Neu Maß nehmen

Lebensqualität Eine Erneuerung der gesellschaftlichen Wohlfahrtsmessung tut Not! Als Ausgangspunkt könnte hierbei die Zufriedenheitsforschung dienen, um für klare Kriterien zu sorgen

Zahlen sind etwas reizvolles. Und Kennzahlen sind gerade zu magisch. Wer schon einmal mit Kennzahlen zu tun hatte, weiß um die (nicht immer positive) Energie, die sie frei setzen können. Zunehmend kritisch fällt das Urteil der Deutschen über den Häuptling aller Kennzahlen, das Bruttoinlandsprodukt, aus. Dieses, so der verbreitete Vorwurf, treibe die Menschen dazu an, Ressourcen zu vergeuden, den Planet zu überhitzen und die wesentlichen Dinge des Lebens aus den Augen zu verlieren. Insofern erscheint es nur folgerichtig, dass sich Experten und Politiker im Rahmen der Enquete-Kommission um neue Kennzahlen bemühen.

Aber wie stark ist die Sogwirkung des BIP wirklich? Wer die Zeitungen dieser Tage aufschlägt, muss geradezu fürchten von Kennzahlen, Rankings und Indizes aller Art überschwemmt zu werden. Die gängigen Statistiken des Bundesamtes zu Konjunktur, Preisentwicklung und Demographie werden nicht nur durch die monatlichen Arbeitsmarktzahlen ergänzt, sondern inzwischen auch durch Bildungsmonitore, OECD-Studien,
Armuts- und Sozialberichte, Krankheitsreports und Fortschrittsindizes. Der Sinn und Zweck der Debatte über neue Wohlfahrtsindikatoren liegt dementsprechend nicht in einer unheiligen Dominanz des BIP, sondern vor allem in einer zweckmäßigen Auswahl aus den bestehenden Kennzahlen und gegebenenfalls einer Erweiterung des Indikatorenspektrums, für die es angesichts der bestehenden Menge an Informationen jedoch gute Gründe braucht. Genau an diesem Punkt liegt die zentrale Weichenstellung, die mit darüber entscheidet, ob die Enquete-Kommission Erfolg haben wird oder ins nirgendwo debattiert: Auf was sollen die Indikatoren denn genau abzielen? Lebensqualität, Fortschritt oder Nachhaltigkeit? Oder vielleicht alles zusammen?

Eine Frage der Kennzahlen

Bei genauer Draufsicht sind Fortschritt und Nachhaltigkeit - unabhängig davon wie man diese Begriffe definiert - lediglich Zwischenziele. Wir streben nach Entwicklung in welcher Form auch immer, weil dies unserem Leben Sinn und Freude verleiht. Wir wollen nachhaltiger leben, weil wir Grund zu der Annahme haben, dass unser Lebensstil das Wohlergehen unserer Nachfahren und anderer Erdbewohner gefährdet (zur Nachhaltigkeit hat das Statistische Bundesamt nebenbei bereits einen breiten Indikatorenkatalog vorgelegt). Im Zentrum aber steht jeweils die Lebensqualität, ob heute, morgen oder übermorgen. Will man nun das Handeln von Regierenden und Regierten durch eine geeignete Zusammenstellung von Kennzahlen verbessern, sollte klar sein, dass die ausgewählten Indikatoren von großer Relevanz für die Lebensqualität der Menschen sein müssen. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan, denn hier gehen die Meinungen nicht nur in politischen Kommissionen deutlich auseinander. Der Sachverständigenrat der Ökonomen plädiert in diesem Zusammenhang für eine sogenannte "Bottom up"-Perspektive, wonach wesentliche Dimensionen menschlichen Wohlergehens zunächst identifiziert, dann vermessen und schließlich zu einem informativen und umfassenden Bündel von Kennzahlen verdichtet werden sollen. Wie genau die Dimensionen identifiziert werden, bleibt jedoch unklar. Am Ende hängt die Auswahl der Kennzahlen wohl vor allem davon ab, welche Gruppierung sich in welcher Arbeitsgruppe wie stark durchsetzt.

Das Ergebnis dieses Prozesses muss dabei nicht zwangsläufig schlecht sein. Die Risiken sind jedoch offenkundig: Besteht weder eine Übereinkunft hinsichtlich des zentralen Ziels der Indikatorenauswahl noch ein Verfahren, das ein Mindestmaß an Objektivität bei der Auswahl der Indikatoren gewährleistet,
droht ein durch politische Motive geprägtes und in sich widersprüchliches Konzept.

Angst vor subjektiven Variablen

Wo aber liegen die Alternativen? Eine vielversprechende und inzwischen weit entwickelte Alternative stellt die Zufriedenheitsforschung dar. Zwar hält der Sachverständigenrat "grundlegende Fragen der Messbarkeit" noch immer für unbeantwortet, aber einer Vielzahl von Studien zeigt, dass die Frage nach der Lebenszufriedenheit unter Vorgabe einer geeigneten Antwortskala und bei ausreichend großen Fallzahlen zu aussagekräftigen Ergebnissen führt.

So wurden seit den Anfängen der Zufriedenheitsmessung in den 1970er Jahren viele der methodischen Kinderkrankheiten erkannt und zahlreiche Verbesserungen vorgenommen. Insbesondere das sozioökonomische Panel stellt hierzu eine international anerkannte Datenquelle dar. Demnach liegt die Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 derzeit bei einem bundesweiten Durchschnittswert von 7,0 und ist in den vergangenen Jahren vor allem in Ostdeutschland deutlich angestiegen, nämlich von 6,1 im Jahr 2004 auf 6,7 im Jahr 2010. Die mediale Erfahrung zeigt, dass die Menschen mit diesem Konzept mindestens ebenso viel anfangen können wie mit einem Bruttoinlandsprodukt, dass zuletzt von 2.476,8 auf 2.570,8 Mrd. Euro angestiegen ist.

Das Statistisches Bundesamt der Schweiz ist der Meinung, dass “die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben im Allgemeinen sowie mit verschiedenen Lebensbereichen ein umfassendes Maß für die subjektive Lebensqualität der Bevölkerung (ist)". Die Schweiz hat also, wie auch andere Staaten, die Angst vor subjektiven Variablen verloren, während in Deutschland noch immer die kritischen Stimmen dominieren.

Substanzlose Vorbehalte

So schreibt der Sachverständigenrat in seiner Expertise zu diesem Thema, "dass derart von ihrer Natur her unklar definierte Indikatoren zur menschlichen Zufriedenheit sehr leicht im Sinne politisch erwünschter Ergebnisse manipuliert werden könnten." Wenn dies der Fall wäre, sollten wir uns von Kennzahlen wohl besser grundsätzlich verabschieden. Warum Umfrageergebnisse leichter zu manipulieren sein sollen als Produktions-, Verschuldungs- oder Zinsgrößen, deren Manipulation mitunter zur heutigen "Eurokrise" beigetragen haben, bleibt unbegründet. Etwas realistischer erscheint die Befürchtung, dass die Befragten im Falle einer zunehmenden politischen Bedeutung subjektiver Kennzahlen bewusst falsche Angaben machen könnten. Aber auch hier gilt es, real existierende Maßstäbe anzusetzen. Wer glaubt, dass Inflations- und Wachstumsraten frei von jedem weißen Rauschen sind, überschätzt die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Doch der Nutzen der Zufriedenheitsforschung liegt ja nicht nur in der deskriptiven Darstellung der Lebensqualität eines Landes. Viel entscheidender ist, dass sich anhand der Befragungsdaten robuste Aussagen über die relevanten Einflussgrößen der Lebensqualität treffen lassen. So zeigt sich beispielsweise, dass Vertrauen oder Gesundheit weitaus wichtigere Güter für das gesellschaftliche Wohlbefinden sind als etwa die durchschnittliche Kaufkraft der privaten Haushalte. Dennoch besteht bislang weder eine umfassende und aussagekräftige Langzeitmessung des allgemeinen Gesundheitszustandes noch des Vertrauens, das die Menschen einander oder einzelnen Institutionen entgegenbringen. In diesem Sinne kann die Zufriedenheitsforschung als wichtiger Schiedsrichter auf der Suche nach neuen oder besseren Indikatoren behilflich sein.

Johannes Vatter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg und Co-Autor des Deutsche Post Glücksatlas 2012

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin

Hier finden Sie alle Beiträge, die bereits in der Serie "Geld und Glück" erschienen sind

16:55 16.10.2012
Geschrieben von

Johannes Vatter | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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