Muaad el-Sharif in Tripolis – Blog No. 2

Libyen. Diesen Text hat Muaad el-Sharif aus Tripolis für seinen Blog verfasst, im Original zu lesen unter: https://muaadelsharif.blogspot.it/2017/05/cross-roads.html#more
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

WEGGABELUNGEN

Verstrickungen

Das Leben schleppt sich wie gewohnt dahin. Täglich brechen in der Innenstadt ein paar Kämpfe aus, und wir sind dann für den Status quo dankbar.

Der Ramadan verläuft so weit erfreulich, trotz der astronomischen Preise. Das Wetter ist kühl und GECOL[1] sucht nach Entschuldigungen für die Stromunterbrechungen. Ob das bis zum Ende des Ramadan so weiter geht? Dritte-Welt-Probleme vom Feinsten.

Mein Job

Mein Job ist weiterhin ein die Seele einschnürender Kreislauf aus Routine und Melancholie. Zwei Jahre habe ich darauf gewartet, ein Teil dieses Kreislaufes zu werden. Das Gehalt ist dürftig, gerechnet am Schwarzmarktkurs des US-Dollars (an dem sich alle Preise in Libyen ausrichten), verdiene ich gerade ein bisschen mehr als achtzig US-Dollar im Monat. Ich versuche mit dem wenigen Geld zurechtzukommen (das ich wegen der landesweiten Liquiditätskrise nicht einmal ausbezahlt bekomme – es ist wirklich übel, mein Konto wurde von der Bank gesperrt, weil ich seit über einem Jahr kein Geld abgehoben habe).

Heiraten?

Jeder, den ich kenne, scheint sich entweder zu verloben oder zu heiraten. Wie wenn alle auf einen Paarungsruf reagieren würden, den ich überhört habe.

Wenn ich meine Freunde frage, warum sie heiraten wollen, lautet die prompte Antwort: Dieser Schritt ist jetzt an der Reihe und jeder sollte ihn tun.

In die Schule gehen, studieren, zu Arbeiten beginnen und dann heiraten.

Ich bin nicht darauf erpicht, mein Leben mit jemanden zu teilen (vermutlich kann ich das lange und komplizierte Gerichtsverfahren, aus dem eine libysche Hochzeit besteht, nicht durchstehen) und so bleibe ich die nächsten Jahre, so Gott will, Single.

Das ist nicht fair!

Wenn ich darüber nachdenke, habe ich noch nichts aus meinem Leben gemacht. Ich habe die Hochschule abgeschlossen, um danach fast sofort mit der Arbeit zu beginnen. Und jetzt, wo ich endlich einen festen Job habe, soll der nächste Schritt neben der Weiterbildung das Heiraten sein. Echt?

Was ich WIRKLICH tun möchte

Was ich wirklich möchte, das ist Reisen! Ich war noch nicht im Ausland mit Ausnahme von Tunesien (mit allem nötigen Respekt: Meine zwei Reisen nach Tunesien waren schrecklich). Ich möchte gerne neue Orte kennenlernen und die Welt entdecken. Es muss nicht edel oder luxuriös sein. Ich möchte einfach Erfahrungen sammeln und etwas von der Welt sehen. Das ist eines der Dinge, die auf meiner To-Do-Liste stehen. „Heiraten“ ist auf dieser Liste nirgends zu finden.

Das Heiraten aufzuschieben ist eine persönliche Entscheidung. Ich gehe nicht von Tür zu Tür und sage Hochzeiten ab und breche Herzen! Vielleicht bin ich in zwei oder drei Jahren bekehrt und schreite mit jemanden durch ein Spalier aus Glocken und Triller. Aber im Moment erscheint mir das als der schlechteste Einfall überhaupt (so wie länger in Libyen zu bleiben!!).

Saure Trauben

Was soll überhaupt am Heiraten so gut sein? Ich sage nicht, es ist wie saure Trauben. Aber jede verheiratete Person, die ich kenne, beklagt sich über irgendetwas, sei es die Ehefrau oder die Kinder oder wie teuer das Leben ist. Ich weiß, auch ich bin nicht der glücklichste Mensch, dem man begegnen kann, aber ich weiß genug, um mich nicht bei einer Trübsalblasveranstaltung einzuschreiben, bei der ich nur den Mitgliedsbeitrag zahlen muss, damit mir anschließend mein Leben weggenommen wird.

Abschließende Worte

Bist Du verheiratet? Wirst Du bald heiraten? Bist Du Single wie ich? Ich glaube, darüber kann jeder eine Geschichte erzählen und seine eigene Sicht darlegen.

Noch einen schönen Tag. Und umarme Deine Kinder, falls Du welche hast.


[1] GECOL – libysches Elektrizitätsunternehmen

12:10 07.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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