Norman Laws
18.07.2012 | 12:33 3

Graben nach dem grünen Gold

Geld und Glück Die Wirtschaft redet über Nachhaltigkeit. Aber taugt die „Green Economy“ wirklich als Lösung? Über die Lehren aus dem Rio+20 Corporate Sustainability Forum

Graben nach dem grünen Gold

Plastikwelt: Recycling-Fische am Strand während der UN-Konferenz Rio+20

Foto: AFP

Nachhaltigkeit scheint mittlerweile als Ziel in Zivilgesellschaft, Wirtschaft und den Regierungen anerkannt. Dennoch kam eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg im Auftrag des WWF im Juni 2012 zu dem Schluss, dass Nachhaltigkeitspolitik auf Bundesebene noch nicht den Stellenwert besitzt, der ihr nach Bedeutung des Themas und Rhetorik der Bundesregierung eigentlich zukommen müsste.

Um dieses Mittelmaß zu beenden, lautete eine Handlungsempfehlung: "Führungsverantwortung übernehmen - Nachhaltigkeit ist Chefsache". Auf der Rio+20-Konferenz hätten viele Staats- und Regierungschefs diese Führungsverantwortung übernehmen können. Die Ergebnisse sind allerdings enttäuschend. Bis auf die Integration der nachhaltigen Entwicklungsziele in die Millennium Development Goals bis 2015 wurden weder verbindliche noch ambitionierte Nachhaltigkeitsziele oder bindende Zeitpläne vereinbart. Und am Abschlusstag - dem 22. Juni 2012 - saß die deutsche Bundeskanzlerin lieber auf der Tribüne in Danzig, um sich die deutsche Fußballnationalmannschaft anzuschauen, statt Führungsverantwortung bei der nachhaltigen Entwicklung zu demonstrieren.

The Future we want

Führungsverantwortung und Vorbildfunktion für nachhaltige Entwicklung wollte in Rio eine Gruppe demonstrieren, die für jede Art von gesellschaftlicher Entwicklung wichtig ist: die Unternehmen. Drei Tage lang fand im Rahmen von Rio+20 das Corporate Sustainability Forum des UN Global Compact statt. Gerade dort, wo sich Unternehmen präsentierten, die sich selbst eine Vorreiterstellung attestierten, konnte sich zeigen, wie groß der "Green Economy"-Beitrag tatsächlich sein kann für "The Future We Want" (so der Titel des Abschlussdokuments von Rio+20).

Dass die Teilnehmer aus dem mittleren und gehobenen Management kamen, verwies auf die Bedeutung, die dem Thema "Green Economy" beigemessen wird. Vorstandsvorsitzende und Vize-Präsidenten, referierten zu Nachhaltigkeitsaktivitäten und Zielen bei der Energieeffizienz oder dem Schutz von Biodiversität. Die Liste der Unternehmen reichte von AXA, Pepsico und Siemens bis hin zur Santander Consumer Bank oder Wyndham.

Die zahlreichen Best-Practice-Beispiele zeigten, warum Unternehmen sich dem grünen Kapitalismus zuwenden: Führungskräfte steuern Unternehmen aus persönlichem Engagement heraus um; Kommunikation mit Kunden und anderen Gruppen verbessert die Außendarstellung und macht es möglich, sich präventiv mit Kritik auseinanderzusetzen; verringerte Ressourcenverbräuche sparen Geld. Ein Unternehmen mit einem grünen Anstrich ist auch ein Unternehmen, mit dem sich Kunden besser identifizieren können. Die Kundenbindung und damit die potenziellen Verkäufe – so die Hoffnung –  nehmen zu. Und da ist man dabei, worum es eigentlich geht.

Möglichst viel verkaufen

Interesse an Gewinnen und der Ausweitung des eigenen Geschäftsfelds ist der Anreiz – wenn man dabei auch noch Gutes tun kann, umso besser. Nicht umsonst lautete eine Veranstaltung ganz programmatisch: "Green Gold: Financing the Green Economy". Hier können Segmente von "Wirtschaft" also tatsächlich Triebkraft in eine bestimmte Richtung sein.

Aber es sind gerade die Dinge, über die nicht gesprochen wurde, die Auskunft über Prioritätensetzung "grüner" Unternehmen und ihr Schrittmacher-Potenzial geben. Der Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Wachstumsparadigma des Kapitalismus wurde ebenso ausgespart wie die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit. Verkaufen und Geld verdienen. Möglichst viel davon. Das ist Sinn und Zweck von Unternehmungen. Aber ist dieses "möglichst viel" an verkauften Produkten auch nachhaltig? Wenn ein Unternehmen zwar seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren möchte, aber gleichzeitig seine Geschäftsaktivitäten und die Verkaufszahlen ausweitet, dann ist in der Summe unter Umständen nichts gewonnen und der erste positive Effekt des verminderten Ressourcenverbrauchs verpufft.

Beschränkung gibt es nicht

Dass (exponentielles) Wachstum und der Drang nach größerem Umsatz zwei der Triebfedern des kapitalistischen Wirtschaftssystems sind, bringt die Problematik mit sich, dass den Unternehmen ein Wort nicht in den Sinn kommt: Beschränkung. Das gilt gerade auch für die Finanzmärkte. Barbara Krumsiek, Chefin der auf nachhaltige Investionen spezialisierten Firma Calvert Investment, stellte klar: "An investor will not invest because it's nice and friendly, his only rationale is return on investment. It should be as high as possible." Und gerade an der möglichst hohen Return-on-Investment-Quote zeigt sich, welche Rolle Finanzmärkte für das Wachstumsparadigma spielen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob es um eher "grüne" oder konventionelle Investments geht. Die Forderung nach einer hohen Rendite ist immer die Forderung nach höchsten Erträgen. Und hohe Erträge ergeben sich nicht aus Nicht-Verkäufen, sondern nur aus Verkäufen.

Gebraucht wird die Erde mal fünf

Eng damit verbunden ist die Frage von Zins und Zinseszins. Das Aufsummieren von Zinsen bringt auch die Notwendigkeit, dass jemand sie "erarbeiten" muss, sie werden nicht im luftleeren Raum bedient. Es ist also zusätzliche wirtschaftliche Aktivität notwendig. Abgesehen von der politischen Frage, ob der Verleiher von Kapital Macht über den Entleiher gewinnt, sind Zins und Zinseszins, ebenso wie der Fetisch der möglichst hohen Rendite, grundsätzlich wenig nachhaltig.

In einer CO2- und auch sonst umweltverschmutzungsneutrale Wirtschaft mit einer 100%igen Recyclingquote und der Nichtüberschreitung der Biokapazität der Erde wäre die Lage vielleicht anders. Aber solange wirtschaftliche Aktivität stoffliche Nutzung und unverträgliche Stoffeinträge in die Natur bedeuten, solange ist Fixierung auf Wachstum ein Problem. Das gilt erst recht, wenn man bedenkt, dass in den nächsten Jahrzehnten bis zu drei Milliarden zusätzliche Menschen in die "Mittelschicht" mit den entsprechenden Konsumgewohnheiten aufsteigen könnten. Das Problem lässt sich daran illustrieren, dass bei einer verglobalisierten Lebensweise der Europäer bereits heute drei und bei einer der US-Amerikaner fünf Planeten benötigt würden, um die genutzte Biokapazität auszugleichen.

Die Wirtschaft schafft es nicht alleine

Diese entscheidenden Fragen werden also selbst in den Wirtschafts- und Finanzkreisen, die sich mit Nachhaltigkeit intensiv auseinandersetzen, nicht diskutiert. Ein Dialog mit der Wirtschaft zur Wachstumsfrage existiert nicht. Stattdessen geht es nur um Profit in einem neuen Sektor. Wenn aber erst die Logik des "Höher-Schneller-Weiter" die sozialen und ökologischen Probleme geschaffen hat, die sie nun plötzlich beheben soll, dann ist zumindest ein intensives Hinterfragen dieser Logik notwendig. Da allerdings versagt "Wirtschaft" bisher.

Hier ist unter anderem Politik als Initiator gefragt. Aber die sitzt manchmal scheinbar lieber auf der Tribüne und schaut zu.

 

Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum

Norman Laws  arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg und forscht über Nachhaltigkeit und Politik

 

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

Kommentare (3)

khale 18.07.2012 | 20:09

Unglaublich, wie mit dem Wort "Nachhaltigkeit" Schindluderei betrieben wird. Denn was bedeutet eigentlich Nachhaltig? Nur soviel Resourcen und Energie nutzen, wie gleichzeitig wieder nachwächst.

Jemand hat es mal defieniert als: "Nachhaltig ist es, wenn unsere Nachkommen die genau gleichen Möglichkeiten haben wie wir." Und? Ist das der Fall, wenn wir für unseren Resource - und Energiehunger eigentlich mehrere Planeten brauchen würden. Sicher nicht! Die Frage bleibt, ob wir unsere Wirtschaft auf echte Nachhaltigkeit trimmen wollen und was dies für unserer aller Konsum heissen würde?

Aber die "Nachahltigkeit" der Unternehmen von heute ist nichts anderes als ein grünes Deckmäntelchen. Das sagt ja nur schon der Satz im Bericht: "Kommunikation mit Kunden und anderen Gruppen verbessert die Außendarstellung und macht es möglich, sich präventiv mit Kritik auseinanderzusetzen." Auf deutsch: schauen, dass wir gegenüber den Kunden und der Öffentlichketi ein bischen besser dastehen.

Sisyphos Boucher 20.07.2012 | 11:31

Es ist die kapitalistische Produktions- und Verwertungslogik, die der Nachhaltigkeit einer grünen Wende entgegensteht. Das weiß die POLITIK, nur dass sie NICHT darüber spricht.

Wer sich für einen ökologischen Umbau der Gesellschaft (weltweit) einsetzen will und soll, der kommt um die Frage nach der Sinnhaftigkeit der aktuellen Geldschöpfungsstrukturen, der Kapitalakkumulation und der Warenproduktion nicht umhin.

Angela Merkel kann mit dem Besuch der Fußball-EM statt einem bewussten Auftreten auf Rio+20 nicht viel falsch machen und baucht keine grüne Farbe zu bekennen.

Mit der Frage der Nachhaltigkeit ist die Frage Wie wollen wir leben? eng verknüpft. Hier kommt die Logik aber an Fragen nach der Organisation der Gesellschaft nicht vorbei.