"Glück" ist kein politisches Ziel

Das gute Leben BIP-Wachstum und subjektiv wahrgenommenes Glück klaffen auseinander. Dies hat nicht nur mit dem Sättigungsphänomenen einer im Überfluss lebenden Gesellschaft zu tun

Aufgrund des konstanten Wettbewerbs führt Ungleichheit selbst unter der Bedingung einer tatsächlichen sozialen Mobilität zu immer mehr Unzufriedenheit. Laut Binswanger sind wir alle in so genannten "Tretmühlen des Glücks" gefangen, die, indem sie Glück versprechen, stets Unzufriedenheit stiften: Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir. Der konstante Positionsvergleich mit anderen und der soziale Neid üben einen negativen Effekt auf die subjektiv wahrgenommene Zufriedenheit aus.

Die Kritik am BIP hat mittlerweile zahlreiche europäische Länder erreicht, in denen Regierungskommissionen nach alternativen bzw. ergänzenden Indikatoren zum BIP suchen. Dabei üben gerade Ansätze zur Messung subjektiver Glücksindikatoren eine zunehmende Faszination auch in der wachstumskritischen Bewegung aus. Dies kann aber zu nicht ganz ungefährliche Konsequenzen für unsere Demokratien führen.

In einer Studie von Christian Kroll über alternative Indikatoren im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die für das Fortschrittsforum von großer Bedeutung sein könnte, liest man, dass durch "den Fokus auf nachvollziehbare und akzeptierte Messgrößen als Gradmesser für politisches Handeln (...) die Debatte wieder entscheidend versachlicht" werde. Indikatorenpaletten werden im Text als Grundlage für ,evidenzbasierte' Politikmaßnahmen präsentiert. Es ist allerdings gefährlich, Indikatoren alleine sprechen lassen zu wollen, als könnten sie objektive Tatsachen vermitteln. Indikatoren sind - wie der Name sagt - Indices, Zeichen für Größen, deren Messung für politisch bzw. gesellschaftlich relevant gehalten wird. Die durch die Indikatoren vermeintlich vermittelte Sachlichkeit beruht auf einer Entscheidung über die Relevanz dessen, wonach gesucht wird. Eine solche Entscheidung kommt nicht von selbst. Was gemessen werden soll und warum ist nicht selbstevident und fordert eine Rechtfertigung.

Eine naive Behauptung

An anderer Stelle plädiert der Autor für subjektive Glücksindikatoren: "die Messung der Lebenszufriedenheit folgt keiner vorgefertigten Ideologie, sondern ist nur den unabhängigen Selbstauskünften der Bürgerinnen und Bürger in basisdemokratischer Weise verpflichtet" (APuZ 27-28/2012), die selbst über die Gewichtung der Faktoren bestimmen würden, die zur Bewertung ihrer Lebenszufriedenheit von Bedeutung sind. Daher sei das Glücks-Audit das demokratischere Mittel, da es eher bottom up als top down ansetzt. Das ist eine naive und zugleich gefährliche Behauptung!

Statistische Befragungen über subjektive Zufriedenheit werden stillschweigend zum Modell demokratischer Diskussions- und Entscheidungsprozesse, mit der Begründung, dass sie demokratischer als ,objektive' Studien über Grundbedingungen für ein gutes Leben sind, weil hier wenigstens die Meinung der Befragten berücksichtigt wird. Hier wird etwas sehr Wichtiges verwechselt: statistische Befragungen, egal wie subjektiv die dort zusammengefassten Meinungen sind, folgen ganz anderen Kriterien als demokratische Entscheidungsprozesse, u.a. weil der Kommunikationsrahmen (inklusive der vermeintlich freien Entscheidung des Befragten) und Differenzierungspotential durch das Befragungskorsett festgelegt und nicht verhandelbar sind. Mit anderen Worten: bei Befragungen ist die Möglichkeit, die eigene Meinungen, Überzeugungen und Vorstellungen zu äußern, sehr begrenzt, weil das Formular - ganz egal wie gut und detailliert es ist - den Rahmen vorgibt und nur bestimmte Antworten zulässt. Demokratische Debatten und Entscheidungsprozesse sind dagegen viel offener und komplexer. Umso mehr gilt dies, wenn es um Fragen der Zufriedenheit oder des guten Lebens geht: wie sie verstanden wird, welche Rolle sie für politische Meinungen und Entscheidungen spielt, die für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung sind, lässt sich nicht durch eine statistische Umfrage bestimmen.

Subjektiv wahrgenommenes Glück steht außerdem nicht für ein gutes Leben, wenn man damit nicht bloß eine individuelle Lebensstilentscheidung, sondern die Verwirklichung eines menschenwürdigen, sinnstiftenden, nicht entfremdeten Lebens in der Gemeinschaft meint. Glücksvorstellungen werden nämlich sehr stark von den tatsächlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Machtverhältnissen beeinflusst. Die Zufriedenheit einzelner Menschen ist so auch eine Funktion ihrer Erziehung, Sozialisation und zum Teil Anpassung an kulturellen und gesellschaftlichen Mustern, die ungerecht, repressiv oder diskriminierend sein können. Menschen neigen dazu, sich an ungünstige Bedingungen anzupassen und entwickeln Bewältigungsstrategien, zu denen auch das Gefühl subjektiver Zufriedenheit zählt. Dieses Gefühl ist aber kein vertrauenswürdiges Zeichen dafür, dass ihre Lebensbedingungen unter einer Gerechtigkeitsperspektive akzeptabel sind und dass sie ein gutes Leben führen.

Smartphone für ein würdevolles Leben

Die erwähnten Tretmühlen von Binswanger und die Wettbewerbsspirale führen aber nicht nur zu subjektiv wahrgenommener Unzufriedenheit, sondern auch zu systemischer Diskriminierung und Ausschließung. Die durch Wachstum getriebene dynamische Ungleichheit führt nämlich zu einer kontinuierlichen Verschiebung des Zugangs zu den grundlegenden Bedingungen für ein gutes menschliches Leben: Der Standard steigt nicht nur in der subjektiven Wahrnehmung relativ zu Anderen, sondern auch objektiv. Wenn alle zum Beispiel ein SUV fahren, ist das Fahren eines kleinen Wagens nicht nur eine Frage von sozialem und positionalem Status, sondern auch tatsächlich lebensgefährlich. Einen Computer up-to-date oder ein Smartphone zu haben ist oft nicht nur eine wesentliche Bedingung für die Ausübung eines würdevollen Lebens im Sinne des eigenen Berufes, sondern auch für Kontakte zu Familie und Freunden, sowie immer öfter zu Behörden und Ärzten.

Subjektiv wahrgenommenes Glück ist aus allen diesen Gründen keine geeignete Kategorie für gerechtigkeitsrelevante politische Entscheidungen in einem demokratischen Rahmen. Wenn das Ziel der Politik wäre, Menschen glücklich zu machen, würde es genügen, allgemeines Glück durch Musik, Meditationen oder gar sexuelle Praktiken per Gesetz festzuschreiben. Eine solche Forderung würde aber - so der französische Denker Cornelius Castoriadis - einer vollkommen totalitären Position entsprechen: sie betrifft die private, intime Sphäre von Individuen und gehört nicht in die gemeinschaftliche öffentliche Sphäre, in der sich Demokratie abspielt bzw. abspielen soll. Das Ziel der Politik (in einer Demokratie) ist nicht subjektives Glück, sondern die Gewährleistung der Bedingungen substantieller (d.h. echter, praktizierbarer, verwirklichter) Freiheit.

Freiheit heißt nicht bloße Optionsvielfalt

Substantielle Freiheit heißt nicht bloße Optionsvielfalt und umfasst nicht nur formale Grundfreiheiten, sondern auch die wirklichen Möglichkeiten (einschließlich materieller, ökonomischer Bedingungen und tatsächlicher Chancengleichheit), ein menschenwürdiges Leben zu führen. Sie ist nicht die Freiheit der Konsumentin, der sich über bestimmte Produkte und Dienstleistungen bzw. über die Durchführung eines bestimmten Lebensstils 'frei' entscheiden kann. Sie ist die Freiheit der Bürgerin, die die Grundstrukturen ihrer Gesellschaft gleichberechtigt mitbestimmen und mitgestalten kann (inklusive was, wie und wo produziert wird). Subjektive Freiheiten und gutes menschliches Leben lassen sich aber nicht durch Indikatoren festlegen, auch wenn (subjektive) Indikatoren einen hilfreichen Beitrag leisten können. Sie bedürfen vielmehr demokratischer Diskussionsprozesse in der Gesellschaft und mehr politischer Gestaltungsmöglichkeiten - in der Tat - von unten, aber nicht in Form einer Befragung.

Für die Sicherstellung demokratischer Prozesse durch eine gleichberechtigte Teilhabe sind nicht nur eine gerechte Verteilung materieller Ressourcen und Chancen notwendig, die die Unabhängigkeit und das "Stimmrecht" der Beteiligten gewährleisten (objektive Bedingung), sondern auch so genannte intersubjektive Bedingungen: Praktiken, sedimentierte Bedeutungen, kulturelle Verständigungen, etablierte soziale Rollen, die allen Gesellschaftsmitgliedern gegenseitige gesellschaftliche Anerkennung und eine nicht nur formale Chancengleichheit gewähren, so dass alle sich als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger gegenüber stehen.

Barbara Muraca ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin amDFG-Kolleg "Postwachstumsgesellschaften" an der Universität Jena. Sie hat Philosophie in Turin, Claremont und Greifswald studiert und an der Universität Greifswald in Philosophie promoviert.

17:31 11.06.2013
Geschrieben von

Barbara Muraca | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
Schreiber 0 Leser 1
Geld und Glück
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 11

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt