Bürger an Zukunft beteiligen

Lebensqualität Für eine bessere Zukunft brauchen wir gute Indikatoren für Lebensqualität. Noch wichtiger aber ist die Frage, welche Rolle diese Indikatoren politisch spielen
Bürger an Zukunft beteiligen
Rund um den Globus zeigt sich, dass materielle Sicherheit auf den Index des guten Lebens gehört

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Bevor wir über Indikatoren diskutieren, sollten wir die Frage beantworten, wie wir in Zukunft leben wollen. Oder, mit den Worten des neuen Bundespräsidenten: "Wie soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel 'unser Land' sagen sollen?". Was genau soll eigentlich gemessen werden, wenn es um Lebensqualität geht? Die Antworten auf diese Fragen kommen in bunten, vernetzten und offenen Gesellschaften wie der deutschen nicht mehr nur von gewählten Politikern oder von Wissenschaftlern. Alle Menschen können hier einen Beitrag leisten. Natürlich ist es nicht leicht, so viele Perspektiven zusammenzubringen, weil Werturteile und Prioritäten sehr unterschiedlich ausfallen können. Aber nur auf diese Weise kann eine gemeinschaftlich geteilte Vision oder Erzählung der Zukunft entstehen. Im nächsten Schritt ist es dann die Aufgabe durch Indikatoren zu messen, ob eine Gesellschaft dieser Vision näher kommt.

Eine klare, gemeinschaftlich geteilte und positiv formulierte Vision erleichtert auch den Bezug zum nächsten Schritt, dem gesellschaftlichen und politischen Handeln: zeitliche und finanzielle Ressourcen sollen dort eingesetzt werden, wo sie den größten Gewinn an Lebensqualität erzielen. Indikatoren, die von einer kleinen Gruppe von Experten entwickelt wurden – wie beispielsweise der Fortschrittsindex des Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt – können im besten Falle Impulse für die öffentliche Diskussion der relevanten Aspekte von Lebensqualität geben. Regierungshandeln wird sich daran nicht ausrichten. Der Anspruch der Enquete-Kommission des Bundestages sollte darüber hinausgehen.

Das Fortschrittsforum versucht einige der Schwächen im Bereich Bürgerbeteiligung für einen Teil des politischen Spektrums auszugleichen und auch der Bürgerdialog der Bundeskanzlerin bietet vermutlich einige Anknüpfungspunkte. Im Handeln sollten aber dann alle Akteure zusammenkommen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bürger können gemeinsam gesellschaftliche Probleme wie z. B. Diabetes oder Bildungsarmut angehen. Viele dieser Probleme sind heute bereits erkannt. Da sie aber nicht in eine gemeinschaftlich geteilte und mit Indikatoren vermessene Zukunftsvision eingebettet sind, fehlt ihnen die nötige Aufmerksamkeit.

Wichtig für das Gemeinwesen

Indikatoren können helfen, Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Man kann sich zum Beispiel klare Ziele für die Zukunft setzen und aus möglichen Abweichungen Impulse für gemeinsames Handeln ableiten. Die Entscheidung darüber, welche Zielabweichung mit viel Geld und Zeit angegangen werden soll, bleibt letztlich dem gesellschaftspolitischen Diskurs überlassen, in dem sich wohlorganisierte, kleine Interessengruppen einen Vorteil verschaffen könnten. Ein Gesamtindex ist ein Versuch, diese Partikularinteressen zu sichten und Entscheidungen über Handlungsprioritäten mit zusätzlichen Informationen zu versehen.

Eine zweite Möglichkeit Ressourcen ohne Gesamtindex gesellschaftlich so sinnvoll wie möglich einzusetzen besteht darin, die Menschen zu fragen, was ihnen wichtig ist und wo das Gemeinwesen aus ihrer Sicht relativ gut oder schlecht abschneidet. Geld sollte in die wichtigen Bereiche fließen, die noch nicht so gut abschneiden. Ein kluger Ansatz – hier gewichten die Bürger in ihrer Gesamtheit. Die Bürgerstiftungen in Kanada gehen diesen Weg, um Informationen für ihre Projektarbeit zu erhalten. Die Entscheidungen über konkrete Projekte fällt aber noch immer die Bürgerstiftung selbst.

Jedes Projekt der breiten Messung von Lebensqualität wird sich für mehrere Themenbereiche entscheiden müssen – die, wie oben erwähnt, idealerweise von den Bürgern bestimmt werden. Rund um den Globus zeigt sich, dass immer wieder ähnliche Themen gewählt werden: materieller Lebensstandard, Gesundheit, Bildung und Wissen sowie Erhalt der natürlichen Umwelt. Auch das Zusammenleben (Familie, Freunde), die physische Sicherheit sowie politische Mitsprache und gute Regierungen bekommen fast überall Aufmerksamkeit. Kontrovers wird es, sobald die Begriffe Verteilung, Gerechtigkeit oder Ungleichheit fallen. Hier treffen politische Weltanschauungen aufeinander, sodass nur wenige Projekte direkte Indikatoren dafür verwenden. Eher tastet man sich mit Analphabeten-Quoten, Obdachlosenzahlen oder anderen Indikatoren, die speziell für die ärmere Bevölkerung relevant sind, an das Thema Gerechtigkeit heran.

Index des guten Lebens

Es geht also auch ohne zusammenfassenden Gesamtindex. Wenn man aber eine öffentlichkeitswirksame Diskussion über relative gesellschaftliche Prioritäten haben möchte, dann liefert ein Gesamtindex mehr Aufmerksamkeit und mehr Reibungsfläche. In einem Index müssen die Beziehungen zwischen den Komponenten sichtbar und die Gewichte festgelegt werden. Details gehen durch diese Zusammenfassung nicht verloren. Es wird eine zusätzliche Informationsebene geschaffen, die erst eine Aussage ermöglicht, ob das Leben in einem Land nun besser geworden ist oder nicht.

Natürlich ist es nicht leicht, einen Gesamtindex zu erstellen – vor allem wenn dieser auch noch für mehrere Jahre zur Verfügung stehen soll. Manche Größen, wie das Bruttoinlandsprodukt, steigen im Zeitablauf immer weiter an. Andere Größen, wie die Lebenszufriedenheit, können nicht langfristig immer weiter ansteigen. Solch unterschiedliche Eigenschaften verbieten eine Zusammenfassung zu einer Zeitreihe. Aber auch wenn man nur Größen verwendet, die ansteigen können: Wie können die zusammengefasst werden? Einfach die prozentualen Veränderungen aufzuaddieren ist nicht hilfreich, wenn die eine Größe im Schnitt um 10% pro Jahr wächst und die andere nur um 1%. Das kann unfair sein. Statistische Verfahren können helfen, sich an die Gewichtung heranzutasten. Sie können jedoch immer nur historische Erfahrungen abbilden und nicht unsere eigentlich relevanten Vorstellungen von einer wünschenswerten Zukunft.

Viele Probleme kann man umgehen, wenn man – wie die OECD in ihrem Index des guten Lebens – nur Daten für einen Zeitpunkt verwendet. Aber damit lässt sich wiederum kein Fortschritt über die Zeit abbilden. Alternativ könnte man nur Größen verwenden, die sich in Euro und Cent ausdrücken und zusammenfassen lassen. Damit würde sich das Spektrum möglicher Indikatoren jedoch erheblich verkleinern. Der Weg zu einem Gesamtindex ist also mit Kompromissen gepflastert. Das Endergebnis wird aber als Informations- und Diskussionsgrundlage für die Zukunft wertvolle Dienste leisten.

In Deutschland und vielen anderen Ländern rund um den Globus beginnen wir erst damit, uns diesen Herausforderungen zu stellen. Jede Institution muss den Weg wählen, der zu ihr passt. Je sichtbarer die Institution ist und je näher sie an der Politik ist, umso wichtiger ist es, dass der Ansatz einen Bezug zur erwünschten Zukunft der Bevölkerung und zum gesellschaftlichen und politischen Handeln hat. Der Anspruch an die Enquete-Kommission ist somit sehr hoch

Stefan Bergheim ist Direktor der 2009 gegründeten gemeinnützigen Denkfabrik „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ in Frankfurt am Main

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14:53 11.12.2012
Geschrieben von

Stefan Bergheim | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Ausgabe 39/2020

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