Erosion der Arbeitswelt

Berufsbilder Seit den neunziger Jahren ist eine Pluralisierung der Erwerbsformen zu beobachten, atypische Beschäftigungsverhältnisse steigen an
Erosion der Arbeitswelt
Die Beschäftigungsverhältnisse ändern sich: Gefragt sind nicht nur Schulungen der Arbeitnehmer, sondern auch Reformen bestehender Sozialsysteme
Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Lange war das sogenannte Normalbeschäftigungsverhältnis in Deutschland vor allem für Männer (ohne Migrationshintergrund) die prägende Form für Beschäftigungsverhältnisse. Es hat sich als typisches Erwerbsarbeitsverhältnis seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet und am Leitbild des männlichen Ernährers orientiert – nicht zuletzt aufgrund des Engagements der Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung in den westlichen Industriegesellschaften. Nach dem Einsetzen der Wirtschaftskrise 1973/74 sind jedoch erste Anzeichen einer Erosion dieses Normalbeschäftigungsverhältnisses konstatiert worden, die sich bis Ende der 1990er Jahre deutlich verstärkte. Während seitdem immer weniger Menschen auf unbefristeten und sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen beschäftigt gewesen sind, ist eine Pluralisierung der Erwerbsformen zu beobachten. Die Zahl derjenigen, die in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, ist stetig angestiegen. Dies betrifft sowohl abhängig als auch selbstständig Beschäftigte.

Aktuelle Auswertungen des Statistischen Bundesamtes auf Basis des Mikrozensus und der Arbeitskräfteerhebung verweisen auf eine Erosion des Normalarbeitsverhältnisses: Sie zeigen, dass in 2010 von den "Kernerwerbstätigen" – Erwerbstätige im Alter von 15 bis 64 Jahren, die sich nicht in Bildung oder Ausbildung befinden – noch 66,0% (23,07 Mio.) in Normalarbeitsverhältnissen und 22,4% (7,84 Mio.) in atypischen Beschäftigungsverhältnissen tätig gewesen sind. Die Struktur der Erwerbstätigen, die abhängig beschäftigt sind, hat sich grundlegend verändert. Denn der Anteil der Kernerwerbstätigen, die in Normalarbeitsverhältnissen gearbeitet haben, ist von 2002 bis 2010 um weitere 2% zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Prozentanteil der atypischen Beschäftigungsverhältnisse um ganze 32,1%. Atypische Beschäftigung bedeutet zwar nicht automatisch Prekarisierung, geht aber mit signifikant höheren Risiken einher, beispielsweise Arbeitsplatzverlust, Niedriglohn, geringere Aufstiegschancen, beschränkter Zugang zu beruflicher Weiterbildung und Altersarmut.

Weniger Kontinuität und Stabilität

Auch gründen mehr und mehr Selbstständige ihr Unternehmen nicht mehr in Vollzeit, um eine Geschäftsidee umzusetzen, sondern oft aus einer bestehenden oder drohenden Arbeitslosigkeit heraus. Viele gründen ihr Unternehmen zudem in Teilzeit oder im Nebenerwerb. Darüber hinaus zeigen aktuelle Zahlen, dass immer weniger Selbstständige, neben ihren eigenen, weitere Arbeitsplätze schaffen. Gleichwohl können sie aber auch nicht als Scheinselbstständige betrachtet werden: Die Zahl dieser sogenannten Solo-Selbstständigen, bei denen die unternehmerische Arbeitgeber- und Arbeitsfunktion zusammenfallen, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Ihre Anzahl hat die der Unternehmerinnen und Unternehmer mit Beschäftigten überschritten: Laut Statistischem Jahrbuch von 2011 waren in Deutschland 2010 etwa 11% aller Erwerbstätigen selbstständig. Das entspricht 4,26 Millionen Selbstständigen. Diese Zahl hat sich zwar gegenüber dem Jahr 2000 um knapp 17% erhöht. Jedoch geht diese Erhöhung fast ausschließlich auf die Zunahme von Solo-Selbstständigen zurück, also denjenigen, die keine Beschäftigten haben: Während die Anzahl der Unternehmerinnen bzw. Unternehmer mit Beschäftigten nur um etwa 4% anstieg, nahm sie bei den Solo-Selbstständigen um etwa 29% zu.

Lebensläufe und Berufskarrieren haben in Folge dieser Entwicklungen an Kontinuität und Stabilität verloren: Waren bis Mitte der 1970er Jahre zumindest für Lebensläufe deutschstämmiger Männer aus bildungsnahen Schichten wenige Statuspassagen – Kindheit und Jugend, (Aus-)Bildung, Erwerbstätigkeit und Ruhestand – und minimierte soziale Risikolagen – v.a. Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfall, Invalidität – 'normal', so werden nun selbst ihre Lebensläufe zunehmend 'turbulent'. Auch sie zeichnen sich immer häufiger durch wiederkehrende Risikolagen sowie ein paralleles Nebeneinander unterschiedlicher Phasen und Übergänge aus:

  • Infolge des raschen Wandels von Produktionsstrukturen und Beschäftigungsfeldern haben sich in den letzten Jahren Berufsbilder und Karrieremuster verändert. Stichworte wie "Globalisierung", "technologischer Wandel" und "Wissensgesellschaft" beschreiben übergreifende Trends, die höchstmögliche Qualifikation und lebenslange Qualifizierung zur Voraussetzung für Teilhabe am Arbeitsmarkt scheinbar notwendig  machen. Zugleich hat sich die 'Halbwertzeit' einmal erworbenen Wissens drastisch verkürzt. So haben sich z.B. die Phasen zwischen Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Ruhestand nicht nur bei bildungsarmen Milieus verflüssigt. Um am Arbeitsmarkt zu bestehen, sind mittlerweile alle angehalten, lebenslang zu lernen. Kommt man diesem Gebot nicht nach, potenziert sich das individuelle Arbeitsmarktrisiko. Dies belegen einschlägige Arbeitsmarktstudien: So lag die Arbeitslosenquote von Personen ohne Berufsabschluss im Jahr 2009 bei ca. 22 % und damit mehr als dreimal so hoch wie bei Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung und/oder Fachschulabschluss. Die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventen lag im Jahr 2009 sogar nur bei 2,5 %.  Deutlich wird hier eine soziale Polarisierung durch Wissen.

  • Die Erwerbsverläufe sind zunehmend diskontinuierlich geworden und so häufen sich die Wechsel zwischen selbstständigen und abhängigen Beschäftigungen sowie auch Zeiten der Arbeitslosigkeit. So wurden etwa in 2011 8,22 Millionen Personen erwerbslos, aber bei 8,45 Millionen aller Erwerbslosen konnte die Erwerbslosigkeit auch beendet werden. Gleichwohl betrug der Anteil der Langarbeitslosen an allen Arbeitslosen im Jahr 2011 weiterhin ein Drittel (33%). Von Langzeitarbeitslosigkeit sind in 2009 Ausländer und Ausländerinnen nach Zahlen auf Basis der Statistiken der Bundesagentur für Arbeit häufiger betroffen, nämlich 32,7%, als Deutsche (29,2%). Bisher wurde allerdings nur der Übergang von der Arbeit in die Arbeitslosigkeit als kritisches Ereignis im Erwerbsleben angesehen und stand im Zentrum der Arbeitsmarktpolitik. Eine moderne Arbeitsmarktpolitik, die sich den tatsächlichen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt  stellt, muss aber die zunehmenden Erwerbsrisiken im Lebensverlauf und die wachsenden Risiken bei kritischen Übergängen in den Fokus nehmen – etwa beim Übergang von der Bildung in den Beruf, von der Vollzeit- in die Teilzeitbeschäftigung, von der abhängigen in die selbstständige Beschäftigung, von einem Beruf zum anderen oder von unbegrenzter zu begrenzter Erwerbsfähigkeit (vgl. Schmid 2011).

  • Auch die Grenzen zwischen Erwerbstätigkeit und Familie sind zusehends erodiert. Nicht mehr nur Frauen stehen vor der Herausforderung, Familie und Erwerbsarbeit bewältigen zu müssen. So zeigen die Daten zur Elternzeit, dass sich Väter – seit der Einführung im Jahr 2007 – zunehmend an der (frühkindlichen) Betreuung ihres Kindes beteiligen (DIW 2012: 12). Befragungen zeigen zudem, dass der Anteil der Väter mit Kindern unter 18 Jahren, die sich über zu wenig Zeit für die Familie beklagen, deutlich ansteigt (BMFSFJ 2010: 43): Wollten von diesen Vätern 2008 noch 33% mehr Zeit mit Ihren Kindern verbringen, so waren dies 2009 schon 40 %. Hierbei spielt die berufliche Belastung im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter eine noch größere Rolle (2009: 36% der Befragten) als für Mütter (2009: 20%) (ebd.: 43f.). Die Entgrenzungs- und Verdichtungstendenzen der Arbeitswelt haben auch zu erhöhten psychischen Belastungen geführt (vgl. etwa DRV 2012: 83): So gibt die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA) an, dass Stress im Jahr 2005 das zweithäufigste Gesundheitsproblem in der EU-27 war und ein Fünftel aller Beschäftigten betroffen waren (vgl. EU-OSHA 2012). Im Hinblick auf Deutschland zeigt etwa eine Auswertung der Deutschen Rentenversicherung (DRV 2012: 87f.), dass im Jahr 2010 mehr als jeder dritte Fall von verminderter Erwerbsfähigkeit auf psychische Erkrankungen zurückgeht. Auch der Fehlzeitenreport 2011 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt eine deutliche Zunahme der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Erkrankungen bei AOK-Mitgliedern (vgl. Badura et al. 2011): Von 1994 bis 2010 mehr als verdoppelte sich die Zahl der Fälle insgesamt und auch die Zahl der Ausfalltage verdoppelte sich annährend.

Nicht wenige dieser turbulenten Lebensläufe werden prekär, es entstehen Risiko- und Problemketten. So sind neben 'alten' Risikogruppen, wie Menschen mit chronischer Erkrankung, Geringverdiener oder Arbeitslose und Menschen ohne Bildungsabschlüsse, 'neue' Risikogruppen aufgetaucht: u.a. Alleinerziehende (vor allem Frauen), die vielfach auf einen ALG-II-Bezug angewiesen sind, Ältere, die erwerbslos geworden sind und keinen Weg mehr in Erwerbsarbeit finden, Geringqualifizierte und Jüngere, die erst gar keine (unbefristete) Beschäftigung mehr finden, Selbstständige, die mit ihrem Unternehmen beständig um das wirtschaftliche Überleben kämpfen, oder auch Menschen, die Angehörige pflegen.

Es zeigt sich, dass insbesondere diese neuen (sozialen) Risiken umso negativer wirken, je früher sie in der (Erwerb-)Biografie auftreten. Dies gilt auch für die Lebensphase Alter und betrifft hier keineswegs allein die finanzielle Absicherung. Deshalb sollte kluge Politik Menschen nicht mehr nur kompensatorisch unterstützen, wenn sie bereits von Arbeitslosigkeit oder Krankheit betroffen oder Eltern geworden sind. Vielmehr muss das Ziel darin bestehen, diese Risiken vorausschauend zu erkennen und vorsorgend zu managen.

Eine besonders wichtige Herausforderung besteht darin, Einkommens- und Erwerbsrisiken bei kritischen Übergängen im Erwerbsverlauf zu abzusichern. Es geht nicht mehr um den Einstieg in das Erwerbsleben, um sozial aufzusteigen, oder – insbesondere bei vielen Frauen – um den Wiedereinstieg. Vielmehr müssen die Einzelnen nun angesichts der Zersplitterung der Arbeits- und Erwerbswelt und einer starken Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse unterschiedliche Übergänge, Einstiege und Ausstiege bewältigen.

Mehr Übergänge und neue Lebensweisen

Zugleich ist in den letzten Jahren eine Pluralisierung der Lebensweisen zu beobachten: Immer weniger Menschen leben in klassischen Hausfrauenehen und immer mehr Menschen wechseln im Verlauf ihres Lebens ihre Lebensweise. Sie werden immer seltener, dafür aber später Eltern. Zugleich wird nunmehr auch von Frauen erwartet, dass sie möglichst rasch wieder möglichst umfänglich erwerbstätig werden: Eine schnelle Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit der Eltern wird sozialpolitisch – u.a. durch die Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 oder den Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur für unter Dreijährige – gefördert. Damit fördert die Sozialgesetzgebung immer weniger die Hausfrauenehe oder deren modernisierte Variante, zugleich werden Eltern aber noch nicht ausreichend bei der Kinderbetreuung und Angehörige bei der Pflege zum Beispiel ihrer Eltern oder Geschwister unterstützt. So zeigt etwa eine aktuelle Studie des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP) an der Universität Münster (FFP 2012), dass die weitgehende Unvereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit die deutsche Wirtschaft pro Jahr etwa 19 Milliarden Euro kostet. Vor besonderen Herausforderungen stehen dabei Paare, in denen beide Kariere machen (wollen). Sie müssen insgesamt ihre Lebens- und Erwerbsverläufe in Partnerschaften harmonisieren.

Schließlich stehen Menschen vor der Herausforderung, dass sie ihr Leben lang lernen sollen. Sie sollen nicht mehr nur vor dem ersten Eintritt in die Erwerbstätigkeit, sondern ihr Leben lang und auch in Zeiten der Erwerbslosigkeit – immer wieder Lernphasen absolvieren. So nennt etwa die Europäische Kommission in ihrer Wachstumsstrategie "Europa 2020" lebenslanges Lernen sowie allgemeine und berufliche Bildung als eine der drei zentralen  Voraussetzungen für "intelligentes Wachstum" in innovationsgetriebenen Wirtschaften. Ebenso wird im Bildungsbericht 2010 - vor dem Hintergrund der Internationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft und der relativ starken Exportorientierung der deutschen Wirtschaft die Notwendigkeit zur "guten Erstausbildung" und "lebenslangen Weiterqualifizierung" betont.  

Um diese Herausforderungen zu meistern, reicht es nun nicht, die bestehenden Sozialsysteme an einzelnen Punkten auszubessern. Vielmehr bedarf es ihrer innovativen Weiterentwicklung im Sinne einer 'sozialen Lebenslaufpolitik', die sich politikfeldübergreifend auf den gesamten Lebenslauf bezieht und so Optionen für eine selbst- und mitverantwortliche sowie aus sozialpolitischer Sicht – möglichst risiko- und problemfreie Gestaltung des eigenen Lebenslaufs eröffnet. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die vermehrten Übergänge infrastrukturell, finanziell und rechtlich besser und vor allen Dingen nachhaltig abzusichern.

Prof. Dr. Andrea D. Bührmann lehrt am Institut für Soziologie der Universität Göttingen. Sie ist dort Mitglied der Abteilung Arbeit, Wissen und Sozialstrukturanalyse

 

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin

 

Hier finden Sie alle Beiträge, die bereits in der Serie "Geld und Glück" erschienen sind

Dieser Text ist unter Mitarbeit von Sebastian Hübers entstanden (gekürzte Fassung)
16:14 18.09.2012
Geschrieben von

Andrea Bührmann | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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