Wo bleibt die Revolution? von E. W. Kreutzer

Rezension. Egon W. Kreutzer „Wo bleibt die Revolution? – Die Sollbruchstelle der Macht“, EWK-Verlag GmbH, 2014
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Wer in diesem Buch eine Anleitung zur Revolution erwartet, wird enttäuscht. Statt dessen hat man ein kluges Buch vor sich, das anhand anschaulicher Beispiele gut verständlich erklärt, warum unsere Volkswirtschaft, wie sie sich heute versteht, fast ganz von selbst in große Umwälzungen münden wird.

Im ersten Teil bietet das Buch einen Crashkurs in Volkswirtschaft, indem es beschreibt, wie es zum aktuellen volkswirtschaftlichen Zustand kommen konnte. Der Abriss der deutschen Wirtschaft erstreckt sich vom Nachkriegsaufschwung über die späteren Rationalisierungswellen bis zur Wiedervereinigung und die Implantierung von Ostdeutschland als Niedriglohnsektor per Gesetz, und weiter bis zum heutigen Kampf von Wirtschaft und Politik gegen den volkswirtschaftlichen Abstieg, der sich zunehmend als Kampf gegen die eigene Bevölkerung gestaltet.
Erläutert werden unter anderem der Unterschied zwischen Nachfrage- und Angebotsorientierung, zwischen positiver und negativer Außenhandelsbilanz, wer bei all dem gewinnt und wer das Nachsehen hat. Thematisiert werden die wirtschaftspolitischen Auswirkungen der Agenda 2010 und der Hartz-Gesetze und ihre zerstörische Wirkung auf die sozialen Sicherungssysteme.

Das Buch schildert anschaulich, warum Schulden nicht dazu da sind, zurückbezahlt zu werden, sondern dazu, ein Land auszuweiden, und warum die immer noch hohen deutschen Exportüberschüsse längerfristig zu einem Absturz der Wirtschaft führen werden. Es erklärt, warum es für das an seine Grenzen stoßende System immer enger wird.

Im zweiten Teil des Buches erläutert Egon W. Kreutz, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen für diese Entwicklung verantwortlich waren, das heißt, warum sich die Bevölkerung, die immer mehr ins Abseits gedrängt wird, nicht zur Wehr setzt. Schuld daran sei ein zu schwaches Selbstwertgefühl, das sich infolge von Armut, Hierarchien und Ängsten nicht entwickeln konnte. Dabei ist ein starkes Selbstwertgefühl unverzichtbar, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Die Bedeutung sozialer Netzwerke wird relativiert.

Im dritten Teil des Buches stellt der Autor anhand einprägsamer Gleichnisse Betrachtungen über die Mitte der Gesellschaft und ihre Ränder an. Er zeigt Beispiele auf, wie das Wirtschafts- und das politische System durch das Bildungswesen, Geschichtsfälschung (Ausblenden, Totschweigen), Unterhaltung (Fernsehen, Internet), Desinformation (Bundeswehrreform, relevante Frage: „Wem nützt es?“), Repression (Glühlampenverbot, Sommerzeiteinführung) und die Demontage gemeinsamer Werte (Religion, Sexualmoral, Kaufmannsehre, würdiges Sterben) gesichert werden und teilt am Ende die Meinung, dass heute Revolutionen nur noch da stattfinden, wo eine amtierende Regierung den Interessen der USA im Wege ist.

Im vierten Teil untersucht Egon W. Kreutz die Rolle des Kapitals. Er konstatiert anlässlich des Scheiterns aller bisherigen kommunistisch-sozialistischen Revolutionen, dass ein politisches System ohne Kapital nicht überlebensfähig ist. Eine aufgeklärte Bevölkerung fordert aber von ihrer Regierung den Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit. Hiervon kann jedoch keine Rede mehr sein: Die Regierung ist zum Handlanger des Kapitals geworden. Es besteht eine einseitige Abhängigkeit der Politik vom Kapital. Dies könnte den Weg für radikale Veränderungen bereiten.

Der Autor bietet daraus abgeleitet originelle Zukunftsszenarien an. Es könnte die Bertelsmann-Gruppe für die Bildung verantwortlich zeichnen, die Bundeswehr aus Söldnern gebildet und von einem amerikanischen Kriegsführungskonzern übernommen werden, das Justizministerium geht in eine Holding über, das Ressort Landwirtschaft wird an Monsanto outgesourct… Wahlen werden langfristig eingestellt.

Doch es kann auch anders kommen. Die schwachen EU-Staaten benötigen immer mehr Hilfe, während die Verweigerung von Hilfe durch die EU-Nettozahler wächst. Dies bezeichnet Egon W. Kreutz als die Sollbruchstelle der Macht. Sollte der durch die Euro-Rettung entstandene Schuldenberg nicht mehr zum Stemmen sein, stünden die Zeichen auf Sturm. Es käme zu einem Zerfall der Euro-Zone und zu einer Stärkung der Regionen durch Autonomiebestrebungen (Baskenland, Katalanien, Venetien, Südtirol, Belgien…).

Fazit: Eine Krise ist nötig, das Tal der Tränen muss durchschritten werden, um Veränderungen herbeizuführen und das Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Bürger wieder auszutarieren und Kompetenzen aus der EU rückzuverlagern. Sollten dies die verantwortlichen Politiker nicht rechtzeitig erkennen, könnte die weitere Entwicklung in einer revolutionären Situation enden.

Das empfehlenswerte Buch ist eine Warnung über die Gefährlichkeit des weiteren Auseinanderdriftens von Bevölkerung und Politik zugunsten des Kapitals. Es ist reich an Denkanstößen und trotz seines nicht ganz einfachen Sujets klar und gut lesbar geschrieben.

12:09 25.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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