Zehn Jahre Trauer um Libyen

† Libyen. 17. Februar 2011: Libyen musste zerstört werden, weil es erfolgreich war.
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Der Krieg gegen Libyen begann vor zehn Jahren am 17. Februar 2011. Neun Monate später war das bis dahin wohlhabendste Land Afrikas zerstört, wurden viele seiner Menschen gefoltert, getötet, gefangengenommen, wurde Muammar al-Gaddafi brutal ermordet und sein geschändeter Leichnam in Misrata zur Schau gestellt.

Libyen hatte bis 2011 ein erstklassiges Sozialsystem, eine ausgezeichnete Infrastruktur, die medizinische Versorgung war kostenlos, die Krankenhäuser modern ausgestattet, die Ausbildung kostete nichts und der Staat vergab Auslandsstipendien für seine Studenten. Noch 2010 fand sich die Libyan Arab Djamahirija auf Platz 53 des Human Development Index der Vereinten Nationen wieder. [1] Libyen hatte den höchsten Lebensstandard in ganz Afrika erreicht und war in Bezug auf Frauen- und Menschenrechte innerhalb der arabischen Ländern führend. Das hatte ausgerechnet dieser „tollwütige Hund“ Gaddafi mit seinem Dschamahirija-„Schurkenstaat“ (Ronald Reagan) erreicht.

Im April 2011, vor zehn Jahren, als der Nato-Krieg gegen Libyen schon richtig Fahrt aufgenommen hatte, schrieb ich in meinem ersten Blogbeitrag mit dem Titel „Trauer um Libyen“: „Dies ist ein ausgesprochen dummer Krieg, angezettelt von USA, Großbritannien und Frankreich, direkt vor den Türen Europas, nur wenige Seemeilen von Malta, Zypern und den italienischen Inseln entfernt. Er wird uns mehr bewegen als die Kriege in Afghanistan und im Irak, nicht alleine durch die nun einsetzenden Flüchtlingsströme aus Afrika. Und wie wird alles enden? Zu befürchten ist, dass aus diesem Krieg nur Verlierer und ein zerstörtes Libyen hervorgehen werden.“[2]

Damals war ich noch der Meinung, dass die USA und ihre Mittäter nicht aus bösem Willen, sondern aus Dummheit gehandelt hätten. Heute weiß ich, welch nachlesbar perfider Plan hinter all dem stand und immer noch steht. Ich habe dazu gelernt in Sachen Weltpolitik, Geheimdienste, die Instrumentalisierung religiöser und politische Bewegungen und Minderheiten. Vieles wollte ich gar nicht wissen, weil es schlaflose Nächte bereitet und an dieser Welt verzweifeln lässt.

Ich habe Bücher wie David Talbots „Schachbrett des Teufels“ und Bob Woodwards „Geheimcode Veil – Reagan und die Kriege der CIA“ gelesen und mich nach der Lektüre dieser Büches gefragt, wie ein Mensch, der solcher psychologischer Kriegsführung und solchen Verleumdungskampagnen ausgesetzt war wie Gaddafi, es schaffte, daran nicht zu zerbrechen. Wie schaffte es auch das kleine Libyen mit seinen sechs Millionen Einwohnern den übermächtigen USA fast vierzig Jahre lang Paroli zu bieten?

Viel wurde geschrieben über den Anschlag auf ein PanAm-Zivilflugzeug, bei dem am 21. Dezember 1988 über Lockerbie 270 Menschen ums Leben kamen. Mit der nachweislich fälschlichen Zuschreibung des Lockerbie-Anschlags gelang es den USA und Großbritannien, den Namen Gaddafi zum Synonym für Terrorismus zu machen und Gaddafis guten Ruf, den er auch dank seines Charismas bei der damaligen westlichen Jungend genoss, für immer zu zerstören.

Libyens Weg durch die Geschichte führt entlang der Schnittkante zwischen Europa und Afrika, beide Kontinente verbunden durch das Mittelmeer. So war Libyen durch alle Zeiten das Objekt der Begierde ausländischer Mächte und deren Wunsch nach dem Zugriff auf Afrika. Und so wurde mit der Zerschlagung Libyens Afrika in seiner Gesamtheit getroffen und seinem Streben nach Unabhängigkeit und Wohlstand ein vorläufiges Ende bereitet. Unter der Vortäuschung einer humanitären Intervention lebten Imperialismus und Kolonialismus wieder auf, wurde die gesamte Sahelzone destabilisiert.

Wir bereisten Libyen in den Jahren zwischen 2000 und 2005 und haben ein interessantes Land mit liebenswerten und hilfsbereiten Menschen kennengelernt und wunderbare Erfahrungen gesammelt. Heute ist es kaum noch möglich, Länder Nordafrikas zu bereisen. Nicht nur Kriege, sondern auch Corona und die damit verbundenen Reisebeschränkungen verhindern, sich vor Ort und in Gesprächen ein Bild von dem Geschehen in fremden Ländern zu machen. Dies wird es den Mächtigen im Zusammenspiel mit willfährigen Medien erleichtern, mit Lügen und der Vorspiegelung falscher Tatsachen ein Aufbäumen gegen die wirklichen Ungerechtigkeiten dieser Welt und das Leiden in ihr zu verhindern.

Angesichts der Verwüstungen, die der Krieg gegen Libyen angerichtet hat, der Wunden, die der Nato-Bombenterror 2011 schlug, der militärischen und politischen Kämpfe, die eine ungeliebte Moslembruderschaft an die Macht brachten und heute noch dort hält, und dem Zerfall aller staatlichen und Sicherheitsstrukturen, scheint der Wunsch, mit dem ich 2011 meinen ersten Artikel zu Libyen beendete, zwar in weite Ferne gerückt, ist aber nichtsdestotrotz immer noch lebendig: „Dabei wäre es doch so wünschenswert, dass uns bei Libyen nicht mehr die Namen von Kriegsschauplätzen einfielen, sondern wieder die Namen der einzigartigen Naturschönheiten wie Akakus-Gebirge und Mandara-Seen oder der wunderbaren Kulturdenkmäler wie das antik-römische Leptis Magna oder das alt-griechische Kyrene. Und nicht zuletzt sei gedacht der vielen gastfreundlichen Menschen, die uns auf unseren Reisen durch Libyen begegneten und die hoffentlich bald wieder in Frieden in ihrem Land leben können.“

[1] Bis 2019 war Libyen auf den 110. (!) Platz abgerutscht.
hdr.undp.org/sites/default/files/reports/270/hdr_2010_en_complete_reprint.pdf

[2] https://www.freitag.de/autoren/gela/trauer-um-libyen

15:04 16.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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