimische Spiritualität. Für sie war der Islam einzig und allein ein Dogma, die Unterwerfung unter Gottes Wille und die Ausübung von Macht. Offensichtlich hatten die Ägypter, die die Bruderschaft unterstützten, ein anderes Bild von ihnen. Sie folgten den Moslembrüdern, weil diese behaupteten, in der Gefolgschaft Gottes zu stehen.

Für Hassan al-Banna maß sich die Legitimität einer Regierung nicht an ihren Repräsentanten, also auf die Art, wie westliche Regierungen bewertet werden, sondern an ihrem Vermögen, die „islamische Lebensweise“ zu verteidigen, das heißt die Lebensweise des ottomanischen Ägyptens im 19. Jahrhundert. Die Bruderschaft hat nie bedacht, dass der Islam eine Geschichte hat und dass muslimische Lebensweisen je nach Region und Epoche erheblich variieren. Sie machte sich auch nicht klar, dass der Prophet die beduinische Gesellschaft, in der er gelebt hatte, revolutioniert hat, noch dass die im Koran beschriebene Lebensweise nur für diese Menschen Gültigkeit hat. Für die Bruderschaft sind die Disziplinarregeln des Korans, die Scharia, nicht an eine bestimmte Situation gebunden, sondern sind unveränderliche Gesetze, auf die sich die Staatsmacht berufen kann.

Für die Bruderschaft wird die Anwendung von Gewalt damit gerechtfertigt, dass die muslimische Lebensweise oft mit dem Schwert durchgesetzt wurde. Die Bruderschaft würde niemals zugeben, dass der Islam durch seine Vorbildfunktion Verbreitung fand. Dies hinderte al-Banna und seine Mitbrüder allerdings nicht, an Wahlen teilzunehmen – und diese zu verlieren. Wenn sie politische Parteien missbilligten, lag dies nicht an ihrer Gegnerschaft zum Mehrparteiensystem, sondern weil sie durch die Trennung von Religion und Politik der Korruption erliegen würden.

Die Doktrin der Moslembruderschaft ist die Ideologie eines „politischen Islam“ – im Deutschen spricht man von „Islamismus“ - ein Wort, das Wut auslöst.

Hassan al-Banna forderte 1936 in einem Schreiben an den ägyptischen Ministerpräsidenten Mustafa el-Nahas Pascha:
- eine Gesetzesreform und die Einführung des Scharia-Rechts bei allen Gerichtsverfahren
- die Bildung einer Freiwilligentruppe innerhalb der Armee unter dem Banner des Dschihad
- den Zusammenschluss aller muslimischen Staaten zur Vorbereitungen der Wiederherstellung des Kalifats. Die vom Islam geforderte Einheit sollte verwirklicht werden.

Während des Zweiten Weltkriegs erklärte sich die Bruderschaft für neutral. In Wirklichkeit mutierte sie zu einem Geheimdienst für das Dritte Reich bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten und das Kriegsglück sich wendete. Von nun an spielte die Bruderschaft ein doppeltes Spiel und verkaufte Informationen über Deutschland an die Briten. Die Prinzipienlosigkeit und der politische Opportunismus der Bruderschaft traten offen zutage.

Am 24. Februar 1945 versuchten die Moslembrüder ihr Glück und ermordeten während einer parlamentarischen Sitzung den ägyptischen Ministerpräsidenten. Es folgte eine Eskalation der Gewalt. Die Moslembrüder wurden verfolgt, politische Attentate verübt. Am 28. Dezember 1948 wurde auch der neu ernannte Premierminister ermordet, worauf in einer Racheaktion am 12. Februar 1949 Hassan al-Banni getötet wurde. Kurze Zeit später verurteilte ein Kriegsgericht die meisten Mitglieder der Bruderschaft zu Gefängnisstrafen und löste die Organisation auf.

Bei dieser Geheimorganisation hatte es sich in Wirklichkeit um eine Bande von Mördern gehandelt, die den Koran vorschob, um ihre Machtambitionen zu tarnen. Ihre Geschichte hätte hier enden können. Doch es kam anders.

Die Reaktivierung der Moslembrüder durch Großbritannien und ein Separat-Frieden mit Israel

Offensichtlich waren die Großmächte von den Möglichkeiten der Bruderschaft, Menschen zu mobilisieren und zu Attentätern zu machen, fasziniert.

Zweieinhalb Jahre nach Auflösung der alten Organisation riefen die Briten eine neue Vereinigung ins Leben, die sich ebenfalls „Moslembruderschaft“ nannte. Da alle ehemaligen Anführer im Gefängnis saßen, wurde der Ex-Richter Hassan al-Hudaybi zum Oberhaupt (General Guide) gewählt. Die allgemeine Annahme, es habe eine historische Kontinuität zwischen der alten und der neuen Organisation bestanden, ist nicht richtig. Es stellte sich heraus, dass innerhalb der alten Moslembruderschaft eine „Geheimsektion“ existiert hatte, die von Hassan al-Banna den Auftrag erhalten hatte, Angriffe auszuführen, zu denen er sich jedoch nicht bekannte. Diese Sektion innerhalb der Organisation war so geheim, dass sie von der Auflösung der Bruderschaft nicht betroffen war und nun seinem Nachfolger zur Verfügung stand. Der neue Führer al-Hudaybi beschloss, die Existenz einer „Geheimsektion“ abzustreiten und erklärte stattdessen, er wolle seine Ziele ausschließlich mit friedlichen Mitteln erreichen. Man weiß nicht genau, was sich zu dieser Zeit zwischen den Briten, die die alte Gesellschaft wieder aufbauen wollten, und dem Führer, der davon ausging, er müsse nur wieder seine Gefolgschaft innerhalb der Bevölkerung aktivieren, zugetragen hat. Jedenfalls überlebte die „Geheimsektion“ und innerhalb der Bruderschaft schwand die Autorität des Führers zugunsten anderer Führer, die einen heftigen internen Krieg vom Zaun gebrochen hatten. Die CIA hatte Sayyid Qutb eine Führungsposition innerhalb der Moslembruderschaft verschafft. Qutb, ein Freimaurer [1], war der Theoretiker jenes Dschihad, den Hudaybi verurteilt hatte, zumindest so lange, bis er gezwungen wurde, sich mit dem MI6 zu arrangieren.

Es ist unmöglich, die Beziehungen und herrschenden Hierarchien zwischen diesen Männern genauer zu durchschauen, zum einen, weil jede Auslandsabteilung autonom arbeitete, zum anderen, weil die geheimen Sektionen innerhalb der Organisation nicht mehr notwendigerweise dem Oberhaupt oder den örtlichen Führern Bericht erstatteten, sondern manchmal direkt mit CIA und MI6 kommunizierten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Briten, die Welt neu zu organisieren, um sie nicht in die Hände der Sowjets fallen zu lassen. Im September 1946 lancierte Winston Churchill in Zürich die Idee der Vereinigten Staaten von Europa. Er gründete auch die Arabische Liga, die auf dem gleichen Prinzip beruhte. Ziel war die Vereinigung der jeweiligen Region unter Ausschluss von Russland. Schon zu Beginn des Kalten Krieges wurden in den USA Organisationen gegründet, die diese Entwicklung aus Eigeninteresse unterstützten: das American Committee on United Europe (Amerikanisches Komitee für das Vereinigte Europa) und die American Friends of the Middle East (Amerikanische Freunde des Nahen Ostens) [2]. Innerhalb der arabischen Welt organisierte die CIA zwei Staatsstreiche, den ersten in Damaskus zugunsten von General Hosni Zaim (März 1949), den zweiten mit Hilfe der Freien Offiziere in Kairo (Juli 1952). Ziel war es, die als kommunistenfeindlich geltenden Nationalisten zu unterstützen. In diesem Sinne entsandte Washington den ehemaligen SS-General Otto Skorzeny nach Ägypten und den ehemalige Nazi-General Fazlollah Zahedi in den Iran. Begleitet wurden sie von hunderten ehemaliger Gestapo-Offiziere, mit deren Hilfe sie den antikommunistischen Kampf führen sollten.

Skorzeny führte die Ausbildung der ägyptischen Polizei in einer gewalttätigen Tradition fort und stellte sich 1963 gemeinsam mit CIA und Mossad gegen Nasser. Zahedi erschuf die SAVAK, die grausamste politische Polizei jener Zeit.

Während Hassan al-Banna das Ziel definiert hatte – Erlangung der Macht durch Religionsmissbrauch –, definierte Sayyid Qutb das dafür notwendige Mittel – den Dschihad. Sobald die Anhänger die Überlegenheit des Korans eingesehen hatten, wurden sie auf dieser Basis in einer Armee organisiert und in die Schlacht geschickt. Qutb entwickelte eine manichäische Theorie, die zwischen dem, was „Islamisten“ sind und dem, was die „Bösen“ sind, unterschied. Diese Gehirnwäsche ermöglichte es der CIA und dem MI6, diese Anhänger einzusetzen, zunächst um die nationalistischen arabischen Regierungen zu kontrollieren und später, um die muslimischen Regionen der Sowjetunion zu destabilisieren. Die Moslembruderschaft wurde so unter dem Motto „Allah ist unser Ziel. Der Prophet unser Führer. Der Koran unser Gesetz. Der Dschihad unser Weg. Martyrium unser Gelübde.“ zum unerschöpflichen Reservoir für Terroristen.

Qutbs Ideen waren nachvollziehbar, aber nicht sinnvoll. Er bediente sich einer eng gefassten Rhetorik bezüglich Allah/Prophet/Koran/Dschihad/Martyrium, die keinerlei Raum für Diskussionen ließ. Er stellte seine eigene Logik über die der menschlichen Vernunft.

Als die CIA an der Princeton University eine Konferenz zum Thema „Die Situation der Muslime in der Sowjetunion“ abhielt, nutzten die USA diese Gelegenheit, um eine Delegation der Moslembruderschaft unter der Leitung von Sa'id Ramadan, einem der Führer ihres bewaffneten Arms, zu empfangen. Der zuständige CIA-Beauftragte hielt in seinem Bericht fest, Sa’id Ramadan sei kein religiöser Extremist, sondern gleiche eher einem Faschisten. Diese Aussage unterstrich den ausschließlich politischen Charakter der Moslembruderschaft. Den Abschluss der Konferenz bildete am 23. September 1953 ein Empfang von Präsident Eisenhower im Weißen Haus. Das Bündnis zwischen Washington und dem Dschihadismus war geschmiedet.

Zunächst nutzte die CIA die Bruderschaft, die sie ursprünglich für den Kampf gegen den Kommunismus reaktiviert hatte, zur Unterstützung von Nationalisten. Zu dieser Zeit war die CIA im Nahen Osten durch bürgerliche Anti-Zionisten vertreten. Diese wurden schnell verdrängt und durch hochrangige britische Beamte ersetzt, puritanische Absolventen bedeutender Universitäten mit einer pro-israelischen Einstellung. Daraus ergaben sich für Washington Konflikte mit den Nationalisten, gegen die die CIA nun die Moslembruderschaft einsetzte.

Nachdem Sa'id Ramadan im Jahre 1948 während des kurzen Krieges gegen Israel Kämpfer der Moslembrüder kommandiert hatte, half er Sayyid Abul Ala Maududi beim Aufbau einer paramilitärischen Organisation namens Dschamaat-i-Islami in Pakistan. Es galt, den Indern muslimischen Glaubens eine islamische Identität zu vermitteln, um den neuen Staat Pakistan zu gründen. Tatsächlich arbeitete Dschamaat-i-Islami die pakistanische Verfassung aus. Ramadan heiratete die Tochter von Hassan al-Banna und wurde der Befehlshaber des bewaffneten Arms der neuen „Moslembruderschaft“.

Unterdessen hatte sich die Bruderschaft in Ägypten am Staatsstreich der Freien Offiziere unter General Mohammed Naguib beteiligt; Sayyid Qutb war ihr Verbindungsoffizier. Die Moslembrüder erhielten den Auftrag, einen ihrer Führer, Gamal Abdel Nasser, zu beseitigen, da dieser sich Naguib widersetzt hatte. Nicht nur, dass sie damit am 26. Oktober 1954 scheiterten, sondern Nasser übernahm die Macht, unterwarf die Bruderschaft und stellte Naguib unter Hausarrest. Sayyid Qutb wurde einige Jahre später gehängt.

In Ägypten verboten, zog sich die Bruderschaft in die wahhabitischen Staaten (Saudi Arabien, Katar das Emirat Schardscha) und nach Europa (Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die neutrale Schweiz) zurück. Jedes Mal wurde sie als Statthalter des Westens begrüßt, die gegen die aufkeimende Allianz zwischen den arabischen Nationalisten und der Sowjetunion kämpfte. Sa'id Ramadan erhielt einen jordanischen Diplomatenpass und ließ sich 1958 in Genf nieder. Von dort aus leitete er die Destabilisierung des Kaukasus und Zentralasiens (betroffen waren sowohl das sowjetische Ferganatal als auch Pakistan/Afghanistan). Er übernahm die Leitung des Komitees für den Bau einer Moschee in München und konnte in dieser Funktion fast alle Muslime in Westeuropa kontrollieren. Mit Unterstützung durch das Amerikanische Komitee zur Befreiung der Völker Russlands (AmComLib), sprich der CIA, konnte er mit den vom US-Kongress finanzierten Radiosendern Radio Liberty/Radio Free Europe die Philosophie der Moslembruderschaft verbreiten[3].

Nach der Suezkanal-Krise und der spektakulären Kehrtwende Nassers hin zu den Sowjets beschloss Washington, die Moslembruderschaft im Kampf gegen die arabischen Nationalisten bedingungslos zu unterstützen. Einem hochrangigen Beamter der CIA, Miles Copeland, wurde nachgesagt – allerdings konsequenzlos –, eine Person innerhalb der Bruderschaft gefunden zu haben, die in der arabischen Welt dieselbe Rolle spielen sollte, die der Rolle von Pastor Billy Graham in den USA entsprach. Doch erst in den 1980er Jahren konnte ein Prediger dieses Kalibers gefunden werden: der Ägypter Yusuf al-Qaradawi.

1961 knüpfte die Bruderschaft eine Verbindung zu einer anderen Geheimgesellschaft, dem Orden der Nakschibendi. Dieser betrieb eine Art muslimischer Freimaurerei, in der Sufi-Initiation und Politik eine Verbindung eingehen. Einer ihrer indischen Theoretiker, Abu al-Hasan Ali al-Nadwi, veröffentlichte einen Artikel im „Journal of the Brothers“. Der Nakschibendi-Orden ist sehr alt und in vielen Ländern vertreten. Im Irak stellte sein Großmeister sogar den späteren Vizepräsidenten Izzat Ibrahim al-Douri. Dieser unterstützte 1982 den Putschversuch der Bruderschaft in Syrien und später die von Präsident Saddam Hussein ins Leben gerufene „Kampagne zur Glaubensrückkehr“, die nach der Verhängung einer Flugverbotszone durch den Westen die Identität des Landes wiederherstellen sollte.

In der Türkei sollte dieser Orden eine komplexere Rolle spielen. Ihm werden sowohl Fethullah Gülen (Gründer der Hizmet-Bewegung) und Präsident Turgut Özal (1989-1993) als auch Premierminister Necmettin Erbakan (1996-1997), der Gründer der Gerechtigkeitspartei (1961) und der Millî Görüş-Bewegung (1969) vorstehen. In Afghanistan war der ehemalige Präsident Sibghatullah Mojaddedi (1992) Großmeister des Ordens. In Russland hatte sich der Orden im 19. Jahrhundert mit Hilfe des Osmanischen Reiches in der Krim, in Usbekistan, Tschetschenien und Dagestan gegen den Zaren erhoben. Bis zum Fall der UdSSR war von diesem Orden nichts mehr zu hören, auch nicht in der chinesischen Region Xinjiang. Die Nähe zwischen der Bruderschaft und den Nakschibendi wurde nur selten untersucht, da im Allgemeinen eine Gegnerschaft zwischen Islamisten und Mystizismus beziehungsweise den Sufi-Orden angenommen wird.

1962 ermutigte die CIA Saudi-Arabien die Muslimische Weltliga zu gründen und sowohl die Bruderschaft als auch den Nakschibendi-Orden zu finanzieren [4]. Dies sollte der Abwehr von Nationalisten und Kommunisten dienen. Zunächst kam das Geld für die Organisation von Aramco (Arabian-American Oil Company). Unter den etwa zwanzig Gründungsmitgliedern finden sich drei islamische Theoretiker, die bereits erwähnt wurden: der Ägypter Sa'id Ramadan, der Pakistani Sayyid Abul Ala Maududi und der Inder Abu al-Hasan Ali al-Nadwi.

De facto wurde Saudi-Arabien, das dank seines Ölreichtums plötzlich über enorme Geldmengen verfügte, weltweit zum Paten der Moslembruderschaft. Im eigenen Land, in dem fast niemand lesen und schreiben konnte, vertraute die Monarchie ihnen das Bildungssystem an, das für Schulen und Universitäten zuständig ist. Die Bruderschaft war gezwungen, sich an ihr Gastgeberland anzupassen. Die Loyalität gegenüber dem König hinderte sie daran, dem Oberhaupt der Moslembruderschaft die Treue zu schwören. So entstanden um Sayyids Bruder, Mohamed Qutb, zwei Organisationen: die saudische Moslembruderschaft einerseits und die „Sururisten“ (Anhängern von Scheich Surur) andererseits. Die saudischen Sururisten versuchten die Synthese zwischen der politischen Ideologie der Bruderschaft und der wahhabitischen Theologie. Das Gedankengut dieser Sekte, der die Königsfamilie angehört, speist sich aus einer Interpretation des Islams, die in der Tradition der Beduinen, im Ikonoklasmus und in der Ahistorizität wurzelt. Bis zu der Zeit als Riad in den Genuss all seiner Petro-Dollars kam, verhängte es über die traditionellen muslimischen Schulen den Bann. Diese betrachteten ihrerseits Riad als Ketzer.

Tatsächlich haben die Politik der Bruderschaft und die wahhabitische Religion keine Gemeinsamkeiten, sind aber dennoch kompatibel. Die Ausnahme bildet der Pakt, den die Familie Saud mit den wahhabitischen Predigern geschlossen hat. Dieser passt mit der Bruderschaft nicht zusammen: Die Idee einer Monarchie von Gottes Gnaden steht dem Machthunger der Bruderschaft entgegen. Daher wurde vereinbart, dass die Saudis die Bruderschaft weltweit unterstützen, diese sich dafür in Saudi Arabien von der Politik fernhalten.

Die Unterstützung der saudischen Wahhabiten für die Bruderschaft war ein weiterer Grund für die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den beiden anderen wahhabitischen Staaten Katar und das Emirat Schardscha.

Zwischen 1962 und 1970 nahm die Moslembruderschaft am Bürgerkrieg im Nordjemen teil. Sie stand an der Seite Saudi-Arabiens und Großbritanniens und versuchte, die Monarchie gegen den Willen arabischer Nationalisten, Ägyptens und der UdSSR wiederherzustellen; ein Vorläufer des Konflikts, der ein halbes Jahrhundert später ausbrechen sollte.

1970 gelang es Gamal Abdel Nasser, eine Vereinbarung zwischen den palästinensischen Fraktionen und König Hussein von Jordanien auszuhandeln, das der Terroristengruppe „Schwarzer September“ ein Ende setzte. Am Abend des Gipfeltreffens der Arabischen Liga, auf dem diese Vereinbarung angenommen wurde, starb Nasser. Offiziell erlag er einem Herzinfarkt, wahrscheinlicher ist, dass er ermordet wurde. Nasser hatte drei Vizepräsidenten, einen sehr populären vom linken Flügel, einen öffentlichkeitswirksamen aus dem Zentrum und einen Konservativen, der auf Wunsch der USA und Saudi Arabiens zum Nachfolger gewählt wurde: Anwar Sadat. Der Vize-Präsident aus dem linken Spektrum wurde genötigt, sich für untauglich zu erklären. Der Vizepräsident vom Zentrum zog es vor, aus der Politik auszusteigen. Sadat wurde daher als Kandidat der Nasser-Partei nominiert. Diese Tragödie wiederholte sich in vielen Ländern: Um die Wählerbasis zu erweitern, wurde ein Rivale zum Vizepräsidenten gemacht. Starb der Präsident, wurde er durch diesen Rivalen ersetzt, der anschließend dessen Vermächtnis zerstörte.

Sadat, der dem „Reich“ während des Zweiten Weltkriegs als Soldat gedient hatte, hatte eine große Bewunderung für den „Führer“ bekundet. Er war ein ultrakonservativer Soldat, der für Sayyid Qutbs als Verbindungsmann zwischen der Bruderschaft und den Freien Offizieren diente, die 1952 in Ägypten die nationalistischen Urheber der Revolution waren. Unmittelbar nach seiner Machtübernahme ließ er die von Nasser inhaftierten Moslembrüder frei. Der „fromme Präsident“ gab sich bei der Islamisierung der Gesellschaft (der „Korrigierenden Revolution“) als Verbündeter der Bruderschaft, wurde aber ihr Rivale, sobald er sich daraus politischen Gewinn versprach. Diese zwiespältige Beziehung wird durch die Schaffung von drei bewaffneten Gruppen veranschaulicht, die keine Fraktion innerhalb der Bruderschaft waren, sondern externe Einheiten, die aber trotzdem ihrem Befehl unterstanden: „Islamische Befreiungspartei“, „Islamischer Dschihad“ (Sheikh Omar Abdul Rahman) sowie „Bannspruch und Immigration“ („Takfir“). Alle drei gaben an, den Anweisungen von Sayyid Qutbs Folge zu leisten. Von den Geheimdiensten bewaffnet, ging der islamische Dschihad zum Angriff auf koptische Christen über. Anstatt die Situation zu entschärfen, warf der „fromme Präsident“ den Kopten Volksverhetzung vor und inhaftierte ihren Papst sowie acht ihrer Bischöfe. Am Ende mischte sich Sadat in die Führung der Bruderschaft ein. Er nahm Partei für den islamischen Dschihad und stellte sich damit gegen das Oberhaupt der Bruderschaft, das er verhaften ließ [5].

Auf Anweisung von US-Außenminister Henry Kissinger überredete Sadat Syrien, gemeinsam mit Ägypten Israel anzugreifen, um die Rechte der Palästinenser wieder herzustellen. Am 6. Oktober 1973, während die Israelis Jom Kippur feierten, nahmen die beiden Armeen das hebräische Land in die Zange. Die ägyptische Armee überquerte den Suezkanal, während Syrien Israel von den Golanhöhen aus angriff. Sadat setzte jedoch nur einen Teil seiner Flugabwehr ein und stoppte seine Armee 15 Kilometer östlich des Suez-Kanals, währenddessen die Israelis die Syrer angriffen, die in der Falle saßen und laut „Verrat“ riefen. Erst nachdem die israelischen Reservisten mobilisiert und die syrische Armee von Ariel Scharons Truppen umzingelt worden war, befahl Sadat seiner Armee, ihren Vormarsch wieder aufzunehmen, nur um sie gleich wieder zu stoppen und einen Waffenstillstand auszuhandeln. Die Sowjets, die den ägyptischen Verrat beobachtet und mit Nassers Tod bereits einen Verbündeten verloren hatten, drohten den USA und forderten die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen.

Vier Jahre später, immer noch den CIA-Plan umsetzend, fuhr Präsident Sadat nach Jerusalem, um einen separaten Friedensvertrag mit Israel zu unterzeichnen, der nachteilige Auswirkungen auf Palästinenser und Syrer hatte. Dies besiegelte das Bündnis zwischen der Moslembruderschaft und Israel. Alle arabischen Völker haben diesen Verrat verurteilt. Ägypten wurde aus der Arabischen Liga ausgeschlossen und deren Hauptquartier nach Algier verlegt.

1981 beschloss Washington, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der islamische Dschihad wurde angewiesen, den nun nicht mehr nützlichen Sadat zu beseitigen. Er wurde während einer Militärparade ermordet, just als das Parlament seine Ausrufung zum „sechsten Kalifen“ vorbereitete. In der Präsidentenloge wurden bei dem Attentat sieben Menschen getötet und 28 verwundet. Sadats Vizepräsident General Mubarak, der neben dem Präsidenten saß, überlebte. Er war der einzige in der Loge, der eine Schutzweste trug. Er trat die Nachfolge des „frommen Präsidenten“ an und die Arabische Liga konnte nun wieder an ihren Heimatort Kairo zurückkehren.“

[1] “Muslim Brotherhood Ideologue, Sayyid Qutb, was a Free Mason”, Translation Anoosha Boralessa, Voltaire Network, 29 May 2018.

[2] America’s Great Game: The CIA’s Secret Arabists and the Shaping of the Modern Middle East, Hugh Wilford, Basic Books (2013).

[3] A Mosque in Munich: Nazis, the CIA, and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, Ian Johnson, Houghton Mifflin Harcourt (2010).

[4] Dr. Saoud et Mr. Djihad. La diplomatie religieuse de l’Arabie saoudite, Pierre Conesa, préface d’Hubert Védrine, Robert Laffont (2016). English version: The Saudi Terror Machine: The Truth About Radical Islam and Saudi Arabia Revealed, Skyhorse (2018).

[5] Histoire secrète des Frères musulmans, Chérif Amir, préface d’Alain Chouet, Ellipses (2015).

Aus: Theirry Meyssan Before Our Very Eyes, Fake Wars and Big Lies: From 9/11 to Donald Trump“ (Direkt vor unseren Augen. Vorgetäuschte Kriege und große Lügen: vom 11. September bis zu Donald Trump), Progressive Press, 2019.

Theirry Meyssan ist politischer Berater und Gründungspräsident des Réseau Voltaire (Voltaire Network).

https://www.voltairenet.org/article206934.html

Die Einleitung zum Buch findet sich hier:
https://www.voltairenet.org/article206960.html

Aus dem Englischen: Angelika Gutsche

15:50 10.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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