Jenseits der Marktgrenzen

Realwirtschaft Die althergebrachten Überzeugungen der Ökonomie sind zu eng gedacht und nicht mehr zeitgemäß. Im Sinne der „Real World“ sollte über Marktgrenzen hinweg gedacht werden
Jenseits der Marktgrenzen
Einig ist man sich darin, dass nicht die Marktkonformität, sondern der Mensch als normativer Rahmen des Wirtschaftens betrachtet werden soll

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Unter Ökonomen rumort es seit Jahrzehnten. Insgeheim sind neben dem gemeinen Volk auch viele Fachleute überzeugt, dass die Strategien des Homo Oeconomicus in die Sackgasse weisen, statt eine sozial und ökologisch verträgliche Wirtschaftsweise herbeizuführen. Nach dem von der Fachwelt gänzlich unvorhergesehenen Crash der Investmentbank Lehman Brothers schlug die latente Unzufriedenheit vielerorts in organisierten Widerstand um. Immer neue Gruppen und Netzwerke erforschen die Defizite vorhandener Denkmodelle und suchen nach Auswegen aus dem Labyrinth der Ratlosigkeit.

Irgendwie ist es nicht verwunderlich, dass die 2011 gegründete World Economics Association (WEA) binnen eines Jahres weltweit über 10.000 Interessierte zum Mitdenken anwerben konnte. Die Gründer haben sich vorgenommen, die Ökonomie aus ihren Verstrickungen in abstrakt mathematische Simulationen herauszuholen und sie für die Probleme des Alltags zu sensibilisieren. Mit dem Hinweis auf the real world bringt man in Erinnerung, dass ökonomisches Handeln eingebettet bleibt in soziale Beziehungen, auch wenn es auf einen jeweils individuell definierten Nutzen ausgerichtet ist. Wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen immer auch die Lebenslagen und das Wohlergehen der Mitwelt.

Die Aufständischen betrachten die eigene Disziplin als einen Zweig der Sozialwissenschaften und wollen die Forschungsergebnisse anderer Fachrichtungen nutzen, um die gegenwärtige, auf technischen Fortschritt und ungehemmtes Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform neu zu orientieren. The real world ist dabei allerdings eher ein Kampfbegriff als der Hinweis auf einen Ort, in dem tatsächlich Menschen leben.

Der Mensch als Produktionsfaktor

Unabhängig von ihrer Positionierung im herkömmlichen links/rechts-Schema fällt es auch den Widerständlern schwer, sich dem neoklassischen Denkmodell zu entwinden. Zwar ist man sich einig, dass das rigide Raster des unaufhörlich marktkonformen Wirtschaftens gesprengt werden muss, wenn man Spielräume für neues Denken gewinnen will. Doch erst in vagen Umrissen taucht neben dem Staat als regulierenden Übervater die Möglichkeit auf, auch lebendigem Leben einen Platz in der ökonomisch-ökologischen Reflexion einzuräumen und es gar als normativen Rahmen des Wirtschaftens zu betrachten.

In Zeiten der Krise zeigt das in Mode gekommene Wort Realwirtschaft beispielhaft, dass the real world für studierte Ökonomen nicht selbstverständlich über die Marktgrenze hinausreicht. Auch die Beschwörung sozialer Realität bietet keine Gewähr für einen Bedeutungswandel des Ökonomischen weg von der Reichtumsproduktion hin zu Lebensqualität und sozialem Wohlergehen. Kritische, heterodoxe (vor allem von Ökonominnen entwickelte) Sichtweisen beklagen die Borniertheit des neoklassischen Konzepts, das vom Ansatz her der Produktivitätssteigerung von Herstellungsprozessen dient und niemals in der Lage war, "unproduktive" Prozesse (wie zum Beispiel Dienstleistungen für Personen) adäquat zu integrieren oder gar zu bewerten.

Dienstleistungen gelten lediglich als "Appendix" der Güterproduktion und werden gelegentlich unter dem nichtssagenden Begriff Re-Produktion zusammengefasst. Im industriellen Wirtschaftskreislauf ist der Mensch Produktionsfaktor, seine "menschlichen" Seiten, Wünsche und Bedürfnisse bleiben außen vor. Paradoxerweise hat sich der Anspruch ökonomischen Denkens, mit seinen Erkenntnissen the real world in Gänze auszuleuchten, davon bisher nicht beeinträchtigen lassen.

Vom Care Drain in die Care Crises

Die Anmaßung dieser Praxis stützt sich auf ein Relikt aus vergangenen Zeiten, dessen Revision im Zuge moderner Entwicklungen lange überfällig gewesen wäre, jedoch noch immer als naturgegeben hingenommen wird: zwar verkörpert der Homo Oeconomicus das wirtschaftende Individuum, als solches ist er jedoch gleichzeitig Haushaltsvorstand und Repräsentant der Seinen. Mit seinem Erwerbseinkommen sichert er die Generationensorge und begründet einen eigenen Anspruch auf umfassende soziale und emotionale Versorgung.

Es war nicht zuletzt die institutionelle Trennung von Arbeit und Leben, die den Erfolg des industriewirtschaftlichen Modells ermöglicht hat. Während die isolierte Effizienzsteigerung der Güterproduktion männlichen Interessen entgegenkam, beklagten die Frauen die Entwertung ihrer Arbeit für die Familie und ihre Abhängigkeit von einem männlichen Versorger. Nur ansatzweise haben Ökonomen jemals darüber nachgedacht, dass die essenziell verankerte Gleichsetzung von männlichem Individuum und (Familien-)Haushalt für den industriellen Gesellschaftsentwurf auf lange Sicht eine unüberbrückbare Bruchstelle darstellt.

Konservative Strömungen sehen im industriellen Ernährermodell auch heute noch einen Hort gegenseitiger Fürsorge und damit ein Bollwerk gegen fortschreitende Kommodifizierung und den Verlust sozialer Stabilität. Weniger konservative Kräfte akzeptieren eigenes Einkommen der Frauen als privaten Zuverdienst, überlassen es jedoch den Haushalten selbst, den damit verbundenen Verlust an sozialen Ressourcen zu kompensieren. International (zum Beispiel im Rahmen des von der UNO erstellten Monitoring von Human development) moniert man einen weltweiten Care Drain der inmitten expandierender Warenmärkte längst in eine drückende Care Crisis ausgemündet ist.

Das Motto der Wahlfreiheit für Frauen hat dazu beigetragen, den aufgestauten Reformbedarf im Zaum zu halten. Zur Sicherung von ökonomischem und sozialem Fortschritt in the real world des 21. Jahrhunderts bedarf es jedoch vielschichtiger Entwürfe für ein neues Modell des Wirtschaftens und Haushaltens. Dieses muss Frauen und Männern gleichermaßen ökonomische Eigenständigkeit zugestehen und gleichzeitig dem Bedarf an sozialer Versorgung Rechnung tragen.

Die Mühsal des Aufbruchs

Die Grenze zwischen altem und neuem Denken ist jedoch nicht klar umrissen. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass die WEA für ihre erste Online-Konferenz im September 2012 einen Titel ausruft, der nach der Benennung dessen fragt, was es nicht gibt (Sustainability - missing points in the sustainability dialogue). Die Konferenz soll Ökonomen und andere Akteure ins Gespräch bringen und den nicht monetären Aspekten nicht nachhaltigen Wirtschaftens ihr besonderes Augenmerk widmen.

Es wird sich zeigen, ob es gelingen kann, dem Schatten männlicher Denkmuster zu entrinnen. Im neoklassischen Modell gilt die unbezahlte Dienstleistung im Inneren des patriarchalen Haushalts als Management von Konsum. Nicht produktive, das heißt zu unterhaltende Haushaltsmitglieder (zum Beispiel Kinder und Hausfrauen) besitzen den Status des Konsumguts. Das Wechselspiel zwischen dem Homo Oeconomicus und seinem menschlichen Umfeld ist von Anfang an auf ein Patt im Niemandsland programmiert.

Die Gründerväter des Industriezeitalters verließen sich auf den Güterkreislauf, um den Prozess des Wirtschaftens darzustellen. Über der Faszination des Produzierens ist der Fachdisziplin aus dem Sinn geraten, dass der Oikos - also Haus- und Wirtschaftsgemeinschaften - und seine Bewohner nicht nur als Namensgeber von Nutzen sind, sondern Ziel und Ausgangspunkt des Wirtschaftens sein müssen. Es ist zu hoffen, dass die Frage feministischer Ökonomie nach dem Stellenwert von Fürsorge, Empathie, Versorgung - also Care - irgendwann nicht mehr ausgeblendet werden kann.

Elisabeth Stiefel ist promovierte Volkswirtin. Nachberuflich arbeitet sie in feministisch-ökonomischen Zusammenhängen, die sich für einen Übergang des postindustriellen Zeitalters in eine lebensfreundlichere Wirtschaftsweise engagieren. Sie ist Mitglied der ArbeitsgruppeArbeit&Lebendes Fortschrittsforums.

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

Hier finden Sie alle Beiträge, die bereits in der Reihe "Geld und Glück erschienen sind.

10:44 12.09.2012
Geschrieben von

Elisabeth Stiefel | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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