Das Ende des "bulimischen Lernens"

Bildungssystem "Träges Wissen" reicht nicht: Das Ziel der Schule muss „Wissenskompetenz“ sein. Dafür muss sie sich jedem Kind individueller zuwenden
Das Ende des "bulimischen Lernens"
Der kompetente und kreative Umgang mit Wissen wird zunehmend zu einer wichtigen persönlichen Ressource

Foto: Lex Van Lieshout / AFP / Getty Images

Schüler lernen heute meist nur für die nächste Klassenarbeit mehr oder weniger auswendig. Hinterher wird ein Großteil des Stoffes wieder vergessen. Das nennt man auch „bulimisches Lernen“. Erzeugt wird damit nur "träges Wissen", gerade beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I, aber auch beim Übergang zur Sekundarstufe II.

Durch eine Reihe neuer Fächer steigt die Anzahl der Leistungserhebungen und Tests innerhalb kurzer Zeiträume. Das Ergebnis: Die Schüler erleben ein Anreizsystem, in dem kurzfristiges Lernen für die nächste Prüfung belohnt wird. Viele haben keine Motivation, keine Zeit oder keine Möglichkeit, sich eigenes, anwendungsbereites Wissen zu erarbeiten.

Nicht verankert

Für das Lernen entscheidend sind aber Interesse und Leidenschaft. Wenn diese Grundvoraussetzungen nicht erfüllt sind, bleibt das angeeignete Wissen träge. Es ist zwar abrufbar bei der nächsten Prüfung und wird dort gegebenenfalls auch mit einer guten Note belohnt. Es ist aber nicht nachhaltig in den Köpfen verankert; es ist nicht anwendungsbereit.

Und anders als beim Erfolgsmodell Grundschule kommt erschwerend hinzu, dass die Lehrer für die neuen Fächer nur wenige Wochenstunden mit den Schülern verbringen. Daher können Sie diese in ihrer Individualität der Lernbedürfnisse gar nicht hinreichend kennenlernen und entsprechend darauf eingehen.

Analysieren, vergleichen, bewerten

Der kompetente und kreative Umgang mit Wissen wird aber zunehmend zu einer wichtigen persönlichen Ressource. Um als Wissensarbeiter erfolgreich zu sein und an gesellschaftlichen Prozessen überhaupt teilhaben zu können, muss diese Ressource lebenslang ausgebaut werden. Die Grundlage dafür muss die Schule schaffen.

Alle entwickelten Länder befinden sich auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Hier entscheidet die Zukunftsfähigkeit des Bildungswesens darüber, in welchem Maße Wertschöpfungspotenziale genutzt werden.

Die OECD zieht daher mit PISA die Konsequenzen. Koordinator Andreas Schleicher forumuliert es so: „Wissensarbeiter, das ist die Zukunft. ... Informationen analysieren, vergleichen, bewerten. Kreativ mit Informationen umgehen. Wissen in realitätsnahen Bezügen anwenden. Gedanken und Ideen wirkungsvoll mitteilen. Das ist in aller Kürze das ‚Literacy’-Konzept, das hinter PISA steht.“ Folgreichtig hat die OECD für die kommende PISA-Runde angekündigt, „Wissenskompetenz“ zu testen.

Individualisierter Unterricht

Die Modernisierung der schulischen Bildungssysteme muss daher folgende Ziele verfolgen. Erstens: ein erweiterter Umgang mit Wissen. Das heißt zunehmend die Vermittlung von Kompetenzen zum aktiven Erwerb von nachhaltigem und anschlussfähigem Wissen. Zweitens: schülerzentriertes Lernen durch Individualisierung des Unterrichts.

Wissenskompetenz bedeutet, Schüler lernen, wie sie sich eigenverantwortlich, selbstorganisiert und vor allem verständnisvoll (also aktiv und strukturiert) Wissen aneignen können. Bisher fühlen sich Schüler in der Schule überwiegend fremdbestimmt. Der Lehrer gibt vor, was und wie gelernt wird.

Nachhaltiges Lernen über die nächste Prüfung hinaus – also nicht „auswendig lernen“ – ist aber ein höchst individueller Prozess. Das heißt: Jeder Schüler lernt nach seinen eigenen Lern- und Denkmustern. Daher brauchen wir individuelle Lernumgebungen um alle Potenziale zu entfalten.

Der Lernende entscheidet selbst

Es spricht Vieles dafür, dass schon ab der Sekundarstufe II das selbstbestimmte Lernen im Vordergrund stehen muss. Der Lernende entscheidet weitgehend selbst, was er wann und auf welche Weise lernt. Er entwickelt Interessen und folgt diesen aus eigenem Antrieb. Diese Autonomie verlangt eine innere Motivation zum Lernen. Nur so gelingt es, den Schülern Lernstoff bedeutsam zu machen und damit Nachhaltigkeit zu erreichen.

Dabei spielt auch die Selbstorganisation eine wesentliche Rolle. Denn individuell lernt man am besten im Team. Wir selbst wissen aus unserem ständigen Tun, dass wir Wissen und Erfahrungen gern teilen und diskutieren. Begeisterung entsteht in der heterogenen Gruppe, in der jeder gebraucht wird und jeder beteiligt ist. So wird Wissen geformt und gefestigt. Für den Lernenden wird das erarbeitete Wissen zum „eigenen Wissen“ wenn man ihm die Chance gibt, seine eigene Struktur zu finden.

Kompetenz-Werkzeugkasten

Wissenskompetenz ist die Schlüsselqualifikation für schulisches und lebenslanges Lernen. Schüler sollten daher, wenn sie die „Schule“ verlassen mit einer wertvollen Sammlung anschlussfähigen Wissens und einem umfangreichen Werkzeugkasten an Kompetenzen ausgestattet sein.

Die Wertschöpfung, die aus Lernprozessen entsteht, wird durch die Qualität des individuellen Wissenserwerbs bestimmt. Das heißt: Je nachhaltiger die Lernergebnisse sein sollen, desto besser muss die Qualität des individuellen Lernprozesses sein.

Die Lehrer müssen also stärker auf die einzelnen Schüler eingehen können. Denn nur so können sie genau denjenigen Schülern mehr Aufmerksamkeit widmen, die ihre Hilfe in dem jeweiligen Moment brauchen. Schwache Schüler würden somit besser unterstützt und gute Schüler sich nicht mehr langweilen, sondern eigene, weiterführende Aufgaben erhalten.

An Konzepten mangelt es nicht

Zur erfolgreichen Umsetzung individualisierten Unterrichts sind heute bereits entscheidende Voraussetzungen erfüllt: Es liegen ausgereifte pädagogische Konzepte dafür vor. Nötig sind geeignete Werkzeuge in Schülerhand: neben Buch, Heft und Stift sind das „digitale Lernwerkzeuge“, also das eigene Notebook oder der TabletPC ausgestattet mit geeignete Lern- und Lehrprogrammen.

Entsprechende Lernarrangements sind in der Praxis mit Erfolg erprobt und können nun in der Fläche umgesetzt werden. Auch bildungspolitisch wird dies weitestgehend unterstützt, eben weil man realisiert hat, dass die Motivation des Einzelnen nachhaltig steigt einhergehend mit besseren Lern- und Lehrergebnissen.

Langfristig abrufbar

Aber pädagogische Konzepte und digitale Unterrichtsmittel allein reichen nicht aus. Neben dem Werkzeugkasten für die Wissensarbeit der Schüler müssen auch die Lehrer entsprechend geschult werden und sich auf diesen Prozess einlassen. Denn nur so können wir den Schülern die notwendigen Kompetenzen vermitteln, die sie befähigen, sich auch in kurzer Zeit langfristig abrufbares Wissen individuell zu erarbeiten.

So können sie auch nach der nächsten Prüfung dieses Wissen abrufen und bei neuen Aufgabenstellungen anwenden und ausbauen; letztendlich ist das die Grundlage für Innovation und Kreativität, die wir so dringend benötigen im „Land der Ingenieure“, in dem wir mangels anderer Bodenschätze mehr denn je angewiesen sind auf die klugen Köpfe unserer Kinder.

Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum

Bernd Bielmeier verantwortet bei der Intel GmbH strategische Initiativen im Geschäftsfeld "Education" und ist Mitglied im Fortschrittsforum

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 18.08.2012
Geschrieben von

Bernd Bielmeier | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Geld und Glück

Ausgabe 39/2020

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