Lasst viele Blumen blühen

Kapitalismen Den Kapitalismus gibt es nicht. Deutschland sollte die kooperativen Elemente seiner koordinierten Kapitalismusform als Alternative zum marktliberalen Dogma stärken
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Foto: Sean Gallup/Getty Images

Gleich vorweg: Den einen Kapitalismus gibt es nicht, sondern mindestens zwei. Zum einen den liberalen, marktorientierten Kapitalismus angelsächsischer Spielart, wie wir ihn beispielsweise aus den Vereinigte Staaten, Großbritannien und Kanada kennen. Zum anderen den koordinierten Kapitalismus aus den kontinentaleuropäischen und skandinavischen Staaten, der die Wirtschaft und den Wohlfahrtsstaat unter anderem in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Schweden und Norwegen maßgeblich prägt. Dabei sind die verschiedenen Spielarten des Kapitalismus über lange Zeit gewachsen und haben jeweils ihre Vorteile und ihre Berechtigung. Und bei genauerem Blick ergänzen sie sich zum Teil sogar.

Der liberale Kapitalismus der Vereinigten Staaten und Großbritanniens definiert sich dabei hauptsächlich durch eine starke Betonung des Wettbewerbs - insbesondere auf der Preisebene.. Dort sind es Unternehmen die ihre Aktivitäten in erster Linie über relativ starre Hierarchien und den freien Wettbewerb am Markt koordinieren. Die Marktbeziehungen werden durch den Austausch von Gütern und Dienstleistungen unter Wettbewerbsbedingungen und formalen Abmachungen geprägt. Die Wirtschaftsakteure orientieren sich stark an Preissignalen, häufig auf Basis von marginalen Kostenanalysen, wie es die neoklassische Schule der Wirtschaftswissenschaften beschreibt. In den liberalen Ökonomien bieten die marktbasierten Institutionen effektive Mittel an, um die Handlungsweisen der Akteure zu koordinieren. Dort ergibt sich das Gleichgewicht durch Angebot und Nachfrage auf Märkten mit freiem Wettbewerb.

In der koordinierten Spielart des Kapitalismus spielen hingegen nicht-marktbasierte Beziehungen, wie auch ein ausgeprägter Wohlfahrtsstaat, eine entscheidende Rolle. Ein vergleichsweise ausgeprägter Sozialstaat schützt durch Mitsprache- und Kündigungsschutzrechten sowie steuer- oder abgabenfinanzierten Sozialsystemen vor dem reinen Wirken der Marktkräfte. Diese nicht-marktbasierten Koordinationsbeziehungen sind maßgebend für die Entwicklung der Kernkompetenzen der Unternehmen. Institutionalisierte Koordination zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Form von Mitbestimmung führt hier zu stärkeren Insider-Netzwerken , die auf langfristigen Beziehungen basieren,. Kooperation zwischen den verschieden Akteuren, die oftmals auch auf privaten Informationen und persönlichen Kontakten beruhen, sind allerdings von wesentlicher Bedeutung. Die Kernkompetenzen eines Unternehmens werden so in den koordinierten Marktökonomien deutlich stärker als in den liberalen Marktökonomien durch gemeinschaftliche – im Gegensatz zu durch Wettbewerb geprägten – Beziehungen zwischen den Wirtschaftssubjekten determiniert.

Verschiedene Kapitalismusmodelle haben unterschiedliche Stärken

Ziel der nationalstaatlichen Politik muss es demzufolge sein, die institutionellen komparativen Vorteile gegenüber den anderen politischen Ökonomien und Kapitalismusformen zu stärken: Für Deutschland bedeutet dies vor allem eine Stärkung der Langfristorientierung durch die Aufrechterhaltung institutionalisierter Kooperation. Eine reine Orientierung am liberalen Kapitalismus durch das Freisetzen von Marktkräften beispielsweise durch Arbeitsmarktderegulierung würde hier keinen Sinn machen. Denn anders als im liberalen Kapitalismus, der aufgrund seiner Wettbewerbs- und Preisorientierung in erster Linie auf schnelle, radikale Innovationen zielt, liegt die Stärke des koordinierten Kapitalismus nämlich gerade in der inkrementellen, schrittweisen Innovation von Gütern und Dienstleistungen. Diese inkrementelle Innovation besteht häufig aus der kontinuierlichen, aber vom Umfang her - im Vergleich zur radikalen Innovation in liberalen Marktökonomien - eher kleinen Verbesserungen bereits existierender Produktlinien oder Produktionsprozesse. Schrittweise Innovation ist entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit in Bereichen der Kapitalgüter wie beispielsweise Werkzeugmaschinen, Betriebsanlagen oder in der Autoindustrie zu erlangen. So ist das hohe Maß an Koordinierung einer der wesentlichen Erfolgsgaranten deutscher exportorientierter Industrieunternehmen wie BMW, MAN, Audi oder Daimler, aber auch vieler mittelständischen Unternehmen.

Die Institutionen der koordinierten Ökonomien eignen sich häufig besser für schrittweise Innovationen als die der marktorientierten Spielart des Kapitalismus. Das liegt unter anderem daran, dass die Arbeitskräfte bis in die unteren Qualifikationsniveaus hinreichend ausgebildet sind, um solchen Innovationen zu folgen. Das differenzierte duale Ausbildungssystem in koordinierten Ökonomien sichert dieses Qualifikationsniveau und die notwendige Mischung aus unternehmensspezifischen Kenntnissen und allgemeinen technischen Fähigkeiten. Dieses hohe Bildungs- und Ausbildungsniveau gilt es deshalb in starker Form aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus geben die auf Konsens ausgerichteten Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen und Unternehmensstrukturen den Arbeitnehmern die nötige Sicherheit Innovationen mitzugestalten, die ihre Arbeitssituation beeinflussen könnten.

Langzeitverträge und -beziehungen, sowohl zwischen den Unternehmen, als auch von den Unternehmen zu den Arbeitnehmern – etwa in institutionalisierter Form von Kündigungsschutzrechten und durch Unternehmens- sowie betrieblicher Mitbestimmung reduzieren die Abhängigkeit von kurzfristigen Erfolgen. Dies fördert auch Unternehmensstrategien, die stärker auf Produktdifferenzierung denn auf Preis- und Produktwettbewerb ausgerichtet sind. Gerade die Netzwerke und die institutionalisierten Kooperationsformen führen in der Tendenz dazu, dass in koordinierten Marktökonomien schrittweise Innovationen die größere Rolle spielen. Für eine reine Orientierung am Shareholder Value sind die Unternehmen in koordinierten Ökonomien deshalb nicht gemacht: Eine Basis für Verdrängungswettbewerb auf Preisebene bieten diese institutionellen Strukturen nämlich nicht, hierfür werden die liberalen Marktökonomien und Ökonomien mit geringeren Lohn(neben)kosten immer günstiger bleiben.

Langfristorientierung des koordinierten Kapitalismus aufrechterhalten

Aus dieser Konstellation ergibt sich, dass die verschiedenen Spielarten des Kapitalismus jeweils ihre eigene Berechtigung, ja sogar ihre Notwendigkeit besitzen, da sie unterschiedliche Stärken und Schwächen besitzen, die jeweils zu einem unterschiedlichen Produktportfolio führen. Daraus resultiert, dass die Lösung auftretender Probleme nicht allein in einer Angleichung der verschiedenen Wirtschafts- und Wohlfahrtsstaatssysteme liegen muss, sondern oftmals auch in ihrer Unterschiedlichkeit begründet sein sollte.

In konkrete Politik umgesetzt bedeutet dies für koordinierte Marktökonomien wie Deutschland insbesondere ein Festhalten an ihrer Langfristorientierung und dem Einbezug der verschiedenen Stakeholder, anstatt einer reinen Fixierung auf den Shareholder Value zu folgen. Dieses Aufrechterhalten der langfristigen Perspektive wirtschaftlicher Aktivitäten besteht in erster Linie in einer Stärkung der Sozialpartnerschaft, der weiteren Förderung der Entwicklung von firmenspezifischen Humankapital durch Kündigungsschutz, duale Ausbildung und mit Fort- und Weiterbildung verbundener Kurzarbeit in Krisenzeiten sowie durch institutionalisierte Mitspracherechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Form der Aufrechterhaltung bzw. Ausweitung von Mitbestimmungsrechten.

Finanztransaktionssteuer notwendig

Hinzu muss als weiteres Element die Finanztransaktionssteuer kommen. Dass diese von den angelsächsischen Staaten abgelehnt wird, ist verständlich, widerspricht diese doch dem Prinzip des starken Preiswettbewerbs. Die Ablehnung durch die liberalen Ökonomien sollte die koordinierten Marktökonomien Europas jedoch nicht davon abhalten, gemeinsam eine Finanztransaktionssteuer einzuführen.

Die Finanztransaktionssteuer ist besonders aus zweierlei Gründen geboten: Erstens würde sie einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Staatseinnahmen dauerhaft auf ein stabileres Fundament zu stellen. Blickt man auf die Entwicklung des jeweiligen Anteils von Einkommenssteuern, Konsumsteuern, Sozialabgaben, Unternehmenssteuern und Kapitalertragssteuern an den Staatseinnahmen in Deutschland in den vergangenen Dekaden, so scheint ein stärkerer Beitrag der Unternehmens- und Kapitalsteuern an der Finanzierung unseres Gemeinwesens dringend geboten. Hier könnte eine Finanztransaktionssteuer einen substantiellen Beitrag leisten. Zweitens kann eine Finanztransaktionssteuer aber auch wesentlich dazu beitragen, die Langfristorientierung von Unternehmen in den koordinierten Marktökonomien weiter zu stärken und dadurch zu einem fruchtbaren Neben- und Miteinander verschiedener Kapitalismusarten beisteuern.

Felix Hörisch ist Projektleiter des Fritz-Thyssen-Stiftung-Forschungsprojektes "Parteiendifferenzen, Spielarten des Kapitalismus und die Finanzkrise" am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung und lehrt an der Universitat Heidelberg

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin

Hier finden Sie alle Beiträge, die bereits in der Serie "Geld und Glück" erschienen sind

09:57 06.11.2012
Geschrieben von

Felix Hörisch | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Geld und Glück

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